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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Musik
    Puzzle 51
    23. Juni 2014

    Ulla lernt er auf ganz besondere Art und Weise kennen. Das ist eine tolle Geschichte. Die aber erzählt er keinem. Sie bleibt Ullas und sein Geheimnis – topsecret!

    Sie ist eine Klasse über ihm im humanistischen quadrat-blauGymnasium, das direkt gegenüber seiner eigenen Schule liegt, an der man sogar wegen Musik durchfallen kann, weshalb sie „Musisches Gymnasium“ genannt wird.

    Vom Sehen kennen sich beide schon eine Ewigkeit: Wenn sie im Kinderwagen hockend in der Stadt zufälligerweise aneinander vorbei geschoben werden, bestaunen sie sich mit großen Augen wie alte Bekannte. Er weiß schon Minuten vorher, wann sie in ihrem „Kinderwagentöfftöff“ mit ihrer schönen Mutter um die Ecke biegen wird, „da tanzte stets ein bunt leuchtendes Band hoch in die Luft“, sagt er ihr später, „schon von Ferne konnte man dich kommen sehen!“ – „Von der Ferne?“, lacht Ulla, „da war kein Band in der Luft, das war ich!“

    Dann hatten sie sich aus den Augen verloren. Einmal noch, er kann sich genau daran erinnern, hatten sie sich in der Eisenbahn auf dem Weg zum berühmten Weihnachtsmarkt in der nahe gelegenen Großstadt getroffen, gemeinsam mit ihren Eltern, welche ganz entzückt waren, wie niedlich die beiden Kinder miteinander umgehen, wie ein „kleines Paar“. Wir sollten uns mal treffen“ meint Ullas Mutter. Da aber seine Mutter Ullas Vater nicht so berückend findet, ist daraus nie etwas geworden. Und weil ihm bald die Angelegenheiten ihrer neu gegründeten Bande – dem Club der Verschworenen – über den Kopf wachsen und Mädchen in einer Bande ohnehin nichts zu suchen haben, hat er Ulla schnell vergessen. Erst der Zufall wird sie wieder zusammenführen, aber bis dahin ist es noch eine Ewigkeit.

    Entrückt sitzt er am Flügel im Musiksaal seiner Schule, auf dem sonst keiner außer den Musiklehrern spielen darf. Einer von ihnen ist sogar Komponist, dessen Werke im Rundfunk zu hören sind. – Der Klang des großen Konzertflügels berauscht ihn, als würde nicht er auf ihm, sondern dieser mit ihm spielen. Das Stück, das er zwischen seine Finger gleiten lässt und auswendig beherrscht, ist noch eine halbe Sache, denn die Violine fehlt und er ist gespannt darauf, wie sich die ganze Sache anhören wird: Die Sonatine für Violine und Klavier von Antonin Dvorak, opus 100, sollen sie gemeinsam beim Abschlusskonzert des Schuljahres „zu Gehör bringen“, wie der Komponist sagt, der auch sein Lehrer ist …,es gäbe da eine „wunderbare Geigerin“ im humanistischen Gymnasium gegenüber, welche ihm neulich die Sonatine vorgespielt hätte. Und da das Konzert zum Schuljahresende zum ersten Mal von allen drei städtischen Gymnasien gemeinsam bestritten werde – das „naturwissenschaftliche“ könnte nur drei Akkordeonspieler und zwei Mädchensoprane beisteuern – wäre ihrer beider Kombination ideal.

    Ohne es zu bemerken, wird aus der halben eine ganze Sache, denn die Violine – zunächst noch fern, dann aber immer näher kommend – rundet allmählich den Klang seines Klaviers. Sie gibt der berückenden Sehnsucht, welche in den Noten der Komposition schwebt, vollkommenen Ausdruck, so dass er in andere Welten hinübergleitet und bald nur noch aus Musik besteht, die seinen Körper entgrenzt und ihrer begehrenden Bewegung einverleibt wie ein sanftes Gewitter. Der betörende Dialog beider Instrumente spreizt ihm die Flügel, welche ihn im Klangtaumel der Musik nach oben tragen, wo er mit seiner Violine verschmilzt – zu einem Himmelsinstrument.

    Als ihm die Sinne vergehen und das Sperma aus ihm herausschießt, klingen die Töne noch lange nach und bringen beide langsam wieder zu sich: Nackt liegen beide oben auf dem großen glänzenden Flügel im Musiksaal des musischen Gymnasiums und betrachten sich mit staunenden Augen wie alte Bekannte. „Ulla – Ulla du?!“

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