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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Akt 1
    Puzzle 44
    12. Juni 2014

    Ein enger, fensterloser Raum, dessen Konturen verzerrt wirken ohne dass man sagen könnte, warum. Kaltes Licht aus einer Lampe von oben, welche sich aber den Blicken entzieht. Hinten, vor der grauschwarz schattierten Rückwand, eine schäbige Wickelkommode, deren Schubladen klemmen. Links und rechts jeweils die gleiche Türe, zum Verwechseln ähnlich.

    Auf der Kommode ein unförmiges Baby mit Turmschädel und abwesend gläsernem Blick in Windeln, welche den Körper, Kopf und Arme und Beine und Hände zu einem weißen Brei zusammenschnüren: Unten ist das frische Weiß dahin, denn dort sind die Windeln voll geschissen.

    Bevor überhaupt die Türe rechts oder links aufgeht und jemand kommt, kommt niemand. Es herrscht ohrenbetäubendes und impertinentes Geschrei vom Tonband, auf volle Lautstärke gedreht, das vom Monstersäugling kommt, sich aber anhört wie das ins Quälen gesteigerte sirrende Pfeifen von Schwalben, wenn sie hinter den Mücken im Himmel her sind.

    Wenn die Schreierei unerträglich geworden ist (was schon von Anfang an der Fall ist, aber bitte nervlich durchzuhalten, damit es richtig unerträglich wird), wird endlich (!) das Tonband ausgeschaltet: Verwirrt schaut der stinkende Schreier so gut er kann um sich – war er es, welcher so lauthals herumgeschrien hat, oder wieder die verdammten Schwalben, oder aber (überflüssigerweise) das Tonband!?
    Eine allgemeine Verunsicherung darüber sollte auch das Publikum unten ergreifen.

    Ohrenbetäubende Stille.
    Lange Zeit des Wartens:
    Furchtbares liegt in der Luft …
     
    Auftritt von Mutter und Vater mit ausgewachsenem Turmschädel und leerem fahlen Gesicht durch die beiden Türen links und rechts. Beide bleiben hinter ihrem Türblatt in Deckung, so dass nur ihre Schädel hervortreten, als wären sie körperlos.

    Vater und Mutter sagen lange nichts, was sollten sie beim Anblick allen Übels auch sagen. Die Mutter versucht den Scheißkerl zu ignorieren.

    Langweilige Stille, weil es mit den Eltern immer langweilig ist. – Dramaturgie: Von ohrenbetäubender zu langweiliger Stille!

    Vater: „Da schreit doch jemand! Das könnte eine Schwalbe sein!“
    Mutter: „Das könnte eine Schwalbe sein, das könnte aber auch ein Tonband gewesen sein!“ 
    Vater: „Das könnte ein Tonband gewesen sein. Es könnte aber auch von einem Menschen herkommen.“  
    Mutter: „Du hast nur Schwalben im Kopf!“
    Vater: „Gott sei Dank nicht Schmetterlinge im Bauch, wie du!“
    Mutter: „Da hat doch irgendetwas geschrien, oder war es nur das Tonband?“
    Vater: „Schau mal da!“

    Der Vater deutet auf das halbverschissene Windelbreiknäuel. Die Mutter reagiert nicht.

    Vater: „Schau mal, sage ich, dort, da!“

    Die Mutter glotzt unverwandt ihrem Mann ins Auge, weil sie den Scheißkerl nicht sehen will!

    Mutter: „Da?“
    Vater: „Schau, der Sohn!“
    Mutter: „Süß! Der Sohn!“
    Vater: „Er ist wieder voll geschissen!“

    Die Mutter will einfach keine Notiz vom Scheißkerl nehmen. Sie schaut ihrem Mann nach wie vor geil ins Gesicht.

    Mutter: „Süß!“
    Vater: „Ich?“
    Mutter: „Ja, du!“
    Vater: „Na gut! – Wenn du willst, mache ich es heute für dich, die Scheißarbeit, meine ich, denn heute ist Sonntag, da kann ich es ja mal probieren, und du legst dich währenddessen an den Swimmingpool und machst es dir am Sonntag einmal richtig schön, weil Sonntag ist, das hast du verdient, bei all deinen Sorgen, ich erledige das heute für dich, ich muss es ja auch mal lernen!“
    Mutter: „Dann dauert es sicher Stunden, wenn du das machst und rumprobieren willst, das mache ich, sonst verplempern wir nur die Stunden und du kannst mich nicht ficken, wenigstens einmal die Woche nach dem Sonntagsbraten am Sonntagmittag, das ist doch schließlich verabredet und versprochen und war schon immer so, wenigstens einmal die Woche!“

    Die Mutter reißt plötzlich ihre Türe ganz auf und wendet sich im Negligé, in welchem sie jetzt zum Vorschein kommt, halbnackt ans Publikum.

    Mutter: „Stunden, in denen nichts passiert als aufwickeln, etwas säubern und wieder zuwickeln, das wollen wir doch nicht, wir wollen doch schließlich alle, dass etwas passiert, oder etwa nicht? Sonst wird es noch langweilig!“

    Mögliches Gelächter oder Applaus oder Gegröle im Publikum, das sollte der Darsteller der Mutter mit seinen Sätzen unbedingt provozieren!

    Mutter: „Na, ist ja gut Kinder, ich mach das schon, schaut her, sonst passiert wieder nichts am heiligen Sonntagnachmittag nach dem Mittagessen wie so oft in letzter Zeit.“

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