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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Geschichte
    Puzzle 41
    09. Juni 2014

    Seine „Klassenfensterglasgeschichte“ ist ihm eine seiner wichtigsten Erinnerungsgeschichten geworden. Er hat sie ja zweimal erlebt! „Doppelt hält besser“, sagt er erleichtert und ist froh, das hinter sich zu haben.

    Die Geschichte, welche er in jedem Detail haargenau erinnert, hat Pep: Sie geht zurück wie in einem Film, in dem man immer jünger wird und auch die schlimmen Sachen noch einmal durchlebt: Doppelt! – Bitte nicht noch einmal, obwohl der guten Dinge drei sind!

    Vom „Klassenfensterglas“ aber zu erzählen braucht Zeit, die Zuhörer müssen Geduld und eine gehörige Portion Phantasie aufbringen. Also erzählt er von den Schwalbenluftakrobaten und seinem Himmelspuzzlestein nur zu besonderen Anlässen, dann nämlich, wenn es sich ergibt! Wenn die unglaubliche Geschichte dann ihren Kulminationspunkt erreicht hat und er beinahe ein Kindergreis geworden ist, verschweigt er den Jungen mit der Kastratenstimme draußen vor dem Fenster, welcher er vielleicht selber war … ihm wird schwindlig. Stattdessen zieht er demonstrativ seinen Himmelspuzzlestein – ohne weiter darauf einzugehen – aus der Hosentasche und legt ihn stolz, mit rituell bedeutsamer Geste, auf die Mitte des Tisches vor die Augen der ungläubig erstarrten Zuschauer. Manche von ihnen fangen sofort an, die Augen zu verdrehen und sich krampfhaft am Stuhl festzuhalten, weil sie nun ans Übersinnliche glauben müssen, denn der Stein ist der Beweis, und der liegt auf dem Tisch – mit Händen greifbar.

    Er ist ein wahrer Weltmeister im „sich erinnern“ geworden: Sich erinnern kann heilsam sein, dann vergisst man nicht, woher man kommt und ist dem heillosen Wirrwarr der Wunderwirtschaftsgegenwart gegenüber aufmerksamer und ihr nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. „Es muss ja nicht immer so bleiben“, sagen sogar manche, als wüssten sie etwas und wollen begeistert weitere Erinnerungsgeschichten hören.

    Aber längst nicht alle – außer vielleicht seinen gutgläubigen Altersgenossen, die alles für möglich halten wollen – nehmen ihm seine in Erinnerung verpackten Geschichten ab. So geschieht es manchmal, dass einige darauf beharren, die phantastische Geschichte sofort noch einmal hören zu wollen, weil sie ihnen so unglaublich vorkommt.

    Die dramatische Art aber, mit welcher er im Zimmer, im Garten oder im Wald hin und her springend seine Erinnerungswunder in die Luft zu malen weiß, besticht. Und jedes Mal erzählt er die Geschichten wie neu, aus einer anderen Perspektive, so dass manche, die sie schon zigmal gehört haben, im Gleichen ganz neue Aspekte des Lebens wahrnehmen. Tante Emmi ist seine quadrat-blaubeste Zuhörerin. Auch ihre humorvollen Zwischenrufe oder Kommentare baut er fürs nächste Mal derart geschickt ein, so dass er bald ein beliebter Geschichtenerzähler wird.

    Seine verrückteste, wirklich richtig kitzelige Erinnerungsgeschichte spielt auf einem Operationstisch, welcher eine Gartenliege, eine Parkbank im Gestrüpp oder eine hart gepolsterte Sitzecke sein kann, wobei das Publikum zunächst ratlos amüsiert, dann aber immer verhaltener seiner Rede folgt. Links Skepsis und angewiderte Reaktionen, rechts Neugier und schließlich Begeisterung – wenn er zu Ende erzählt hat: Tumult!

    Anschaulich berichtet er von seiner Phimoseoperation, welcher er mit knapp einem Jahr unterzogen wurde und schlüpft abwechselnd in die Rolle des Chirurgen mit Skalpell oder Kochlöffel und in die seine, hingestreckt wie tot – das Ätheropfer.

    Für manche ist er damals einfach zu kleinklein, um sich an diesen Eingriff überhaupt erinnern zu können: „Der Sohn vom Münchhausen!“, rufen sie hämisch. – Andere finden die Sache toll und rufen erhitzt, „mein Gott, was du für eine Phantasie hast, mein Junge – und daran willst du dich erinnern können?“ Wirklich also glaubt ihm keiner: Denn wenn man erst ein Jahr alt ist, hat man keine Erinnerungen zu haben. Die kommen später oder nie!

    Ganz anders läuft die Sache, wenn er für die Mädchen spielt, die mit ihren Eltern bei ihnen zuhause sind und einfach nur geil auf seine Phimosegeschichte sind, von welcher sie schon viel gehört haben. Dann rutschen sie im engen Kreis um ihn und seinen OP-Tisch herum und immer näher an ihn heran, quietschen und drängeln und verfolgen voller hysterischer Abscheu und Faszination mit hochrot glänzenden Gesichtern den Eingriff, der sich plastisch bis ins Detail vor ihren ungläubigen Augen auftut.

    „Fffiiieee … wiiiee … !?, rufen sie dann entzückt durcheinander und gehen sich an den Leib: „Ffiii … Moohh … Mööööösse!“ Wenn er schließlich auf dem Tisch, dem Liegestuhl oder Sofa sitzend lasziv die Beine baumeln lässt und wie ein Fachmann erklärt, was passiert, wenn man eine Vorhautverengung hat, und sich dabei unwillkürlich an die Hose fasst, als wolle er im nächsten Augenblick seinen Pimmel herausholen, um alles noch exakter und detaillierter zu veranschaulichen, dann, spätestens dann schreiten die Eltern ein, die ihren Ohren nicht trauen und lassen ihn scheinbar gutmütig, in Wahrheit aber aggressiv wissen, dass man Mädchen in diesem Alter mit solchen Sachen nicht belästigen darf. – „Warum eigentlich nicht, wenn sie es wissen wollen?“ antwortet er dann nassforsch und wird auf sein Zimmer geschickt.

    Reibungsloser läuft es, wenn nur die Mütter der Töchter sein Publikum sind und zaghaft, aber doch bestimmt, das eine oder andere Mal wie nebenbei mitleidig seine Oberschenkel berühren und – nach oben hin – ihre rotrot lackierten Fingernägel zu seinem Hosenstall hoch gleiten lassen, so dass es ihm zuweilen schon passieren kann, seinen erigierten Pimmel unterm Stoff zu spüren. Dann ist, wie zu erwarten, seine Mutter plötzlich zur Stelle, die ihn furienhaft dazu bringen will, „die ständigen Schweinereien endlich sein zu lassen.“ „Aber er hat es doch am eigenen Leib erlebt“, unterbricht Tante Emmi dann und zwinkert ihm zu.

    Seinen Vater widert das Ganze nur an: „Ich will von deinen Sauereien nichts wissen; pass auf, ich werde dich noch windelweich prügeln, wenn du das nicht lässt“, zischt er und tut es auch. Er aber kann seine Schnauze einfach nicht halten.

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