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    ANTHROPOZÄN
    KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
    DAS ENDE? Teil 4
    01. Februar 2018

    Gaffer sind eine wahre Plage, überall liest oder hört man von ihnen. Gaffer sind Menschen, die beispielsweise einem mit dem Leben ringenden Motorradfahrer, der vor ihren Augen auf dem Asphalt darniederliegt und heftig aus Kopf und Körper blutet, nicht umgehend zu Hilfe eilen, sondern stattdessen zum Handy greifen, um das Opfer zu filmen. Dass sie dabei den Rettungskräften den Weg versperren, kümmert sie nicht die Bohne. Und wenn sie dazu aufgefordert werden, Platz zu machen, rasten sie auf der Stelle aus und werden handgreiflich. Schon führen Rettungskräfte mobile Schutzwände mit sich, um sich der Gaffer zu erwehren.

    Ein geradezu unmenschliches Verhalten, das die Gaffer da an den Tag legen, denkt man sich spontan, was einem aber auch nicht viel weiterhilft, wenn man deren Verhaltensweise nachvollziehen und verstehen will. Auch die Sozialpsychologen, die ihre Pappenheimer ja eigentlich kennen sollten, wissen zum Thema wenig beizutragen, und bieten nur ein wirres Sammelsurium unterschiedlichster Erklärungsansätze und gestanzter Mutmaßungen, die einen frustriert zurücklassen.

    So wird zum Beispiel vom Instinkt der Neugier schwadroniert, der für unsere noch im Freien gelebt habenden Vorfahren von existentieller Bedeutung gewesen wäre: Hätten diese ihre Umwelt nicht wachsam im Blick gehabt, hätten sie sich unnötig in Gefahr begeben und ihr Leben riskiert. Was aber, wenn dem Menschen die Neugier als Triebfeder seines Lebens unter der Hand allmählich abhanden käme? Ängstlich und unsicher ist er mittlerweile doch eher auf ausgetretenen Pfaden unterwegs, statt sich lebenslustig und wissbegierig ins Leben zu stürzen. Solche Fragen aber lassen die Sozialpsychologen unter den Tisch fallen.

    Natürlich wird dem Gaffer auch fehlende Empathie unterstellt, was aber einem veritablen Klischee gleichkommt und zudem an der Sache weit vorbeigeht: Denn womöglich kann der Gaffer gar keine Empathie empfinden, weil er mit seinem Kopf ganz woanders ist, wenn er einen Unfall auf seinem Handy filmt und dabei wie abwesend erscheint? Ihm Empathie einfach abzusprechen, ist pseudomoralisches Gebaren.

    Auch die dem Gaffer vermeintlich innewohnende Gefühllosigkeit dem Leid anderer gegenüber kommt natürlich zu Sprache, wobei beflissen an einstige Massenspektakel wie Gladiatorenkämpfe oder öffentliche Hinrichtungen erinnert wird, als ginge es beim Gaffer um Voyeurismus. Um dessen Erscheinung zu verstehen, scheinen psychologische Kriterien nicht weiterzuhelfen, basiert sein Verhalten doch auf wesentlich tiefer gelegenen Prozessen, die sich in den kognitiven Verarbeitungsmechanismen seiner visuellen Wahrnehmung auffinden lassen und mit Ethik, Moral oder Zivilverhalten nicht das Geringste zu tun haben. Demzufolge macht es auch keinen Sinn, dem Gaffer puren Kommerz bei seiner Filmerei zu unterstellen, obwohl die Medien ihm mittlerweile gutes Geld für live gefilmte Katastrophenvideos zahlen. Dem Gaffer aber geht es in erster Linie nicht darum, auf seinem Nachhauseweg noch schnell ein paar Unfallhorrorbilder zu schießen, wenn sich zufällig die Gelegenheit dazu ergibt, um diese dann meistbietend zu verhökern.

    Natürlich findet auch der Bystander-Effekt Erwähnung, der den Umstand beschreibt, dass mit steigender Anzahl von Augenzeugen, die bei einem Unfall zusammenstehen, die Hilfsbereitschaft des Einzelnen sinkt, da Anonymität das Verantwortungsgefühl reduziere. Auch dieser Befund hat mit dem Gaffer nichts gemein. Wie hypnotisiert schießt der seine Bilder, als wäre er in Trance. Mancher Gaffer hechelt dem Unglück schon hinterher, auf der ständigen Suche nach dem ultimativen Kick – Lifebilder von einem Flugzeugcrash einzufangen, das wär’s! Der Unfall wird zu Sucht!

    Gaffen wäre ein Kitzel, wird geradezu tautologisch angemerkt. Und gleichzeitig auch ein Glücksgefühl, nicht selbst vom Unglück betroffen zu sein. Vielleicht aber hätte der Gaffer auch nur einen einzigen Grund den Unfall zu filmen, er wolle nämlich zum Klickstar werden, um mit seinem Horrorvideo im Cyberspace sein defizitäres Selbstbewusstsein zu kompensieren.

    Die Erklärungsversuche der Sozialpsychologen scheinen zum Scheitern verurteilt. Denn offenkundig entgehen ihnen die gravierenden Veränderungen, die sich gegenwärtig in der Kognition des Menschen ereignen und einem mentalen Paradigmenwechsel gleichkommen, der letztlich zur Veränderung seines Wesens führt. Die obsoleten Kriterien, die ihrem Menschbild zu Grunde liegen, lassen sie nachgerade unfähig erscheinen, das Phänomen des Gaffers methodisch erfassen und begreifen zu können.

    Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg, wagt als einer der wenigen seines Fachs einen solchen Ansatz: Den Gaffer gäbe es in dieser Form erst mit den neuen technischen Möglichkeiten, behauptet er. Alles jederzeit mit dem Handy aufzuzeichnen, sei für viele zur Sucht geworden. Gaffer drifteten durchs Filmen in eine virtuelle Welt ab und wären dabei unfähig die Realität und das sich darin spiegelnde Leid überhaupt noch angemessen erkennen zu können.

    Wagner trifft einen entscheidenden Punkt, wenn er dem Gaffer einen SHIFT seiner visuellen Wahrnehmungsfunktionen unterstellt, der ihn während des Filmens ereilt: Wie automatisch drifte er in die virtuelle Welt des Cyberspace ab, ohne es offenbar mitzubekommen, so der Sozialwissenschaftler. Soweit, so gut. Aber warum dem so ist, lässt Wagner offen. Dabei ist diese Frage doch von zentraler Bedeutung, um das Verhalten des Gaffers nachzuvollziehen: ist dieser SHIFT doch primär kognitiver Natur und hat, wie bereits erwähnt, mit psychologischen Mechanismen nichts zu tun, da er letztlich auf einer Art Fehleinschätzung des Gehirns beruht, das dem Gaffer das reale Unfallgeschehen als virtuelles Ereignis erleben lässt.

    Ein „Unfall“ wirkt auf die vom Cyberspace geprägte Kognition des Gaffers wie ein Stimulus, der in ihm augenblicklich die Bilder jener Katastrophenvideos wachruft, die er als User natürlich im Kopf hat und ihm zur Obsession geworden sind – virtuelle Bilder von anderen Gaffern, mit denen diese sich im Cyberspace gegenseitig zu überbieten versuchen. Wie intuitiv schieben sich diese gestanzten Bilder während des Filmens vor die Augen des Gaffers und treten augenblicklich in Konkurrenz zu denjenigen des realen Unfallgeschehens, das der Gaffer begafft – einem Mix aus gestanzten und realen Bildern gegenüber wie in der erweiterten Realität.

    Dieser Realitätskonflikt, der den Gaffer unweigerlich ereilt, wird durch kognitive Prozesse rasch gelöst, gehört die Stabilisierung im Raum doch mit zu deren zentralen Aufgaben. Allerdings lösen sie diesen Konflikt auf der gleichsam falschen Seite, wobei ihnen dabei nun wahrlich nichts Pathologisches anhaftet. Entscheidet sich die Kognition doch für die dominante Seite ihrer Modalität, indem sie dem Gaffer wie zwangsläufig die Cyberspacebilder als Wirklichkeit präsentiert, die er im Kopf wie Ikonen der Katastrophe gespeichert hat. Jetzt sieht der Gaffer mit einem Mal das reale Unfallgeschehen als sein eigenes Horrorvideo, so als hätte er es bereits ins Internet eingestellt.

    In diesem Augenblick sieht sich der Gaffer nicht mehr an einer x-beliebigen Kreuzung stehen und das Unfallgeschehen beobachten, sondern im Cyberspace vor seinem Horrorvideo schweben, das für ihn die Wirklichkeit geworden ist. Sein Blick geht nicht mehr nach außen, sondern nach innen. So wird er zum Regisseur seiner selbst der scheinbar alles im Griff hat.

    Nun wird klar, warum der Gaffer nicht auf das Leid anderer reagiert, das er gerade filmt: er nimmt es einfach nicht wahr! Deshalb macht es auch keinen Sinn, ihm mangelnde Empathie zu unterstellen als litte er an einer Persönlichkeitsstörung. Der Gaffer mag vielleicht verrückt erscheinen, aber er ist es nicht. Befremdet es da noch, wenn er ausrastet und um sich schlägt, wenn man ihn in die Realität zurückzuholen will?

