• TEXTE
    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 5 (Alte Bilder)
    04. Februar 2016

    Die Hoffnung trog. Deutschland zeigt sein altes, schrecklich bekanntes Gesicht. Auf den Bühnen seiner Öffentlichkeit gelangen erneut die aberwitzigen Szenen eines sattsam bekannten Stücks zur Aufführung. Sein Titel lautet Deutschland in Angst und könnte – wie vormals schon – ein Lehrstück sein, das Zeitgenossen den Irrsinn vor Augen führt, der droht. Aber niemand schaut hin. Wen interessiert noch Realität.

    Stattdessen versetzt ein anderes Stück die Leute in Trance. Es ist eine Chimäre und findet jeden Abend in deutschen Wohnzimmern im TV statt. Oder rund um die Uhr im Netz. Ein Albtraum, der immer und immer wieder dieselben Sequenzen repetiert als sei das Leben draußen gestanzt und eine fatale Endlosschleife. Das Stück heißt Volk in Angst und bannt das Publikum. Präsentiert es ihm doch die Bilder seiner diffusen Angst und lässt sie gleichermaßen konkret und scheinbar lebendig werden. Dem Irrsinn im Kopf entsprechen die Bilder der Chimäre. Die Dinge zerflimmern, die Falle schnappt zu. Wahn, über all Wahn, hat Wagner seinen Sachs singen lassen. Dann wurde das Deutsche Reich gegründet. Keine guten Voraussetzungen.

    Das Land ist verrückt geworden. Diesen Eindruck wird man nicht los, wenn man das Geschehen aus der Ferne betrachtet – denk ich an Deutschland in der Nacht. Es herrschen nachgerade psychotische Verhältnisse: Abgründige, kaum zu bändigende Angst. Chaotisches Denken – Wahn und Paranoia. Von wegen Hysterie. Die ist längst der Gewalt gewichen. Was heißt hier wehret den Anfängen!

    In Wahrheit aber sind diese Exzesse nicht psychotischer Natur, sondern Ausgeburt eines kranken Geistes. Die des autoritären Charakters nämlich, den das deutsche Wesen –zumindest in seinen Residuen – bis heute nicht losgeworden ist: ein folgenschweres Erbe des 19. Jahrhunderts.

    Auch die Jüngeren scheinen davon betroffen, obwohl ihnen Geschichte abhanden gekommen ist: Göring wird 2017 am Dschungelcamp teilnehmen. Warum nicht? Und dennoch, auch die Nachfahren entkommen der Geschichte nicht und haben die Angst geerbt, die sich in den Körpern eingepanzert hat wie ein Angstgeschwür. Ein epigenetisches Phänomen. Oder angelsächsisch: German Angst. Von wegen Anpassungsdruck: Auch die Jugend kuscht.

    Der Versuch das Land des Terrors nach dem Zweiten Weltkrieg mit kapitalistischen Methoden zu befrieden, scheint fehlgeschlagen. Auch der Konsumismus konnte die deutsche Seele nicht besänftigen und ihr das autoritäre Wesen austreiben, an dem sie leidet. Die Minderwertigkeitsgefühle, die fatale Tendenz zur Selbsterhöhung machen es hochgefährlich. Und seine Untertänigkeit jedweder Autorität gegenüber und der fatale Hang, rassistischen Ideologien auf den Leim zu gehen, sogar unberechenbar. Dabei ist’s kein Wunder, dass auch der Kapitalismus daran nichts änderte, war der doch nie an Seelen interessiert. Seit je her sind ihm Seelen scheißegal.

    Der autoritäre Charakter ist ein Pulverfass. Und wahrlich kein Randphänomen der Gesellschaft, sondern eines der Mitte. Das macht ihn brandgefährlich. In Zeiten der Unordnung und Unübersichtlichkeit droht er rasch die Fassung zu verlieren, dreht durch und schreit nach Sicherheit. Vor allem dann, wenn er sich dem Fremden gegenüber sieht wie gegenwärtig. Seine Willkommenskultur war lediglich Attitüde, sie kam nicht von innen. Vielleicht war sie ein unbewusster Reflex auf den Holocaust – wir Deutsche können auch anders.

