• MIERDA
    MIERDA
    DEATH BY GPS
    23. September 2016

    Verdammte Technologie – sie macht uns alle zu Laffen! Schleichend zwar, aber dennoch unaufhaltsam. Die Welt hat sich gegen uns verschworen: Auch der Technologie ist nicht mehr zu trauen, wie mittlerweile allem anderen auch. Selbst in so harmlose Dinger wie die Navis ist der Teufel gefahren. Statt uns sicher und problemlos zum Ziel zu geleiten, führen sie uns mit einem Mal in die Irre, zeigen uns – hinterhältig, wie sie offenkundig sind – falsche Strecken an und verwickeln uns in brenzlige, ja lebensbedrohliche Situationen, die zuweilen sogar tödlich enden. So landen wir Ahnungslosen mit unserem Auto in einem See, in dem wir sehenden Auges versinken und jämmerlich ertrinken. Oder werden in irgendwelche, von Gott verlassene Landschaften gelotst und verdursten in brütender Hitze, weil kein Handy funktioniert. Und auf der Autobahn, überraschend gutgelaunt zu einem Ausflug unterwegs, zwingt uns urplötzlich deren ach so neutrale Stimme zum sofortigen Wenden und bläst uns das Licht aus – vom Blech einer Massenkarambolage zerquetscht. DEATH BY GPS!

    Was sollen wir tun? Die Navis einfach abzuschaffen, wäre die blanke Katastrophe. Denn ohne es recht zu bemerken, haben uns die scheinbar so harmlosen Dinger total abhängig gemacht und uns den Orientierungssinn aus dem Hirn geblasen – folglich wären wir auf der Stelle verloren. Auch der dreiste Vorschlag von Experten, man solle Navis nicht einfach aus Bequemlichkeit automatisch einschalten, bevor man losfährt, sondern erstmal einen Blick auf die Landkarte werfen, ist völlig idiotisch. Wer kann denn heutzutage noch Karten lesen?

    Eines aber stimmt uns hoffnungsfroh. Tesla heißt das Zauberwort – ab morgen fahren die Autos von allein.
    Und wir sind aus dem Schneider!

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 6 POKÉMON GO
    14. September 2016

    Wer gedacht hatte, die Bürger des Landes hätten sich für immer zuhause hinter ihren PCs verschanzt und partout keine Lust mehr, am öffentlichen Leben teilzunehmen, hat sich gewaltig getäuscht. Denn mit einem Mal drängen sie - zu Abermillionen, wie zu lesen ist - wieder auf die Straßen, so als hätten sie den ewigen Cyberspace gründlich satt und wieder richtig Lust aufs echte Leben draußen.

    Doch wer ihnen zufälligerweise über den Weg läuft, bemerkt rasch, dass der Schein trügt und wundert sich: Denn wie irregeleitet stolpern die Bürger durch den öffentlichen Raum, schauen nicht nach rechts oder links und scheinen keine Augen für ihre Umgebung zu haben. Stattdessen starren sie völlig besessen auf ihre Smartphones, die sie sich vors Gesicht halten, als suchten sie in ihnen nach etwas, das sich dem Blick des sie beobachtenden Zeitgenossen entzieht - Pokémon GO, des Rätsels krude Lösung.

    Eine Art Massenpsychose hat von den sonst so biederen, jetzt aber außer sich geratenen Bürgern Besitz ergriffen: GPS gesteuerte Opfer einer ausgekochten Unterhaltungsindustrie, der sie sich blindwütig unterwerfen, nur um endlich mal wieder etwas Spaß am sonst für sie so trist und leer gewordenen Leben zu haben. Und zwar in Form einer absurden Geisterjagd, draußen, auf freier Wildbahn gleichermaßen.

    Denn Pokémons, niedliche Fabelwesen der virtuellen Welt, sind unsichtbar und verdanken ihre Existenz einzig der Augmented Reality. Einer Technologie also, mithilfe derer die Tierchen auf dem Display der Spielwütigen ins reale Umfeld eingeblendet werden. So als würden sie tatsächlich Straßen, Plätze oder öffentliche Gebäude bevölkern. Bunt aufgemotzte Chimären einer zur imaginären Spielwelt erweiterten Wirklichkeit, die in den sonst so apathischen Bürgern auf einmal längst verschüttet geglaubte Jagdinstinkte erweckt, als streiften sie wie einst in grauer Vorzeit wieder durch die Savanne, um Beute zu machen und Nahrung zu finden. Der zum Idioten mutierte Bürger als Jäger und Sammler von Cybermonstern. Und praktisch blind für seine natürliche Umgebung - ein weiteres Indiz für die allseits zu beobachtende Regression des menschlichen Wesens: Die Evolution im fatalen Rückwärtslauf – die App von Nintendo macht’s möglich!