    Der REALITÄTSKONFLIKT, der den Gaffer charakterisiert, scheint prototypisch für unsere Zeit, in welcher der Cyberspace mehr und mehr die Mentalität und das Verhalten der Menschen prägt, das sie in dieser dort üblichen Form bereits manchmal als LIKE oder DISLIKE in der Alltagsrealität an den Tag zu legen – neurokognitive Übersprungshandlungen, die jedoch bald zum Regelfall werden könnten.

    Was ist Realität, was Fiktion? – Zwei Wirklichkeitsmodelle beuteln gegenwärtig die Gehirne der Menschen und zermürben den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wen wundert es da noch, dass die Debatte um FAKE NEWS boomt und alternative Fakten Realität werden.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 10CHINA – DER MENSCH DER ZUKUNFT?
    15. Januar 2018

    Der Mensch scheint aus der Spur geraten. Wie ein Besinnungsloser überzieht er den Globus mit Chaos. Es scheint ihm egal zu sein. Der Mensch kann nicht anders, er war schon immer so! schnarren die Defätisten. Dem Unberechenbaren sei nicht über den Weg zu trauen, Büchner hätte recht: Der Mensch ist ein Abgrund: Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.

    Wird der Mensch eines nicht allzu fernen Tages von der Bildfläche verschwunden sein, weil er sich selbst zum Verhängnis wurde? Oder hat er doch noch eine Chance hier auf dem Erdenrund? Stephen Hawking meint nein. Zumindest nicht auf der Erde, die der Mensch bald zugrunde gerichtet hätte. Seine Zukunft läge im All – irgendwo auf einem Exoplaneten. In fünfhundert bis tausend Jahren sollte er spätestens soweit sein, dorthin aufbrechen zu können, wenn nicht vorher Schlimmeres passiere und er untergehe. Des Menschen größte Gefahr sei er selbst!

    Wenn man Hawkings Szenario zu Ende denkt, wird einem schwarz vor Augen, ist der Mensch doch seiner Einschätzung zufolge völlig unfähig, in Einheit mit der Natur zu leben und zerstöre seine Lebensgrundlagen, indem er seinen Heimatplaneten ruiniere und letztlich unbewohnbar mache. Wäre dies der Fall, sollte er schleunigst das Weite suchen, um auf einem Ersatzplaneten zu überleben, es sei denn, er besäße die entsprechende Technologie dazu. Eine Rakete wird nicht reichen. Und dann? Dann müsste er irgendwann weiterziehen und zum nächsten Planeten aufbrechen weil er ja auch diesen zugrunde gerichtet hätte – planet hopping als Ultima Ratio.

    Ganz im Gegensatz zu Hawking fallen die Prognosen der KI-Experten für den Menschen weit positiver aus und prophezeien ihm dank superintelligenter Maschinen auch weiterhin ein durchaus zukunftsträchtiges Leben auf Erden. In seinem neuen Buch „Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ unterteilt der Physiker Max Tegmark die Evolution des Menschen in drei Stufen und folgt damit Ray Kurzweil – dem gegenwärtigen Director of Engineering bei Google. Die biologische Stufe (Leben 1.0) versteht er als erste Phase der menschlichen Evolution, die Hard- und Software hervorbrachte. Auf der kulturellen Stufe (Leben 2.0), also der gegenwärtigen Phase, entwickle sich die Hardware weiter, während sich die Software selbst entwickle. Auf der technologischen Stufe (Leben 3.0) schließlich gestalteten sich Hard- und Software selbst. "Kein Lebewesen erreicht eine Lebensspanne von einer Million Jahren“, merkt Tegmark an. „Niemand kann sich das Gesamtvolumen der Wikipedia merken, alle bekannten Wissenschaften erlernen oder eine Reise ins Weltall ohne ein Raumschiff antreten." Deshalb benötige das Leben ein „endgültiges Upgrade“. Das Leben 3.0 „wird sein eigenes Schicksal meistern und endlich vollständig von seinen evolutionären Fesseln befreit sein", davon ist Tegmark überzeugt.

    Starke Worte! Aber wem von beiden soll man nun glauben? Liegt des Menschen Zukunft womöglich im All oder wird sich der Egomane hier auf Erden mithilfe eines endgültigen Upgrade eines Tages doch noch zu ungeahnter Form aufschwingen?

    Werfen wir einen Blick auf Tegmarks Leben 2.0, das ja für unsere Gegenwart steht. Denn manchmal zeichnen sich in solchen Zeiten bereits Tendenzen ab, die erst viel später in ihrer ganzen Tragweite erkannt werden, wenn diese schließlich die gesamte Gesellschaft erfasst haben. Vielleicht gibt es ja auch in unserer Gegenwart Anhaltspunkte, die uns der Beantwortung der Frage, wohin die Reise des Menschen denn gehen könnte, wenigstens etwas näher bringen? 

    Gegenwärtig leben wir in der Ära des Individuums. Seine atemberaubende Geschichte beginnt in der Renaissance vor etwa 500 Jahren, dem Beginn der Neuzeit, wie die Historiker sie nennen. In einer Zeit also, da sich der Mensch, der sich bis dahin immer nur durch Kollektive definiert hatte, mit einem Mal als individuelles Wesen begreifen lernt, das sich anschickt, sich selbst auf die Schliche zu kommen: Erkenne dich selbst! Was diesen evolutionären Charaktersprung wirklich auslöst oder im Grunde bedingt ist – trotz aller Theorien darüber – bis heute nicht klar. „Mit voller Macht erhebt sich das Subjektive, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches“, schreibt Jacob Burckhardt. Das Ideal eines frei denkenden und handelnden Menschen kommt in die Welt. Ein offener und aufgeklärter Charakter betritt die Bühne, der sich aber – angespornt vom unbedingten Willen zur Selbsterkenntnis – bald auch als einen ganz anderen kennen lernen muss – unauslotbar in seinen unergründlichen Tiefen und letztlich unberechenbar. Dabei aber auch zu allem fähig – im guten wie im bösen Sinne.

    Auf dem Weg zu seiner Befreiung von allen äußeren und inneren Fesseln ist sich der Mensch immer fremder statt vertrauter geworden und – ungeachtet allen Wissens und technologischen Fortschritts – sich mehr und mehr zum Rätsel. Verwirrt treibt er dahin, orientierungslos dem Lauf der Dinge scheinbar ausgeliefert, einer angstbesetzten Zukunft entgegen. Verloren im inneren Chaos seiner Selbstungewissheit, die ihn mehr und mehr an sich zweifeln lässt und anfällig dafür macht, von außen manipuliert zu werden, obwohl er nur Rat sucht.

    Die Geschichte des Individuums neigt sich ihrem Ende entgegen, das ist offensichtlich. Die Individualität des Menschen bröckelt und fragmentiert – verzweifelt sucht er nach Halt und Ersatz: Der ratlos in sich hineinstarrende Mensch – eine Szene, die ihm gleichsam zur Urszene seines Daseins geronnen ist. Ihm, der sich in Wahrheit von Anfang an nie ganz geheuer war.

    Vom einst so selbstgewiss vorwärts drängenden Individuum ist nicht mehr viel übrig geblieben. Das atemberaubende Spektrum seiner vormals so bunten und vielgestaltigen Erscheinungsformen hat mächtig an Leuchtkraft eingebüßt. Dabei verflacht es zusehends und engt sich immer mehr ein. Der Mensch hat seine Zukunft verloren und tendiert zur Uniformität – scheinbar hilflos, aber hinsichtlich seiner inneren Disposition doch konsequent, drängen ihn niedrigste Instinkte zu den mentalen Extremen hin ab: Die einen werden immer ungehemmter und dreister, die anderen hingegen stetig ängstlicher und zwanghafter. Und während die Ersteren dazu neigen, schnell auszurasten und draufloszuschlagen, flüchten die Letzteren kopflos in den Turbomassenkonsum, wo sie verzweifelt den Restposten ihrer Individualität hinterherjagen als sei diese Prêt-à-porter.

    Die Gesellschaft zerfällt in zwei hochneurotische, scheinbar antagonistische Charakterklassen, die sich in Wahrheit aber in ihrer rigiden Grundhaltung durchaus entsprechen, eint beide doch eine tiefe innere Unzufriedenheit dem Leben gegenüber, die sich nur unterschiedlich Luft verschafft: Die einen explodieren, die anderen implodieren. Zwei für unsere Gegenwart nachgerade prototypische Charakterhaltungen, die eine seelische Zweiklassengesellschaft zu formen beginnen und hinsichtlich ihrer Phänomenologie den zukünftigen Massenmenschen bereits erahnen lassen – ruppig, gefühllos und aggressiv. Und von Außen statt von Innen gesteuert

    Der Mensch schwächelt. Seine inneren Widerstandskräfte schwinden und liefern ihn schutzlos den knallhart durchökonomisierten Lebensbedingungen aus, die ihn in die Knie zwingen und letztlich für seine innere Schwäche verantwortlich sind – ein fataler Circulus vitiosus, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Der Markt blüht, das Sinnhafte des Daseins schwindet und lässt Denken und Fühlen des Menschen verkümmern. Der Restsinn fällt durchs Raster seiner schwächelnden Wahrnehmung und pulverisiert mit der Zeit.

