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    LULLABY
    DREI NACHRICHTEN DER LETZTEN WOCHE
    12. November 2018

    DER SAND WIRD KNAPP. MITTLERWEILE SIND DIE QUARZKÖRNCHEN GLEICH NACH DEM WASSER DER AM MEISTEN KONSUMIERTE ROHSTOFF. UND DER STECKT NICHT NUR IN GEBÄUDEN, SONDERN QUASI IN ALLEM: IN GLAS. ASPHALT. KOSMETIKA. ZAHNPASTA. MIKROCHIPS. AUTOS. FLUGZEUGEN. UND, WAS DAS ALLERWICHTIGSTE IST, AUCH IN SMARTPHONE-DISPLAYS. IN JAMAIKA VERSCHWAND 2008 DER 400 METER LANGE STRAND VON CORAL SPRING SPURLOS ÜBER NACHT. UNBEKANNTE TÄTER HATTEN IHN ABTRANSPORTIERT – 500 LKW-LADUNGEN MEERESSAND. GEFASST WURDEN SIE NIE. „SAND IST DER MEGASTAR UNSERES INDUSTRIELLEN UND ELEKTRONISCHEN ZEITALTERS“, SAGT DIE ETH ZÜRICH.

    40 PROZENT DER DEUTSCHEN KÖNNEN SICH EIN AUTORITÄRES REGIME VORSTELLEN. DAS LAND SEI ÜBERFREMDET UND EINE DIKTATUR KEINE SCHLECHTE IDEE.

    TIM BERNERS-LEE, DER VATER DES WORLD WIDE WEB, SIEHT SEINE ERFINDUNG IN DIE KNIE GEHEN. SIE SOLLTE EIGENTLICH EIN VEHIKEL FÜR VÖLKERVERSTÄNDIGUNG SEIN UND DER VERBREITUNG VON WISSEN UND DEMOKRATIE DIENEN. JETZT ABER WÜRDE SIE VON DEN USERN MIT IHREM DRECK KAPUTT GEMACHT. ZUDEM WOLLTEN DIESE OFFENBAR NICHT WAHRHABEN, DASS SIE FAKTISCH MANIPULIERT, ÜBERWACHT UND DURCH DAS ABGREIFEN IHRER DATEN AUSGEBEUTET WÜRDEN. EINE HANDVOLL GLOBALER KONZERNE MONOPOLISIERTEN DAS NETZ, ES WÜRDE ALS GELD- UND MACHTMASCHINE MISSBRAUCHT.

    LIEST MAN DIESE NACHRICHTEN HINTEREINANDER WEG UND LÄSST SIE IN GEDANKEN ZU EINEM BILD WERDEN, MERKT MAN AUF EINMAL, DASS SIE AUF GAR NICHT SO VERTRACKTE ART UND WEISE LETZTLICH ZUSAMMENGEHÖREN, WAS MAN AUF DEN ERSTEN BLICK SO NICHT VERMUTET HÄTTE.

    DER MENSCH IST AUS DER SPUR GERATEN. SEINE EXISTENZ IST AUF SAND GEBAUT. ER TRAUT SICH UND ANDEREN NICHT MEHR ÜBERN WEG. RATLOS HOCKT ER EINSAM ZUHAUSE VORM PC UND ZIEHT SICH NATURFILME REIN WÄHREND DRAUSSEN DAS WETTER VERRÜCKTSPIELT.

    SEIN HERZ HAT ER AN DEN KONSUM VERLOREN, DA WEISS ER WENIGSTENS NOCH FÜR SEKUNDEN, WORAN ER IST. SEIN DENKVERMÖGEN KNICKT EIN UND DIE SEELE MACHT SCHLAPP – MENTALES BURN-OUT. ABER ER HAT JA SEINE DIGITALEN ASSISTENTEN, DIE IHN ÜBER DIE RUNDEN RETTEN. DEN SAND IM GETRIEBE SPÜRT ER NICHT.

    DAS LEBEN IST HART. DIE DINGE HABEN IHR WESEN VERLOREN. DIE EREIGNISSE ÜBERSCHLAGEN SICH. KEINER WEISS RAT. WOHIN, UM GOTTES WILLEN?

    FREIWILLIG ZIEHT DER VERZWEIFELTE DEN SCHWANZ EIN, RETTET SICH IN DEN LIFESTYLE ODER WÜNSCHT SICH DIE DIKTATUR HERBEI. ZUSEHENDS VERLIERT ER DEN BODEN UNTER DEN FÜSSEN UND MACHT DABEI AUCH NOCH SEINEN PLANETEN PLATT. SEINE SPUREN IM SAND VERWISCHT DER ORKAN. ABER WAS SOLL’S? ER KANN EINFACH NICHT ANDERS. SOLANGE ER EIN DISPLAY HAT, GEHT IHM DER SAND AM ARSCH VORBEI.

    NATUR IST SCHÖN – INSTAGRAM. UND DIE WELT EIN DOPPELTER MISSBRAUCH: DER USER MISSBRAUCHT DAS NETZ UND WIRD GLEICHZEITIG VON KONZERNEN MISSBRAUCHT. WISSEN ZERO, ABLENKUNG ALLES. ZALANDO UND TINDER – DIE WELT IST OHNEHIN FAKE. WAS WOLLEN DIE ONKELS VON GESTERN? HÄME UND HASS BRAUCHEN RAUM!

    SKEPTIKERN ZUFOLGE SOLL DER MENSCH ERST DANN REAGIEREN, WENN’S KRACHT. ABER DIE SKEPTIKER TÄUSCHEN SICH: DER MENSCH REAGIERT. ER GIBT DAS RUDER AUS DER HAND UND TAUCHT VORZEITIG AB, DAMIT ES IHN NICHT TRIFFT, WENN’S KRACHT.

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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 12DER TODDES SOZIALCHARAKTERS
    23. Oktober 2018

    Die Debatte über die Gründe der wahnwitzigen Turbulenzen, die gegenwärtig insbesondere die westlichen Gesellschaften und deren Demokratien mächtig durcheinanderwirbeln, wird zwar mit großem Engagement und harten Bandagen geführt, offenbart aber auch das erschreckende Unvermögen so mancher Experten, die Wechselwirkungen dieser destruktiven psychosozialen Strömungen, die Chaos zur Folge haben, adäquat zu erfassen und wenn, auch wirklich zu verstehen. Zu komplex scheinen ihnen die Phänomene, um zu ihrem wahren Grund vorzudringen.

    Statt die Ereignisse im Gesamtzusammenhang auf sich wirken zu lassen und ihnen womöglich so auf die Spur zu kommen, präsentieren sie zumeist empirisch erhobene Untersuchungen zu Einzelphänomenen wie Werteverlust, Zukunftsangst, Internetsucht oder Politikverdrossenheit, wobei sie meinen, belegen zu können, wie es um die Verfasstheit der Gesellschaften insgesamt bestellt sei, was nur zu weiterer Verwirrung der ohnehin schon tief verunsicherten Menschen führt. Für solches Hin und Her hat China wenig Geduld und es erst gar nicht so weit kommen lassen: Kurzerhand hat es seine aus der Spur geratenen Bürger mit einem Sozialkreditsystem an die Kandare genommen und das Land von oben befriedet. BASTA!