    Doch die mental Kastrierten haben Glück: werden die niedlichen Tierchen doch statt mit dem Speer oder Pfeil und Bogen durch fiktionale Ballwürfe zur Strecke gebracht. Mithilfe mehr oder weniger geschickter Wischbewegungen der Gamer über den Touchscreen, die - im Falle ihres Jagdglücks - mit Bonbons und Sternenstaub belohnt werden. Mit Sternenstaub wohlgemerkt – der blanke Hohn, wenn man bedenkt, dass selbst Gamer der kosmischen Materie ihr Leben zu verdanken haben. Ein Leben, von dem sich die im Cyberspace Gefangenen jedoch mehr und mehr entfernen - unfähig, ihr Leben auch wirklich zu leben.

    Kein Wunder also, dass man sich um die außer sich geratenen Bürger sorgen, ja um ihr Leben fürchten muss. Denn auf Pokémon-Hatz durch die Straßen unterwegs, haben sie alles um sich herum vergessen, ferngelenkt von ihren Smartphones wie Roboter.
    -   Auf Bahngleisen zum Beispiel, deren Streckenabschnitt gesperrt werden muss, um Schlimmeres zu verhüten.

    -   Auf Autobahnen, wo sie vom Höllenverkehr überrollt zu werden drohen wenn dieser nicht unverzüglich umgeleitet wird. 
    -   Auf Truppenübungsplätzen der Bundeswehr, während dort gerade Schießübungen mit scharfer Munition stattfinden und diese durch Platzpatronen ersetzt werden muss.
    -   Oder in Zoos, wo sie versehentlich in Tigergehege geraten und die wilden Tiere bereits die Zähne fletschen, bevor sie zubeißen.
    -   Aber noch nicht einmal beim Geschlechtsverkehr wollen die Gamer von ihrer Jagd ablassen und vergessen dabei zu verhüten – die Folgen haben sie selbst zu verantworten, da hilft ihnen keiner.
    -   Und wirklich übel kann es für sie ausgehen, wenn sie nächtens von ihrer Smartphone-App mithilfe sogenannter  Lockmodule in einsames Gelände gelockt werden und in einen Hinterhalt geraten. Dann ist es möglicherweise um sie geschehen.
    -   Das Allerschlimmste aber droht Kindern, die beim unschuldigen Spiel in die Hände fremder Mitspieler geraten. In den USA ist es bereits unter Aufsicht lebenden
    Sexualstraftätern strengstens untersagt, sich das Spiel herunterzuladen.

    Dennoch aber wird behauptet, dass Pokémon Go die mentale und physische Gesundheit von Gamern verbessert, die an Depression oder Sozialphobie leiden. Also heißt es laufen, laufen, laufen ... Das probateste Mittel, um Rückenschmerzen oder Übergewicht loszuwerden und letztlich sogar einem Herzinfarkt vorzubeugen, wie die Krankenkassen schwärmen „Es seien aber noch mehr klinische Studien notwendig, um definitiv sichere Rückschlüsse auf gesundheitliche Effekte (des Spiels) ziehen zu können“, ist zu lesen. Trotz allem aber gibt es unter der Hand schon Tipps für Gehfaule, das Handy einfach auf einen Staubsaugerroboter zu legen oder es an einem Haustier zu befestigen, wenn man sich auf virtuelle Jagd begeben will.

    Sozialer Sprengstoff jedoch birgt die Tatsache, dass Gamer aus sozialschwächeren Vierteln tolldreist in bessere Wohngegenden vordringen und die Unschuldigen dort in Bedrängnis bringen. In solchen Fällen wäre eine Zusatz-App der Gesichtserkennung dringend vonnöten. Für den Fall, dass Terroristen sich inkognito unter die Gamer mischen, und das Spiel weltweit verboten werden muss.

    Bevor das aber passiert, macht die Industrie noch schnell ihre Pokémon-Geschäftchen: In Japan kooperiert McDonald's bereits mit Nintendo. Denn vor jeder Filiale lockt ein sogenannter Pokéstop. So beweist das Spiel "eindrücklich, wie man heute mit wenig Aufwand große Kundenströme steuern kann", triumphiert das Unternehmen.