    Subjekt und Markt konvergieren auf fatale Art und Weise und lassen die Strategien und Kampagnen der Industrie mit den Wünschen und Begierden der Menschen nachgerade identisch werden: Wer kaufen soll, kauft! In den Köpfen herrschen die Gesetze des Marktes. ONLINE-SHOPPING lautet die ultimative Devise. Der blindwütige Konsumismus scheint das einzige zu sein, was die Gesellschaft noch zusammenhält. Die verzweifelten Rufe nach mehr Empathie und Solidarität verhallen in den Residuen des öffentlichen Raums, den die Menschen längst verlassen haben, abgewandert in den Cyberspace, in dem die Sphären ihrer neuen Realität verortet sind.

    Das Internet ist die gegenwärtig extremste Variante des psychosozialen Ausverkaufs: In ihm aber die Ursache der fortschreitenden Polarisierung der Gesellschaften und die Verflachung von Denken und Fühlen der Menschen erkennen zu wollen, ist falsch! Beruhen diese Radikalisierungs- und Entfremdungsprozesse doch in Wahrheit auf den endemisch verdinglichten Lebensverhältnissen, die zusehends die Gemüter der Menschen trüben und ihr Wesen verflachen lässt. Das Internet verstärkt und beschleunigt diese Prozesse in vehementer Weise – ein in seiner wahren Dimension für Mensch und Gesellschaft überaus brisanter Effekt, an den der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners Lee, am CERN 1989 sicher nicht dachte, der mit diesem eine „Hypermedia-Initiative zur Informationsbeschaffung“ initiieren wollte, die „den allgemeinen Zugang zu einer großen Sammlung von Dokumenten“ ermöglichen sollte. Und doch: Wie jede andere Maschine ist auch das World Wide Web zunächst neutral, entwickelt für den schnellen und unkomplizierten Austausch wichtiger und essentieller Daten und Informationen. Wäre das Internet in den neunziger Jahren auf eine wirklich aufgeklärte Gesellschaft gestoßen, hätte es sich wohl nie zu jenem kollektiven Zerrbild entwickelt, den es gegenwärtig repräsentiert: Vollgestopft mit Myriaden gestanzter Bilder, die die Hirne der User fluten und das Wahrgenommene zerfließen lassen, während der nie endende Gossip, der sich in den Chatrooms der SOCIAL MEDIA breit macht, die Kommunikationsfähigkeit auf Zero herunterdimmt und nichts als Frust und Leere in den Herzen hinterlässt. Das Internet ist zum Spiegel der Gesellschaften geworden. In ihm offenbart sich die wahre Mentalität der Menschen, die sprunghaft einem Leben hinterherjagen, das sie nicht leben. Der Bürger würde immer volatiler, wirft ihm die Politik vor. Jede Wahl gliche mittlerweile einem Paforceritt. Die Politik muss sich nicht wundern: Der Cyberspace formt mehr und mehr das Verhalten der Bürger, das zusehends auch in der Realität zum Ausdruck kommt. LIKES und DISLIKES beherrschen zunehmend die gesellschaftliche Wirklichkeit, die den Menschen aus den Augen zu geraten droht.

    Dass das Internet das Bespitzelungsinstrument par excellence geworden ist, ist dem Bürger natürlich klar. Das aber scheint ihm völlig egal zu sein. Er will doch nur konsumieren, wozu er Lust hat, und chatten, mit wem er will. Und diese Freiheit will er sich nicht nehmen lassen - er ist süchtig nach dem Netz, in dem er sich längst verfangen hat. Dass er dabei auch sein skelettiertes Ego mit zu Markte trägt, kümmert ihn nicht, umworben von persönlich auf ihn zugeschnittenen Offerten in der Timeline, auf die er jetzt auch mithilfe von KI getriggerten Assistenten wie Alexa oder Siri zugreifen kann, die seine Sprachbefehle unterwürfig entgegennehmen und ihm für Augenblicke das Gefühl verleihen, auch Herr zu sein. Die Welt der Suggestion trocknet die Realität aus. Der Mensch scheint sich selbst aus dem Blick zu geraten. Kein Geld der Welt vermag seine seelische Armut aufzuwiegen, die ihn durchdringt. In dieser und nichts anderem gründet das Chaos, das die Welt ins Taumeln geraten lässt.

    Auch die Perspektiven, die eine vernünftig gehandhabte Künstliche Intelligenz möglicherweise hätten eröffnen können, verblassen zusehends, ist diese doch zu einem Großteil bereits in Händen der Ökonomie, die gegenwärtig alles daran setzt, die Menschen vollends von den Maschinen abhängig zu machen. „Es ist viel gesagt worden über die möglichen Risiken der Künstlichen Intelligenz, aber ich sorge mich nicht um Maschinen, die denken wie Menschen. Ich sorge mich um Menschen, die denken wie Maschinen“, sagte der Apple Chef Tim Cook auf der World Internet Conference im Dezember 2017 in Wuzhen. Seit zehn Jahren geht der IQ in der entwickelten Welt zurück. So beispielsweise in Dänemark, wo seit 1998 die Werte im Schnitt um 1,5 Punkte gefallen sind wie der NewScientist berichtet.

    Offenbar ist China das einzige Land, das auf das schier unbeherrschbare menschliche Chaos zu reagieren weiß und eilt den anderen wieder einmal weit voraus. Denn dort – wo bekanntlich nicht lang herumgefackelt wird – scheint man jetzt die adäquate Antwort auf das beängstigende Phänomen des aus der Spur geratenen Bürgers gefunden zu haben. Ein neu entwickeltes Sozialkreditsystem soll Abhilfe schaffen und dafür sorgen, aus ihm wieder einen Staatsbürger zu machen – ein sozial handelndes Wesen, das sich ehrlich an die gesellschaftlichen Spielregeln hält und sein Glück eigenverantwortlich in die Hände zu nehmen weiß.

    Das Regelwerk, das im Grunde einen Katalog von Wiedervermenschlichungsmaßnahmen beinhaltet, ist beileibe keine weitere, vom Parteikader aus der Hüfte geschossene Disziplinierungsattacke gegen seine Bürger, sondern vielmehr die präzise Beschreibung eines nachgerade sanften Weges, der diese wieder einem besonnenen gesellschaftlichen Leben zu führen soll. In rund einem Dutzend Regionen laufen schon Tests, die die verblüffende Effizienz des neuen Sozialkreditsystems nahelegen. Das verwundert kaum, liegt diesem doch ein völlig neuer sozialtherapeutischer Ansatz zu Grunde, der den egomanischen Bürgerabweichler nicht gleich als krank brandmarkt. Die Methode erinnert an die Paradoxe Intenion, eine Therapieform, die den Patienten ausdrücklich dazu auffordert, sich genau das herbeizuwünschen, wovor er Angst hat, so soll der Teufelskreis durchbrochen werden.

    Die große Angst des chinesischen Bürgers ist sicherlich die vor übergreifender Kontrolle und Massenüberwachung. Und genau diese soll dem Bürger mit einem genialen Schachzug nun genommen werden, indem es ihm freien Zugang zu all den Daten ermöglicht, die der Staat von ihm registriert und speichert, sei es über das Internet als PROFIL, oder als Bewegungsmuster im öffentlichen Raum durch GPS. Diese, jedem Bürger über eine Smartphone-App gewährte Zugriffsmöglichkeit auf BIG DATA, trägt gleichsam autotherapeutische Züge und soll den Bürger dazu anspornen, künftig ein „gesetzestreues, moralisches Wohlverhalten“ an den Tag zu legen, und sich durch „soziales Engagement und Umweltschutz“ besonders hervortun, wie der Parteikader den Bürger wissen lässt, der sich offenbar bereitwillig, ja freudig an den schon in manchen Regionen laufenden Experimenten beteiligt.

    Das datengestützte Bonitätssystem ist denkbar einfach strukturiert und beruht in nichts anderem als einem Punktekatalog. Es trägt betont spielerische Züge und lehnt sich damit dem Prinzip der Gamification an, bei der spieltypische Elemente in einem spielfremden Kontext zur Anwendung kommen. Schließlich soll den Bürgern die Therapie auch Spaß machen, wenn er vorankommen und geheilt werden will.

    Wie bei jedem guten Spiel gibt es Bonus- und Maluspunkte, für die der Bürger natürlich selbst verantwortlich ist. Wer beispielsweise über das Internet gesunde Babynahrung bestellt, bekommt Bonuspunkte. Wer hingegen Pornos ansieht oder seine Zeit mit Computerspielen totschlägt, muss Abzüge hinnehmen. Selbst Wohlhabende, die alleine in zu großen Wohnungen leben oder ausländische Luxusautos fahren, erhalten umgehend Minuspunkte. Aber auch Fastfoodabhängige, die unablässig übers Internet BIG MACS konsumieren kommen dran. Ebenso Erwachsene, die sich weigern, ihre Eltern regelmäßig zu besuchen, verlieren Punkte und werden dazu animiert, sich künftig verantwortungsvoll um das eigene Fleisch und Blut zu kümmern. Das aktuelle Punktekonto kann über eine Arbeitsstelle oder eine Beförderung entscheiden, das weiß der Bürger selbstverständlich, der alles daran setzt, nicht der Betroffene zu sein.

