• 45
    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Interludium
    Puzzle 45
    13. Juni 2014

    Das Interludium ist in Wahrheit ein schräger Balletteinlagekampf, auf Gedeih und Verderb, zwischen dem Scheißkerl und seiner Mutter, wobei die Mutter als Mutter am Ende natürlich die Oberhand behält und zwangsläufig als Siegerin hervorgeht.

    Vom Tonband: „Beiß nicht gleich in jeden Apfel, er könnte sauer sein“, gesungen von Wencke Myhre.

    Wie selbstverständlich gerät die Mutter bei dieser heißen Musik (oder bei diesem halbheißen Text) in Ekstase, so oder so: Der Darsteller der Mutter muss unbedingt Grundkenntnisse im Bauchtanz mitbringen, denn er sollte sich im Rhythmus der Apfelmusik verrenken können wie Eva, die von einer gerade neu konstruierten Miele-Waschmaschine träumt und die Sinne verliert, als hätte Adam und nicht die glühende Geräte-Heizspirale sie in Wallung versetzt. 

    Die Mutter tanzt einen genial choreographierten Wickelkommodemaschinenpasdedeux, während sich die Wickelkommode wie automatisch (auch Träume können wahr werden) zu einer veritablen Mielewaschmaschine verwandelt. Derweil die windelsuchende Mutter, welche die verklemmten Schubladen der schon tanzenden Wickelkommode selbst mit rasantem Hüftschwung nicht aufzureißen vermag, mit der anderen, freien Hand, den Scheißkerl wie einen Kasperle bei Goya in der Luft halten muss. Vollkommen überraschend sollte sie vom Maschinenpasdedeux zu einem sagenhaften Lufthysterietanz wechseln (Choreografie: Eine Art von verhexter Madonna über den Wassern!), der kein absehbares Ende haben darf und kann (Timing!). Dabei muss sie auch noch ihren Scheißkerl durch den Raum schleudern, dass es nicht nur ihm Angst und Bange wird.

    Mit herzerschütternden Lustschreien, die nicht als Jodler missverstanden werden dürfen, entwickelt sie veitstanzartig die Windeln des Scheißkerls, der gesäubert werden muss, so dass schließlich die Windelbahnen wie kunterbunte Luftschlangen in die Luft wirbeln und allmählich alles Elend unsichtbar werden lassen (Achtung: Windmaschine! Selbst ein kalt gestellter Heizofen von der Seite, volle Pulle auf Höchsttouren blasend, schafft diesen Effekt nie, von dem das Gelingen des ganzen Interludiums abhängt: Also, Techniker vor!) .

    Dieser Windelluftschlangeneffekt, in welchem auch die Scheiße unseres kleinen Turmschädels wirbelt, kann nach Belieben und, so vorhanden, durch Diaprojektionen ergänzt werden, um das Maß voll zu machen.

    Wenn der Scheißdampf schließlich verdampft ist (Windmaschinen natürlich aus!) und die Windeln wie durch ein Wirtschaftswunder sauber, also durch die jetzt in geheimnisvollem Licht leuchtende Waschmaschine hindurch geflattert und wieder ganz weißweiß geworden sind (Persil!), schafft es die arme, vollkommen atemlose Mutter selbst nach allen möglichen Wechselschrittmaniersäuberungsmaßnahmen (hier sind der Regisseur und seine hoffentlich kongenialen Einfälle gefragt) nicht mehr, ihren Höllenfratz mit den doppelt sauberen Windelfahnen (Persil!) wieder einzubandagieren. Denn der Scheißkerl beginnt, sich aus Leibeskräften zu wehren und dabei (zu allem Übel) auch noch furchtbar herzzerreißend zu schreien (über Tonband natürlich, welches der Vaterdarsteller hinter der Szene selber ausschalten sollte, um nicht zu früh wieder aufzutreten). Wie bei einer Schlammschlacht im Boxring kämpft der Scheißkerl mit seiner Mutter, weil er sich nicht wieder einwickeln lassen will, wobei ein imaginäres Publikum (Tonband) sich in pro- und kontra-Parteien spaltet, welche sowohl den Scheißkerl als auch die Mutter unerbittlich ordinär anfeuern, damit  quadrat-blauMutter oder Scheißkerl gewinnt. 

    Ende der Apfelmusik: Nach langem Kampf sinken das nackte Baby und seine Halbnacktmutter ohnmächtig zu Boden: Gleichzeitig!

    Unerträgliche Stille und schweres Atmen der Mutter: Wer hat gewonnen? Sind etwa beide drauf gegangen? 

    Der Vater von rechts wieder mit dem Kopf aus der Türe. Die Mutter erwacht aus ihrer Ohnmacht.

    Vater: „Na, fertig?“
    Mutter: „Na ja, ich glaube unser Kind ist tot!“
    Vater: „Nein, es lebt, ich höre es bis hierher atmen.“
    Mutter: „Gott bewahre! Und wie weiter?“
    Vater: „Was heißt hier, Gott bewahre!“
    Mutter: „So geht es nicht weiter!“
    Vater: „Wir haben keine Zeit mehr füreinander!“
    Mutter: „Das sagst du!“
     
    Die Mutter, welche immer noch in der auf dem Boden liegenden Windelluftschlangenscheiße neben dem leblosen Körper des nackten Turmschädels hockt, springt plötzlich auf die Wunderwaschmiele und spreizt ihre nicht mehr ganz röschen Beine lasziv nach dem Vater hin aus und auf.

    Mutter: „Willst du oder willst du nicht?“
    Vater: „Wir müssen uns Rat holen!“
    Mutter: „Guter Rat ist teuer!“
    Vater: „Dafür reicht das Geld immer!“
    Mutter: „Guter Rat ist gut: Aber wo, wer, wie und darüber hinaus?“
    Vater: „Wir müssen sofort zu „Professor Kaspar“ in die Großstadt!“

    Die Mutter zieht ihre Beine wieder zusammen.

    Dunkel.

    abgelegt in #Tags: