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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Die Theaterüberraschungsbande
    Puzzle 42
    10. Juni 2014

    Bevor er ein Teddybär ist und gerade noch rechtzeitig die Kurve kriegt, weil er zum Kasperle wird und gemeinsam mit Christian und Benjamin seinen Ritter killt, wollen ihn seine Eltern zur „Puppe“ machen. Da ist er gerade mal ein halbes Jahr alt.

    Dass er sich daran überhaupt noch erinnern kann, hat er dem Jungen im Stadtpark zu verdanken, welcher ihn nicht nur vor dem Ritter warnte, sondern ihm auch davon erzählt hatte, dass Professor Kaspar, der berühmt-berüchtigte Kinderarzt der Region, ihn schon einmal in der Mangel hatte. Was heißt, dass er den pädagogischen Maßnahmen des Neunzehnten Jahrhunderts volle Pulle unterworfen, vom „Pimpf zur Puppe“ gemacht werden sollte.

    Seiner „Sechsmonatewahnsinnserinnerung“ liegt ein Ereignis zu Grunde, von dem er nur heimlich erzählt, hinter vorgehaltener Hand sozusagen. Denn was da passiert ist, würde keiner für wahr haben wollen – mitten im Zwanzigsten Jahrhundert. Also haben sie aus der Geschichte ein Theaterstück gezimmert, denn im Theater werden die unglaublichsten Dinge wahr. „Wovon man nicht erzählen darf, das kann man ja wenigstens zeigen“, behauptet Christian. 

    Zwölf, dreizehn Jahre sind sie jetzt alt und spielen seit etlichen Jahren schon auf den Bühnen ihrer Stadt. Und von denen gibt es viele – drinnen wie draußen.

    Mit „Kasperletheater“ hatten sie angefangen, damals, als er in letzter Sekunde auf die Idee kam, Kasperle zu werden und bei der Premiere eine böse Überraschung erlebte. Urplötzlich sahen sie sich dem Ritter in Gestalt seines schiefen Großvaters gegenüber, der nicht ins Stück gehörte. Und unversehens war es richtig ernst, beinahe lebensgefährlich geworden.

    „Gemeinsam haben wir den Kampf gewonnen, als ihm der Hut vom Kopf rutschte“, erinnert sich Benjamin, „der Hut hat uns für immer zusammengeschweißt. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“, meint Christian und zitiert damit altklug das Lieblingswort seines Vaters, wenn er ein Arschloch am Liebsten abknallen würde, „als Kasperle hast du wenigstens noch eine Chance, als Teddy bleibst du in der Scheiße stecken, für immer, ob du nun willst oder nicht!“

    Bald darauf haben sie den Club der Verschworenen gegründet, der sie durch Dick und Dünn begleitet hat. Niemand darf in die Bande eintreten, der seinen Ritter nicht schon besiegt hätte, gemeinsam mit anderen natürlich, denn alleine schafft man das als Winzling nicht. 

    Ihre Aufführungen sind beliebt, ja bald stadtbekannt. Sie spielen bei Kindergeburtstagen und Faschingsveranstaltungen. Immer dann, wenn Tante Emmi Geburtstag hat und einmal sogar, als der Elternbeirat in der Schule tagt. „Die Eltern und Lehrer hatten kein wirkliches Interesse an unserem Theater, das war nur vorgespielt“, meint Christian, „die wollten doch nur rauskriegen, was wir da so spielen. Da hatte sich in der Stadt was rumgesprochen. Deswegen haben wir damals ja auch den Pfarrer und den Polizisten nicht auftreten lassen – wir sind doch nicht doof!“

    Mit dem „Überraschungsbusch“ gegen Holzer, und zufälligerweise auch gegen seine Ilsebill, hatten sie etwas Neues ausprobiert: Agitproptheater sozusagen, open air – in frischer Luft. Das aber nur einmal, denn Holzer und seine Frau sind Gott sei Dank nicht mehr zurückgekommen – auch Aufführungen, die nur einmal gezeigt werden, können Wirkung hinterlassen!