    China hat praktisch ein eigenes Internet. Nur wenige Technologiegiganten aus dem Silicon Valley haben Zugang. Twitter, Facebook und Google sind gesperrt, ebenso Whatsapp und Skype. Statt Amazon dominiert Alibaba den Konsum und Baidu ersetzt Google. Einkaufen im Internet und mobiles Bezahlen sind überall möglich, ja selbstverständlich. Dank der Öffnung der Wirtschaft in nur drei Jahrzehnten hat China Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt. Eine größere Erfolgsgeschichte in der globalen Armutsbekämpfung ist nicht bekannt. Da scheint es nicht weiter verwunderlich zu sein, dass sich die Chinesen nicht nach einer Demokratie sehnen, die sich im Westen gerade selbst zerlegt.

    Eine „Kultur der Ehrlichkeit“ soll entstehen, verkündet der chinesische Parteikader seinen Bürgern, in der Gerechtigkeit und Transparenz gefragt sind. In Shanghai, wo ebenfalls ein Testlauf gestartet wurde, darf jeder Geschäftspartner den Punktestand seines Handelspartners einsehen, um genau zu wissen, mit wem er es zu tun hat. Ein Bürger mit hohem citizen score bekommt schneller einen Kredit und seine Kinder leichter einen Ausbildungsplatz, während diejenigen, die durch gesellschaftsschädigendes Verhalten auffallen, mit ihrem Punktenscore in den Keller rauschen, nicht mehr erster Klasse Zug fahren dürfen und nur unter erheblichen Schwierigkeiten an ein Visum gelangen.

    „Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre, geht's runter mit dem Kontostand“, erklärt Zhang Jian vom Forstamt der ostchinesischen Stadt Rongcheng, wo bereits seit 2014 ein Testversuch durchgeführt wird. „Das läuft alles hier auf“, so Zhang. „Die öffentlichen Ämter sind alle verbunden. Wenn man sich in der Öffentlichkeit daneben benimmt und beispielsweise in eine Schlägerei verwickelt wird, kommt man sofort auf eine schwarze Liste. Auch meine Arbeit im Forstamt fließt in das Sozialkreditsystem ein. Wenn die Bürger mit unserem Service nicht zufrieden sind, können sie sich beschweren. Das hat dann Auswirkungen auf meinen Punktestand."

    Feedback heißt die Devise für jeden einzelnen Bürger, der sich in seinem Punktestand bald spiegeln darf. Er, der Teil einer sich selbstregulierenden Gesellschaft werden soll, die die Verantwortung für das Gemeinwohl an ihn zurückdelegiert, auf den es wie in jedem funktionierenden Staat ja letzten Endes ankommt „Der Punktestand ist anfangs für alle gleich, nämlich genau 1.000“, erklärt die Beamtin An Lin, Sachbearbeiterin im Amt für Sozialkredit-Management in Rongcheng. „Diese Zahl erhöht sich dann mit der Zeit – oder wird niedriger. Die höchste Bewertung ist AAA. Dazu braucht man einen Stand von mindestens 1050 Punkten, also 50 mehr als die ursprünglichen 1.000. Dann geht es nach unten weiter mit AA und dann A und so weiter. Die schlechteste Bewertung ist D – da liegt man bei unter 599 Punkten. Die mit einer A-Bewertung stehen auf der roten, die anderen auf der schwarzen Liste. Die auf der roten Liste werden bevorzugt behandelt: bei sozialen Leistungen oder auch beim Abschluss von Versicherungen. Die aus der C-Gruppe werden regelmäßig kontrolliert und bekommen bestimmte Einschränkungen. Das kann z.B. die Kürzung von sozialen Hilfen sein. Wer in der untersten Klasse D auftaucht, qualifiziert sich nicht mehr für Führungspositionen, bekommt bestimmte Leistungen gestrichen und verliert seine Kreditwürdigkeit.“

    Der sich selbst regulierende Bürger, verantwortlich sich und der Gesellschaft gegenüber – ein Traum der westlichen Demokratien, der in China Realität zu werden scheint. „In Rongcheng herrscht eine hervorragende Ordnung“, erläutert Zhang Zheng, einer der wichtigsten Strategen hinter Chinas Sozialkreditsystem. „Die Moral der Menschen hat sich durch die soziale Bewertung verbessert, sie helfen sich gegenseitig und engagieren sich für die Qualität des Zusammenlebens.“

    China scheint dem Leitbild einer „harmonischen Gesellschaft“ näher zu rücken, wie Staatspräsident Xi Jinping es sich für China so inständig wünscht.

    Vielleicht ist er ja schon da, der Mensch der Zukunft?

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  • MIERDA
    MIERDA
    KOPF DRAUF!
    12. Dezember 2017

     

    Kopf ab! hieß es noch jüngst in den vom IS besetzten Gebieten des Mittleren Ostens. Jetzt aber heißt es auf einmal Kopf drauf!, was mit dem Schlachtruf der psychotischen Mörderbande natürlich nicht das Geringste zu tun hat. Um es kurz zu machen: In den nächsten Wochen plant der italienische Neurochirurg Sergio Canavero die erste Kopf-Transplantation am lebenden Menschen. Wobei solch ein Eingriff aber auch erst einmal Kopf ab! bedeutet, wenn man ehrlich ist.

    Aber keine Angst! Canavero hat Großes vor mit den Menschen und will deren uralten Traum vom ewigen Leben endlich Wirklichkeit werden lassen. Die Botschaft lässt aufhorchen und wird diejenigen, die höllische Angst vor dem Tod haben und alles dafür gäben, nicht das Zeitliche segnen zu müssen, sicher im Herzen erleichtern. „Viel zu lange hat die Natur uns ihre Regeln diktiert“, erklärt der mitfühlende Heilsbringer. „Wir werden geboren, wir wachsen, wir altern und wir sterben. Diesen fatalen Kreislauf gilt es zu durchbrechen. Der Mensch muss sein Schicksal wieder in seine eigene Hand nehmen.“

    Was Canavero mit „wieder“ meint, bleibt nebulös. Sein Ziel hingegen ist glasklar und neurotechnologisch bis ins Detail durchkomponiert. Die vorbereitenden Experimente sind schon weit fortgeschritten. Vor wenigen Wochen ist es ihm und seinem Team bereits gelungen, eine Kopf-Transplantation an einer Leiche durchzuführen. Die 18stündige Operation erfolgte an der Harbin Medical University in China, womit Canavero nach eigenem Bekunden bewiesen hat, einen menschlichen Kopf mit Nerven, Wirbelsäule und Blutbahnen eines anderen Körpers verbinden zu können. Im definitiven Fall (also jetzt im Dezember) soll das Rückenmark mit einem glatten Schnitt durchtrennt und der Nervenstrang des Kopfes mithilfe von Polyehtylenglykol (PEG) - eine Art Kleber für Nervenfasern - mit dem des Spenderkörpers verbunden werden. „Die beiden Enden des Rückenmarks ähnelten zwei dicht gepackten Bündeln Spaghetti, die mithilfe von PEG dazu angeregt werden sollen, sich zu verbinden, ähnlich wie heißes Wasser trockene Spaghetti zusammenkleben lässt“, schreibt die ÄrzteZeitung dazu.

    Der Coup soll einem Patienten mit chronischer Muskeldystrophie oder Querschnittslähmung zugute kommen, ihn von seinem moribunden, dem sicheren Tod geweihten Körper befreien, um ihm (und seinem gesunden Kopf) ein neues Leben zu schenken. Der 30 Jahre alte russische Programmierer Waleri Spiridonow, dem der Eingriff eigentlich gelten sollte, hat aus unerfindlichen Gründen abgesagt. Er sitzt im Rollstuhl und leidet an schweren körperlichen Verformungen. "Ich weiß, dass ich sterben kann. Aber ich mache keinen Rückzieher mehr", sagte Spiridonow noch vor wenigen Wochen. „Ich brauche einen neuen Körper. Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, mit diesem zu leben. Ich habe nicht mehr viel Zeit und will der Erste sein. Du fühlst dich wie der Held eines Science-Fiction-Romans, fast so, als würdest du in den Kosmos fliegen.“

    Spiridonow leidet seit seiner Kindheit unter der Krankheit Morbus Werdnig-Hoffmann, eine Krankheit, die den irreversiblen Schwund von Muskeln, Gewebe und Organen bewirkt. Warum er jetzt aber so überraschend abgesprungen ist, verrät Spiridonow nicht. Offenbar will er nun doch nicht mehr durch den Kosmos fliegen. Aber damit hat Canavero kein Problem, eine „hohe Zahl“ an Freiwilligen  habe sich bereits gemeldet, die allesamt aus China stammen, lässt er die Welt wissen. Und in China soll der spektakuläre Eingriff auch stattfinden, wo Canavero sich mit Ren Xiaoping zusammengetan hat, einem chinesischen Superspezialisten für Kopf-Transplantationen, der diese bislang zwar nur an Tieren, aber immerhin an mehr als 1.000 Mäusen und einem Affen durchgeführt hat, wobei er den Affenkopf zwar problemlos mit dem Blutkreislauf eines Primatenkörpers zu verbinden wusste, am Rückenmark jedoch scheiterte. Der Affe blieb gelähmt und musste aus ethischen Gründen eingeschläfert werden. Jetzt aber stehtCanavero mit all seiner Erfahrung an Leichen Xiaoping zur Seite - ein visionäres Kopf-Transplantations-Dream-Team, das dem Tod den Kampf angesagt hat. Der ultimative Eingriff soll 10 Millionen Dollar kosten, etwa 36 Stunden dauern, und 150 Ärzte und Schwestern erfordern.

