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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Eine überraschende Begegnung
    Puzzle 13
    30. April 2014

    Ich stolpere also an diesem verdammten Sonntag, der kein Ende nehmen will, zwischen meinen Eltern durch den Stadtpark: „Flieg Teddy, flieg, und immer wieder, flieg du Teddy!“ Plötzlich fliege ich in einem hohen Bogen auf die Wiese, wo ich mich am liebsten sofort in den frisch aufgeworfenen Grasbergen verkriechen würde. In jedem Fall aber bleibe ich liegen, bis die Luft rein ist, und als ich mich endlich vorsichtig aufrichte, bin ich allein.

    Meine Eltern bin ich erst mal los! Die haben ihren Teddybär heute weggeworfen und ich den meinen Gott sei Dank schon gestern. Damit haben sie sich ein Kasperle eingehandelt, aber das wissen sie noch nicht, die werden schon sehen, die denken immer noch, ein niedlicher Teddybär läge im Gras und nicht Kasperle. Nach Hause will ich erst mal nicht. Wohin ich aber sonst soll, weiß ich nicht. Also bleibe ich sitzen und schaue mich um, vielleicht tut sich etwas Interessantes: Ich lasse einfach meine Blicke schweifen und atme auf!

    Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich alleine in einer grüngrünen Landschaft und keiner stört: Zwischen den Bäumen geht warm die Sonne unter, und in mir erblühen viele bunte Farben, die ich im Prisma rundum auf den Blättern glitzernd wieder erkenne. Ab und zu fliegt mir eine Schwalbe am Ohr vorbei und ins Weite davon. „Schwalben haben gut reden“, denke ich mir, während ich der einen oder anderen nachsehe, „die fliegen, und unsereins kann noch nicht einmal richtig laufen!“

    Einige wenige Spaziergänger sind noch unterwegs, die sich nicht davon abhalten lassen, sich um mich Sorgen zu machen.

    Warum sitzt du denn da, mein Kleiner?
    Weil ich sitze!
    Wohin gehörst du denn?
    Weiß ich doch nicht!
    Na so was! – Hast du keine Eltern?
    Nein!
    Aber du musst doch Eltern haben!
    Ich bin verwechselt worden.
    Was soll das denn heißen?
    Ich hab eben keine!
    Willst du dich über uns lustig machen?
    Ja!
    Was soll das nun heißen, du bist uns ja der Rechte!
    Ich bin nicht der Rechte!
    Nein, aber siebenmalgescheit!
    Ja, wie das Kasperle! 

    Als mir die Fragerei auf den Keks geht, kürze ich die Sache ab, weil ich mich nicht in Gespräche verwickeln lassen möchte. Denn insgeheim habe ich das Gefühl, dass mich jemand sprechen will und unerkannt bleiben möchte. Also werfe ich den Leuten, die sich mir nähern wollen, schon von weitem entgegen … „Sitze da! Eltern um die Ecke! Kommen gleich wieder! Muss warten! Wiedersehen!“  

    Ein lustiges, etwas naseweises Mädchen springt plötzlich hinter ihm übers Gras auf ihn zu und lacht auf.

    Na, schau mal her, da sitzt ja das Kasperle im Park und erholt sich von der Vorstellung!
    Wie kommst du denn da drauf?
    Na, dumme Frage, das ist doch klar, das sieht man doch!
    Was sieht man?
    Dass da das Kasperle sitzt!
    Wer denn – wer sitzt wo?
    Na du, hier, das Kasperle!
    Ich soll ein Kasperle sein? – Woran siehst du das?
    Na, eben so!
    Was heiß: Eben so?
    Nun ja, wie soll ich sagen, eben das Ganze!
    Was heißt: das Ganze?
    Na, du eben – das Kasperle! 
    Ich soll ein Kasperle sein?
    Na klar; das sieht doch jeder! – Tschüs Kasperle!

    Als ich deutlich werden will, ist sie auch schon weggelaufen. Bestimmt warten ihre Eltern um die Ecke, weil sie wieder zu spät ist – Mädchen sind immer zu spät! „Dumm ist es nur, dass sie mich als Kasperle erkannt hat. Das ist ja schnell gegangen“, denke ich mir, „man will ein Kasperle sein und schon sieht es jeder!“ Hat er etwa das Teddybärkostüm schon abgestreift? – Wann denn? – Er versucht sich zu erinnern.

    Es ist dunkel und kalt geworden. Einige Straßenlaternen flackern aufgeregt durch die Bäume herüber, so dass er Angst bekommt, weil sie ihn wie Blinkeaugen beobachten. Plötzlich schreckt er auf: Ein dicker Käfer krabbelt ihm über den Handrücken; angeekelt rollt er sich zur Seite und schüttelt die Hand von sich weg, als er sich mit seinem Kopf plötzlich im Schoß eines anderen Jungen wieder findet, der sich offenbar unbemerkt neben ihn gesetzt hat. Sofort spürt er dessen angenehme Wärme, die ihm eigentümlich vertraut vorkommt, bleibt liegen, ohne aufzuschauen und kuschelt sich ein.
    Du weißt doch ganz genau, dass man auf dich wartet!
    Woher weißt du das denn?
    Das weiß man eben, wenn man einen Winzling in der Nacht im Park sitzen sieht.
    Wie kann man denn jemanden nachts im Park sehen, wenn er ein Winzling ist?
    Ich habe eben gute Augen!
    Ich auch; aber ich habe dich nicht gesehen, wie du dich neben mich gesetzt hast!
    Dann hast du keine Ohren.
    Oh doch, und auch gute Augen; vielleicht bist du der Winzling, den man gerne übersieht.
    Lass den Quatsch; willst du oder willst du nicht!
    Nein, ich will nicht!
    Was heißt das, du willst nicht; willst du hier etwa die ganze Nacht über sitzen bleiben?
    Vielleicht!
    Was heißt das, du musst nach Hause!
    Das sagst du! – Ich bleibe hier!
    So ein Angeber!
    Was heißt hier Angeber; ich habe keine Angst!
    Musst du ja auch nicht haben.
    Du kannst mich ja mitnehmen, wenn du Angst um mich hast!
    Wohin?
    Nach Hause!
    Ich will nicht nach Hause!
    Du auch nicht?
    Nein! – Aber du musst nach Hause!
    Warum gerade ich? Du kannst ja gehen, wohin auch immer, ich bleibe hier!
    Warum?
    Weil es zuhause langweilig ist.
    Langeweile ist das Schlimmste!
    Ja, dann ist alles leer!
    Dann steckt man in der Falle.
    Wie ein Teddybär!

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