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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Der Überraschungsbusch
    Puzzle 21
    12. Mai 2014

    Herr Holzer und seine Frau sind ein trautes Paar. Beide sind sie seit etwa vierzig Jahren verheiratet und gehen noch immer liebevoll miteinander um, in der Öffentlichkeit zumindest.

    Morgens schon sind sie gemeinsam auf dem Markt, so Holzer frei hat, und kaufen frisches Obst, Gemüse und Salat aus der Region, wobei sie unangestrengt mit den Leuten, denen sie zufälligerweise begegnen und die sie nur flüchtig kennen, regen Austausch pflegen. Denn Frau Holzer ist neugierig und will alles wissen.

    Frau Holzer heißt Ilse mit Vornamen, er nennt sie „Ilsebill“ und denkt dabei nicht an Märchen, sondern meint es eher neutral. Sie ist adrett, schmallippig und immer besonders unauffällig gekleidet, als hätte sie etwas zu verbergen. Manchmal bekommt sie glühende Augen, was nicht weiter verwundert, denn sie scheint in ihren Mann noch immer verliebt zu sein, was zwar jeden in der Stadt erstaunt, zugleich aber hinter vorgehaltener Hand durchaus respektvoll kommentiert wird.

    Keiner ahnt jedoch, dass Frau Holzer Angst hat, Angst um ihren Mann und vor allem panische Angst um sich selbst. Deshalb durchdringt sie die Leute in brisanten Augenblicken mit ihrem Röntgenblick, dann nämlich, wenn sie den Eindruck hat, sie wüssten etwas von ihr. 

    Das Ehepaar lebt zurückgezogen, man hat kaum Kontakt, weder miteinander noch mit anderen. Die Liebe ist nur gespielt, denn in Wahrheit verbindet sie – auf Gedeih und Verderb – die Symbiose eines gemeinsamen Geheimnisses.

    Holzer ist Lehrer an der Volksschule der Stadt, und seine Frau Hausfrau. Er verdient so gut, dass sie rund um die Uhr für ihn sorgen kann. Nach seinem Mittagsschlaf zum Beispiel, wenn er noch etwas verwirrt gerade seine Traumgeister losgeworden ist und Schulhefte korrigieren muss, serviert sie ihm wortlos seinen Beruhigungstee von der Apotheke gegenüber, ohne den er nicht lange durchhält. Dann aber – auf dem Weg zurück in die Küche, bleibt sie in seinem Rücken stehen, wendet sich gespenstisch lautlos zu ihm hin und betrachtet mit skeptischen Augen seine gebrechliche Gestalt, was Holzer bemerkt, ohne darauf zu reagieren.

    „Noch drei Jahre bis zur Pension, dann ziehen wir weit weg und sind endlich in Sicherheit, denn dort kennt uns keiner, wir schaffen es schon“, sagt sie und schenkt Holzer, der mit seinem Schlagflussgesicht über den Heften kauert und an schwerem Herzasthma leidet, über seinen Rücken hinweg noch etwas mehr Sahne in den Tee, denn Holzer liebt den Tee „trüb“, wie er betont. – „Milchig“, erwidert sie dann von der Küche aus, weil sie noch immer an Geschlechtsverkehr denken muss.  

    „Ein Apfel von hier und ich bin glücklich“, flüstert sie ihrem Mann morgens auf dem Marktplatz zu, indem sie ihn auch noch demonstrativ auf seine fahle Backe küsst, damit es der Gemüsehändler deutlich hört und sieht. „Darf es sonst noch etwas sein?“, fragt der Gemüsemann zu Boden blickend, „nein danke“, antwortet Ilsebill, „ich glaube für heute reicht es“, und ist froh, dass sie nicht mehr heile Welt spielen muss. Als sie aber überraschend von hinten angesprochen wird, „ach Frau Holzer, ich habe sie gar nicht erkannt, wie geht es Ihnen?“, hält sie sich wie ertappt an ihrem Mann fest und drängt unter einem Vorwand flach atmend nach Hause.

    Auf dem Weg vom Markt zurück in die sichere Wohnung hält Holzers Frau plötzlich inne und bleibt stehen, als hätte sie ein Deja-vu-Erlebnis. Augenblicklich zieht sie Holzer irritiert einige Schritte zurück zu einem gerade neu bepflanzten Zierkübel der Stadtgärtnerei. „Seltsam“, entfährt es ihr, „das ist doch unser Busch, den sie da eingepflanzt haben, oder etwa nicht – Holzer, was denkst du?!“ „Wo willst du hin?“, antwortet Holzer entgeistert, „was willst du damit sagen, der sieht nur so aus wie unser Lorbeer, wie soll der denn bitte hierhergekommen sein!“ „Ja doch, natürlich mein Lieber, wie sollte der wohl hierhergekommen sein?“, lächelt sie gequält, während sie sich mit glühenden Augen hastig überall hin umblickt, als wäre etwas im Busch. 

