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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Mit Ulla in den Bäumen
    Puzzle 52
    24. Juni 2014

    Von Ulla kann er nicht loskommen. Außerdem ist sie auf seltsame Weise ständig um ihn, so dass er sie nicht vergessen kann, obwohl sie schon monatelang tot ist. Es ist vor allem ihr plötzlicher, für ihn unbegreiflicher Tod, der ihn gefangen hält: So schnell und mir nichts dir nichts!

    Über allem liegt ein Schleier, unter dessen feinem Gespinst die Kontur der Welt nur mehr erahnbar ist. Alles wirkt unwirklich und entfernt, in einem eigentümlichen Licht geborgen, das weder Tag noch Nacht kennt. Ein neutraler Betrachter der Bilder von Häusern, Wolken, Tieren, Bäumen, Autos, Wiesen und Menschen und wieder Natur, hätte sich dazu hinreißen lassen können, „diese ungeahnte Weichheit, ja Leichtigkeit, welche in den Bildern zum Ausdruck kommt“, fasziniert zu betonen. „Für mich“, sagt er „ist das alles sehr unheimlich; es liegt etwas in der Luft, etwas, das nicht zu fassen ist.“

    Manchmal spricht Ulla von Zeichen, einem Wink zum Beispiel, welcher ein Baum ihr gegeben habe: „Jetzt weiß ich es endlich“, ruft sie dann ekstatisch, „mein Gott, warum bin ich darauf nicht schon früher gekommen?“ – dabei sieht sie ihm fest ins Auge, den Blick in eine eigenartige, nicht nachvollziehbare innere Gewissheit getaucht. „Wie meinst du das?“, fragt er etwas angestrengt, „ein Baum winkt nicht, Ulla … er wird gewinkt, vom Wind sozusagen.“

    Ulla lacht, aber sie scheint ihm nicht zuzuhören. Staunend, wie sie vor ihm leuchtend im ruhigen Grün der hügeligen Weite sitzt, hält er einen Augenblick inne: „Aber ja doch, Ulla, warum soll der Baum nicht winken – es ist eben ein besonderer Baum, der winken kann, nicht wahr?“, flüstert er mit verliebter Stimme, ganz nah an ihren weichen, halboffenen Lippen, in welche er mit seiner rauen Zunge eintaucht und sich verliert.

    Sacht drückt sie ihn von sich weg: „Wenn du in der Natur wie in einem Buch liest“, mit dieser Empfindung als Gedanken begeistert sie ihn sofort, „dann ist alles nicht mehr so schwer“, sagt sie zärtlich, „Bäume können quadrat-blaudich sogar vor bösen Menschen warnen, bevor sie unter ihnen Schutz suchend vom Blitz erschlagen werden.“

    Lachend und unbeschwert laufen sie beide über die Wiesen hinweg auf die Bäume zu, die ihnen ihre Äste schon entgegenstrecken. Endlich im Schatten des Waldes, umarmt er atemlos seine schöne Kirgisin. „Glaubst du an Gerechtigkeit“, fährt sie plötzlich auf, „ein böser Mensch muss doch irgendwann vom Blitz getroffen werden … ?“ 

    Ullas Frage überrascht ihn: Immer wieder stellt sie sprunghaft so einfache wie nicht zu beantwortende Fragen. Irgendwann einmal hat er ihr dreist „Naivität“ vorgeworfen; heute aber kann er ohne sie und ihre Fragen nicht mehr sein. Es ist besser zu fragen, Antworten kriegt man zuhauf. 

    „Gerechtigkeit, ich weiß nicht“, antwortet er und hält den Atem an. – „Dann setzten wir uns unter diesen Baum dort drüben, den können wir ja mal fragen, was er von der Sache hält“, schlägt sie ihm vor.

    Kichernd kauern sie unter den rauschenden Blättern, die dazu einladen, doch nach oben, zu ihnen zu steigen. Mit tierhaftem Geschick erklimmen beide den knorrigen Stamm der Eiche und folgen deren Aufforderung, in sie einzutauchen. „Du bist doch bestimmt schon über vierhundert Jahre alt“, sagt er zärtlich zum Baum. „Und du, Ulla, du bist eben auch eine alte Seele, die alles weiß, wenn auch nicht so genau woher, nicht wahr Ulla, hab ich nicht Recht?“, sagt er herausfordernd.

    Beide entschwinden in der grüngelbblau glitzernden Eichenkrone. Und von Ferne noch kann man im ewigen Rauschen des wogenden Waldhimmels ihre Stimmen hören, die im zarten Austausch mit den Blättern der Wahrheit etwas näher kommen wollen.

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