    Soweit es sich überblicken lässt, hat Canavero alles im Griff. So wird er einen Kopf natürlich nicht immer wieder transplantieren, schließlich altert auch dieser wie der Körper, auf dem er steckt. Aber Canavero weiß zu beruhigen: „Bei der heterochronen Parabiose (= das Zusammenfügen der Gewebe zweier Organismen mit unterschiedlichem Alter) tritt ein interessantes Phänomen auf“, erklärt er. „Wenn älteres Gewebe jüngerem ausgesetzt wird, verjüngt es sich. Aus Tierversuchen wissen wir, dass wenn wir einen alten Kopf auf einen jungen Körper pflanzen, das Gehirn verjüngt wird. Wenn man den Kopf eines 80-Jährigen auf den Körper eines 20-Jährigen verpflanzt, wird die Verjüngung nicht so stark sein, dass das Gehirn biologisch wieder 20 ist. Das Ergebnis wird irgendwo in der Mitte liegen. Das reicht aber vollkommen aus. Außerdem wollen wir im Projekt HEAVEN (was leider nicht „Himmel“, sondern nur „head anastomosis venture“ bedeutet), das Gesicht eines jungen Spenders verwenden und so dem Kopf ein jüngeres Aussehen verleihen.“ Darüber hinaus wäre es ästhetisch ohnehin am besten die Haut des Kopfes unter den Schlüsselbeinen zu durchtrennen und somit hässlichen Halsnarben vorzubeugen.

    Dem Kopf schwindelt - schon sieht er sich abgetrennt zwischen den Körpern schweben, mit unzähligen zu Boden hängenden Schläuchen, die ihm aus dem Halsansatz hervorquellen und künstlich am Leben erhalten, den ehemaligen Körper im Nacken und den anderen, ihm völlig fremden unmittelbar vor sich, aufrecht in einer Art Zahnarztstuhl festgezurrt und kopflos auf ihn wartend. Welcher Kopf weiß da schon, was auf ihn zukommt, wenn er auf diesen Torso platziert wird? Schließlich ist der Körper die Landschaft der Gefühle, wie der Hirnforscher António Damasio erklärt, das Gehirn hingegen absolut gefühllos und auf den Körper angewiesen, wenn es Gefühle haben will.

    Folglich ist es überaus riskant, einen nichtsahnenden, seiner Gefühle beraubten Kopf auf einen ihm völlig unbekannten Körper zu pflanzen, der ihn augenblicklich mit seinen wildfremden Gefühlen überschwemmt, die dem Kopf schwallartig zu Kopfe steigen, ohne dass er - der Hilf- und Gefühllose – auch nur die geringste Chance hätte, sich dieser die Sinne raubenden Attacke erwehren zu können, hin- und hergerissen zwischen eigenen Gedanken und fremden Gefühlen - ein Zustand, der rasch zum Wahnsinn führen kann.

    Canavero aber relativiert: „Die Neuroplastizität erlaubt dem Gehirn, sich an mechanische Arme zu gewöhnen. Das Gehirn akzeptiert eine Prothese als Teil des Körpers und kann sie ohne Probleme steuern, ohne dass der Träger wahnsinnig wird. Es gab einen Fall, bei dem es nach einer Handtransplantation zur psychischen Abstoßung gekommen ist. (Clint Hallam, dem ersten Mann, der eine neue Hand erhielt, musste diese gut zwei Jahre darauf wieder abgenommen werden, weil er die Gliedmaße eines Verstorbenen nie als seine eigene akzeptierte.) Seither wissen wir, dass psychologische Langzeitbetreuung wichtig ist, um die Integration ins Körperbild des Patienten zu unterstützen. Wir werden unsere Patienten schon lange vor der Operation mit VR-Brillen an einen neuen Körper gewöhnen. Auch Hypnose werden wir einsetzen.“ Dennoch gäbe es letztlich keine hundertprozentige Sicherheit, nach einer Kopf-Transplantation nicht doch an einer Psychose zu erkranken, räumt Canavero überraschend ehrlich ein. Aber er sei da zuversichtlich.

    Doch Vorsicht: Mit dem nicht hundertprozentig auszuschließenden Fall, dass ein Kopf nach gelungener Transplantation das Gefühl nicht loswird, auf dem Körper eines Verstorbenen zu sitzen, wird Canavero bei seinen Schützlingen nur unnötige Nervosität provozieren. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Spiridonow ihm absagte?

    Dabei gäbe es eine denkbar einfache Lösung, um eine Psychose oder gar seelische Abstoßungsreaktion (Kopf wehrt sich gegen Körper oder Körper gegen Kopf) zu verhindern: Diese widerspräche zwar dem gängigen Transplantationsgesetz, demzufolge der Empfänger die Identität des Spenders nicht kennen darf, wobei die Frage, ob es sich bei einer Kopf-Transplantation denn wirklich um eine Transplantation im herkömmlichen Sinne handelt, allerdings erlaubt sein muss, schließlich ist der Empfänger nachgerade gezwungen, seinen Spendenkörper nach gelungenem Eingriff kennenzulernen, ob er das nun will oder nicht! Folglich wäre es höchst ratsam, Kopf und Körper vor dem für beide so entscheidenden Eingriff schon einmal zusammenzuführen und abzuwarten, ob beide nun miteinander können, oder nicht - neue Methoden erfordern eben auch neue Gesetze. Canavero wird sich doch hoffentlich keinem Shitstorm aussetzen wollen, wenn ihm der Eingriff zwar gelungen, der Patient aber in die Klapse abgewandert wäre.

    Die Bedeutung eines solchen Treffens sollte Canavero unter keinen Umständen auf die leichte Schulter nehmen, schließlich hängt zu viel von diesem ab. In jedem Fall sollte er dafür Sorge tragen, dass das Rendezvous zwanglos vonstatten geht - ein entspanntes tête-à-tête zu arrangieren, wird doch auch für einen Kopftransplanteur nicht allzu kompliziert sein! Canavero selbst sollte sich da um Gottes willen persönlich erst einmal heraushalten, schließlich ist er als Initiator der ganzen Sache viel zu befangen. Er könnte sich noch um Kopf und Kragen reden, wenn er beispielsweise versuchte, einen Kopf dazu überreden zu wollen, es doch mit dem Körper zu versuchen, obwohl der erklärtermaßen nicht will. Erst recht sollten keine Psychologen vor Ort sein. Der falsche Druck, den solche Herrschaften auf die Gefühlslage ihrer Probanden ausüben, würde den Körper nur verwirren und im Kopf Unheil stiften, so viel ist sicher.

    Vielleicht wäre es am Schlauesten Kopf und Körper sich wie zufällig treffen zu lassen - wohlwollend in deren Rücken eingefädelt. Denn dann würde sich ohne Umschweife und großen Aufwand rasch herausstellen, ob sich beide nun riechen können oder auf Anhieb höchst unsympathisch finden und Abstand halten. Canavero sollte dem Instinkt seiner Köpfe und Körper vertrauen, sonst wird aus der von ihm geplanten Vereinigung nichts. Im Leben lässt sich nichts erzwingen – mein Gott. Das muss der Mann doch wissen!

    Erst im Falle eines eindeutig positiven Ergebnisses sollte Canavero die Szene betreten. Dann aber nicht als genialer Chirurg, sondern tapfer in der Rolle des profunden Menschenkenners, der die Fäden zusammenzuhalten weiß. So könnte er in letzter Sekunde beispielsweise noch herausfinden, dass der Kopf trotz all’ seiner überschwänglichen Sympathiebekundungen in Wahrheit nur deshalb auf den Körper scharf ist, weil der ein Sixpack hat. Der Ahnungslose würde sich später zu recht missbraucht fühlen und eine Hyperakute seelische Abstoßungsreaktion gegen seinen verlogenen Kopf vom Zaun brechen - im Gegensatz zu diesem hat der Körper ja immerhin Gefühle.

    Vielleicht aber wäre es am allerbesten wenn Canavero zunächst auf Sicht fahren und den Kopf mit einem intelligenten Maschinenkörper verbinden würde? Dank dessen algorithmischer Intelligenz käme es so zu einem  permanenten Abgleich der Gedanken und Gefühle, weil die Körpermaschine dem Kopf nur solche Gefühle präsentieren würde, die wirklich zu ihm und seinen noch so absonderlichen Gedanken passen.

