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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Akt 2
    Puzzle 46
    16. Juni 2014

    In der nahe gelegenen Großstadt. Im Kinderspital: Der Behandlungsraum von Professor Kaspar. Aus der Wickelmielewaschmaschine ist jetzt eine Throngeldwaschmaschine geworden, welche sanft, in kleinen, beinahe unsichtbaren Kreisen über den Boden des eindrucksvollen Ordinariatsraums schwebt.

    Auf dieser sitzt in leuchtendem Kittelweiß selbstherrlich kein Geringerer als der Professor, der heimliche Kinderschänder, und wartet auf die Turmschädeleltern des kleinen Turmschädels, die seinen Rat dringend brauchen, weil sie mit ihm, dem Scheißwindelkacker, nicht mehr fertig werden.

    Die armen Eltern sind außer sich (wo sie eigentlich immer sind, draußen vor ihrer Tür): Denn ihr Kind schreit schwalbenartig, vor allem dann, wenn es wieder gewickelt werden muss. So unerträglich schreit es dann, dass einem Sehen (Windelkunterbuntluftschlangen) und Hören (Tonband: „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“) vergehen kann.

    Wenn der Vorhang sich vor dem Kasparordinariat und seinem Professor auf der Maschine thronend so langsam, ja so geheimnisvoll wie möglich zurückzieht (Achtung ihr Vorhangzieher, wer ihr auch immer seid, bitte diesen Vorgang regelmäßig vor jeder Aufführung technisch üben bis zum Umfallen!), muss jedem Kind unten das Herz im Leibe stehen bleiben, denn es sieht, ob es nun will oder nicht, direkt ins Auge der Kinderhölle, so nämlich glühen die Augen des Kinderverächters (an die Beleuchter: wichtiger Spezialeffekt, „die glühenden Augen des Professorkaspar als „Doktor Mabuse“).

    Kurzerhand erklärt der Kinderhasser als Kinderprofessor das Kind zum Scheißkerl, mit dem man kurzen Prozess machen muss, sonst wächst er seinen Eltern noch über den Turmschädelkopf.

    Das aber darf nicht sein! Das Kind muss ihresgleichen bleiben, sonst ist die Kacke am Dampfen, als Wissenschaftler hat er ja schließlich auch eine gesellschaftliche Aufgabe: Dies sollte von der Dramaturgie als Grundlinie des Ganzen bitte ernst genommen werden, denn wie soll eine Mutter mit ihrem Kind fertig werden, wenn es nicht „ihresgleichen“ werden will, das führt nur zum Aufruhr!

    Aus diesem Grund darf es auch keinen „Deus ex machina“ geben (Dramaturgie: „Der Gott von oben als Maschine“), welcher am Ende jeder Barocktheatergeschichte von oben heruntergelassen wird, damit alles paletti ist. Der Professor ist der Gott und Heilsbringer, und nicht irgendeine Maschine (Miele). Dieser, und nur dieser sorgt dafür, dass Kinder keine Menschen werden, denn der Mensch soll Mensch bleiben, ein Mensch, wie es Vater und Mutter sind, sonst werden aus Kindern keine Menschen, das Band zerreißt und allgemeines Chaos droht.

    Als der Kasparprofessor schon eine geheimnisvolle Weile vor sich hin schwebt, in all seinem herrlichen Weißweiß, das der Professorkaspar zu seiner Reputation auch dringend nötig hat, müssen in allerfernster Ferne (zweites Tonband im Nebenraum, am besten im nahegelegenen Heizungskeller, der in Supervillen perfekt gedämpft ist, damit die Eltern oben nicht das hässliche Geräusch des Gasbrenners unten mit anhören müssen, Öfen sollen Öfen bleiben, davon wollen Erwachsene nichts mehr hören), müssen also die Gedanken des Kasparprofessors laut werden, welche natürlich nur ums Geld und nicht um die Welt und ihre Kinder kreisen (hier ist wieder der Regisseur gefragt, der sich für den inneren Monolog des Professors – Tonband, aber das ist ja klar – zwar alle Freiheiten der textlichen Gestaltung nehmen darf, dem Geld als Beweggrund aller Existenz in diesem Monolog des Kinderschänders von Mauthausen jedoch zu seinem Recht verhelfen soll. Denn jetzt zählt nicht mehr die Rasse, sondern der Mammon, und der ist auch Klasse).