    Der Ruf nach Sicherheit verhallt. Und das zu Recht! Die Sicherheit, die eingefordert wird, ist nicht mehr zu haben. Warum sagt das niemand? Wer heute noch glaubt, die Erde gehöre ihm, wird nicht bestehen. Wer Festungen baut, wird darin verfaulen und an der eigenen Leere zugrunde gehen. Warum sagt das niemand?

    Und dennoch: Deutschland bewaffnet sich, wenn Autorität schlingert. Eh man sich’s versah, sind aus Flüchtlingen Eindringlinge geworden. Und die müssen bekämpft werden, wenn keiner hilft – Selbstverteidigungswahn, Bürgerwehr. Waffen. Krieg. Wir sind das Volk.

    Deutschland droht ein Bürgerkrieg, ist zu lesen. Blanker Euphemismus! Jeder Bürgerkrieg hat zumindest zwei Fronten zur Voraussetzung. Die aber scheint es gegenwärtig im Land nicht zu geben. Nur eine. Die Volksfront. Die Gegenkräfte haben sich in Luft aufgelöst. Selbst die Intellektuellen haben uns verlassen – nur Sloterdijks und Prechts sind uns geblieben. Der Totalitarismus steht im Raum. Wieder einmal. Für viele die konsequente Alternative, wie’s scheint.

    Am Besten die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues sagt Brecht. Besser wäre es, das Volk könnte seine Ängste zügeln, die es zu Monstern macht. Am allerbesten aber wäre es das Volk bekäme endlich Angst vor sich selbst und würde innehalten – notgedrungen.

    Das Ende der Diskursivität scheint gekommen.
    Von wegen Massenkommunikation. 
    Ab morgen werde ich Idiot!

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  • ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE/ 5
    02. November 2015

    „Um Gottes willen ...!“
    „Was ist?“, brummt der Roboter entkräftet. Tief gebückt stapft er durch den Wüstensand.
     „Wir haben uns verlaufen!“
    „Wieso?“
    Schwerfällig bleibt der Roboter stehen und glotzt verunsichert in die Gegend.
    „Und, was sagst du jetzt? Du hast den falschen Weg eingeschlagen, verdammt!“
    „Unmöglich. Bin stur geradeaus gelaufen. Wir müssten eigentlich schon längst da sein!“
    „Von wegen!“, erwidert die Tüte aufgebracht. „Ich seh’ keine Stadt. Vielleicht bist du ja im Kreis gelaufen? Mit GPS wäre dir das nicht passiert!“

    Mühsam dreht sich der Roboter nach allen Seiten hin um. Das dauert - der Sand knirscht schon im Getriebe. „Verflucht!“, entfährt es im schließlich. Ungläubig sinkt er zu Boden.
    „Vorsicht!“, ruft die Tüte ängstlich. „Du zerquetschst mich noch!“
    „Hab dich nicht so. Ist doch gar nichts passiert!“
    „Glücklicherweise! ... Und jetzt?“
    „Keine Ahnung!“, erwidert der Roboter einsilbig.
    „Keine Ahnung sagt die Maschine, ich fass es nicht!", fährt die Tüte auf. Und das in einem Ton, als wär’s ihr völlig egal. Dachte du bist mit Emotionen gefüttert? Die Stadt hat sich in Luft aufgelöst, scheint dich aber nicht weiter zu kümmern!“
     „Muss ne Fata Morgana gewesen sein!“, brummt der Roboter resigniert und schaut ratlos in die flirrende Hitze.
    „Ne Fata Morgana ...?“

    Die Tüte lacht höhnisch auf. „Der Blechhaufen ist einer optischen Täuschung auf den Leim gegangen, das darf doch nicht wahr sein. Das kommt davon, wenn man künstlich ist und in einer virtuellen Welt lebt. Wie soll man da zwischen real und irreal unterscheiden können. Du hast eben nichts als Scheiße im Kopf!“ Die Tüte schluckt. „Wir sind verloren - ich bring mich um!“

    Eine Zeitlang herrscht Schweigen.
    Verstohlen linst die Tüte zum Roboter hoch. Seine laserstrahlartigen Augen sind nur noch der matte Abglanz ihrer selbst. Es scheint zu Ende zu gehen mit ihm. Und mit ihr auch, wenn sie nicht aufpasst. Unterm Arsch brennt der glühend heiße Sand. Sie droht zu zerschmelzen.
    „So steh doch auf und lass uns bitte weiter“, fleht sie den Roboter panisch an. Der aber scheint nicht zu hören und reagiert nicht.

