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    GESELLSCHAFT X.O
    GESELLSCHAFT / 2 METAMORPHOSE
    23. Februar 2015

    Angesichts des rasanten Wandels der Dinge um uns herum, scheinen wir uns selbst aus den Augen zu verlieren. Kein Wunder, gilt es doch mitzuhalten um jeden Preis, will man Teil der Gesellschaft sein und es vor allem auch bleiben – die Angst durchs Raster zu fallen ist einfach zu groß. Also heißt es wachsam zu sein den Dingen gegenüber und tunlichst jede ihrer Veränderungen, jede Neuerung zu registrieren und, wenn gefordert, auch zu verinnerlichen, um die Orientierung nicht zu verlieren. Der nach Außen gerichtete Blick ist das gesellschaftliche Diktum der Zeit. Der Blick nach innen ist unwesentlich, er hat seine Attraktivität verloren – der soziale Druck ist einfach zu groß.

    Was aber charakterisiert dieses Außen, das wir gesellschaftliche Realität nennen?

    Trends.
    Moden.
    Like Buttons.
    Tipps.
    Schnäppchen.
    Geschwätz.
    Und Hits – mehr nicht.

    Und das in allen Lebensbereichen:

    Sex.
    Fitness.
    Ernährung.
    Klamotten.
    Krankheit.
    Beruf.
    Botox.
    Altersvorsorge.
    Karriere.
    Kindererziehung.
    Beauty.

    Und Verdauungsregulation wenn’s denn sein muss:
    Darm mit Charme, hochaktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft.

    Die chronische Außenorientierung aber fordert einen nachgerade ungeheuerlichen Tribut: sie lässt unser Inneres verkümmern und macht uns zu Abhängigen, die ohne Außensteuerung nicht mehr funktionieren, lange bevor auch nur ein Roboter über uns die Oberhand gewonnen hätte. Und dennoch: wir sind manipulierbar geworden wie jede Maschine. Das ist die wahre Pandemie, der wir anheimgefallen sind.

    Machen wir uns nichts vor: unsere Freiheit beschränkt sich auf Internetzugang, Konsum und Selbststilisierung – das war’s auch schon. Freiheit im Sinne für sich und andere Verantwortung zu übernehmen war ja nie so unsere Sache – sie ist Idee und Wunschvorstellung geblieben. Stattdessen leben wir unter Bedingungen der selbsterschaffenen Tyrannei, die – den Einzelnen betrachtet – nachgerade masochistische Züge angenommen haben. Da scheint es kein Zufall, wenn der Absatz von Handschellen und Peitschen steigt – wir machen’s ja freiwillig.

    Der propagierte Lustgewinn aber ist ebenso Chimäre wie das multimedial umworbene Individuum, dessen brüchiges Wesen unter seiner uniformierten Hülle zur massenhaften Kopie seines Selbst mutiert. Aber nicht nur äußerlich, sondern vor allem auch innerlich. Denn die Veränderungen, denen wir unterworfen sind, verändern auch uns, ganz einfach – alles hat seine zwei Seiten.

    Das aber wirklich Beunruhigende dabei ist, dass diese Veränderungsprozesse, die den Kern unseres Wesens erfasst haben, weniger passiv erlitten, als vielmehr aktiv von uns mitbetrieben werden. Das ist die eigentliche Perversion: zwar versuchen wir unablässig das Beste für uns zu tun, erreichen aber doch nur immer das Gegenteil und verlieren den Kontakt zu uns: weil wir die Selbstwahrnehmung, das Selbstgefühl verloren haben und uns behandeln, als wären wir Maschinen. In seinem Selbstverständnis ist der Mensch zu einem technischen Wesen mutiert, zum integralen Bestandteil der verdinglichten Welt. Als ob er ahnte, sonst keine Zukunft zu haben. Der Fluch unseres Schicksals, der jeglicher Diktatur Hohn spottet. Der Mensch unterdrückt sich selbst. Und er merkt es nicht – perfekt.

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