    Auftritt von Vater (rechts) und Mutter (links) aus den Türen, die vom ersten Akt übrig geblieben sind.

    Vater: „Sind wir hier richtig?“
    Professor: „Hier sind sie immer richtig!“
    Mutter: „Wieso?“
    Professor: „Weil heute ihr Kind dran kommt!“
    Vater: „Ja endlich, er stirbt uns noch!“
    Mutter: „Er stellt sich immer tot!“
    Professor: „Ja und!?“
    Vater: „Ja und?“
    Professor: „So treten sie doch endlich ein!“
    Mutter: „Ich kann nicht!“
    Vater: „Wieso?“
    Mutter: „Weil ich noch im Negligé bin!“
    Professor (geil): „Das habe ich schon bemerkt; also bitte näher zu treten!“
    Vater: „Das Kind wird immer ohnmächtig, wenn man es wickelt!“
    Professor: „Das ist leicht.“
    Mutter: „Nein, das Kind ist schwer und wehrt sich, wenn man es wieder einwickeln will. Ich habe die Schnauze voll!“
    Vater: „Es will sich nicht einwickeln lassen!“
    Professor: „Ja und, das ist normal!“
    Mutter: „Das ist krank!“
    Professor: „Man muss die Kinder zu ihrem Glück zwingen!“
    Vater: „Das sagen Sie!“
    Professor: „Ja, das sage ich; es ist leicht!“
    Mutter: „Das Kind ist aggressiv!“
    Vater: „Und das mit sechs Monaten, da war ich schon ein Mensch, also, wie soll ich sagen, brav, also, alles okay, sonst wäre aus mir auch nie etwas geworden!“
    Mutter: „Wenn es in der Pubertät wäre, könnte ich es ja noch verstehen!“
    Professor: „Also, Schluss jetzt mit dem Ganzen!“
    Mutter: „Das finde ich auch!“
    Vater: „Also?“
    Professor: „Sind sie privat versichert, das kostet.“
    Vater: „Guter Rat ist teuer, das weiß ich als Anwalt!“
    Mutter: „Wir haben eine Villa und lassen uns das Leben etwas kosten!“
    Vater: „Geld spielt keine Rolle, mit Geld wird noch jedem geholfen!“
    Mutter: „Also, kurzer Prozess, das kann so viel doch nicht kosten.“
    Professor: „Wie ich schon sagte – es ist leichter, als sie denken! “

    Die Mutter reicht dem Professor einen quadrat-blauersten, riesigen Geldschein.

    Mutter: „Nun machen sie schon!“
    Professor: „Das nächste Mal, wenn das passiert … „

    Der Professor wendet sich ungeduldig nach rechts zum Vater hin, welcher ihm sofort mehrere, noch größere Geldscheine unter seinen schwebenden Thron wirft, damit er besser schwebt.

    Professor: „… das nächste Mal machen sie kurzen Prozess!“
    Mutter: „Gut so, mein Mann ist Anwalt, wie Sie wissen, der kennt sich in kurzen Prozessen aus!“

    Der Professor winkt die Mutter heran, welche ihm sofort im Negligé auf den Schoß hüpft.

    Mutter: „Nun sagen Sie, lieber Professor, was kann uns beide retten?“
    Professor: „Beine nach oben!“
    Mutter: „Hier vor meinem Mann?“
    Professor: „Das Kind, meine Beste, nicht sie und hier, sondern ihr Scheißkerl zuhause!“

    Der Professor starrt den Vater gierig an, worauf sich sofort ein Geldsturm (Windmaschine) durch die rechte Türe erhebt und tausende von bunten Geldscheinen hereingewirbelt kommen, so dass bald die ganze Szene im Bildergeldrausch verschwindet, während die lehrreichen Ratschläge des Professors trotz des anhebenden Höllenlärms, welcher anhebt (Tonband: ad libitum) noch eine Zeitlang unüberhörbar bleiben.