    Die Tüte beginnt zu beten.
    „Was machst du, verdammt?“ Verwirrt schaut der Roboter zur Tüte hinunter.
    „Ich bete.“
    „Du betest? Ich glaub ich spinne. Zu wem denn bitte, wenn ich fragen darf?“
    „Das ist doch völlig gleichgültig!“, entrüstet sich die Tüte. „Soll helfen – besonders in auswegloser Situation. Hab ich von einem Geistlichen gelernt, dem ich mal behilflich war, sein Gebetbuch zu transportieren. Wenn dir nichts mehr bleibt, dann bete, hat der einem Todkranken empfohlen und ihm die letzte Ölung erteilt. Ich war Augenzeuge!“
    „Wird ja immer schöner!“, stöhnt der Roboter auf. „Eine Tüte bei der letzten Ölung, das ich nicht lache. Betest wohl zu deinem Gott Öl?“
    „Wie?“ Konsterniert hält die Tüte inne und denkt nach.
    „Hey, du stammst doch vom Öl ab. Weißt du das etwa nicht? ... Aber Moment mal, was ist das für ein Geräusch?“
    Die Tüte lauscht. „Ich hör nichts!“, sagt sie verstört. „Fängst du jetzt etwa auch noch an zu halluzinieren?“

    Mit letzter Kraft richtet sich der Roboter auf und schaut ins Weite. „Da, das Meer!“, brummt er und deutet mit dem Arm, an dem die Tüte hängt, ins Ungefähre.
    Die Tüte schrickt auf. „Mein Gott, ja!“, ruft sie euphorisch.  „Das Meer! Wenn das nicht mal ein Zeichen ist?“
    „Wieso?“
    „Nun ja. Vielleicht ist es ja der einzige Ausweg, der mir bleibt?“
    „Ach so?“, brummt der Roboter und scheint nicht zu verstehen.
    „Bring mich rüber ans Ufer. Ich bitte dich!“, wimmert die Tüte herzerweichend.
    „Was willst du da?“
    „Zu meinen Brüdern und Schwestern will ich. Das ist der letzte Wunsch, den ich hab!“
    „Dein letzter Wunsch?“

    Die Tüte zögert und redet um den heißen Brei herum: „Mein Gott, wie soll ich’s sagen? Dir geht’s doch nicht so gut. Und bald hast du vielleicht auch nicht mehr die Kraft, mich da rüber zu bringen, wer weiß?“
    „Ja, ja, verstehe!“ pfeift der Roboter aus dem letzten Loch, rappelt sich schwerfällig auf und setzt sich Richtung Meeresstrand durch den Sand schlürfend in Bewegung.
    „Wie lieb von dir!“, raunt die Tüte.
    „Keine Ursache!“, röchelt der Roboter. „Im Plastikmeer wird wenigstens einer von uns beiden überleben!“
    „Wie tapfer du bist in deiner letzten Stunde!“, sagt die Tüte leise. „Ich hasse Abschiede, musst du wissen!“

    „Ich auch!“, brummt der Roboter, dem kaum dass er den Strand erreicht hat die Kräfte versagen. Ächzend geht er zu Boden und schiebt die Tüte so weit er kann ins Wasser hinein.
    „Machs gut, meine Liebe“, brummt er kaum vernehmbar, setzt sich unbeholfen auf und sieht der Tüte nach, die sich allmählich auf den Wellen tanzend von ihm entfernt. Die Strömung ist günstig - bald schon schwimmt sie weit draußen im Meer. 

    Ein letztes Mal blickt sie sich um.
    In der Ferne sieht sie den Roboter im Sand sitzen. Er winkt ihr mit einem Arm langsam zu.
    GOODBYE JOHNY!“, glaubt sie ihn singen zu hören. Wahrscheinlich den einzigen Abschiedssong, den er gespeichert hat. Dann bleibt der Arm ruckartig stehen und die Maschine erstarrt.