    Die Welt ist besser denn je zuvor, meint Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University in Cambridge nahe Boston, wobei er wissen lässt, allein durch bloßes „Zählen“ die Welt von heute und gestern unvoreingenommen vergleichen zu können.

    Und tatsächlich, die in Pinkers neuem Buch Aufklärung jetzt! vorgelegten Zahlen wirken auf den ersten Blick so wie er es vermutet: So hätten die USA im Vergleich zu vor 30 Jahren nur noch eine jährliche Mordrate von 5,3 pro 100.000 Einwohner statt damals 8,5. Nur mehr 3 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sei von Konsumarmut betroffen, vor 30 Jahren hätte es noch glatte 11 Prozent getroffen. Auch jage man heutzutage nur noch 4 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 20,6 Tonnen Feinstaub in die Atmosphäre und nicht mehr 20 Millionen Tonnen Schwefeldioxid und 34,5 Millionen Tonnen Feinstaub wie früher. Auch im weltweiten Vergleich gäbe es Fortschritte. So zählte man 1988 noch 23 Kriege, derzeit jedoch nur noch 12. Zudem sei die Zahl der Atomwaffen von 60.780 auf 10.325 gesunken.

    All diese Fortschritte seien kein bloßer Glücksfall, betont Pinker, es handele sich stattdessen nämlich um die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der im späten 18. Jahrhundert durch die Aufklärung seinen Anfang genommen und seitdem die menschlichen Lebensverhältnisse in jedem Bereich verbessert hätte. „Die Aufklärung funktioniert“ resümiert Pinker.

    Der Untergang der menschlichen Zivilisation in den kommenden Jahrzehnten sei „nahezu gewiss“, kontert der Biologe Paul Ehrlich, der an der renommierten amerikanischen Stanford University forscht. Die Menschheit ruiniere ihre natürlichen Lebensgrundlagen durch zügellosen Konsum, Übernutzung der Ressourcen und ungebremstes Wachstum der Weltbevölkerung, warnt Ehrlich. Dadurch vernichte sie sich letztendlich selbst.

    Dabei seien Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien das vielleicht noch größere Problem als die globale Erderwärmung, sagte Ehrlich in einem Interview mit dem britischen Guardian. Die chemische Umweltverschmutzung habe längst auch die fernsten Winkel unseres Planeten erreicht. Zudem gäbe es Anzeichen dafür, dass die Gifte die Intelligenz von Kindern verringern. Die Angehörigen der ersten stark beeinträchtigten Generation seien jetzt bereits Erwachsene. Aber auch darüber hinaus scheint es so zu sein: Einer Studie von Bernt Bratsberg and Ole Rogeberg der Universität Oslo zufolge sinkt der Intelligenzquotient in den Industrienationen seit Jahrzehnten kontinuierlich. (1)

    „Der Kollaps in den nächsten Dekaden ist ziemlich gewiss“, prophezeit Ehrlich. „Und das Risiko steigt kontinuierlich, so lange stetes Wachstum das Ziel aller wirtschaftlichen und politischen Systeme ist. Andauerndes Wachstum aber ist auch das Merkmal von Krebszellen.“

    Was also tun bei all dem verwirrenden Hin und Her? Haben wir doch noch eine Chance, obwohl wir alles nur schwarzsehen? Oder können wir tatsächlich einpacken, weil es niemanden gelingen wird, dem Ganzen noch Einhalt zu gebieten?

    ERKENNE DICH SELBST! rät Yuval Noah Harari den Menschen. Zu sich selbst zu finden sei das Allerwichtigste. Ansonsten würden sie eines Tages noch gänzlich in die Fänge des Googlekonzerns geraten, der ihn dann womöglich wesentlich besser kenne als er sich selbst. Was also bliebe dem so Überrannten dann noch anderes übrig, als die Maschine bei jedem wichtigen Lebensschritt um Rat zu fragen – freiwillig fremdgesteuert.

    ERKENNE DICH SELBST! – eine der wohl schwierigsten Aufgaben, der sich Menschen in ihrem Leben stellen können. Aber diese Maxime den Leuten einfach mal so vor den Kopf zu knallen, ohne wirklich zu wissen, mit wem man es zu tun hat, zeugt nicht gerade von überragender Menschenkenntnis. Und wer läuft schon gern durch Fußgängerzonen einer Republik und ruft den Leuten, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, ERKENNE DICH SELBST! zu, damit sie wieder zu sich kommen und alles besser wird.

    Die Fähigkeit zur Introspektion kommt dem Menschen abhanden. Sein Selbstwertgefühl erlahmt, das sollte Harari eigentlich wissen. Der Mensch hat Angst, sich in die Augen zu sehen, um nicht trübsinnig zu werden. Denn da ist nicht mehr viel, was aus seinem Inneren zu ihm heraufleuchten würde. Notgedrungen geht sein Blick nach draußen. Allerdings nicht aus Neugier auf die Welt – nein, er will sich doch nur mal nach brandneuen Produkten umsehen, die gerade auf den Markt gekommen sind und ihn möglicherweise wenigstens für Momente in Hochstimmung versetzen.

    Offenbar hat der Konsumismus ganze Arbeit geleistet und den Menschen jetzt vollends im Griff. Denn Wer bin ich? heißt heutzutage Wie soll ich sein? Auch die Individualität ist mittlerweile käuflich geworden – ein Accessoire unter vielen: Das Outfit und die persönliche Performance sind entscheidend fürs Ich. Und der Lifestyle muss passen. Beauty. Tinder. Zalando. Max Mara. Parship. Man muss nur zugreifen und das Geld dazu haben. Die Mühe, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, kann man sich sparen – YEAHHHH!

    Der Individualcharakter des Menschen zerbröckelt in Fragmente – aus seinem Ich sind viele geworden. Die Ökonomie hat ihm zwar zum Wohlstand verholfen, ihn gleichzeitig aber auch innerlich verdorren und mit Haut und Haaren zum Konsumenten mutieren lassen. Rein äußerlich erscheint er zwar als Profiteur, in seinem Inneren aber dominieren Dämmer und Ratlosigkeit – der offenkundige Preis, den er an eine Ökonomie zu entrichten hat, die seine Wünsche und Begierden lenkt und manipuliert, ohne dass er es wahrhaben will. So geht der wahre Reichtum des Lebens an ihm vorbei: Liebe und Vertrauen, Ruhe, Hingabe und Ausgeglichenheit sucht der in die Falle Geratene vergebens. Das zehrt und macht krank. Die Liste ist lang: Schlafstörungen. Tinnitus. Rückenschmerzen. Burnout. Erektionsstörungen. Migräne. Bandscheibenvorfall. Depression. Paranoia. Hass. Rücksichtslosigkeit. Destruktivität und Isolation.

