• Texte
    ANTHROPOZÄN
    Gedanken / 1
    INSPIRATION
    08. Dezember 2014

    Gedanken können etwas Wunderbares sein. Vor allem dann, wenn sie einem so mir nichts, dir nichts in den Kopf schießen und man sich verwundert fragt, woher man sie nur hat.  Solch befremdliche und wie aus jedem Zusammenhang gerissenen Gedanken, die den Anschein erwecken, als seien sie gar nicht die eigenen, kennt jeder. Und doch, von ihnen Notiz zu nehmen und sich auf sie einzulassen scheint aus der Mode gekommen, setzt man heutzutage doch auf Maschine statt auf Kopf. Und um das Fremde macht man tunlichst einen weiten Bogen. Schließlich hat man genügend mit sich selbst zu tun. So aber kommt man allmählich nicht nur sich selbst, sondern auch der Welt abhanden und merkt es womöglich noch nicht einmal.

    Trotzdem aber kann es von großem Vorteil sein, Gedanken, die wie ominöse Solitäre für Sekunden im Gehirn aufscheinen nicht einfach zu ignorieren oder kleinmütig beiseite zu schieben. Sind sie doch die Quelle der Inspiration, die im Grunde jegliche Art von Erkenntnis zur Voraussetzung hat. Also keine Angst, auch wenn wir mit Räumen konfrontiert werden, von denen wir noch nicht einmal eine Ahnung haben, dass sie überhaupt existieren. Sie locken uns ins Ungewisse wo eine ganz andere Art von Gewissheit auf uns wartet. Die nämlich, dass nichts gewiss ist. Und sie beinhalten ein schier unerschöpfliches Potenzial, das wir kalten Herzens verkümmern lassen, weil wir uns den Maschinen unterworfen haben. Aber nichts gegen Maschinen, nur muss sich deshalb der Mensch selbst abhanden kommen?

    Bei enigmatischen und frei fluktuierenden Gedanken gilt es still zu halten und sich nicht falsch einzumischen. Denken sich solche Gedanken doch gleichsam wie von selbst, brauchen aber Raum, um sich entfalten zu können. Und vor allem auch die Chance sich mit dem Körper zu verlinken, der ihnen ja erst die Gefühle verleiht. Gefühle wohnen ausschließlich im Körper und nicht im Gehirn – der Körper ist die Landschaft der Gefühle. Das Hirn hingegen völlig empfindungslos, also gefühlskalt. Das ist ziemlich erstaunlich, spiegelt uns das Hirn doch täglich etwas ganz anderes vor. Und tut auch noch so, als sei es völlig autonom. In der Täuschung aber ist das Hirn schon immer Weltmeister gewesen, wie sich leider immer erst im Nachhinein herausstellt – Selbsttäuschung nennen wir das dann und geben uns selbst die Schuld. Aber auch das Gehirn ist ein Instrument, nicht nur die Maschine: beide sollte man beizeiten nutzen lernen.

    Also Vorsicht vor Gurus wie Ray Kurzweil, der Gehirn und Computer vereinen will. Einzig um dem Bewusstsein Ewigkeit zu verleihen. Das aber ohne Körper, wie sollte es auch anders sein? Der findet auf der Festplatte keinen Platz. Jedoch, ein Bewusstsein ohne jegliches Gefühl ist kein Bewusstsein. Das Bewusstsein lebt von den Sinnen des Körpers, dem Sehen und Hören und Riechen und Schmecken und Tasten. Es verleiht den Sinnen Sinn, der sich ohne Gefühl niemals einstellen kann. Insoweit ist das Bewusstsein ein holistisches System sich selbstwahrnehmender Sinne, das auf Festplatte gebannt zum weißen Rauschen verkommt. Und zum Amoklauf der Neuronen die sich hyperaktiv mit einem Körper zu verlinken suchen den es nicht gibt. Sisyphos hatte wenigstens einen Steinbrocken, an dem er sich abarbeiten konnte.

    abgelegt in #Tags: