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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Alleinstadtexpedition
    Puzzle 20
    09. Mai 2014

    So schwer es ihm auch fällt, sich vernünftig auf den Beinen zu halten, bald wissen die von allein, wohin sie laufen sollen, denn das Riesenrad rückt näher. Er kann es jetzt schon über den Dachgipfeln wie hinterm Gebirge sich drehen sehen: Die knallbunt zwitschernden Schwalbengondeln wirbeln durch die Wolken, bevor sie in die Tiefe stürzen und gellende Lustangstschreie die Luft erfüllen, und der würzige Bratwurstgeruch überall macht ihm doppelten Appetit: Riesenrad und Bratwurst gleichzeitig – das wär‘s! 

    „Fährst du mit?“, fragt ihn ein Winzling, quadrat-blauder an der Hand seiner Mutter neben ihm steht und die modernisierte Barocktheatermaschine bestaunt, als wäre sie kein Riesenrad, sondern ein Ufo.

    Ufos sind in aller Munde; er weiß sogar schon, was das ist, ein „Ufffooohhh“: „Das sind Untertassen, die mit Rosenthal nichts zu tun haben“, erklärt ihm eine böse Nachbarin, „mit denen kommen alle Kinder vom Mann im Mond runter geflogen auf die Erde und sind bitterböse und lebensgefährlich – Außerirdische!“ Das allerdings will ihm nicht so recht einleuchten, „denn Kinder sind harmlos“, meint er, „selbst wenn sie vom Mond kommen.“

    „Es ist toll, da lernt man fliegen!“, sagt der Junge, der haargenau seine Größe hat, er könnte sein Zwilling sein. „Wieso?“, fragt er, „wie kommst du denn darauf, glaubst du etwa, dass man für ein Ufo einen Führerschein braucht?“ „Was hast du gesagt? … das ist ein Radriese, mein Lieber, das sieht doch jedes Kind, damit lernt man fliegen, aber davon verstehst du nichts!“, antwortet der Junge stolz, „bist du da etwa schon mitgefahren?“ „Ja, klar“, sagt er, „nicht nur im Riesenrad, sondern schon mit ganz anderen Sachen, aber davon verstehst du nichts!“

    „Fahren wir zusammen?“, fragt ihn der Junge mit Augen, die wie Lichtfeuerfunken glitzern. Dabei deutet er mit einer leichten Kopfbewegung nach schräg oben zu seiner Mutter. „Also, Mama, heute fahren wir mindestens fünfmal, nicht wahr?“ „So oft, bis uns schlecht wird“, antwortet sie. „Also, hast du Lust?“ fragen ihn beide und die Mutter des Kollegen kneift langsam und zum Lachen komisch ein Auge zu. „Das muss man erst mal können“, denkt er, „mit denen fahre ich mit!“

    „Schaffst du überhaupt zehnmal?“, fragt ihn sein Kompagnon plötzlich skeptisch und schaut ihm prüfend ins Auge. „Oder schaffst du nur fünfmal, dann müssen wir ja mittendrin stoppen und dich rauslassen!“ „Wenn dir schon beim zweiten Mal schlecht wird, dann halten wir wegen dir, und ich kann noch zwanzigmal weiterfahren!“, erwidert er nassforsch, während alle drei zur Kasse gehen.

    Plötzlich wird ihm mulmig. Er hat kein Geld. Soll er einfach behaupten, er hätte es vergessen? In seinem Alter hat man noch kein Geld, da glaubt ihm keiner, dass er es vergessen hat. „Das werden die beiden schon wissen“, denkt er sich, „ein Kleiner wie ich hat kein Geld! Und außerdem haben sie mich eingeladen, darauf kann ich mich schlimmsten Falles immer noch herausreden. Und wenn sie mich nicht mitnehmen, dann sind sie eben geizig, denn fünfzig Mal, das kostet! Dann springe ich eben während der Fahrt auf: Fliegen, Drehen und Rollen werde ich in jedem Fall, weit übers Gebirge!“

    „Drei Mal: Zwei Kinder und eine Erwachsene“, hört er die Mutter über sich in die Kassenbude hineinrufen. Ihm fällt ein Stein vom Herzen. 

    Als sie schon ewig im Riesenrad unterwegs sind, drängt der Knirps neben ihm nach einer Pause. „Na also, doch du, und nicht ich!“, ruft er triumphierend. 

    Erst einmal isst jeder von ihnen eine Bratwurst, denn keinem ist schlecht, aber alle sind sie fürs Erste erschöpft. – „Nur eine kleine Pause, dann wieder!“, drängt der Pausbackenbratwurstknirps, den er in sein Herz geschlossen hat. „Ich glaube, ich kann nicht mehr“, antwortet er und wischt sich den Senf aus dem Gesicht. „Ach, auf einmal“, frotzelt der Knirps und will offenbar prüfen, wie weit er gehen kann: „Ich dachte, du willst Pilot werden?“ „Ich habe kein Geld mehr!“, antwortet er kleinlaut und schaut seinem neuen Freund ins Auge, dass es nur so glitzert. „Ich lade dich ein“, sagt der Junge, der Christian heißt, stolz und schielt bettelnd zu seiner Mutter hoch. „Das wirkt offenbar immer – Maschemasche“, denkt er sich. – „Na, dann mal los – fünfzig- oder hundertmal?“, fragt sie lachend, als ginge es zum Mond.

    „Hundertmal, bitte, zehn, zwanzig – und immer wieder“ rufen beide und fallen sich atemlos in die Arme. „Wir kommen auch bestimmt wieder zurück!“ ruft Christian und zerrt ihn schon in die Schönste aller blinkenden und hupenden „Barockgondeln.“

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