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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Akt 3
    Puzzle 47
    17. Juni 2014

    Das Kinderzimmer wie im ersten Akt, wenn der Vorhang wieder aufgeht.

    Auf der Wickelkommode der Windelwickelsäugling mit Turmschädel, welcher diesmal aber nicht schreit (also bitte kein Tonband!), sondern der Dinge harrt, die da kommen werden: Unheimliche Stille!

    Kommentare aus dem Publikum wie: „Na, jetzt wirst du ja sehen, was du von der ganzen Schreierei hast, du Wurm“, oder: „Pass auf, hau ab, gleich wirst du jämmerlich verprügelt“, sind eher willkommen, als durch vorzeitige Regieeinfälle und entsprechende Aktionen zu unterbrechen, deshalb, bitte, die Stille lange Zeit unheimlich dehnen.

    Endlich werden beide Türen von Vater (jetzt links) und Mutter (jetzt rechts) geöffnet, wobei beider Turmköpfe wiederum hinter den Türblättern in der Luft hängen bleiben wie kleine gemeine Kopfarchitekturen.

    Vater: „Hast du noch dein Negligé an?“
    Mutter: „Nein, wieso, jetzt, im entscheidenden Moment, ich bin doch nicht bescheuert, habe ich meinen neuen Nerz an, zur Feier des Tages, denn jetzt wird alles gut!“
    Vater: „Na gut, wenn du gut sagst, dann kann ja nichts mehr schief gehen und alles wird gut“!

    Beklemmende Stille: Mutter und Vater hören in den Raum hinein, hören aber nichts, noch nicht einmal Schwalben, erst recht kein Tonband.

    Mutter: „Der schreit gar nicht!“
    Vater: „Was sollen wir machen?“

    Die Mutter wendet sich urplötzlich zum Scheißkerl, den sie im ersten Akt partout nicht wahrhaben wollte.

    Mutter: „So schrei doch endlich, ich mach dich zur Puppe!“
    Vater: „Der sagt nichts, der weiß was kommt!“
    Mutter: „Ich gehe einfach mal rein, dann wird er schon anfangen.“
    Vater: „Aber sei nicht so vorsichtig, sonst schreit er nicht!“
    Mutter: „Keine Angst!“

    Während die Mutter sich in Stöckelschuhen und Pelz ihrem süßen Baby so affektiert nähert, dass es furchtbar klappert (Choreografie: Ans Steppen denken!) muss im entscheidenden Moment das Tonband angeschaltet werden, auf dem wieder das quadrat-blauSchwalbengeschrei des Anfangs zu hören ist.

    Die benerzte Mutter muss sofort innehalten, verstohlen zu ihrem Ehegatten hinüberblinzeln, sich dann aber ruckartig wieder dem Scheißkerl zuwenden und ihn mit stechenden Augen ins Visier nehmen (Make up: Bitte nicht an der selbst leuchtenden Wimperntusche des Muttermonsters sparen, so viel Effekt muss sein, Produktionskosten hin oder her).  

    Mutter: „Na hörst du, es funktioniert!“
    Vater: „Gott sei Dank!“
    Mutter: „Er schreit wieder!“
    Vater: „Gott sei Dank, was sollten wir sonst machen, wenn er nicht schreien würde.“
    Mutter: „Jetzt greife ich an!“ 

    Im Verlauf des Folgenden wird das Geschrei des Babywindelbreis immer lauter, so dass man die Stimmen von Mutter und Vater schließlich nicht mehr hören kann (Tonband: Na also, bitte!).

    Mutter: „Soll ich ihn mir jetzt greifen, wie es der Professor befohlen hat?“
    Vater: „Nein, erst noch näher ran, dann erst zugreifen!“

    Wenn die Mutter sich endlich an den Windelkotzstinkbrei herangepirscht, ihn ausgewickelt und gesäubert hat, muss der Vaterdarsteller „JETZT!“ rufen, so dass die Mutter jetzt versuchen muss, den Scheißkerl wieder einzuwickeln.
    „JETZT“: Die Mutter reißt den Quälgeistbalg an den Füssen in die schummrige Luft des Kellers hoch, so dass sein hässlicher Turmschädel nach unten, zum Boden hin geschleudert wird. Und sofort schlägt sie zu, so dass es am Ende nur heißen kann: Ende gut, alles gut – Vom Scheißkerl zur Puppe! 

    Währenddessen ereignet sich der Höhepunkt der Horrorkellershow: Denn das Menschenstinkescheißwindelbaby verwandelt sich unter den unkontrollierten Windelweichschlägen der hoffnungsfroh aufgetakelten Mutter („Vom Negligé zum Nerz!“ – Garderobiere!)), auf offener Szene zu einer mit Holzwolle gefüllten, unförmigen Stoffpuppe, die weder Gesicht noch Charakter hat – in ein gesichtsloses Gesicht, einen körperlosen Körper: Das Schlimmste also, was einem Menschen passieren kann!

    Während dieser Aktion (das Gegenteil von gut ist gut gemeint!) setzt dröhnende Musik ein: „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, das wär besser für dich (schnöde Drohung), für mich (die Mutter) und für Düsseldorf am Rhein“ (die Gesellschaft).

    Jetzt gerät die Szene zum Fanal: Der zur Puppe gewordene Scheißkerl tanzt schließlich an (natürlich) unsichtbaren Drähten, wie ein kleiner, vollgepumpter Stoffballen durch die Luft, wie ein punching ball, der Mutter zur Fitness und der Puppe zum Leben der „lebenden Leichen“ verhelfend.

    Spätestens die Düsseldorfmusik, die alles in mörderischen Lärm erstickt, sollte die Sicherheitstruppe, also den Saaldienst der Theaterbande dazu veranlassen, höllisch darauf aufzupassen, dass keine verschreckten, höchst besorgten Erwachsenen von oben ins Kellertheater vordringen, um nach dem Rechten zu sehen und die Aufführung im wichtigsten Moment noch zu stören. Trotzdem: Kurz vor Ende der Vorstellung (nur Mut, du Tonbandbediener!) sollte die Lautstärke so aufgedreht werden, dass noch jede Villa, in deren Keller das Grauen sich ereignet, in den Grundfesten erschüttert wird: „ La terra trema“, oder: „Ein Prügelstrafenfeuerwerk“, denn auch das Licht spielt verrückt (Beleuchter, auch ihr!).

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