    Die Anspruchshaltung der Menschen steigt ins Unermessliche. Kein Wunder, schließlich brauchen sie dringend Hilfe. Der Sisyphos-Stress, sich ständig hinterher zu hetzen ohne sich je zu erreichen, lässt sie seelisch in die Knie gehen. Mehr Resilienz fordern die Experten, scheinen aber nicht zu wissen, wie angeschlagen die Menschen in Wirklichkeit sind – ihre psychische Widerstandskraft schwindet, obwohl sie immer älter werden. Aber wofür eigentlich, das wäre die Frage? Die Gehetzten aber scheinen sich von ihrem Trott nicht abbringen zu lassen und kaufen sich weiter wund, ohne oftmals überhaupt noch zu konsumieren: T-Shirts nur für den Schrank sind absolut in. Man stapelt sie und fühlt sich cool, sie gekauft zu haben – eine Identität nach der anderen wandert in die Schublade ab. Was heißt hier Resilienz? Man kann eben nicht anders, ist chronisch unbefriedigt und deshalb konsumabhängig – „der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“ (Fromm)

    Vermutlich ist die Verarmung des Individualcharakters, die zwangsläufig mit der allmählichen Verflachung des Denkens und Fühlens einhergeht, für die Stabilität und Freiheit der demokratischen Gesellschaften wesentlich brisanter als das Problem der sozialen Armut. Und dies, ohne das Phänomen des Internets diesbezüglich überhaupt noch mit in Betracht gezogen zu haben, das die Mentalitätsverflachung der Menschen zwar immens beschleunigt, aber, wie dargelegt, nicht primär für diese Verdummung verantwortlich ist. Die Tatsache aber, dass diese Maschine immer noch von vielen Experten für alles Übel verantwortlich gemacht wird, zeugt von der Kurzsichtigkeit, mit der sie zu Werk gehen und offenbart deren Ignoranz den geschichtlichen Transformationsprozessen der Gesellschaften gegenüber. Stattdessen stochern sie hektisch im Hier und Jetzt herum und setzen alles daran, um jeden Preis aktuell zu sein.

    Wäre das Internet auf aufgeklärte und offene Gesellschaften gestoßen, hätten diese es sicher als Instrument zum freiheitlichen Wissensaustauschs zu nutzen gewusst und nicht als Dreckschleuder missbraucht, die alles auf den Kopf stellt. Die Internetmaschine erzeugt keinen Hass! Sie bietet den Hasserfüllten lediglich die Chance, ihren Unflat praktisch sekündlich unter die Leute zu bringen und sie weltweit zu infizieren.

    Mit der Schwächung des Individualcharakters aber geht zwangsläufig auch die des Sozialcharakters einher. In ihm verschmilzt die sozioökonomische Gesellschaftsstruktur mit der des individuellen Charakters und formt dieserart das Persönlichkeitsbild des Durchschnittsmenschen in einer Gesellschaft, dass „die meisten Mitglieder ein und derselben Kultur miteinander gemeinsam haben“. (Erich Fromm). Erst durch einen von allen verinnerlichten Verhaltenscodex, der für jeden einzelnen des Gemeinwesens absolut verbindlich ist und vom jedem anderen desselben auch so erwartet werden kann, konstituiert sich das, was man „Gesellschaft“ nennt. Unbewusste Verhaltensweisen, die wie selbstverständlich von den spezifischen individuellen Eigenheiten des je Einzelnen durchsetzt sind: Nicht jeder wartet auf dieselbe Art und Weise in der Schlange auf den Bus.

    Da die Menschen jedoch nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, weil sie tief in ihrem Inneren mit dem, was sie aus ihrem Leben machen und was es ihnen zu bieten hat, höchst unzufrieden sind und sich ausgelaugt und überstrapaziert fühlen, haben sie kaum noch Augen für ihre Umgebung, geschweige denn für ihr Gegenüber. Chronische Unachtsamkeit und Ungeduld prägen ihr Verhalten, die das Zusammenleben schwer auf die Probe stellt, weil andere ebenso agieren und auch auf Distanz gehen.

    Mit dem Schwund des Sozialcharakters verflüchtigt sich auch der Gemeinschaftssinn. Die Menschen haben nicht mehr viel gemein und isolieren sich: depravierte Ich-Fixierte ohne eigenes Ich. Vereinsamungsängste machen sich breit und Misstrauen kommt in die Welt – wer anderer Meinung ist wird gemieden. Das soziale Miteinander ist zur Kampfzone geworden – öffentlich wie privat. Und derjenige, dessen man überdrüssig ist, wird neuerdings kalt abserviert: Ghosting nennt sich das Phänomen und bedeutet nichts anderes, als „das sang- und klanglose Verschwinden aus dem Leben des zur Belastung gewordenen anderen. Man stellt sich tot. Ignoriert Anrufe, Nachrichten, Mails. Besser noch: Man blockiert den anderen gleich. Erklärungen für das plötzliche Desinteresse? Gibt es keine.“ (2)

    So kommt die Skepsis dem System gegenüber in die Welt, das solch ein Leben gewähren lässt und ohnmächtig für das „Loch im Selbst“ verantwortlich gemacht wird. Die innere Bereitschaft sich mit ihm zu identifizieren nimmt dramatisch ab, der Sozialcharakter zerfällt und die Hemmschwellen sinken bedrohlich. An seiner Statt drängt der ohnehin schon verrohte Individualcharakter vom Inneren der Menschen in den Vordergrund der Öffentlichkeit und zersetzt das gesellschaftliche Leben durch asoziale Verhaltensweisen, die von kurzsichtigen, egomanen und teilweise völlig irrationalen Impulsen und Einzelinteressen fern jeglichen Gemeinwohls geprägt sind.

    Die Maske der Sozialisation fällt von den Menschen ab und legt deren individuell aufgestauten Frust und Zorn auf das deformierte Leben schonungslos frei. Und das quer durch alle sozialen Schichten und je nach Grundcharakter auf völlig unterschiedliche Art und Weise: Entweder man duckt sich weg und stürzt sich besinnungslos in den Lifestyle, sofern man sich ihn leisten kann. Oder vegetiert eher mittellos dahin, schielt neidisch auf die anderen, resigniert schließlich und wird depressiv. Oder wird zum Opfer seiner entfesselten Hassgefühle und radikalisiert sich. Oder kriegt einfach nicht die Kurve, dreht eines Tages plötzlich durch und läuft Amok.

    Dass sich der Sozialcharakter einer Gesellschaft von deren Basis aus, also durch das enthemmte Verhaltensmuster der je Einzelnen nicht nur verändert, sondern wie gegenwärtig sogar zur Auflösung gebracht wird, ist neu in der Geschichte und wahrhaft eklatant, galt doch bislang nachvollziehbarere Weise genau das Gegenteil: Denn ausschließlich ein die gesamte Gesellschaft erfassender Strukturwandel zeitigte bisher einen Shift des Sozialcharakters, mit denen sich die Bürger technologischen, ökonomischen, kulturellen, religiösen oder politischen Umbrüchen gegenüber anzupassen wussten oder aber sich diesen zu unterwerfen hatten.