    Canavero aber wehrt ab, offenbar hält er nichts von derartigen Überlegungen: „Derzeit arbeiten mindestens zwei Firmen in den USA daran, einen Kopf oder ein Gehirn in oder auf einen kybernetischen Körper zu verpflanzen, um das Gehirn mit Nährstoffen zu versorgen. Aber das ist nicht der Weg in die Zukunft, weil die Verjüngung des Gehirns fehlt", hält er dagegen. „Das kann nur funktionieren, wenn auch das Blut jüngerer Personen einen Verjüngungseffekt erzielen könnte. Das wissen wir derzeit aber nicht. Das langfristige Ziel ist es, die Lebensspanne des Menschen zu verlängern. Dazu braucht es allerdings auch Fortschritte im Bereich der Klontechnologie. Dann können wir Unsterblichkeit erreichen, indem wir Köpfe auf geklonte Körper verpflanzen.“

    Ein geklonter Körper – vielleicht wäre ein solcher die Lösung für das vertrackte Problem? Dann träfe der Kopf nach geglücktem Eingriff wieder auf seinen ursprünglichen, jetzt aber geklonten und darüber hinaus völlig verjüngten Körper, eingebettet in eine ihm völlig vertraute Gefühlslandschaft, die ihm wieder seine Seele gäbe. Der Kopf würde sich fühlen wie früher und so, als sei gar nichts gewesen - kein Wunder, dass Canavero von dieser Idee begeistert ist.

    Was ist eigentlich aus dem Klonen geworden? Seit DOLLY ist es still geworden um die einst so heiß diskutierte Methode? „Das Schaf Dolly (* 5. Juli 1996 in Roslin (Midlothian); † 14. Februar 2003) war ein walisisches Bergschaf und das erste aus einer ausdifferenzierten somatischen Zelle geklonte Säugetier“, erinnert uns Wikipedia, nennt aber leider nicht die Ruhestätte des tapferen Klonschafs, an der friedfertig zu demonstrieren es höchste Zeit wäre, um Industrie und Forschung gehörig den Marsch zu blasen, sich endlich ums Klonen von Menschenkörpern zu kümmern und Canavero und Xiaoping zur Seite zu stehen, schließlich geht es jetzt nicht mehr ums Tier, sondern um uns und unser verdammtes Leben!

    Bis dahin aber heißt es sich gedulden und die Zähne zusammenbeißen – es sei denn, es kommen doch noch frohe Botschaften aus China, sollte Canavero die Ratschläge befolgen.

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  • TEXTE
    MUSIK
    SOMNIUM SCIPIONIS
    VOM URSPRUNG DER MUSIK
    13. November 2017

    Gravitationswellen existieren! Einstein hatte mit seiner Annahme recht, der er anlässlich eines Vortrags am 22. Juni 1916 in der Preußischen Akademie der Wissenschaften Ausdruck verlieh, ergäben sich diese doch direkt aus der von ihm entwickelten Allgemeinen Relativitätstheorie.

    Die Entdecker, Rainer Weiss, Kip Thorne und Barry Barish, fingen die Gravitationswellen von zwei verschmelzenden Schwarzen Löchern mit LIGO-DETEKTOREN (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatories in Hanford, Washington, und Livingston, Louisiana) und Dank der über Tausend am Experiment beteiligten Forscher erstmals am 14. September 2015 ein, und erhielten für diese bahnbrechende Entdeckung gerade den Physiknobelpreis. Eine neue Ära der Astrophysik ist angebrochen: Laut Karsten Danzmann, der am Detektor GEO600 nahe Hannover die Suche nach Gravitationswellen leitet, „ging es den Forschern bei ihrer Suche um mehr, als deren bloße Existenz nachzuweisen. Sie wollten Gravitationswellen direkt messen, weil sie sich davon einen neuen Zugang zum Kosmos versprechen. Man kann das Universum so nicht nur sehen, sondern auch hören.“ Über 99 Prozent des Universums seien dunkel und entzögen sich somit der direkten visuellen Beobachtung, so Danzmann lapidar, „aber alles unterläge der Schwerkraft.“ Trotz allem aber ist es eine Sensation, die Gravitationswellen nicht nur nachgewiesen, sondern auch hörbar gemacht zu haben. Es jagt einem den Schauder über den Rücken, wenn man den Aufnahmen im Internet lauscht.

    Wie aus dem Nichts ist da zunächst ein tiefes Brummen, das allerdings rasch anschwillt, sich währenddessen mit einem gewagten Glissando in die Höhe schwingt, und mit einem sich überschlagenden Impuls urplötzlich endet. Stille. Dann wieder das Brummen, das waghalsige Glissando und juchzende Ende – CHIRP. So nennen die Astrophysiker den Klang der Gravitationswellen, der in der Tat an das Zirpen oder Zwitschern eines Vogels erinnert. Mit unfassbarer Geschwindigkeit jagen die Wellen periodisch durchs All und lassen es erzittern. Pulsartige  Transversalwellen, die – ganz im Gegensatz zu Schallwellen – nirgendwo abprallen, hingegen alles durchdringen, was ihnen in die Quere kommt und es dehnen und stauchen, dass die Raumzeit zittert. Gravitationswellen ebben nie ab. Einmal ausgelöst, verschwinden sie nie wieder aus dem kosmischen Raum. Alle, die jemals erzeugt wurden, sind heute noch da – Zeugnisse Hunderte von Millionen Lichtjahren entfernter Ereignisse irgendwo im Kosmos, die sich Ewigkeiten vor unserer Zeitrechnung zutrugen wie die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher oder zweier Neutronensterne zum Beispiel. CHIRP!

    Wen wundert es da, wenn die Forscher der beiden LIGO-DETEKTOREN, die aufgrund ihrer Disziplin ein ganz anderes Raumbewusstsein haben als der Normalbürger, mächtig ins Schwärmen gerieten, da sie endlich die Musik ihrer Träume hören konnten wie die Presseaussendung des Stockholmer Nobelpreiskomitees die Welt wissen ließ. Schon 1993 hatte Kip Thorne in seinem Buch Black Holes & Time Warps die Gravitationswellen als Musik beschrieben: „Diese Kräuselungen der Raumzeit lassen sich mit den Schallwellen einer Symphonie vergleichen. So wie die Symphonie in den Modulationen der Schallwellen verschlüsselt ist, enthalten die Modulationen der Gravitationswellen, die in einem wilden Crescendo münden, die Geschichte der verschmelzenden Schwarzen Löcher.“                                                                                               

    Kip Thornes Anschauung mag versponnen oder gar verrückt erscheinen, wäre der Physiker nicht ganz offenkundig völlig bei Sinnen, was der Blick in seine Biographie beweist: Born June 1, 1940, Thorne is an American theoretical physicist and Nobel laureate, known for his contributions in gravitational physics and astrophysics. A longtime friend and colleague of Stephen Hawking and Carl Sagan, he was the Feynman Professor of Theoretical Physics at the California Institute of Technology (Caltech) until 2009 and is one of the world's leading experts on the astrophysical implications of Einstein's general theory of relativity. He continues to do scientific research and scientific consulting, most notably for the Christopher Nolan film Interstellar.

    Mit seiner tief gründenden Empfindung, das Universum klänge wie Musik, steht Thorne in uralter Tradition der astronomischen Wissenschaftsgeschichte. Und womöglich ist diese Empfindung so alt wie die Musik selbst und aufs Engste mit ihr verbunden. Und noch heute würde kein wirklich engagierter Musiker bestreiten, dass der Musik auch eine kosmische Dimension innewohne. Selbst in den trivialsten Ausformungen dieser Anschauung wie in Gustav Holst Die Planeten, die mit der Tür ins Haus fallen und auf der Sache herumreiten, ist diese Faszination noch spürbar. Musik weitet den Raum ins Grenzenlose, in dem man sich aufzulösen glaubt.

    Das älteste bislang aufgefundene Instrument ist eine etwa 35 000 Jahre alte FLÖTE, ausgegraben im Sommer 2008 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb. Gefertigt aus der Speiche eines Gänsegeierflügels, also von Natur aus hohl und mit zum Atmungsorgan des Vogels gehörend. Die Töne des vorzeitlichen Flötenspielers scheinen Flügel zu besitzen und tirilierend hoch in den Himmel emporzusteigen – CHIRP. Vielleicht auch, um sich den kosmischen Harmonien anzuschließen und sich von ihnen davontragen zu lassen – ganz Ohr den sphärischen Klängen gegenüber und gespielt mit hörendem Herzen, dem geistigen Ohr.

    Es ist kein Zufall, dass hören und fühlen so nah beieinander liegen“, schreibt der Astrophysiker Bruno Binggeli. „Unser Gehör besitzt eine Eigenschaft, die es unter allen Sinnesorganen besonders auszeichnet: Wir können verschiedene Töne – akustische Schwingungen der Luft verschiedener Frequenzen – zusammen und dennoch separat hören. Tonfrequenzen vermischen sich nicht. Ganz anders unser Sehsinn: Wir können nicht, sagen wir, rot und grün (die Farben entsprechen verschiedenen Wellenlängen des Lichts) an derselben Stelle – als separate Farben – sehen. Farben vermischen sich, rot und grün zusammen empfinden wir als braun. Ein hoher Ton und ein tiefer Ton dagegen verschmelzen nicht zu einem mittleren Ton, wir hören beide gleichzeitig. Wenn wir von einem Zusammenspiel von Farben sagen, es sei schön (wie auch immer wir dieses Schönsein definieren), so ist es doch ein räumliches Nebeneinander der Farben, das wir empfinden. Bei Tönen gibt es nicht nur ein zeitliches Nacheinander, sondern auch ein zeitliches Miteinander, einen Zusammenklang, den wir als harmonisch, oder auch als disharmonisch empfinden können. Dies verschafft dem Hörsinn eine Unmittelbarkeit und Intensität, und deswegen auch eine psychische Wirksamkeit, die mit nichts vergleichbar ist. Darin wurzelt mithin die große Macht der Musik über unsere Gefühle. 