    Dann, vor etwa einem Jahr, haben sie zum ersten Mal die „Wirtschaftswunderbarkeeperkiste“ anlässlich der Jahresgrillparty seiner Eltern zur Uraufführung gebracht: Eine Art Wer hat Angst vor Virginia Woolf am Swimmingpool als Ehedrama nur für Erwachsene, „echtes Wirklichkeitstheater“, behauptet Benjamin, „man braucht nicht den Fetzen einer Dekoration. Einen Swimmingpool, einen Liegestuhl und Buschwerk – das gibt es auf jeder Garten-Party. Einmal etwas anderes!“ 

    Das Stück, das sie jetzt vorbereiten, ist eine vollkommen neue Herausforderung. Denn mit den Inhalten und Geschichten wechselt selbstverständlich auch die Form ihres Theaters. Man könnte – wenn man übertreibt, wie Christian – sogar von unterschiedlichen Theaterstilen reden. „Die Geschichte diktiert die Form ihrer Darbietung“, sagt Christian, der sich da auskennt, weil sein Vater ein Theaternarr ist.

    Die ganze Sache muss ein Kellertheater werden, und zwar nur für Kinder und keinesfalls für Erwachsene: Aufklärungstheater für Kinder. Denn Kinder haben keine Lobby, also muss man sie warnen, schon die Kleinen nämlich, die ihren Ritterkampf noch vor sich haben und Teddybären sind, ohne es zu spüren. 

    Vom Scheißkerl zur Puppe nennen sie die neue Produktion. Sie ist gemein und kalt, ja richtig ekelhaft, ein wahres Gruseltheater, das den Teddybären vorführt, was mit einem Kind so alles passieren kann. Wenn ein Erwachsener mitbekäme, was und wie sie da unten im Keller spielen und die Kleinen verrückt machen, könnten sie ihr Theater vergessen, das ist ihnen klar – dann käme ein sofortiges Aufführungsverbot und harte Strafen folgten auf dem Fuß. 

    Die Geschichte ist authentisch. Eine so wahre und wirkliche Geschichte spielt man nicht eins zu eins! Dafür ist sie zu authentisch. Die spielt man phantastisch und ungeheuerlich – am besten als Barocktheater.

    Eine Art von Verschwörungstheater haben sie vor, „nun wirklich nicht jugendfrei, aber heilsam“, sagt Christian. „Die Chose“ – das ist das Lieblingswort seiner Mutter – „muss knallhart werden, die Kinder sollen sehen, was Fachleute anrichten dürfen, nur weil sie „Professorkaspar“ heißen und nicht „Doktor Kasperle.“

    „Ohne Mechanik wie im Barocktheater“, erklärt Christian der staunenden Theaterbande, „funktioniert die Chose nicht, schließlich muss der Darsteller der Puppe ziemlich lange kopfüber wie ein punching ball hängen und auf die schlimmsten Schläge gefasst sein, die er bald erleiden wird – eine ausgewachsene Prügelstrafennummer nämlich. Was aber besonders kompliziert ist“, fährt er fort, „es muss eine perfekte Verwandlungsmaschine her: Vom Menschen zur Puppe auf offener Bühne, heißt es nämlich. Daran muss gearbeitet werden, die Illusion muss perfekt sein! – Am besten spielst du den Pimpf“, schlägt er dem Kleinen vor, „du bist der Leichteste von uns allen und kannst am lautesten schreien.“ Benjamin fängt zu heulen an und trifft ins Schwarze wie Christian meint: „Ja, Kleiner, genau so: Wenn du weinst, flippt jeder aus“, sagt er. Er findet das gemein und nimmt Benjamin in den Arm. „Du machst das perfekt“, tröstet er ihn, „du bist einfach unsere Topbesetzung!“

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