    Jetzt aber verkehren sich die Dinge in dramatischer Form: Der tief verankerte Verdruss an einem sinnentleerten und durchökonomisierten Leben, in dem kein geistiger oder wirklich tief reichender emotionaler Stimulus sie noch herauszufordern oder gar zu bereichern vermag, droht den Common Sense der Menschen zu unterwandern und setzt in ihnen sozial destruktive, also höchst selbstbezogene Verhaltensweisen frei – ein schon lange anhaltender Prozess, der mit dem Ende des 2. Weltkriegs alle westlichen Zivilisationen erfasste und ab da an den kapitalistischen Konsumismus als einzig bestimmende Größe jeglichen gesellschaftlichen wie privaten Lebens zu voller Wirkung verhalf – eine Entwicklung, die sukzessive zur seelischen Schwächung der Menschen und zur Aushöhlung ihres Daseins führte. 

    All dies mag belegen, warum sich die Verhältnisse zusehends der Kontrolle entziehen und Parolen wie Redet wieder miteinander! oder Mehr Empathie wagen! der Lächerlichkeit preisgeben. Manche scheinen es mittlerweile sogar darauf angelegt zu haben, den gesellschaftlichen Verhaltenscodex bewusst zu durchbrechen, um ihrer Wut aufs System berserkerhaft Ausdruck zu verleihen. Die perverse Lust am Regelverstoß soll Identität stiften.

    Bei all dem scheint es besonders brisant, dass sich der gegenwärtige Abbau des Sozialcharakters ohne einen wirklichen und qualitativ eindeutigen gesellschaftlichen Strukturwandel vollzieht. Ein solcher Paradigmenwechsel kündigt sich zwar bereits am Horizont an ohne bislang aber tatsächlich schon eingetreten geschweige denn fassbar zu sein. Das potenziert die ohnehin schon tiefe Verunsicherung der Menschen und treibt sie in ohnmächtige Angst, mit Wohlstand und Konsum könnte es eines Tages ein Ende haben – das einzige, wofür das Leben noch lohnt.

    Angesichts der fundamentalen Herausforderungen, die auf Mensch und Gesellschaften zukommen, wäre ein ganz anderer Menschentyp vonnöten als der, der gegenwärtig die Szene beherrscht. Derjenige der Renaissance nämlich, der sich weltoffen, neugierig und mutig zeigte und anschickte, Welt und Kosmos geistig zu durchdringen, um seiner Bestimmung näher zu kommen. Sein Fühlen und Denken kannte keine mechanischen Trennungen in seinem Dasein. Als Künstler und Wissenschaftler lebte er in allem zugleich – Selbstständigkeit und Freiheit bedeutete ihm alles. Davon aber sind wir gegenwärtig meilenweit entfernt. Mit dem Homo Sapiens scheint es bergab zu gehen.

    ERKENNE DICH SELBST – sollte diese Forderung wider Erwartung doch noch Realität werden, könnte diese angesichts der Trübsinnigkeit der Menschen glatt zu einem Massensuizid führen. Kein Wunder, dass keiner mehr hinhören will!

    (1) PNAS: Bernt Bratsberg and Ole Rogeberg Flynn effect and its reversal are both environmentally caused.

    (2) FAZ. SOZIALPHÄNOMEN „GHOSTING“: Ganz leise abserviert. Melanie Mühl. 14.10.2018

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    SIC !
    AND LIFE FLOWS ON WITHIN YOU AND WITHOUT YOU ...
    21. September 2018

    Erlebnisse, die aus nichts anderem als aus tiefen, die Seele überwältigenden Empfindungen bestehen, sollte man in sich bewahren und alles daransetzen, sie tunlichst nicht zu Gedanken werden zu lassen, die einen dann nicht mehr loslassen und schnell ins Grübeln bringen, wenn man glaubt, unbedingt herausfinden zu müssen, was einem da gerade so Rätselhaftes widerfuhr. Ein wahrhaft törichtes Unterfangen, weiß man doch von vornherein schon allein intuitiv, dass es absolut sinnlos ist, sich über Erfahrungen dieserart den Kopf zu zerbrechen, die sich wesensmäßig jeglicher Konkretion entziehen und aus nichts als absonderlichen Schwingungen bestehen, die einen – wie aus dem Nichts kommend – urplötzlich durchströmen und in ungeahnte seelische Schwerelosigkeit versetzen, so das man glaubt, die Zeit stünde still.

    Ein solches Erlebnis, das mit Drogen nun wirklich nicht das Geringste zu tun hat, hatte ich 1967 mit gerade mal Achtzehn zum ersten Mal in meinem Leben in Großbritannien. Ich kann mich praktisch noch an alle Einzelheiten erinnern, was aber auch nicht weiter verwunderlich ist, denn auch mein Körper erinnert sich noch sehr genau.

    Als Austauschschüler bin ich in den Sommerferien bei einer Familie in Wales zu Gast, mit der ich viel mit dem Auto durch die Gegend kutschiere – meist über enge, sanft gewundene und von Hecken oder niedrigen, unbehauenen Steinmauern gesäumte Straßen durch idyllisch blühende, weit aus schwingende Landschaften, die mich durch die selbstverständliche Ruhe und Vollkommenheit, die sie ausstrahlen, augenblicklich verzaubern. Und überall, wo wir Rast machen, schallen mir aus offenen Fenstern oder in Kneipen, die am Wegesrand liegen, die Songs von Sgt. Pepper’s Hearts Club Band entgegen, welche die Beatles gerade veröffentlicht haben: „And life flows on within you and without you ...“ – selten in meinem Leben habe ich mich so unbeschwert und leicht gefühlt.

    Gerade sind wir bei herrlichstem Sommerwetter am Fuße der Malvern Hills angekommen und beschließen spontan, das Auto für den Nachmittag stehen zu lassen und einen der imposanten, bergartigen Hügel des langgestreckten Höhenzugs zu erklimmen, der sich inmitten einer ansonsten eher flachen, sich sanft wellenden Landschaft so überraschend und fremdartig aus seiner Umgebung hoch in den Sommerdunst erhebt als gehöre er nicht hierher, sondern einer eher fremdartigen und fernliegenden Landschaft an.

    Nachdem wir losgegangen sind, finde ich mich nach einiger Zeit mit einem Mal mutterseelenallein an einem baumlosen, stark ansteigenden Abhang wieder, ohne mich bewusst von den anderen entfernt zu haben. Irritiert halte ich inne und schaue mich um – von den anderen fehlt jede Spur. Als ich schließlich benommen nach oben den nicht enden wollenden Berghang hochblicke, kommt der mir wie eine breite Rampe vor, die direkt in den stahlblauen Himmel hinaufzuführen scheint. Wie angezogen klettere ich weiter in die Höhe – die eigentümliche Stille, die mir in Ohren rauscht, und der intensive Duft, den die blühenden Wiesen um mich herum verströmen, animieren mich und geben mir ungeahnten Schwung.