    Professor: „Wenn Sie, Gnädigste, das nächste Mal ins Kinderzimmer kommen, weil es unüberhörbar geworden ist, dass da keine Schwalbe und erst recht kein Tonband, sondern ihr kleiner, widerspenstiger Sohnemann herumkräht, dann wickeln sie ihn auf, machen seinen kleinen verdammten Arsch sauber und wenn der Scheißkerl dann glaubt, sich dagegen wehren zu können, wieder eingewickelt zu werden, zornig und schließlich ohnmächtig wird – nur weil Sie wieder gewonnen haben – dann, Gnädigste, sollten Sie wissen, dass es lediglich seine kleinen, hoch reagiblen Carotiden, also seine Halsschlagadern sind, welche durch die Schreimuskulatur, wenn Sie verstehen, was ich meine, bei all dem Gequäke von außen so zusammengeschnürt werden, dass kaum mehr Blut im Scheißquerkopf ankommt und er ohnmächtig werden muss, was er ohnehin schon vorher ausgeheckt hat. So ist nun einmal die Physiologie der Halsgefäße beschaffen, sie ist uns leider bis heute noch nicht untertan, die Kinder sind es aber schon, wo kommen wir denn hin, die können doch nicht einfach machen, was sie wollen und sich in ihrem kleinen Querkopf auch noch etwas vornehmen! Gegen uns!“

    Immer mehr Geldscheingewirbel, so dass schließlich auch der Professor verschwunden ist, man aber immer noch (Tonband) seine fachmännische Krächzrabenstimme hören kann.

    Um dem AKUSTISCHEN ORGASMUS des Professors, der im weiteren folgt, noch die optische Krönung aufzusetzen, können und sollen, so vorhanden, noch weitere Diaprojektoren zum Einsatz kommen: Mit Bildern von Paraden und Aufmärschen zum Beispiel (im Barock wurde die PARADE schließlich erfunden, bitte nachlesen!), um seinen Ausführungen – wenigstens bildlich (optischer Subtext) – die nötige Unterstützung zu verleihen, denn schließlich ist der Professor immer mit Leib und Seele dabei, wenn er Kinder behandelt (Tonband mit der Stimme des Heuchlers immer schneller drehen, immer höhere Geschwindigkeit bis hin zum AKUSTISCHEN ORGASMUS: Stufenlos bedienbare Regler einbauen! Techniker, so schwer kann das doch nicht sein!).

    Professor: „Noch bevor dieser Kasus aber eintritt, das Baby also ohnmächtig wie tot vor ihnen liegt, weil kein Blut mehr im Hirn ankommt und es Ihnen unnötige Sorgen bereitet, müssen sie zum Äußersten schreiten!“

    Tonregie: Hier hat der Professor seinen wohlverdienten ORGASMUS! Also bitte nicht schlafen und immer nur auf die Bühne glotzen, weil es dort vermeintlich spannender ist als auf der Seitenbühne vor dem Tonband alleine!

    Professor(in Ekstase): „Gerade im letzten Moment, bevor der Balg seine Ohnmacht bekommt, packen sie ihn bei den Füssen, und, so schwer kann er mit seinen sechs Monaten doch noch nicht sein, wuchten ihn kopfüber nach oben in die Luft, an seinen eigenen Beinen aufgehängt, und prügeln ihren Scheißkerl so inbrünstig und lange durch, dass er zur „Puppe“ werden muss! Sie werden sehen, dass das Kind ihnen das so schnell nicht vergessen wird und nicht noch einmal ohnmächtig werden wird – Gnade ihm Gott! “

    Nur noch tanzende Geldscheine, jetzt die gesamte Bühne füllend, welche unmerklich (Barocktheater) zum Vorhang werden, der mit einem Mal unwirklich aufglitzert und sich dramatisch langsam schließt, als sollten die Kinder (unten) für immer alleine bleiben.

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