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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Der Soziologiestudent
    Puzzle 22
    13. Mai 2014

    „Und du, was machst du?“, wird er gefragt. – „Im September geht die „Neualtschule“ wieder los“, antwortet er lakonisch, „die heißt jetzt „Gymnasium“, da werde ich altneu noch einmal eingeschult! Soll ich die Schultüte wieder rauskramen?“, stichelt er, was seine Mutter ganz nervös macht, schließlich ist Besuch da. „Die Tütenpappe ist sicher schon verschimmelt, und die Papierrüschchen oben auch“, fährt er unbeirrt fort und ist dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden: „Die sind bestimmt schon pissgelb vom Feuchtmoder im Keller nach all der Zeit und welken vor sich hin, wie jetzt schon mancher Schüler! Jetzt geht‘s eben wieder von vorne los, das wird kein Ende nehmen: Vom Gymnasium ins Obergymnasium zum Oberobergymnasium und so weiter und weiter – dabei kann man alt werden!“

    Unwillkürlich zieht er die Mundwinkel nach unten und knickt im Sessel ein, imitiert einen Alten und macht auf knorzig, so eben, wie er sich einen lebenslänglichen Schüler in einer lebenslänglichen Schule vorstellt, der allmählich verdörrt, ohne auch nur einmal ins Leben hineinschnüffeln zu dürfen – ein Anfang ohne Ende! – „Also“, ruft er und springt auf, „ich hole jetzt die Schultüte aus dem Keller, haltet euch die Nasen zu, wenn die Pappe stinkt, und ab geht‘s ins Gymnasium! Da sind nur Knaben drin! Da werde ich morgen eingeschwult!“

    Der Soziologiestudent, der mit seinem schönen Freund bei ihnen zuhause zu Besuch ist, weiß nicht, ob er weinen oder lachen soll. Also lacht er künstlich und schüttelt den Kopf dabei. Der Freund nimmt es leichter und ruft immer wieder: „Eingeschwult, wie köstlich!“, wobei er ihn nicht aus den Augen lässt.

    „Wir können nicht mehr absagen“, sagt seine Mutter zu Vater eine Stunde bevor die beiden ungebetenen Gäste pünktlich um zwanzig Uhr an der Hausglocke läuten und das Wort „eingeschwult“ in der Bibliothek fallen wird.

    „Er ist immerhin der Sohn vom Chefarzt“, sagt seine Mutter. „Und darüber hinaus auch noch homosexuell“, entgegnet Vater. „Also, nun hör mal“, erwidert sie empört. „Was willst du?“, prustet sein Vater, „das weiß doch schon dein Gemüsemann!“ – Böses Lachen. Der Vater triumphiert. Er kann den Chefarzt nicht leiden, weil der von seiner Frau so schamlos angehimmelt wird, als wünschte sie sich wieder einmal ein richtiges Verhältnis.

    „Den Sohn eines Mandanten lädt man nicht aus“, sagt Mutter und zieht die letzte Trumpfkarte: „Immerhin führst du für ihn einen Schadensersatzprozess nach dem anderen und verdienst dir dabei noch eine goldene Nase, da schneidet man sich nicht ins eigene Fleisch!“ Mit diesem letzten und wohlüberlegten Satz verschwindet sie nach oben. „Wir können doch noch absagen“, schreit sein Vater ihr nach oben ins Badezimmer hinterher, wo sie beginnt, sich schön zu machen. „Auf Homosexuelle habe ich heute einfach keine Lust“, ruft er durchs Haus und verdreht seinen dicken Hals, als wolle er sich erhängen. Diese ekelhafte Bemerkung hat unmittelbar zur Folge, dass seine Mutter in Büstenhalterkorsett, gummiertem Unterrock und aufreizenden Pumps wieder die Treppen heruntergewirbelt kommt, wobei sie zu allem Überfluss noch übel stolpert und beinahe auf ihn gefallen wäre, der starr im Flur steht und fassungslos dem schlechten Zweipersoneneinakter beiwohnt, der heute oben und unten spielt. 

