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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Die Warnung zur rechten Zeit
    Puzzle 14
    01. Mai 2014

    Die Warnung zur rechten Zeit

    „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“ fragt ihn der Junge. Schulter an Schulter sitzen sie eng aneinander gelehnt, die fernen Straßenlampen haben sich beruhigt, winzigen Sternen gleich blinzeln sie durch die Äste herüber. „Ja doch“, antwortet er gespannt wie ein Flitzebogen, „das ist doch mal eine Idee, toll, eine spannende Geschichte mitten in der Nacht im Finsteren, also leg los.“

    Seine Eltern, erzählt er, hätten etwas vor mit ihm, denn sie wüssten nicht mehr aus noch ein. Sie würden sich große Sorgen machen, dass er nicht zur Vernunft kommt, ganz aber hätten sie noch nicht aufgegeben, denn schließlich sei er das einzige von drei Kindern, das ihnen geblieben wäre. Sie wollten nicht zum Äußersten schreiten, denn sie liebten ihn wirklich, obwohl ihnen das manchmal schwer falle, denn er werde immer widerspenstiger wie ein Kasperle.

    Irgendetwas müsse geschehen, schließlich seien sie für ihren Sohn verantwortlich, den sie nicht länger wie einen Teddybären durchs Leben zerren wollten, dazu hätten sie nicht mehr die Kraft, irgendetwas müsse geschehen.

    Nun hätten sich seine Eltern beraten lassen, denn alleine, ohne fremden Rat wüssten sie nicht mehr weiter, bei einem Professor in der Großstadt nämlich, der seinen Fall schon kennen würde, schließlich hätte er ihn vor einigen Jahren ja schon einmal behandelt, damals schroff und rücksichtslos, mit den Mitteln der Pädagogik des Neunzehnten Jahrhunderts, als er seiner Mutter empfahl, ihn kopfüber windelweich zu schlagen, damit sie ihm in Ruhe die Windeln wechseln könne, ohne jedes Mal einen Tobsuchtsanfall und eine Ohnmacht zu ernten. Daran aber könne er sich sicher nicht mehr erinnern, denn da wäre er ja erst ein halbes Jahr alt gewesen, also sei keine falsche Vorsicht geboten.

    Der Professor, immerhin ein berühmter Kinderarzt, wolle seinen Fall jetzt spielerisch angehen und ihn mit eigenen Waffen schlagen. Seine Assistenten seien schon dabei, an einem Ritter zu arbeiten, der ihn zur rechten Zeit – gleichsam überraschend – von einem besseren Leben überzeugen solle. Das Ganze wäre zwar ein höllisches Spiel, das aber sei letztendlich jede Therapie, selbst wenn sie auf der Höhe der Zeit und wissenschaftlich abgesegnet wäre: Eine Höllentherapie.

    „Was du nicht alles weißt“, ruft er erstaunt aus, „neunzehnhundert Jahre alt, was für ein Ritter soll das denn sein?“ Als er sich Stirn runzelnd umwendet, hat sich der Junge schon einige Schritte von ihm weg ins Dunkle entfernt.

    Was für ein verdammter Ritter denn, so sag doch!
    Es ist ein Ritter, mehr weiß ich nicht! 
    Also ein Ritter, aber wie und wann denn?
    Keine Ahnung, in jedem Fall ein Ritter!
    Und mit eigenen Waffen, gegen mich, was soll das heißen?
    Spielerisch!
    Was?
    Spielerisch!
    Und wann, bei welchem Spiel?
    Keine Ahnung! Wann der Ritter kommt, ist schwer zu sagen!
    Der Ritter kommt, meinst du!
    Er wird kommen, so oder so!
    Na, wie auch immer, danke!
    Pass auf!
    Ich werde aufpassen, ich verspreche es dir!

    „Gut, dass wir uns getroffen haben, ein toller Kerl war das“, denkt er, als er spätnachts wieder in seinem Bett liegt und vor Freude und Angst nicht einschlafen kann. „Es ist warms!“, sagt er sich und die Wärme, die ihn durchströmt, wappnet ihn von innen, da kann der Ritter mit seiner Ritterrüstung ruhig kommen. Das wird sein letzter Alleinsonntag gewesen sein, da ist er sich sicher, denn jetzt ist er ein richtiges Kasperle geworden. Für den Fall des Falles aber steckt er sich vorsichtshalber sein Kasperle auf den Zeigefinger, wer weiß, wann der Ritter kommt. Dann schläft er endlich ein.

    Als das Zweite Dienstmädchen ihn am nächsten Morgen weckt, weil er zur Schule muss, klingelt das Telefon und er darf weiter schlafen: In der Schule brennts, obwohl er nicht zum Gremlin geworden ist.

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