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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das Teddybärphoto
    25. April 2014

    Jahre später. Es ist Winter, bitterkalt draußen und mitten in der Nacht. Noch ein halbes Jahr, dann hat er sein Abitur und wird sich in Luft auflösen. Er sitzt in einem der großen Kellerräume, der jetzt sein Arbeitszimmer geworden ist, in welchem er all diejenigen Erinnerungsstücke zusammengetragen hat und aufbewahrt, die für ihn von besonderer Bedeutung sind: Zu den unterschiedlichsten Zeiten hingekritzelte Zeichnungen, Zitatzettel oder japanische Sinnsprüche ohne Sinn zum Nachdenken, Zeitungsausschnitte, Bildreproduktionen und sogar einige wenige Autographen, von Anja Silja zum Beispiel. Schließlich auch tolle Schmuddelphotos und andere, die nur eine ungefähre Bedeutung für ihn haben, weswegen er diese auch nicht wegschmeißen will. Ein heilloses Chaos, in das Ordnung zu bringen kein Zettelkasten der Welt schafft, sondern nur Aby Warburg, denn der hat die Pinn-Wand erfunden und ihn damit auf die Idee gebracht.

    Jetzt ordnet sich das Durcheinander wie von selbst, wenn er hunderte von Zettel, abgerissene Servietten, Briefe und Briefchen, Papiere, vollgekritzelt mit eigenen Gedanken und Empfindungen, getrocknete und in Lieblingsbüchern gepresste Eichenblätter auf die entsprechenden Wandtafeln, welche alle Rollen haben, mit kleinen Silbernadeln heftet.

    Nun schweben all die ihm im Augenblick so herzensteuren Erinnerungen zum Anschauen, Betrachten und Sinnieren an schmalen, hoch gestellten Tafeln um ihn herum wie ein kleiner Wald, der, wenn man in ihm herumwandert, in Zeitlupe seine Bäume tanzen lässt, weil sie Beine haben. Dann beginnen die Erinnerungen, nach denen er gerade sucht, plötzlich aufzuleuchten wie Sterne, die man zwischen den Astkronen greifen kann. Unwillkürlich lacht er auf. Er erinnert sich an seinen Kometen. „Meine Güte, das ist schon lange her, der ließ sich einfach nicht einfangen, und ich lande in der Pfütze.“  

    Jeder Tafelbaum trägt eigene Erinnerungsfrüchte: So gibt es beispielsweise eine
    Tanteemmi-, 
    Muttervater-,
    Onkelkurtsegeln-,
    Potzblitzmutter-,
    VaterOnkelkurt-,
    oder Mutterchefarztsohnwand.

    Wenn sich etwas auf eine falsche Wand verirrt hat, wird es unverzüglich auf eine andere Wand gesteckt, wo es besser aufgehoben zu sein scheint: Mit einem Mal werden ihm dann die Beziehungen, Entsprechungen und Zusammenhänge zwischen den Dingen deutlicher, manche springen förmlich hervor, weil bestimmte Erinnerungskostbarkeiten – zufälliger- oder überraschenderweise – sich so nahe gekommen sind, dass ihm ein Licht aufgeht.

    Ein einzigartiges, sich immer wieder neu formierendes Puzzlelebenserinnerungsspielbild ergibt sich da, aus rollenden Tafelbäumen bestehend und fliegenden Papiererinnerungsschwalben, die zwischen den sich hin und her bewegenden Pinnwänden herumschwirren und ihren Ort, ihre Tafel suchen, die nämlich, wo sie im Augenblick ihr Nest haben.