    ENDE

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  • ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 4
    16. Oktober 2015

    Die Tüte erwacht. Aus einem furchtbaren Traum: Schier ewig war sie dahingewirbelt, über endlose Weiten hinweg. Ohne zu wissen, warum – kein Lüftchen regte sich. Noch völlig benommen stöhnt sie auf.
    „Was ist?“
    Mein Gott, der Roboter! Schlagartig findet die Tüte in die Realität zurück. „Ach nichts!“, murmelt sie gedankenverloren. „Wo sind wir?“
    Abrupt bleibt der Roboter stehen.
    „In der Wüste!“
    „In der Wüste?“, erwidert die Tüte schlaftrunken. Sie glaubt sich verhört zu haben.
    „In der Wüste!“, konstatiert der Roboter lapidar. „Schon seit drei Tagen. Du hast tief und fest geschlafen. Gab keinen Grund, dich aufzuwecken.“
    „Na hör mal!“, ruft die Tüte empört und blinzelt angespannt in die Gegend. „Tatsächlich!“, entfährt es ihr. „Nur Sand soweit das Auge reicht. Aber, verdammt, was machen wir hier? Warum sind wir nicht in der Stadt geblieben?“
    „Ging nicht.“
    „Warum nicht?“
    „Muss mir neue Batterien besorgen. Hab dort keine aufgetrieben. Sind Spezialbatterien, musst du wissen. Die gibt’s in keinem Laden.“
    „Du brauchst Batterien?“
    Fassungslos schaut die Tüte zum Roboter auf.
    „Lauf schon auf Notstromaggregat, viel Zeit bleibt uns nicht!“
    „Notstrom? Das darf doch nicht wahr sein!“, ruft die Tüte entrüstet und starrt ratlos in einen wolkenlosen Himmel von dem eine aufgeblähte Sonne gnadenlos herunterbrennt. „Na, das kann ja heiter werden“, frozzelt sie. „Notstrom in der Not!“
    „Du musst grad reden!“, brummt der Roboter verärgert. „Liegst entweder zerknittert oder, wenn’s hochkommt, gefaltet in der Ecke rum, und hängst ansonsten den Leuten am Arm! Aber die Dame kann sich solche Reden ja erlauben, schließlich ist sie unverwüstlich und wird tausende Jahre alt. Aber wofür, wenn ich fragen darf? Da ist mir das bisschen Elektrizität am Arsche lieber. Die verschafft wenigstens Spielraum.“

    Die Tüte schweigt. „In welcher Wüste sind wir eigentlich“, fragt sie nach einer Weile betont freundlich. Schließlich will sie den Roboter nicht vergrätzen.

    „Keine Ahnung!“, sagt der Roboter einsilbig und trottet weiter. Der Sand knirscht unter seinen Füssen.
    „Wie, du weißt das nicht?“ Die Tüte versucht sich im Zaum zu halten. „Das ist aber seltsam“, fügt sie kleinlaut hinzu.
    „Meine Orientierung ist ausgefallen.“
    „Was heißt das?“ Der Tüte wird mulmig.
    „Ohne GPS hab ich keine Ortung. Das System ist out of order. Keine Ahnung, warum?“
    „Du bist abhängig vom GPS?“ Die Tüte schluckt. „Dachte du bist perfekt vernetzt. Als Maschine hat man so was doch drauf. Du bist doch hoffentlich nicht von vorgestern. Mann, das könnte gefährlich werden, hörst du! Für uns beide wohlgemerkt. Schließlich bin ich abhängig von dir. Ist ja kein Mensch mehr da, wie du sagst ...“
    Die Tüte kneift die Augen zusammen, sie hat Angst vor der Antwort.
    „So ist es. Aber wir schaffen das schon.“
    „Sagst du!“
    „Irgendwie werden wir durchkommen, glaub mir.“

    Die Tüte verstummt und schielt trübsinnig in die Wüstenei. Nichts als ein verdammter Roboter ist ihr geblieben. Eine offenbar vorsintflutliche Maschine. Ohnmächtig vor Verzweiflung schluchzt sie auf. 


    „Das darf doch nicht wahr sein!“, hört sie auf einmal den Roboter. „Da, dort drüben, siehst du?“

    Neugierig blickt sich die Tüte um und erstarrt: „Eine Megacity, mitten in der Wüste!“, entfährt es ihr argwöhnisch, als sie die imposante Silhouette bemerkt, die in der Ferne verheißungsvoll zu ihr herüber flirrt.