    Eine wirklich berückende Idee aber findet sich in einem Artikel der FAZ: Darin propagiert Adrian Lobe die Start-up App Bloom for Publishers. Sie zeige, „was Verlage von Pokémon Go lernen können“, schreibt der Journalist. „Sie bietet mobile Nachrichten vor Ort an. Das gibt Zeitungen die Chance, junge Leser zu erreichen. Einen Versuch wäre es wert, den Spielern analog zur Werbung personalisierte Nachrichten auf ihrem Smartphone zu schicken wenn sie vor einem historischen Gebäude oder einem Pokéestop stehen. Oder eine Meldung senden, was gerade um sie herum passiert“, steht da tatsächlich zu lesen. „Bloom hat die Idee in die Tat umgesetzt und einen Geolocation-Plugin für Verlage entwickelt“: Das ermögliche den Zeitungen, „genau festzuhalten, wo sich die Spieler gerade befinden – und dann werden die Geschichten (ganz einfach) zu ihnen gebracht.“ Es sei ein Pokémon Go für den Journalismus. „Die Nutzer können (nun) alles zu den verschiedenen Örtlichkeiten erfahren, was Zeitungen (ihnen) mitzuteilen haben. Denn die Leute sind sehr daran interessiert, was in ihrer Umgebung passiert. Eine große Chance, lokale Storys und Events näher an die Leser zu bringen.“ 
    Also los. Die Jagd auf die Pokémon-Jäger ist eröffnet. Weidmanns Heil!

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 5 Alte Bilder
    04. Februar 2016

    Die Hoffnung trog. Deutschland zeigt sein altes, schrecklich bekanntes Gesicht. Auf den Bühnen seiner Öffentlichkeit gelangen erneut die aberwitzigen Szenen eines sattsam bekannten Stücks zur Aufführung. Sein Titel lautet Deutschland in Angst und könnte – wie vormals schon – ein Lehrstück sein, das Zeitgenossen den Irrsinn vor Augen führt, der droht. Aber niemand schaut hin. Wen interessiert noch Realität.

    Stattdessen versetzt ein anderes Stück die Leute in Trance. Es ist eine Chimäre und findet jeden Abend in deutschen Wohnzimmern im TV statt. Oder rund um die Uhr im Netz. Ein Albtraum, der immer und immer wieder dieselben Sequenzen repetiert als sei das Leben draußen gestanzt und eine fatale Endlosschleife. Das Stück heißt Volk in Angst und bannt das Publikum. Präsentiert es ihm doch die Bilder seiner diffusen Angst und lässt sie gleichermaßen konkret und scheinbar lebendig werden. Dem Irrsinn im Kopf entsprechen die Bilder der Chimäre. Die Dinge zerflimmern, die Falle schnappt zu. Wahn, über all Wahn, hat Wagner seinen Sachs singen lassen. Dann wurde das Deutsche Reich gegründet. Keine guten Voraussetzungen.

    Das Land ist verrückt geworden. Diesen Eindruck wird man nicht los, wenn man das Geschehen aus der Ferne betrachtet – denk ich an Deutschland in der Nacht. Es herrschen nachgerade psychotische Verhältnisse: Abgründige, kaum zu bändigende Angst. Chaotisches Denken – Wahn und Paranoia. Von wegen Hysterie. Die ist längst der Gewalt gewichen. Was heißt hier wehret den Anfängen!

    In Wahrheit aber sind diese Exzesse nicht psychotischer Natur, sondern Ausgeburt eines kranken Geistes. Die des autoritären Charakters nämlich, den das deutsche Wesen –zumindest in seinen Residuen – bis heute nicht losgeworden ist: ein folgenschweres Erbe des 19. Jahrhunderts.

    Auch die Jüngeren scheinen davon betroffen, obwohl ihnen Geschichte abhanden gekommen ist: Göring wird 2017 am Dschungelcamp teilnehmen. Warum nicht? Und dennoch, auch die Nachfahren entkommen der Geschichte nicht und haben die Angst geerbt, die sich in den Körpern eingepanzert hat wie ein Angstgeschwür. Ein epigenetisches Phänomen. Oder angelsächsisch: German Angst. Von wegen Anpassungsdruck: Auch die Jugend kuscht.

    Der Versuch das Land des Terrors nach dem Zweiten Weltkrieg mit kapitalistischen Methoden zu befrieden, scheint fehlgeschlagen. Auch der Konsumismus konnte die deutsche Seele nicht besänftigen und ihr das autoritäre Wesen austreiben, an dem sie leidet. Die Minderwertigkeitsgefühle, die fatale Tendenz zur Selbsterhöhung machen es hochgefährlich. Und seine Untertänigkeit jedweder Autorität gegenüber und der fatale Hang, rassistischen Ideologien auf den Leim zu gehen, sogar unberechenbar. Dabei ist’s kein Wunder, dass auch der Kapitalismus daran nichts änderte, war der doch nie an Seelen interessiert. Seit je her sind ihm Seelen scheißegal.