    Als ich endlich oben auf der riesigen Bergkuppe angelangt bin und ringsum in die Weite blicke verschlägt es mir den Atem – so voller Anmut und in sich ruhend muss einst das Paradies gewesen sein, fährt es mir durch den Kopf. Vom Anblick überwältigt will ich mich niedersetzen. Aber irgendetwas hält mich zurück. Es ist, wie ich auf einmal bemerke, der vibrierende Strom einer mir völlig unbekannten Energie, der mich urplötzlich durchweht und in der Aufrechten hält. Irritiert halte ich inne, gebe mich dann aber neugierig den weichen, mir völlig fremden Empfindungen hin, die wie im Nu von mir Besitz ergreifen und mich glauben lassen, ich löste mich auf. Innen und Außen verschmelzen zu einer immensen Sphäre, in der ich mich mit einem Mal verwundert schweben sehe – nicht mehr getrennt von den Dingen um mich herum, sondern diese in mir und ich in ihnen.

    Und doch, angesichts der Unendlichkeit, die jede Faser meines Herzens durchdringt, fühle ich mich auf einmal winzig klein und letztlich völlig bedeutungslos in meinem Dasein. Und ehe ich mich versehe, ergreift mich ein tiefes Einsamkeitsgefühl und eine abgründige Angst, die mich augenblicklich erstarren lässt, so schutzlos dem eiskalten Nichts ausgeliefert. Gebannt stehe ich da und weiß mir nicht mehr zu helfen – das Herz klopft mir bis zum Hals. Nach einer Ewigkeit aber, wie mir vorkommt, beginnt mit einem Mal meine innere Starre zu schmelzen, erst zögerlich, dann immer rascher, und weicht allmählich der Empfindung absoluter Geborgenheit in den Dingen, die mir Trost und nie gefühlte Ruhe schenkt – ganz eins mit der Natur.

    Und meine Seele spannte,
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    als flöge sie nach Haus.

    Das Entgrenzungserlebnis unterm glitzernden Sommerhimmel der Malvern Hills war für mich alles andere als mystisch: so nämlich werden jene sensuellen Erlebnisse bezeichnet, die mit der Empfindung einer Ich-Auflösung einhergehen, im Grunde aber nach Meinung Aufgeklärter nichts anderes bedeuten sollen als einer veritablen Sinnestäuschung auf den Leim gegangen zu sein.

    Aber was soll’s? Angesichts der um sich greifenden Sinnverflachung des menschlichen Lebens, das sich besinnungslos von Algorithmen bekochen lässt und die Welt aus den Augen verliert, müssen derartige Erlebnisse wohl für so manche für immer ein Rätsel bleiben, welche die im Geiste häkelnden Esoteriker zwar zum Schwärmen bringen, die Blinden aber blindblind sein lassen. Und das ist ebenso wenig mystisch, sondern leider Fakt.

    So aber auch mein Erlebnis oben auf den Malvern Hills, dass nun alles andere als übersinnlich war. Verweist es doch auf den potenziellen Erlebnishorizont, den das Leben so bieten kann, ohne gleich zum psychiatrischen Fall zu werden. Und die meinen Horizont eklatant weitenden Erfahrungen, die mir bei vollem Bewusstsein zuteil wurden und sich praktisch in jede Zelle meines Körpers eingruben, haben, wenn ich heute zurückblicke, von da an mein Denken und Fühlen, mein Sein in der Welt grundlegend verändert und wirken noch heute immer wieder im Hier und Jetzt in mir nach.

    So wenn ich beispielsweise Bachs Goldbergvariationen oder Olivier Messiaens Éclairs sur l’Au-Delà (Streiflichter über das Jenseits) höre, deren magische Klangwellen mich unversehens wieder in jene Sphären zurückversetzen, die mich den praktisch unvorstellbaren Dimensionen gegenüber mittlerweile nicht mehr ängstigen, sondern geradezu zu Sehnsuchtsorten für mich geworden sind, die mich leicht wie eine Feder fühlen lassen, hingegeben an eine namenlose Bewegung, die alles Subjektive von mir abstreift und jegliches Denken in mir zum Verstummen bringt – geborgen in einem sinnfreien Raum, der aus nichts als Schwingung besteht und wahrscheinlich nur in großer Musik ihren Ausdruck findet.

    Dies alles hat mit religiös getriggerten Empfindungen nun wirklich nichts zu tun. Der nachgerade infantile Versuch, sich hinter all dem sinnlich erfahrbaren Geschehen die „Person eines großartig erhöhten Vaters“ (Freud) vorzustellen, war mir schon immer fremd. Zudem machen mir Organisationen, in denen sich Gleichgesinnte zusammentun wie in Kirchen, um sich für die rechte Sache einzusetzen, ein eher mulmiges Gefühl. So hat auch der organisierte Glaube mehr Unheil über die Welt gebracht, als den Menschen wirklich geholfen, wie gegenwärtig wieder einmal besonders drastisch zu beobachten ist.

    Vom Übel in diesem Sinn erzählt Wilhelm Reich folgende Anekdote. Eines Tages kommt ein aufgeregter Mann zum Teufel in die Hölle. Die Menschen hätten die Wahrheit gefunden, warnt er ihn. Der Teufel erschrickt fürchterlich und verzieht sich. Dann aber kommt er entspannt zurück und sagt den Mann animierend: „Geh hoch und schau, dass sie sich organisieren!“

    Gegen die „Sache“ des organisierten Kollektivs wirkt große Kunst nachgerade imprägnierend – zumindest auf mich. In ihr die immer wieder neuen Perspektiven und teilweise völlig widersprüchlichen Entwürfe des Menschseins zu studieren, mit denen visionäre Kunst in der Geschichte des Menschen stets andere und neue Aspekte seines Wesens betonte und beseelt versuchte, diesem in all seinen rätselhaften Dimensionen auf die Spur zu kommen, lassen mich grundsätzlich an Massenbewegungen zweifeln, die das Ei des Columbus zum Wohl der Menschheit gefunden zu haben glauben. „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht“, so könnte man in Büchners Geist das vielschichtig schillernde Imago vom Menschen charakterisieren, von dem Kunst im Verlauf ihrer Geschichte trotz all ihrer Gegensätzlichkeit immer wieder erzählt.

    Vor dem Hintergrund dieses historischen Vexierspiels der menschlichen Identität, die sich chamäleonartig durch die Zeiten dahinbewegt und wesentlich von diesen geprägt wird, scheint es aberwitzig zu glauben, das Ich sei eine stabile Größe. Selbst in einem einzigen Leben ist das nicht immer so. Auch meine Identität changiert zwischen den Valenzen und verändert sich mit den tief reichenden Erfahrungen, die ich mache. Die Malvern Hills sind dafür ein schlagendes Beispiel, denn seitdem bin ich ein anderer.

    Und als ich Anfang 1980 während meines Medizinstudiums zum ersten Mal von der Neuronalen Plastizität hörte schlug es in mir ein wie eine Bombe. Das Gehirn hat die Fähigkeit sich selbst zu verändern, lautete die revolutionäre Botschaft, und verwies den Jahrhunderte lang verbreiteten Glauben, das Gehirn sei ab dem Erwachsenenalter nicht mehr formbar und zu keiner neuen neuronalen Verbindung mehr fähig, in die zwielichtigen Regionen des kruden wissenschaftlichen Irrtums. Mit einem Mal war mir klar geworden, dass ich die Möglichkeit hatte, mein Gehirn bewusst zu beeinflussen, statt mich von ihm beeindrucken zu lassen.