    „Gerettet!“, brummt der Roboter und zwinkert der Tüte hoffnungsfroh zu. „Glück im Unglück – dort finden wir sicher was wir suchen!“
    „Schutz und Halt!“, raunt die Tüte traumverloren.
    „Und Batterien. Wenn nicht dort, wo sonst.“

    „Überstürzt hastet der Roboter los.

    Die Tüte fliegt im Wind.
    Nie hat sie sich leichter gefühlt.
    Sie ist glücklich.

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  • ERZÄHL-UNGEN
    Von Plastiktüten und Anderen
    DIE PLASTIKTÜTE / 3
    08. September 2015

    „Hallo!“
    Hallo? Die Tüte erzittert: Hat da jemand Hallo gesagt, eine angenehm sonore Stimme, so einfühlsam und beruhigend wie die eines Therapeuten?

    Langsam findet die Tüte in die Realität zurück und schielt vorsichtig und noch leicht benommen nach dem fremdartigen Wesen, das sie noch immer hoch erhoben in der Luft hält und skeptisch zu betrachten scheint, als hätte es noch nie eine Tüte gesehen. Ja, richtig, jetzt kann sie auch dessen Augen erkennen. Oder so was Ähnliches zumindest: Zwei hell aufleuchtende rote Pupillenknöpfe, die sie hinter dunkel getöntem Glas eindringlich fixieren wie durch eine übergroße Skibrille hindurch. Die Tüte stutzt verwundert, einen richtigen Kopf aber hat das absonderliche Wesen nicht. Stattdessen einen kreisrunden Metallzylinder ohne Nase und Mund, der im Mondlicht so geheimnisvoll aufschimmert als gehöre er einem Alien. Konsterniert blickt sich die Tüte um. Wer bloß hat da gerade Hallo gesagt? Aber da ist niemand, die nächtliche Stadt ist menschenleer. Die Tüte kriegt es mit der Angst zu tun, aber nimmt sich ein Herz.

    „Hallo!“, sagt sie mit zitternder Stimme und äugt verunsichert auf die untere Stelle des mächtigen Zylinders, wo eigentlich der Mund sitzen müsste, wenn drüber schon Augen sind. „Hallo!“, erwidert das Ding stoisch. „Keine Angst, ich bin ein Roboter. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
    „Eine Tüte, wenn’s recht ist!“, erwidert sie echauffiert und wundert sich nicht mehr: Maschinen haben keinen Mund.
    „Eine Tüte. Richtig“, räsoniert der Roboter. „Aber eine ganz besondere, nicht wahr?“
    „Kann man so sagen, wenn man sich auskennt in der Welt“, antwortet die Tüte sichtlich erleichtert. Ihr Stolz kehrt zurück.
    „Praktisch durchsichtig und ohne jegliche Werbung drauf“, konstatiert der Roboter erstaunt. „Wie kann man da eigentlich wissen, dass man eine Tüte ist?“

    Die Tüte zögert und versucht ein Lächeln, obwohl sie in Wahrheit furchtbar beleidigt ist. Und als sie beiläufig zur Seite blickt entdeckt sie auf einmal den glänzenden Metallarm des Roboters der sie neugierig ins Mondlicht hält während die Laserstrahlen des Geräts sie von oben bis unten taxieren, als sei sie ein Kunstobjekt von Duchamps. Die Tüte kommt sich vor, wie in einem bösen Traum. Ein Roboter hat sie gekidnappt. Aber so schnell gibt sie nicht auf und hält gegen.