    Was macht nun, dass wir diesen Klang als harmonisch empfinden, jenen aber als disharmonisch? Worin unterscheidet sich das Zusammenspiel der Töne? Es sind die Zahlenverhältnisse der Tonfrequenzen, die das bestimmen. Dieser Zusammenhang – zwischen Wohlklang und ganzzahliger Proportion – geht zurück auf eine Entdeckung des sagenumwobenen griechischen Philosophen Pythagoras im 6. Jh. v. Chr. Das klassische Experiment benutzt das sog. MONOCHORD, ein Instrument mit nur einer Saite. Zupft man diese Saite an, so erklingt ein Grundton. Wird die Saite auf genau halber Länge festgehalten, erklingt ein Ton, der um genau eine Oktave höher liegt und mit dem Grundton harmoniert. Fixiert man die Saite an andern Punkten, die einfachen Bruchteilen ihrer Gesamtlänge entsprechen, so können weitere harmonische Töne erzeugt werden: die Quinte bei 2:3, die Quarte bei 3:4, die große Terz bei 4:5 – so kriegt man die “Obertöne” der Saite.

    Wo immer man in der Außenwelt ganzzahlige Verhältnisse vorfand, durfte man folglich – ausgehend von diesem Urexperiment mit dem MONOCHORD – auch umgekehrt verfahren und sich im Geiste eine unterliegende musikalische Harmonie vorstellen, oder allgemeiner: Quantitatives als etwas Qualitatives erleben. Und wo vor allem stieß – und stößt man noch immer – in der Außenwelt auf solche schönen Zahlenverhältnisse? Natürlich am gestirnten Firmament. Es sind die ewig gleichen Bewegungen der Himmelskörper, von Sonne, Mond und Sternen, die unserem Leben den festen Rhythmus von Tag, Monat und Jahr aufprägen. Hier fand die pythagoreeische Zahlenlehre ihren natürlichen Gegenstand, hier drängte sich eine erste mathematische Durchdringung der Wirklichkeit auf; Astronomie ist deshalb auch die älteste Wissenschaft.

    In Pythagoras’ geozentrischem Weltbild ruht die kugelförmige Erde im Zentrum. Um sie herum schließen sich, so ähnlich wie bei einer Zwiebel, konzentrisch acht kristalline Kugelschalen an, und in diesen befinden sich die sieben Planeten, zu denen man auch Sonne und Mond zählte. Es sind die Kugelschalen, die sich um die Erde drehen; die äußerste Schale mit den Fixsternen dreht sich mit einer Umdrehung pro Tag am schnellsten. Die inneren Sphären mit den Planeten drehen sich von außen nach innen, bzw. von oben nach unten immer langsamer, bis zur stillstehenden Erde!

    Pythagoras stellte sich nun vor, dass die Sphären klängen und für die Umdrehungsgeschwindigkeiten und/oder die Abstände der Himmelssphären ganzzahlige Verhältnisse gelten würden, so dass das ganze Himmelsgebilde – indem sich die Tonhöhe, in Analogie zur Saitenschwingung (eines Monochords), aus der Geschwindigkeit oder aus dem Abstand einer Sphäre ableiteten – einen harmonischen Zusammenklang erzeuge (griechisch: symphōnía). Auch in Pythagoras’ Begriff des Kosmos spiegelt sich die ästhetische Seite des Weltganzen, denn Kosmos heißt sowohl Ordnung als auch Schmuck. Der ganze Kosmos als Instrument, als wohlklingende Weltordnung – das ist die Idee der SPHÄRENMUSIK.“ (Bruno Binggeli, Sphärenmusik – das Unhörbare hören.)

    Das Stupende an Pythagoras’ Idee ist das ruhige und ausgleichende Grundgefühl den Dingen gegenüber, das in ihr zum Ausdruck kommt. Denken und Empfinden durchdringen sich gegenseitig und schwingen in Harmonie. So wie das Weltall in Musik. Was die Sinne stimuliert wird im Geiste zur Gestalt. Und was das Denken animiert, verleiht den Sinnen Anschauung.

    Pythagoras war von der Kugelform der Erde überzeugt. Die Sphäre galt ihm als die mathematisch vollkommenste Form. Für seinen Zeitgenossen Thales von Milet hingegen blieb die Erde eine Scheibe, die im unendlichen Ozean schwamm. Damit entsprach er der herrschenden Auffassung der Religion, die unwidersprochen sein sollte.

    Pythagoras gewann seine Überzeugung durch geistige Imagination. Thales untermauerte eine Doktrin, ohne sie zu hinterfragen. 200 Jahre später beobachtete Aristoteles eine Mondfinsternis und sah den runden Erdschatten durch das Mondlicht ziehen. Er wusste, nur eine Kugel wirft in jeder Stellung einen kreisförmigen Schatten.

    2:3, 3:4, 4:5 – „die Pythagoreer beschäftigten sich zuerst mit der Mathematik, förderten sie, und so in sie hineingewachsen, hielten sie die mathematischen Prinzipien für die Prinzipien alles Seienden. Und in den Zahlen die Eigenschaften und Gründe der Harmonie erblickend, da ihnen das andere seiner ganzen Natur nach den Zahlen nachgebildet erschien, die Zahlen aber als das Erste in der ganzen Natur, so fassten sie die Elemente der Zahlen als die Elemente aller Dinge auf und das ganze Weltall als Harmonie und Zahl.“ (Aristoteles. Metaphysik, I, 5).

    Angesichts solch allumfassender Harmonie muss es den Pythagoreern unsagbar leicht ums Herz gewesen sein. Durchdrungen von einem ganzheitlichen Lebensgefühl, das ihnen eine erstaunliche Gelassenheit der Welt und ihren Erscheinungen gegenüber schenkte. So waren sie auch die ersten, die sich der reinen Mathematik hingaben – der absolut zweckfreien und streng wissenschaftlichen Erforschung ihrer Funktionen und Gesetzmäßigkeiten. Die Ruhe, die sie dazu befähigte, verdankten sie ihrer inneren Gewissheit der harmonischen Kongruenz allen Seins, schwingend in Mathematik und Musik.

    Da erstaunt es auch nicht, dass die Pythagoreer von einer unsterblichen Seele göttlichen Ursprungs überzeugt waren, deren Aufgabe es sei, beizeiten in ihre kosmischen Gefilde zurückzukehren, um dort Erfüllung zu finden und aufzugehen. So sahen sie in der Natur beileibe keine abstrakten Zahlenverhältnisse wirken, wie Vorurteile vermuten, sondern kraftvolle Energien, die das All in einzigartiger Harmonie strukturierten und in mathematischen Proportionen zum Ausdruck kämen. Eine beseelte Kosmologie, die in Ciceros SOMNIUM SCIPIONIS besonders eindrücklich veranschaulicht wird.

    In diesem Traum findet sich der römische Feldherr und Staatsmann Scipio Aemilianus völlig unvermittelt im Weltall wieder. Auf der Milchstraße, der Heimstatt der Seelen. Dort trifft er auf seinen Großvater, Publius Cornelius Africanus, und seinen ebenso verstorbenen Vater, Lucius Aemilius Paullus. Vor seinen ungläubigen Augen offenbart sich der gesamte Kosmos in all seiner Herrlichkeit mit der ihm eigenen Ordnung und Struktur – genau so, wie Pythagoras ihn beschrieben hatte: Majestätisch kreisen die Planeten im Klang ihrer ewigen Bewegung, sphärische Töne erzeugend, die der Ursprung aller Musik sind wie ihm erklärt wird.

    Inmitten des tönenden Geschehens blickt Scipio auf die winzige Erde hinunter, auf der die Menschen auf der unteren Seite kopfüber gehen, während Scipios Großvater ihm die Zukunft prophezeit, unter anderem auch die erfolgreiche Belagerung und Zerstörung Karthagos der von ihm befehligten Heerscharen. Der Ruhm aber, den er erlange, sei nur von geringer Dauer und überstehe kein Weltenjahr. Scipio dürfe weder auf das Gerede der Masse hören noch von irgendjemanden menschlichen Lohn erwarten. Der Körper halte die Seele gefangen und nur die lebten wirklich, die schon gestorben seien.