    In der Folge begann ich, ihm eher zu misstrauen und es nassforsch herauszufordern. Denn jetzt weiß ich auch um die Effekte. Da ich schon lange Klavier spiele, ist das motorische Areal in meiner Hirnrinde, das mir die rasche Bewegung meiner mehr oder weniger geübten Hände ermöglicht, wesentlich größer als bei denjenigen, die nicht Klavier spielen.

    Auch meiner sogenannten Identität stehe ich mittlerweile distanziert gegenüber. Ehrlich gesagt, fühle ich mich eher wie ein Instrument, auf dem mein Leben spielt. Und dies in allen denkbaren Variationen und Tonarten, manchmal in Moll und manchmal in Dur und manchmal sogar in Vierteltönen – so what! So gut ich es eben vermag, versuche ich, mich nicht mehr dagegen zu wehren. Denn durch die körperliche Erfahrung, die ich auf den Malvern Hills machte, haben sich meine Existenzängste wunderbarer Weise in Luft aufgelöst. So ist es mir möglich geworden, mich mehr und mehr den Bewegungen meines Lebens hinzugeben und die Dinge auf mich zukommen zu lassen, statt es zwanghaft zu planen oder gar karrieristisch zu forcieren. Es kommt wie es kommt. Und meine Neugierde auf Neues ist einfach zu groß – eine gradlinige Biografie interessiert mich nicht, dafür habe ich schon zu viele Berufe hinter mir. Und ebenso wenig mein Ich, solange es sich nur frei bewegen kann.

    In den Kosmos hinein beispielsweise, der mich nach meinem Erlebnis auf den Malvern Hills nachvollziehbarer Weise nicht mehr losgelassen hat. Schließlich wollte ich mehr über ihn wissen, als ihn nur einmal gefühlt zu haben. So wurde die Kosmologie zu einem Gebiet, das mich brennend interessierte. Sowohl Johannes Kepler, der vom Kosmos spricht als sei er in ihn verliebt, als auch Giordano Bruno der den Kosmos geradezu umarmt, haben mir dabei den Weg gewiesen. Letzterer hat nämlich in seinem Hauptwerk, den Heroischen Leidenschaften, erstmal darauf hingewiesen, worauf es ankommt, wenn man sich mit dem Kosmos beschäftigen will. Auf die Leidenschaft nämlich, wie er hervorhob. Nur die Leidenschaft für die Dinge führe letztlich auch zur Erkenntnis. Ihr zugrunde läge die Ergriffenheit von den Dingen, die sich mit einem Mal aufdrängten und die Leidenschaft entfache. Leidenschaft und Hingabe, und Hingabe und Liebe, und Liebe und Erkenntnis, alles wirke zusammen.

    Dabei kommt mir ein Naturwissenschaftler, dessen Name ich leider vergessen habe, in den Sinn, der das Phänomen der Schönheit in der Natur folgendermaßen beschrieb: Schön wäre die Natur dann, wenn sie in ihrem Anblick gleichzeitig auch die diesem zugrunde liegende natürliche Funktion zum Ausdruck brächte. In der Anschauung läge der Schlüssel zum Verstehen. Das hätte mit Religion nun nicht das Geringste zu tun.

    Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
    Hat auch Religion.
    Wer jene beiden nicht besitzt,
    Der habe Religion.

    Möglicherweise ist es in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass sich die Theorie, alles irdische Leben stamme letztlich von Meteoriten ab, die mit Vorstufen essentieller Aminosäuren auf die Erde herabregneten, die so unter irdischen Bedingungen nicht hätten synthetisiert werden können. Dann wären die kosmischen Geborgenheitsgefühle, die der Anblick des Sternenhimmels im Menschen provoziert, tatsächlich nichts anderes als evolutionsbedingte Ahnungen, ursprünglich aus nichts anderem bestanden zu haben, als aus Sternenstaub.

    Kein Wunder also, dass ich mittlerweile gelernt habe, mehr auf meine Gefühle und meine innere Stimme zu bauen, als meinem Kopf zu trauen. Robert Schumann hat solch eine innere Stimme in seiner Humoreske für Klavier zu zwei Händen komponiert und diese als drittes System zwischen dem der rechten Hand oben und der linken unten notiert. Allerdings dürfen deren Noten nicht gespielt werden und bleiben folglich unhörbar. Schumann wollte „wohl nur die im oberen System verborgene Stimme deutlicher veranschaulichen“ merkt der Herausgeber Emil von Sauer an. Welch wunderbare Idee des Komponisten, das Wesen der inneren Stimme so zu veranschaulichen, als schwänge sie zwischen den Zeilen mit und offenbare sich nur dem, der sie auch wirklich hören wolle. So habe ich auch mittlerweile nicht selten den Eindruck, sie inmitten meiner Gedanken klingen zu hören, so als würden nicht diese sondern sie selbst laut und bewahrte mich vor der Illusion, mein Denken verdanke sich einzig dem Bewusstsein.

    Allerdings ist Schumanns Humoreske alles andere als amüsant, sondern driftet immer wieder in Wirrungen und Untiefen ab. So eben, wie das Leben selbst, das damit allerdings Ängste provoziert, mit denen es umzugehen gilt. Ihnen auszuweichen oder sie zu verdrängen, führt nicht weit, werden sie so doch nur umso größer und vernichten die Lebensfreude, wenn’s übel kommt. Dann wird der Mensch zum das Leben hassenden Monster das gegenwärtig ja im Vormarsch zu sein scheint wie allenthalben zu beobachten ist.

    Nein, nur der, der sich seinen Ängsten wirklich stellt und den Mut dazu hat, durch sie hindurchzugehen, hat die Chance, sie letztlich auch zu überwinden. Dies haben mich meine Erfahrungen auf den Malvern Hills gelehrt, als mich angesichts der Unendlichkeit abgründige Angst überfiel, die erst zu verfliegen begann, als ich ihr scheinbar völlig hilflos ausgeliefert war. Durch die Nacht zum Licht. Viele aber scheinen Angst vor der Angst zu haben und versuchen, sich besinnungslos abzulenken. Ein neues Zeitalter der Angst zieht herauf, dass uns schon seine hasserfüllte Fratze zeigt.

    Sich einmal im Leben vollkommen eins mit der Natur zu fühlen und das besser früh als zu spät, ist jedem nur zu wünschen, provoziert ein solches Erlebnis doch ein ganz anderes Lebensgefühl, das der Körper nie mehr vergisst. Erlebnisse dieserart kann man nicht kaufen, weder durch einen Crashkurs für Aufmerksamkeitsmeditation, noch durch exklusive Reisen mitten in die wilde, unberührte Natur hinein. Da aber viele den unmittelbaren Kontakt zur Natur verloren haben, setzen sie hilflos aufs Surrogat und stellen sie somit zur Disposition. Diese Leute aber eilfertig daran zu erinnern, Teil derselben zu sein, muss auf taube Ohren stoßen, haben die doch das Gefühl für sie verloren – von wegen zurück zur Natur!