    Alles ist in steter Bewegung begriffen, nichts ist fixiert: Ein Puzzlebild, das sich in sich beständig verändert, da braucht er seinen Himmelspuzzlestein für rechts oben nicht mehr. Als es ihm in der Hose kneift und er ungläubig den Stein aus seiner Hosentasche zieht, lacht er schallend auf: „Du kommst jetzt auf die Nichtswand, die neben meiner  Sternenlichtflunkerwand steht, und da bleibst du erst mal eine Weile!“ 

    Direkt neben sich, auf dem Schreibtisch, hat er seit neuestem einen Diaprojektor stehen, der, wenn er ihn wie gewöhnlich ohne Dias einschaltet, seinen Erinnerungsbildern einen neutral genialen Rahmen verschafft. Die Bilder, die er sich gerade vorstellt, kann er dann im leeren Lichtrechteck an der Zimmerwand gegenüber betrachten – Kopf-, Bauch- und Schmuddelbilder.

    Heute Nacht ist der Projektor ausgeschaltet: Ihm ist langweilig! Das kommt selten vor – er hasst Langeweile, „sie ist das Schlimmste aller Gefühle, dagegen ist Traurigkeit ein Klacks“, sagt er sich und hat keine Idee, wie er sich ablenken soll. Unwillkürlich, ganz ohne Impuls, greift er zu einer der Pinnwände, die zufälligerweise nahe an seinem Schreibtisch steht, und zieht blind einen Erinnerungsfetzen vom Baum.

    Wie ein Los hat er plötzlich ein Photo rücklings vor sich auf dem Schreibtisch liegen. „Soll ich es umdrehen? Oder nicht?“, fragt er sich zögerlich, ein unbestimmtes Grummeln im Bauch. Unvermittelt tritt das Teddybärphoto vor seine Augen. Automatisch schaltet er den Projektor ein und lässt das Losphoto ungesehen vor sich liegen. – „Auf diesem Photo bin ich nicht gut getroffen“, sagt er, als er es vor sich an die Wand projiziert sieht. Tante Emmi kommt ihm in den Sinn, und er erinnert sich an ihren Altweibersommer, an schnuckelig, warmskalts und leer.

    Altweibersommer: Es ist Anfang Oktober, Sonntagnachmittag und warm. Die Familie ist im Stadtpark unterwegs – Spazierengehen! Er hängt zwischen seinen Eltern, die ihn durch den Park schleifen: An ihren Händen baumelt und strampelt er durch die Luft und über die Erde, weil sie ihn über den Kies zerren, um ihn im nächsten Moment nach vorne oben zu schleudern. Einen Augenblick spürt er noch Boden quadrat-blauunter den Füssen, ehe seine Beine nach hinten weggerissen werden, bis er im nächsten Moment hinauf in die Luft fliegt und in hohem Bogen sofort zurück nach hinten, wo er unsanft auf dem Kies landet, dabei beinahe auf die Schnauze fällt, aber von den Händen der Eltern sofort wieder nach vorne zum nächsten schiefen Luftsprung gerissen wird. „Flieg Teddy, flieg und immer wieder, flieg du Teddy!“, rufen seine Eltern besinnungslos. Plötzlich aber lässt einer von beiden los und er landet in der frisch gemähten Wiese und will nicht mehr aufstehen.

    „Dann bleibst du eben liegen und wir holen dich morgen wieder ab“, ruft seine Mutter, wendet sich triumphierend von ihm ab, hakt sich extravagant bei seinem Vater unter und geht mit ihm davon. Er aber rührt sich nicht: „Nein“, denkt er, „die warten nur darauf, dass ich ihnen hinterherlaufe!“ – Mucksmäuschenstill liegt er im Gras und lauscht, wie sich beider Schritte entfernen. Endlich wagt er aufzublicken, weil ein sirrendes Pfeifen an seinem Ohr vorbeizischt und sich als Schwarzlichtpfeil von Schwalben in den abendgrünen Bäumen verliert: „Grün und fliegen gehören zusammen“, denkt er, „Duft und Bäckerei sind weiß und Himmel und Eichen blau.“ Das aber kann sich ändern, je nachdem, was man eben so erlebt.

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