    Als beide mit ihren vollgepackten Korbtaschen endlich die Vorstadt erreicht haben, wo sie gleich nach dem Krieg eine geeignete Wohnung fanden – „lieber nicht im Zentrum wohnen und dafür eben länger laufen“, sagt sie immer – bleibt nun seinerseits Holzer stehen, senkt konsterniert den kahlen, von Furchen durchzogenen Schädel und blinzelt ungläubig über den schmalen Brillenrand hinweg vor sich hin.

    „Was hast Du Holzer?“, fragt Frau Holzer, „ist es wieder das Herz, brauchst du eine Tablette?“ – „Nein“, sagt Holzer und deutet zittrig vor sich hin, „da, unser Busch, dort, schon wieder!“ „Nun hör auf damit“, sagt seine Frau, „du siehst schon Gespenster“ – wendet sich um und erstarrt wie Lots Weib.

    „Siehst du, da, rechts oben, da habe ich gestern den falschen Trieb abgebrochen, ich hatte die Gartenschere nicht griffbereit, das grüne Holz, es war nicht leicht zu brechen“, flüstert Ilsebill ihrem herzkranken Mann zu, wobei sie sich fadenscheinig auf seine Schultern stützt und so tut, als hätte sie einen Stein im Schuh und könne nicht weiter. – „Das kann nicht wahr sein“, sagt Holzer, „unser Busch schon wieder in einem anderen Kübel der Stadtgärtnerei, jetzt hier und gerade noch dort“, Holzer wendet sich abrupt um und deutet ungelenk zurück, „gerade soll er noch hier gewesen sein und dann auch noch dort?“ 

    Der Lehrer, der seine Frau stützt und sich mit der anderen Hand am Busch festhält, verliert das Gleichgewicht und hat plötzlich seinen Lorbeerbusch in den Fingern, stürzt über die Frau zu Boden, wobei er reflexartig mit letzter Kraft das Grün in hohem Bogen von sich wegzuwerfen versucht, als wäre das Gewächs ein Indiz!

    Sie sind entdeckt und jemand ist hinter ihnen her, denken beide, ohne es zu sagen und erreichen – von Seelenlärm gebeutelt und getrieben – endlich ihr Heim: Sie straucheln, wie vom Schlag getroffen, als hätte ein Blitz sie erschlagen: Im Vorgarten steht der Lorbeerbusch, als wäre er schneller als sie, oder aber gar nichts gewesen!

    Wie sie in ihre Wohnung kommen, daran können sich der Lehrer und seine Frau nicht mehr erinnern. Um den Busch jedenfalls haben sie einen großen Bogen gemacht, dass weiß Holzer noch genau. Die Wohnungstür ist von innen verriegelt, in der Stadt werden sie erst einmal nicht mehr gesehen: Frau Holzer und ihr Mann haben sich verbarrikadiert.

    Stundenlang steht Ilse wachsstarr hinterm Fenstervorhang versteckt, blickt mit zusammengekniffenen Röntgenaugen skeptisch nach unten in den Vorgarten und mustert den Lorbeerbusch, bis der nach einigen Tagen mitten im Frühling die ersten gelben Blätter bekommt. „Irgendjemand hat irgendeinem etwas gesteckt“, schreit sie durch die Wohnung, „wir müssen weg, Holzer, quadrat-blausofort, nimm den gepackten Koffer, Holzer, hörst du, die haben den Busch abgesägt und wieder rein gesteckt, Holzer, die wollen uns fertig machen!“

    Ein paar Tage später ist Holzer nicht mehr ihr Lehrer, so wird ihnen morgens vom Rektor mitgeteilt: Beide, Holzer und seine Frau hätten sich selbst angezeigt. Ilse Holzer habe mehr mit dem Dritten Reich zu tun, als man dachte, sagt der Rektor; morgen sei wieder Unterricht, beim neuen Lehrer natürlich und heute frei!

    Draußen, vor dem Schulgebäude stehen sie noch eine Weile zusammen, Christian, er und der Kleine, die alles angezettelt haben, nur um dem Lehrer eins auszuwischen, weil der mit seinem Geigenbogen, mit dem er gerade noch schöne Lieder aus seiner Kriegsvergangenheit gespielt und sie dazu hat singen lassen, so unvermittelt wie gemein auf die Finger der Kinder schlägt, dass manchmal sogar Blut spritzt und keiner den Grund weiß.

    „Sie hat offenbar ganz schön Dreck am Stecken“, sagt ein Pimpf, der gerade mit seinem Freund an ihnen vorbei nach Hause geht, „sie soll KZ-Aufseherin gewesen sein, das jedenfalls habe ich gestern meinen Vater zu meiner Mutter sagen hören!“ 

    Ilse Holzer, was für ein Zufall, die hatten sie doch gar nicht gemeint! – „KZ“– weißt du, was das bedeutet?“, fragt er Benjamin, der aufrichtig den Kopf schüttelt: „Woher soll ich das nun wieder her wissen, wenn mir keiner etwas erzählt!“

    „Na, sei‘s drum“, sagt Christian, „wir bleiben in jedem Fall zusammen, wir und unsere Bande, das ist doch wohl klar!“ Der Kleine nickt begeistert, weicht aber zurück, weil Christian seinen Körper so stürmisch umarmt, als wolle er einen Busch aufreißen.

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