    Der autoritäre Charakter ist ein Pulverfass. Und wahrlich kein Randphänomen der Gesellschaft, sondern eines der Mitte. Das macht ihn brandgefährlich. In Zeiten der Unordnung und Unübersichtlichkeit droht er rasch die Fassung zu verlieren, dreht durch und schreit nach Sicherheit. Vor allem dann, wenn er sich dem Fremden gegenüber sieht wie gegenwärtig. Seine Willkommenskultur war lediglich Attitüde, sie kam nicht von innen. Vielleicht war sie ein unbewusster Reflex auf den Holocaust – wir Deutsche können auch anders.

    Der Ruf nach Sicherheit verhallt. Und das zu Recht! Die Sicherheit, die eingefordert wird, ist nicht mehr zu haben. Warum sagt das niemand? Wer heute noch glaubt, die Erde gehöre ihm, wird nicht bestehen. Wer Festungen baut, wird darin verfaulen und an der eigenen Leere zugrunde gehen. Warum sagt das niemand?

    Und dennoch: Deutschland bewaffnet sich, wenn Autorität schlingert. Eh man sich’s versah, sind aus Flüchtlingen Eindringlinge geworden. Und die müssen bekämpft werden, wenn keiner hilft – Selbstverteidigungswahn, Bürgerwehr. Waffen. Krieg. Wir sind das Volk.

    Deutschland droht ein Bürgerkrieg, ist zu lesen. Blanker Euphemismus! Jeder Bürgerkrieg hat zumindest zwei Fronten zur Voraussetzung. Die aber scheint es gegenwärtig im Land nicht zu geben. Nur eine. Die Volksfront. Die Gegenkräfte haben sich in Luft aufgelöst. Selbst die Intellektuellen haben uns verlassen – nur Sloterdijks und Prechts sind uns geblieben. Der Totalitarismus steht im Raum. Wieder einmal. Für viele die konsequente Alternative, wie’s scheint.

    Am Besten die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues sagt Brecht. Besser wäre es, das Volk könnte seine Ängste zügeln, die es zu Monstern macht. Am allerbesten aber wäre es das Volk bekäme endlich Angst vor sich selbst und würde innehalten – notgedrungen.

    Das Ende der Diskursivität scheint gekommen.
    Von wegen Massenkommunikation. 
    Ab morgen werde ich Idiot!

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  • ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 5
    02. November 2015

    „Um Gottes willen ...!“
    „Was ist?“, brummt der Roboter entkräftet. Tief gebückt stapft er durch den Wüstensand.
     „Wir haben uns verlaufen!“
    „Wieso?“
    Schwerfällig bleibt der Roboter stehen und glotzt verunsichert in die Gegend.
    „Und, was sagst du jetzt? Du hast den falschen Weg eingeschlagen, verdammt!“
    „Unmöglich. Bin stur geradeaus gelaufen. Wir müssten eigentlich schon längst da sein!“
    „Von wegen!“, erwidert die Tüte aufgebracht. „Ich seh’ keine Stadt. Vielleicht bist du ja im Kreis gelaufen? Mit GPS wäre dir das nicht passiert!“

    Mühsam dreht sich der Roboter nach allen Seiten hin um. Das dauert - der Sand knirscht schon im Getriebe. „Verflucht!“, entfährt es im schließlich. Ungläubig sinkt er zu Boden.
    „Vorsicht!“, ruft die Tüte ängstlich. „Du zerquetschst mich noch!“
    „Hab dich nicht so. Ist doch gar nichts passiert!“
    „Glücklicherweise! ... Und jetzt?“
    „Keine Ahnung!“, erwidert der Roboter einsilbig.
    „Keine Ahnung sagt die Maschine, ich fass es nicht!", fährt die Tüte auf. Und das in einem Ton, als wär’s ihr völlig egal. Dachte du bist mit Emotionen gefüttert? Die Stadt hat sich in Luft aufgelöst, scheint dich aber nicht weiter zu kümmern!“
     „Muss ne Fata Morgana gewesen sein!“, brummt der Roboter resigniert und schaut ratlos in die flirrende Hitze.
    „Ne Fata Morgana ...?“

    Die Tüte lacht höhnisch auf. „Der Blechhaufen ist einer optischen Täuschung auf den Leim gegangen, das darf doch nicht wahr sein. Das kommt davon, wenn man künstlich ist und in einer virtuellen Welt lebt. Wie soll man da zwischen real und irreal unterscheiden können. Du hast eben nichts als Scheiße im Kopf!“ Die Tüte schluckt. „Wir sind verloren - ich bring mich um!“

