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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Ulla
    Puzzle 50
    20. Juni 2014

    Ulla hat er gerade erst kennengelernt, da erzählt er ihr schon seine „Friedhofsgeschichte“ von damals. Damals ist er etwa ein Jahr alt gewesen.

    Vom Friedhof hat er bislang nur ein- oder zweimal erzählt, denn niemand will die Geschichte hören. – „Aber Ulla“, denkt er, „die wird die Geschichte sofort verstehen, denn sie schaut auf die Dinge und weiß von anderen Welten, von denen sie eigentlich noch gar nicht wissen kann. Sicher hat sie schon viel erlebt und ist weit herumgekommen: Aber trotz ihrer sechzehn hat sie eine alte Seele! – Wunderbar!“

    Schön ist sie mit ihren Kirgisenaugen, im Bett ein Wunder, und wenn er mit ihr Musik macht, sind sie jedes Mal in einer anderen Welt. – Auch er ist schön geworden, eine Mischung aus Hölderlin und David Bowie: Die Mädchen und Jungen fliegen auf ihn, und er auf sie: Er liebt sie alle, wenn sie schön sind und ihn lassen.

    Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er die Geschichte Ulla nicht erzählt hätte, „aber hinterher ist vorher, und vorher ist hinterher“, sagt er sich: „Zufall!

    „Die Gleichzeitigkeit der Dinge kann einen verrückt machen“, beginnt er ihr zu erzählen, „wenn du nicht weißt, wo du bist und die Zeiten verschwimmen, du aber immer nur auf einen frisch polierten Marmorstein zu Boden schaust und hinter dir jemand steht, der dir vorliest, was auf dem Stein steht und was der Spruch bedeutet, den du da eingeritzt siehst: Dann schaust du in die Erde und siehst deine Brüder dort unten liegen, alles ist friedlich und die Welt rundet sich ins Unendliche. – Wenn du nach langer Zeit den Kopf hebst und siehst, wo du dich im Augenblick quadrat-blaubefindest, musst du erst einmal wieder zurückkommen: „Richtig“, erinnerst du dich dann – die Eltern, die Stadt, das Elternhaus und, ach ja, der Friedhof, hier bin ich jetzt.“

    „Also Ahnung und Gegenwart“, antwortet Ulla, die er so fest in seinen Armen hält, als wolle er nie mehr von ihr lassen. „Ja“, unterbricht er, „es ist so, als würdest du gleichzeitig in mehreren Bildern und Welten leben, die alle miteinander in Verbindungen stehen. Und wenn du dann wieder zu Boden blickst, liegt da dieser verdammte Stein, dessen Goldschrift in der Sonne funkelt, dass die Buchstaben tanzen und siehst nur deine Brüder, die du nicht kennst, weil sie schon tot sind, wenn du auf die Welt kommst. Auf meinem Flügel zuhause stehen ihre Bilder in Silberrahmen und lächeln mir manchmal so verschmitzt zu, dass ich das Gefühl habe, sie stünden neben mir. – Das kann einem den Atem nehmen, weißt du, wenn ihre Bilderaugen Lichtlanzettenfunken versprühen und du in einer Wolke aus Glimmern, Schimmern, Aufblitzen und Vergehen schwebst wie in einem sanften Gewitter – dann ist alles leicht, eigentümlich leicht. 

    „Immer wenn mir die Erregung durch den Körper strömt, Ulla, egal warum, kann es passieren, dass es glitzert. Dann weiß ich gar nicht mehr, wo ich eigentlich bin. Es ist nicht oft, aber mit dir ist es jetzt wieder so. Ich liebe dich!“ – Besinnungslos zieht er Ulla zu sich auf den Boden und umarmt sie so sanft, dass ihre Körper miteinander verschmelzen.

    Warmschweißig liegen beide nebeneinander im Gras und Ulla verströmt den betörenden Duft der Frau; „Jungs riechen anders“, denkt er. Einen Moment lang zögert er, denn der Friedhof kommt ihm wieder in den Sinn. – Schließlich richtet er sich auf, beugt sich über sie und küsst ihr einen wundersamen Hauch auf die Lippen: „Ich könnte die Szene filmen, wie ich im Sommer durch das bunte Gezwitscher der Vögel im Kinderwagen nach draußen, zurück in die Welt gefahren werde, am Leichenhaus vorbei, in welchem die Toten darauf warten, unter die Erde zu kommen.“ – „Ich bin genau in deiner Szene“, flüstert Ulla ihm liebevoll zu. „Ich liebe deinen Speichel, er schmeckt süß und verführerisch“, raunt sie ihm zu, „ich kann dich sehen, dich mit deiner Mutter auf dem Friedhof, am Grab deiner beiden Brüder. Du bist noch ganz klein und sitzt im Kinderwagen. Jetzt fährst du an einer Trauergemeinde vorbei, die auf eine Beerdigung wartet und zu dir herüberschaut, wie deine Mutter dich nach draußen in die Stadt zurückschiebt. Sieh nur, das Kerlchen dort“, hörst du jemanden sagen, „das hat alles noch vor sich!“ – „Hast du Angst vor dem Tod, Ulla?“, fragt er unvermittelt. „Der Tod, ich weiß nicht!“ Ulla zögert. – „Der Tod ist schön; ich habe keine Angst vor dem Tod!“, antwortet sie endlich und schaut ihn mit ihren Kirgisenaugen an, in welchen er sich verliert. „Neulich dachte ich, es ist doch seltsam, dass so viele Menschen Angst vor dem Tod haben, nur weil sie nicht wissen, was danach kommt“, flüstert ihm Ulla zu, „aber das ist doch Quatsch, nicht wahr! Wir alle können doch schließlich wissen, was danach sein wird, oder etwa nicht?“

    Ulla steht auf. In der Dunkelheit kann er nur mehr die Silhouette ihres wunderschönen Körpers erkennen, der eigentümlich leuchtet: „Was sein wird, war doch schon einmal, vor unserer Geburt nämlich, da war doch Nichts – ein schönes Nichts. Erinnerst du dich nicht?“

    Zwei Tage später bringt Ulla sich um. Sie hätte unter einer beginnenden Schizophrenie gelitten, sagen die Leute. Die Ärzte nicken und er erzählt seine Friedhofserinnerungsgeschichte keinem mehr.     

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