    Zum Thema Lebensgefühl schildert David Foster Wallace eine den Kern des Problems treffende Szene. Zwei junge Fische schwimmen durchs Meer. Da kreuzt ein älterer Fisch deren Weg und fragt sie im Vorbeischwimmen: „Hey Jungs! Wie ist das Wasser heute?“ Die Jungs aber schwimmen weiter als hätten sie nicht gehört, bis einer der beiden sich plötzlich an den anderen wendet und ihn verwirrt fragt: „Was, zum Teufel ist Wasser?“

    Die tief sinnliche Erfahrung der Unendlichkeit aber hat mich nicht abheben lassen, sondern sachte aufs Leben und meine Endlichkeit zurückgeworfen und mich wachsam für seinen Reichtum und seine Vielfalt werden lassen. Mich so gut ich kann seiner Bewegung hinzugeben, hat mein Dasein reicher gemacht und offenherziger dem Zufall gegenüber, der, wenn man es so betrachtet, vielleicht gar kein Zufall mehr ist, sondern etwas, das einem zugefallen ist. In jedem Fall aber ist es besser sich nicht zum Opfer der eigenen Willkür zu machen. Sondern sich stattdessen den Bewegungen des Lebendigen anzuschmiegen. Das macht wach und außerdem extrem kritisch jenen Strömungen gegenüber, die das Leben verachten und daraus auch noch Kapital schlagen.

    Nach Heidegger ist der Mensch in „einem letzten Sinn ... so zufällig, dass die höchste Form der Existenz des Daseins sich nur zurückführen lässt auf ganz wenige und seltene Augenblick der Dauer des Daseins zwischen Leben und Tod, dass nur in ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze seiner eigenen Möglichkeiten existiert, sonst aber inmitten seines Seienden sich bewegt.“

    And Life flows on Within you And without you ...

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    MUSIK
    DIE JUNGE CELLISTIN
    14. August 2018

    Eine der erstaunlichsten Geschichten über die geheimnisvolle Kraft der Musik hat mir vor Jahren ein guter Freund erzählt: Eine junge, in einem Symphonieorchester engagierte Cellistin, will sich zuhause auf das nächste Konzert mit einer Symphonie von Schostakovitsch vorbereiten. Sie kennt die Symphonie nicht und hat sie in ihrem Leben noch nie gehört. Zudem ist sie verdammt spät dran und muss sich sputen. Als sie die Cellostimme aufschlägt und die hochkomplizierten Notengirlanden erblickt, wird ihr ganz flau im Magen – sie hat Angst, es in der kurzen Zeit, die ihr noch verbleibt, nicht zu schaffen. Überstürzt greift sie nach ihrem Cello und beginnt zu üben. Aber schon nach den ersten Takten entzieht sich ihr Körper mit einem Mal ihrer Kontrolle und verselbstständigt sich, wobei ihr Arm, mit dem sie den Bogen hält, ohne ihr Zutun hochvirtuos die Saiten in Schwingung versetzt, während Hand und Finger des anderen so elegant übers Griffbrett gleiten, als hätte sie das Stück schon monatelang bis zum Exzess durchexerziert und könnte es im Schlaf spielen. Augenblicklich gerät sie in Trance, während ihr Körper allein musiziert – das gesamte Stück auswendig von Anfang bis Ende.

    Na, woher kennt die junge Cellistin die Symphonie? Mein Freund sieht mich grinsend an und zwinkert mir zu. Ich rätsele: Natürlich musste sie das Stück kennen und es schon mal irgendwann geübt haben, das war klar. Leidet sie etwa unter einer Amnesie, frage ich? Mein Freund lacht amüsiert auf: Nein, die junge Frau ist völlig okay. Ich hatte mal ein Verhältnis mit ihr. Dann muss sie mutterseelenallein in einem schottischen Gespensterschloss um Mitternacht ihre Cellostimme bei flackerndem Kerzenlicht geübt haben, witzele ich. Dabei ist ihr dann urplötzlich Schostakovitsch’ Geist in den Körper gefahren, so dass sie seine Musik spielen konnte, ohne auch nur einen Funken Ahnung von ihr zu haben, ganz einfach. Die Sache aber hatte sich mitten in der Hochzivilisation bei helllichtem Tag in New York zugetragen, wie mir mein Freund trocken erwidert. Sei’s drum, ich komm nicht drauf.

    Als er mir endlich den Grund des Geschehens nennt, reagiert mein Körper wie elektrisiert: Die junge Cellistin hatte die Cellostimme als Ungeborene im Leib ihrer Mutter gehört, die auch Cellistin in einem Symphonieorchester gewesen war und just zu der Zeit, als sie mit ihr schwanger war, die Cellopartie dieser Schostakovitsch Symphonie ebenfalls hatte üben müssen, weil diese auf dem Programm eines Konzerts gestanden war – die Doppelung von Ereignissen, welch verrückte Koinzidenz! Während ich von der Geschichte höre, geraten meine Hände urplötzlich in nervöse Bewegung und beginnen mit einem Mal auf meinen Oberschenkeln ohne mein Zutun Klavier zu spielen – mit dumpfem Klacken auf dem Stoff.

    Eine Weile sitze ich da und bin fassungslos ob der schier unglaublichen Geschichte, die der jungen Cellistin da im Mutterbauch widerfahren war – im Fruchtwasser schwimmend dem Cellospiel ihrer Mutter lauschend, drinnen im Dunkel der Uterushöhle sanft eingebettet in deren vibrierenden Körper, den die Musik in Schwingung versetzt hatte.

    Eine Musik, die sich offenbar so tief in ihr festsetzt und vergräbt, dass sie sich fortan nicht mehr an sie erinnern kann, und erst zu jenem Zeitpunkt wieder in ihr wirksam wird, als sie Jahrzehnte später dieses ihr vermeintlich völlig unbekannte Musik selbst zu üben beginnt. Ein Moment, in dem sich diese Musik gleichsam selbst evoziert (schließlich handelt es sich ja um dasselbe Stück), urplötzlich in ihrem Körper zur Entladung kommt, von ihm Besitz ergreift und ihn zum autonomen Musizieren bringt, ohne dass sie weiß, wie ihr geschieht.

    Ein geradezu neurophysiologisches Wunder, wenn man so will, dass der jungen Cellistin sicherlich nicht zuteil geworden wäre, hätte sie nicht selbst zum Cello gegriffen und das Stück praktisch zu üben begonnen. Das bloße Hören allein hätte vermutlich nicht ausgereicht, um dessen Musik wieder in ihr lebendig werden zu lassen – allein der physische Vollzug am Cello selbst war wohl der absolut notwendige Stimulus dafür, dass das rätselhafte Geschehen ihr auf so berückende Art und Weise überhaupt widerfahren konnte.

