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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    In der Stadt allein
    Puzzle 17
    06. Mai 2014

    Er ist gerade mal fünf Jahre alt, da unternimmt er seine ersten „Alleinausflugsexpeditionen“ in die Stadt hinein, die ihm weder besonders groß noch klein erscheint, während er sie zu erobern beginnt.

    In den Gassen des Stadtkerns verliert er sich am liebsten, „hier ist man wie im Wald, wo man bald auch nicht mehr weiß, wo man ist.“ Wälder und Bäume sind seine Heimat, da kann er sich frei bewegen. In den Gassen der Stadt aber entdeckt er jetzt die Freiheit neu: Hier kann kein Auto fahren, deshalb gibt es auch keine Verbotsschilder.

    Mit ihm im Kinderwagen hatte seine Mutter große Mühe, wenn sie über halsbrecherische Treppen hinauf und hinab und über den schmalen Holzsteg zur anderen Seite des Baches gelangen wollte, wo die beste Bäckerei der Stadt lockt und die Menschen so drängeln, als wären sie vom frischen Brotduft, welcher als Hauch durch die Luft weht, willenlos geworden.

    Dann schwebt sein Kinderwagen mit einem Mal durch die Luft, als hätte er Flügel, wenn „nette Leute“, wie seine Mutter sagt, „so nett sind, den Kinderwagen – sein „Autotöfftöff“ – über all die Holperpflastersteine, verwitterte, schiefe Stufen und Treppen hinweg fliegen zu lassen“, wobei manch einer der netten Helfer selbst ins Straucheln gerät, und er – hoch oben in der Luft – „Auweia“ ruft und sich krampfhaft festhält, bis er – äußersten Falles, dann nämlich, wenn er fällt, was einmal passiert – von anderen „netten Leuten“ aufgefangen wird und im Arm eines wildfremden Mannes wie von sicherem Aussichtsturm aus die Landung seines Höllengefährts beobachten kann.

    Bei seinen „Alleinausflugsexpeditionen“, die er, heimlich sich aus dem Hause stehlend, unternimmt, fühlt er sich in einer anderen, immer wieder neuen Welt. Er durchmisst sie neugierig und aufmerksam wie ein Winzlingserwachsener, der sich tapfer auf seinen kleinen Beinen hält und inmitten des Altstadtgedrängels niemals verloren geht: Er pirscht durch ein Labyrinth aus jahrhundertealten, gedrungenen, dicht bei dicht stehenden Fachwerkhäusern mit krummen Kaminen, denen dicker Rauch entsteigt, an Obst-, Brezel- und Blumenständen vorbei, stolpert verwinkelte Treppen hinweg und findet sich endlich in der plötzlichen Ruhe verwinkelter Hinterhöfe wieder, staunend über die allgemeine Betriebsamkeit dort draußen, welche er durch enge Torbögen hindurch beobachten kann.

    Wenig später gerät er unvermittelt zwischen einen Alten mit Krücke und einen noch älteren mit Stock, die sich überrascht wie Einarmige um den Hals fallen und ihn dabei beinahe zerquetschen. „Du liebe Güte, mein Gott – Otto, wie lange haben wir uns eigentlich nicht mehr gesehen … Jahre, wie geht es Dir?“, hört er den Mann mit der Krücke rufen, als er sich gerade noch mit einer geschickten Wendung in Sicherheit bringen kann, während es rasselt, als würden sich zwei Skelette in die Arme fallen. „Danke der Nachfrage“, antwortet der andere, der sich schwer auf seinen Stock stützt und beinahe umgefallen wäre. „Danke der Nachfrage, mein Lieber … das Wetter ist schön, also muss es einem ja gut gehen!“ Und der stocksteife Alte, welcher zum Lachen komisch noch immer an der Schulter seines uralten Freundes hängt und sein Gleichgewicht sucht, sagt den Satz so, als hätte er das Gegenteil gesagt: „Es geht mir schlecht!“

    „Es ist ja gar nicht so wichtig, was jemand sagt“, schießt es ihm durch den Kopf, „es ist doch viel wichtiger, wie man es sagt!“ Und wie er sich sprachlos im Anblick der beiden Alten verliert, gerinnt die Situation zur Szene, und die Szene zum Märchen, aus welchem man viel lernen kann.

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