    Ein Traum vom Sein in kosmischer Musik. – Und auch heute noch scheint der Kosmos voller Musik, zumindest wenn man den Astrophysikern Glauben schenken darf. In seinem Buch Das elegante Universum, schreibt Brian Greene im Kapitel KOSMISCHE SYMPHONIE. NICHTS ALS MUSIK: DIE GRUNDLAGEN DER STRINGTHEORIE: „Seit langem schon dient die Musik den Philosophen und Naturforschern, die sich über die Rätsel des Kosmos den Kopf zerbrechen, als Lieblingsmetapher. Von den ‚Sphärenklängen’ der Pythagoreer im antiken Griechenland bis zu den ‚Harmonien der Natur’, die Jahrhunderte lang das Leitmotiv der Forschung waren – immer wieder haben wir im majestätischen Gang der Himmelskörper wie im ausgelassenen Treiben der subatomaren Teilchen das Lied der Natur gesucht. Mit der Entdeckung der Superstringtheorie gewinnen diese musikalischen Metaphern eine verblüffende Realität, denn die Theorie geht davon aus, dass die mikroskopische Landschaft mit winzigen Saiten – den Strings – gefüllt ist, aus deren Schwingungsmustern die Evolution des Universums komponiert ist. Nach der Superstringtheorie bringt der Wind der Veränderung das ganze Universum wie eine riesige Äolsharfe zum Klingen!“

    Ist die Äolsharfe aber wirklich nur eine euphorische Metapher für die prinzipiell unhörbaren Klänge des Universums? Oder sind deren Töne nicht doch zu hören, zumindest bei außerordentlicher Begabung? Wohlgemerkt, auch die LIGO-Physiker übersetzen das CHIRPEN der Gravitationswellen in Schall, damit sie hörbar werden. Und auch die im Universum allgegenwärtigen Schwingungsfrequenzen wie das Trillern der Pulsare und Säuseln der Quasare, das Pulsieren der Sterne oder Brummen Schwarzer Löcher entziehen sich der akustischen Wahrnehmung und werden von Astrophysikern lediglich in hörbare Tonbereiche transformiert, um diese Phänomene sinnlich erfahrbar werden zu lassen.

    Pythagoras hingegen wurde die Fähigkeit, die Sphärenmusik tatsächlich hören zu können, von manchen seiner Zeitgenossen nachgesagt. Dies stellten sie sich ganz naturalistisch vor: Da schnelle Bewegungen großer Körper auf der Erde heftige Geräusche verursachen würden, würde dies erst recht für die viel größeren und schnelleren Himmelssphären gelten, lautete die Erklärung. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Gravitationswellen, die durch die Beschleunigung von Massen entstehen und sich mit Lichtgeschwindigkeit im Universum ausbreiten. Je stärker die Beschleunigung oder je größer die Masse, desto intensiver die Wellen.

    Dass viele andere die Sphärenklänge nicht wahrnehmen würden, begründeten die Pythagoreer mit einer überraschend plausiblen Erklärung: Die Sphären erklängen ja ununterbrochen, so dass der Kontrast zur Stille fehle. Dem pflichtete Cicero, der ein großer Bewunderer der pythagoreischen Kosmologie war, Jahrhunderte später bei: Den Menschen erginge es nicht anders als denjenigen der Nilkatarakte, behauptete er, denn beim ständigen Lärm des Wassers würden sie diesen nicht bemerken können. Seiner Überzeugung nach hatte Pythagoras der Menschheit die Sphärenmusik offenbart, weil er sie – wie nur ganz wenige – tatsächlich hätte hören können. Wer Ohren hat, der höre! – AHNUNG UND GEGENWART.

    Eine solche Ahnung, die ihn von frühauf an die Musik fesselte, scheint auch den Physiker Rainer Weiss , den ältesten der drei Gravitationswellen-Physiknobelpreisträger, schon als Knabe durchdrungen zu haben. Lange bevor er als Erwachsener endlich sagen konnte, warum? Als der Sechsjährige, der mit seiner Familie vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen war, anlässlich einer Radioansprache Churchills ein großes Symphonieorchester spielen hörte, „war er zutiefst fasziniert von der Technologie, die auch die klassische Musik ferner Orchester auf wundersame Weise übertragen kann. Als Zwölfjähriger, nach der Flucht aus Europa, baute Weiss selbst Verstärker für Radios und Hi-Fi-Anlagen und verkaufte sie an andere Immigranten in New York. Als Student verliebte sich der gebürtige Berliner schließlich in eine deutlich ältere Klavierlehrerin.“ (Robert Gast. Der Klang der Sterne. Spektrum der Wissenschaft)

    Musik mithilfe Technologie! Das ist die große Faszination, die den späteren Physiker schon als Kind in den Bann zieht. Als der Sechsjährige ein Symphonieorchester zufällig im Radio spielen hört, kommt er spontan auf die Idee, diese eindrucksvolle Musik, wenn sie denn irgendwo auf der Welt ertönt, mithilfe technischer Mittel jedem zu Gehör zu bringen, egal wo sich dieser gerade auf dem Erdenrund befindet. Die Musik, die das Kind so fesselt, soll jeder hören können! Die wahre Dimension seiner Idee aber, die erst Jahrzehnte später, und dann in völlig unerwartbarer Form zur Vision des Physikers werden wird, bleibt dem Kind naturgemäß verborgen. Es wird lange dauern, bis sich ihm die Gründe endlich erschließen und er die Nuss knacken wird – gut Ding will Weile haben.

    „In der Hoffnung, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, beginnt er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ein Studium der Elektrotechnik, ist aber enttäuscht, dass es darin vor allem um Kraftwerke ging. Also wechselt er in den Studiengang Physik des Colleges – angeblich, weil dieser die geringsten Zugangshürden aufwies. Als Weiss der Klavierlehrerin nach Chicago hinterherläuft, bricht er sein Studium ab. Erst nach seiner Rückkehr an die Ostküste besinnt er sich wieder auf seine Technikleidenschaft. Für zwei Jahre arbeitet er als Labortechniker im berühmten Bostoner "Plywood Palace". Einem ehemaligen Weltkriegslabor, in dem Generationen von Physikern ihre kreativen Ideen verwirklichten. Der Atomphysiker Jerrold Zacharias fördert den jungen Tüftler, der 1955 seinen Bachelorabschluss nachholt und schließlich den Sprung in ein Promotionsprogramm schafft. Schließlich wird Weiss Physikprofessor am MIT, muss aber lange um seine Entfristung bangen, weil er es nicht einsieht, regelmäßig Fachartikel zu veröffentlichen.“ (Robert Gast)

    Der Physiker taumelt orientierungslos durchs Leben. Seine Idee, die ihn als Kind so leidenschaftlich bewegte, ist ihm abhanden gekommen, zusammengeschnurrt auf den kommerziellen Gedanken, die Klangqualität von Schallplattenspielern zu verbessern, so als läge seine Zukunft in der Phonoindustrie. Lustlos wirft er bald hin und macht planlos weiter. Und dennoch bleibt er am Ball, ohne dass es ihm bewusst wäre – geleitet von tief in seinem Inneren wirkenden Energien, die seine einstige Vision speisten, ihn über Wasser halten und - über die Physik zur Astrophysik – seiner Bestimmung zutreiben. Begleitet von seiner Liebe zur Musik, die ihn trotz allem hilflosem Hin und Her glücklicherweise nicht versanden lässt. Im Nachhinein erscheint diese völlig zerfaserte Phase seines Lebens wie die behutsame, viele Umwege nehmende Vorbereitung auf den mentalen Eklat hin, der ihn Jahre später urplötzlich auf die Idee kommen lassen wird, Einsteins Gravitationswellen entdecken zu wollen – wenn das mal Zufall ist.

    „Eher per Zufall stößt er auf das Gebiet, das ihm letztlich großen Ruhm bringen sollte: Als er Ende der 1960er Jahre eine Vorlesung über allgemeine Relativitätstheorie halten muss, kämpft er mit der zu Grunde liegenden Mathematik. Also flüchtet er sich in Gedankenexperimente, um zumindest die Idee von Einsteins Theorie den Studenten zu vermitteln. Bei der Vorbereitung einer Vorlesung hat er plötzlich die Idee, die vom Meister vorhergesagten Gravitationswellen mittels eines Michelson-Interferometers nachzuweisen und baut in den Jahren darauf einen 1,5-Meter-Prototypen!“ (Robert Gast)

    Wie aus heiterem Himmel scheint dem Physiker die uralte Idee aus Kindestagen wieder zuzufallen, die ihm eine schiere Ewigkeit lang aus dem Bewusstsein geraten war und sich ihm nun mit einem Mal in ihrem wahren Kern offenbart: Großartige Musik (= Gravitationswellen) mithilfe von Technologie (= LIGO) für alle hörbar werden zu lassen. Dass die damals noch in den Kinderschuhen steckende Idee so lange tief in seinem Inneren reifen musste, ist nicht allzu erstaunlich. Denn um auf fruchtbaren Boden zu fallen und in ihm wirksam werden zu können, brauchte sie Zeit um sich zu vervollkommnen. Jetzt aber, da er als Physiker (endlich) um die Dinge weiß, brechen sich deren Energien schlagartig Bahn und kehren ihm in ganzer Gestalt ins Hirn zurück. HEUREKA – Erleuchtung kommt immer von innen, nie von außen. Sonst hieße sie ja Beleuchtung.

    Ob Weiss Bachs h-moll Messe kennt, ist ungewiss. Jedenfalls hätte er in dieser Musik die durch manche Takte jagenden Gravitationswellen schon hören können, bevor er schier ewig durchs Leben irren musste ohne recht zu wissen wohin. Dann wäre dem Frühbestimmten vielleicht schon damals die Idee gekommen, die wahren Quellen dieser Wellen im Kosmos zu suchen.

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