    Wie aber ist das alles zu verstehen? Selbst wenn die junge Cellistin ihrer Mutter als Kleinkind beim Musizieren zugehört hätte wäre es ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht möglich gewesen, die gesamte Cellopartie nach so langer Zeit frei aus dem Gedächtnis so hochvirtuos spielen zu können. Dazu hätte es zumindest ein funktionierendes Langzeitgedächtnis gebraucht, das in dieser frühen Entwicklungsstufe noch lange nicht ausgereift ist und sich erst mit dem dritten Lebensjahr zu voller Leistungsfähigkeit entwickelt hat. Aber selbst dann hätte die junge Cellistin wahrhaft ein Genie sein müssen, das ganze Stück bei nur einmaligem Hören überhaupt memorieren zu können. Nur Mozart hat solch ein wahnwitziges Kunststück fertig gebracht wie folgende Geschichte beweist:

    Im Jahre 1770 kommt der Vierzehnjährige gemeinsam mit seinem Vater Leopold zum ersten Mal nach Rom. Beide erreichen sie die ewige Stadt zur Karwoche am Gründonnerstag und machen sich sofort über die Piazza del Popolo auf den Weg zum Petersdom, wo sie an einer Messfeier, die in Anwesenheit von Papst Clemens XIV. in der sixtinischen Kapelle stattfindet, teilnehmen wollen. Während der Messe hört Mozart das berühmte Miserere, das Giorgio Allegri ein Jahrhundert zuvor exklusiv für den Vatikan komponiert hatte, und das einmal im Jahr just zur Karwoche nur dort zur Aufführung gelangen darf. Gesungen von einem neunstimmigen Chor, der - in zwei Gruppierungen im Raum verteilt – den betörten Anwesenden eine wahrhaft sphärische Musik, die mit dem Text des 50. Psalms unterlegt ist, in höchsten Höhen zu Gehör bringt,. Die Noten sind absolute Geheimsache und unter strengem Verschluss des römischen Klerus. Wer sie dennoch zu kopieren wagt, droht die Exkommunikation und damit ewige Verdammnis. Das aber kümmert den jungen Mozart nicht. Kaum ist er in seiner und des Vaters Unterkunft zurück, schreibt er das ganze Stück in einem Rutsch nieder und zeigt es stolz seinem Vater. Der ist überwältigt und schreibt umgehend seiner Frau und Wolfgangs Mutter Anna nach Salzburg: „Vielleicht hast du vom berühmten Miserere gehört? Seine Veröffentlichung ist unter Strafe der Exkommunikation verboten. Gut, wir haben es. Wolfgang hat es aus dem Gedächtnis niedergeschrieben.“

    Eine irre Geschichte, die geradezu typisch ist für Mozart, der in seinem kurzen, nur fünfunddreißig Jahre währenden Leben zudem so viele Noten zu Papier brachte, dass selbst ein genialer Kopist es nicht vermochte, diese in diesem Zeitraum lediglich abzuschreiben, selbst wenn er niemals schlafen und vierundzwanzig Stunden durcharbeiten würde. Und dennoch wirkt die Geschichte der jungen Cellistin im Vergleich zu Mozarts Miserere-Coup geradezu mystisch, hörte sie die Musik doch nicht auf irgendeiner Kirchenbank sitzend, sondern als Fötus Kopf unter im Fruchtwasser schwimmend – eine wirklich verrückte Situation.

    In diesem Zusammenhang kommt mir spontan das Thermalbad im oberbayrischen Bad Tölz in den Sinn, das ich besonders liebe, weil man dort beim Tauchen im dampfenden Außenschwimmbecken über Unterwasserlautsprecher klassische Musik hören kann. Mozart zum Beispiel – Klangwellen, die einem den Körper umspülen, als schwämme man in Musik und würde sie mit jede seiner Zellen hören. Vielleicht kann man sich so die Situation der jungen Cellistin als Fötus vorstellen, während sie Schostakowitschs Musik lauschte. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass Schostakowitsch mit Mozart nun wahrhaft nicht zu vergleichen ist und der Fötus beileibe noch keine Ahnung von der Welt da draußen haben kann, geschweige denn von Noten – gepunktete Zeichen, in denen Musik sich niederschlägt. Woher bitte sollte er diese kennen? Ein Treppenwitz!

    Aber wie auch immer: Das intrauterine Erlebnis der jungen Cellistin muss sich wohl am Ende der Schwangerschaft ereignet haben. Etwa ab der 35. Woche kann der Fötus nämlich Tonhöhen voneinander unterscheiden, obgleich er schon ab der 23. die Stimme seiner Mutter, deren Herzschlag oder das vorbeirauschende Blut zu hören vermag: Und an Töne beziehungsweise Klänge, die er zuletzt im Mutterbauch mitbekommen hat, kann er sich sogar später noch als Neugeborenes erinnern, wenn auch leider nicht für lange Zeit.

    Dazu gibt es ein eindrückliches Experiment von DeCaspar & Spence, 1986: Babys, denen ihre Mütter ein paar Wochen vor der Geburt eine rhythmisch und klanglich besonders prononcierte Geschichte vorlasen, konnten diese noch Wochen nach ihrer Geburt wiedererkennen – ihre Puls- und Saugfrequenz erhöhte sich, weil sie offensichtlich in Erregung gerieten, wenn sie die bekannte Geschichte wieder hörten. Darüber hinaus wussten sie die Veränderung ihres Verhaltens sogar als Signal einzusetzen, wenn sie ihre Mutter darauf aufmerksam machen wollten, lieber doch wieder die alte Geschichte vorgelesen zu bekommen, statt einer neuen wie gerade. Natürlich erkannten die Babys die Geschichte nicht an deren konkreten Sinn wieder, sondern an deren Prosodie, ihrem Klanggeschehen also, ohne auch nur im Ansatz zu erahnen worum es in dieser Kindergeschichte eigentlich ging.

    Vielleicht liegt das Geheimnis des wahnwitzigen Erlebnisses, dass der jungen Cellistin im Mutterbauch widerfahren war, genau in dieser geradezu abstrakten Art und Weise begründet, mit welcher der Fötus hört? Insbesondere dann, wenn er keine konkrete Geschichte vorgelesen bekommt, sondern dem Cellospiel der Mutter lauscht. Von einem Klanggeschehen durchdrungen und beseelt, dessen Laute, Töne und Melodien nicht unwiederbringlich an Worte, Sätze mit Bedeutungen gebunden sind und vom Tempo und Rhythmus der die Geschichte rezitierenden Mutter beherrscht werden, sondern das gänzlich aus frei schwingenden Energien besteht, die erstmal von nichts anderem erzählen als von dieser Energie selbst – von Bedeutung ohne Bedeutung. Physikalische und in der Folge natürlich auch psychisch hoch aufgeladene Schwingungen, die unmittelbar auf den Körper einwirken und ihn in fantastische Bewegung versetzen, wobei sie sich tief in jede seiner Zellen eingraben. Zelluläre Engramme, die es dem Körper noch Jahrzehnte später erlauben, eine dem Kopf völlig unbekannte Cellostimme quasi von allein zu musizieren, währenddessen er behände den Arm des Bogens über die Saiten gleiten lässt und die Hand des anderen hochvirtuos übers Griffbrett führt.

    Wer partout nicht glauben will, dass so etwas möglich ist, sollte mal einen Blick auf Vladimir Horowitz und sein Klavierspiel werfen. Denn da spielen die Hände auch allein. Der Wunderpianist selbst sitzt dabei eigentümlich gefasst an seinem Flügel und schaut ihnen hochkonzentriert zu.

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