    Eine Zeitlang herrscht Schweigen.
    Verstohlen linst die Tüte zum Roboter hoch. Seine laserstrahlartigen Augen sind nur noch der matte Abglanz ihrer selbst. Es scheint zu Ende zu gehen mit ihm. Und mit ihr auch, wenn sie nicht aufpasst. Unterm Arsch brennt der glühend heiße Sand. Sie droht zu zerschmelzen.
    „So steh doch auf und lass uns bitte weiter“, fleht sie den Roboter panisch an. Der aber scheint nicht zu hören und reagiert nicht.

    Die Tüte beginnt zu beten.
    „Was machst du, verdammt?“ Verwirrt schaut der Roboter zur Tüte hinunter.
    „Ich bete.“
    „Du betest? Ich glaub ich spinne. Zu wem denn bitte, wenn ich fragen darf?“
    „Das ist doch völlig gleichgültig!“, entrüstet sich die Tüte. „Soll helfen – besonders in auswegloser Situation. Hab ich von einem Geistlichen gelernt, dem ich mal behilflich war, sein Gebetbuch zu transportieren. Wenn dir nichts mehr bleibt, dann bete, hat der einem Todkranken empfohlen und ihm die letzte Ölung erteilt. Ich war Augenzeuge!“
    „Wird ja immer schöner!“, stöhnt der Roboter auf. „Eine Tüte bei der letzten Ölung, das ich nicht lache. Betest wohl zu deinem Gott Öl?“
    „Wie?“ Konsterniert hält die Tüte inne und denkt nach.
    „Hey, du stammst doch vom Öl ab. Weißt du das etwa nicht? ... Aber Moment mal, was ist das für ein Geräusch?“
    Die Tüte lauscht. „Ich hör nichts!“, sagt sie verstört. „Fängst du jetzt etwa auch noch an zu halluzinieren?“

    Mit letzter Kraft richtet sich der Roboter auf und schaut ins Weite. „Da, das Meer!“, brummt er und deutet mit dem Arm, an dem die Tüte hängt, ins Ungefähre.
    Die Tüte schrickt auf. „Mein Gott, ja!“, ruft sie euphorisch.  „Das Meer! Wenn das nicht mal ein Zeichen ist?“
    „Wieso?“
    „Nun ja. Vielleicht ist es ja der einzige Ausweg, der mir bleibt?“
    „Ach so?“, brummt der Roboter und scheint nicht zu verstehen.
    „Bring mich rüber ans Ufer. Ich bitte dich!“, wimmert die Tüte herzerweichend.
    „Was willst du da?“
    „Zu meinen Brüdern und Schwestern will ich. Das ist der letzte Wunsch, den ich hab!“
    „Dein letzter Wunsch?“

    Die Tüte zögert und redet um den heißen Brei herum: „Mein Gott, wie soll ich’s sagen? Dir geht’s doch nicht so gut. Und bald hast du vielleicht auch nicht mehr die Kraft, mich da rüber zu bringen, wer weiß?“
    „Ja, ja, verstehe!“ pfeift der Roboter aus dem letzten Loch, rappelt sich schwerfällig auf und setzt sich Richtung Meeresstrand durch den Sand schlürfend in Bewegung.
    „Wie lieb von dir!“, raunt die Tüte.
    „Keine Ursache!“, röchelt der Roboter. „Im Plastikmeer wird wenigstens einer von uns beiden überleben!“
    „Wie tapfer du bist in deiner letzten Stunde!“, sagt die Tüte leise. „Ich hasse Abschiede, musst du wissen!“

    „Ich auch!“, brummt der Roboter, dem kaum dass er den Strand erreicht hat die Kräfte versagen. Ächzend geht er zu Boden und schiebt die Tüte so weit er kann ins Wasser hinein.
    „Machs gut, meine Liebe“, brummt er kaum vernehmbar, setzt sich unbeholfen auf und sieht der Tüte nach, die sich allmählich auf den Wellen tanzend von ihm entfernt. Die Strömung ist günstig - bald schon schwimmt sie weit draußen im Meer. 

    Ein letztes Mal blickt sie sich um.
    In der Ferne sieht sie den Roboter im Sand sitzen. Er winkt ihr mit einem Arm langsam zu.
    GOODBYE JOHNY!“, glaubt sie ihn singen zu hören. Wahrscheinlich den einzigen Abschiedssong, den er gespeichert hat. Dann bleibt der Arm ruckartig stehen und die Maschine erstarrt.

    ENDE

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