    „Sie sind sicher auch von der interaktiven Sorte, wenn ich das mal unterstellen darf?“, sagt sie säuerlich die Maschine frech herausfordernd.
    „Nun, interaktiv würde ich mich nicht nennen, meine Liebe“, erwidert der Roboter mit unverhohlenem Lachen in der Stimme. „Ich bin eher selbstständig und kümmere mich lieber um mich selbst, statt mich wie Sie so durch die Gegend tragen zu lassen. Was, bitte, soll an einer Tüte schon interaktiv sein? Tüten sind doch eher passiver Couleur, soweit ich unterrichtet bin. Aber belehren Sie mich eines Besseren, man lernt ja nie aus.“
    „Na hören Sie mal, was reden sie so despektierlich daher. Ich verabscheue Passivität. Halten Sie mich etwa für masochistisch?“
    „Aber nein, wo denken Sie hin? Sie haben mich falsch verstanden!“, lenkt der Roboter ein.
    „Na also, dann ist es ja gut“, fährt die Tüte ihm ungeduldig ins Wort. „Ich ertrage nämlich nur taktvolle Persönlichkeiten, müssen Sie wissen. Nur solche also, die mich als Gegenüber wirklich zu achten in der Lage sind und durchaus wissen, was sie an mir haben. So gewinnen sie meine uneingeschränkte Solidarität, der ich zum Beispiel dann Ausdruck verleihe, wenn ich den mir anvertrauten Inhalt in verblüffender Weise ganz entspannt erglänzen lasse, als sei er eine äußerst seltene Kostbarkeit. Das wertet meinen Partner auf und gibt mir selbst ein wunderbares Gefühl der Selbstachtung. Wenn das nicht mal Ausdruck meiner Interaktionsfähigkeit ist, will ich keine Tüte sein, mein Lieber! Ich lasse mich nicht mit jedwedem ein, nur dass das schon mal klar ist zwischen uns. Für Sklavendienste bin ich nicht zu haben.“

    Der Roboter lacht amüsiert auf. „Nun geben Sie mal nicht so an, Werteste. Das ist doch reine Ideologie, ja krude Verschleierungstaktik wie Sie daherreden. Sie und interaktiv, dass ich nicht lache. Wie wollen Sie denn mit ihren sogenannten Partnern auf Augenhöhe kommunizieren? Haben Sie etwa Minderwertigkeitsgefühle, nur weil sie eine Tüte sind?“

    Die Tüte könnte aus der Haut fahren. „Wie kommen Sie denn da drauf, seh’ ich etwa so aus?“
    „Nein, nein“, erwidert die Maschine überraschend kleinlaut. „Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
    „Na, Sie legen ja ganz schön los, mein Lieber, wo wir uns doch noch kaum kennen. Sie sind doch nur eine Maschine, soweit ich das beurteilen kann. Woher dann dieser Übermut und diese nachgerade penetrante Selbstüberschätzung? Könnten Sie mich bitte mal etwas weiter von sich weg halten, sodass ich Sie ganz auf mich wirken lassen kann.“
    „Aber selbstverständlich, meine Liebe. Schauen Sie mich an, ich war einst der letzte Schrei. Bin nämlich nicht nur mit Emotionen ausgestattet, sondern auch mit ultimativem Bewusstsein – eine ganzheitliche Persönlichkeit also mit starkem Willen. Voilà!“
    „Wollen Sie mir damit etwa sagen ich hätte keinen?“, hakt die Tüte verunsichert nach.
    „Nun ja, Arme und Beine fehlen. Da reicht der Willensausdruck allein nicht aus", bemerkt der Roboter harsch. "Da braucht es schon Körperteile, um ihn auch umzusetzen und wirklich zur Tat werden zu lassen!“

    „Ach lassen wir das verdammte Philosophieren“, fährt die Tüte enerviert auf. „Was ist hier in der Stadt eigentlich los? Ist ja kein Schwein unterwegs. Haben Sie eine Ahnung, warum?“ „Nun, wie soll ich’s sagen“, murmelt die Maschine zögerlich und verstummt.
    „Nun? So sagen Sie schon, Mann! So schlimm kann es doch nicht sein. Gibt sicher gerade ein Champions-League-Finale im TV!“
    „Von wegen!“, sagt der Roboter leise. „Die Menschen sind weg! Aber bitte keine Panik jetzt, das fehlt mir gerade noch, wo’s endlich ruhig ist.“

    Noch eh sich’s die Tüte versieht, wird sie liebevoll in die Arme genommen und sachte hin und her geschaukelt wie ein kleines Kind. „Keine Angst, Werteste. Ich werd' Sie schon nicht irgendwo liegen und zum Spielball der Elemente verkommen lassen“ raunt der Roboter und beugt sich besorgt zu ihr herunter. Vor Erschöpfung fallen der Tüte die Augen zu. Sie fühlt sich geborgen.

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