    „Was kann ich denn dafür, dass der Chefarzt einen Notfall operieren muss und nicht kommen kann, wenigstens schickt er seinen Sohn vorbei, den wir schließlich auch eingeladen haben“, blökt sie, während sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer hastet und sich unmittelbar vor ihrem Mann theatralisch in Position bringt, der ihre korsettgespitzten Brüste skeptisch betrachtet und nicht weiß, ob er jetzt geil werden soll oder nicht, weil er plötzlich den Sohn bemerkt, der mit offenem Maul seiner Mutter ins Wohnzimmer gefolgt ist, wohin die Szene gewechselt hat. „Sein Sohn hat nicht abgesagt, das weißt du doch ganz genau, es war der Chefarzt persönlich, der angerufen hat, weil er eine Notoperation durchführen muss, die ihm dazwischen gekommen ist, und da darf sein Sohn doch kommen, egal wie schön sein Freund nun ist oder nicht!“, sagt seine Mutter herausfordernd und rückt aufgeregt ihr Mieder zurecht.

    „Woher willst du denn wissen, ob dieser verdammte Freund, der sicher auch eine Tunte ist, gut oder schlecht aussieht?“, spottet sein Vater. „Weil es mir deine Gemüsefrau erzählt hat“, kontert die Mutter, „siehst du, jetzt sagst du nichts mehr: Der Sohn kommt, und der Freund auch, da kannst du machen, was du willst“, ruft sie begeistert und wirbelt wieder zurück nach oben, wobei sie Jahre jünger wirkt. „Die schwule Bande kommt nicht! Nicht in mein Haus! Du willst doch nicht etwa behaupten, hier, in meinem Haus, sei heute Abend ein Tuntenball, nur über meine Leiche, das halte ich nicht aus!“, schreit Vater ihr wutentbrannt nach und stürzt in die neu dekorierte Bibliothek, die in Wirklichkeit die Hausbar ist: „Ich rufe da jetzt an, ich sage den ganzen Käse ab, du wirst schon sehen!“ 

    „Sie sind schon unterwegs, verdammt“, schäumt sein Vater, als er mit einem dreifachen Whisky aus der Bar zurückkommt. – „Das hat mir gerade noch gefehlt! – Grins nicht so blöde“, wirft er dem Sohn an den Kopf, der noch immer fassungslos im Wohnzimmer steht und das Telefonat als Hörspiel mitbekommen hat, „grins nicht so, sage ich, du hast doch keine Ahnung, was hier vor sich geht!“

    „Um Himmels willen, ich muss mich fertig machen, meine Güte, was ist denn da unten los, die können jeden Moment hier sein“, hören beide die Mutter von oben aus dem Ankleidezimmer. – „Und übrigens, mein Lieber, da ist nichts stadtbekannt, das hätte ich gehört, selbst auf dem Markt weiß keiner etwas von einem schwulen Chefarztsohn, was du immer hast, du vergraulst uns noch alle wichtigen Leute in der Stadt und machst uns unbeliebt und mein Leben grau!“

    „Eingeschwult“! – Gerade hat er in der Bibliothek beim Asbach Uralt in Gegenwart des unerhofften Besuchs, wie seine Mutter animiert bemerkt, das Wort „eingeschwult“ fallen lassen. Nur um sich wichtig zu machen und seine Eltern zu ärgern, weil er nicht mehr in die Schule will und Christian ihm neulich gesteckt hat, dass man es „schwul“ nennt, wenn man einen Mann fickt, und dass das Gymnasium, auf das er jetzt muss, eine „reine“ Knabenschule ist.

    Mit dieser Bemerkung hat er eine Bombe gezündet, über die der Soziologiestudent und sein wirklich schöner Freund lachen, als wären beide ein Tischfeuerwerk. Sein Vater aber explodiert richtig: Empört wirft er sein sündhaft teures, mundgeblasenes Cognacglas zu Boden, woraufhin sich ein ekelhafter Asbach Uralt–Gestank im Raum verbreitet: „Wem so etwas im Leben passiert, das ist schon einen Asbach Uralt wert“ hört man in der Werbung.

    Seine Mutter weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als ihr frisch parfümiertes Spitzentaschentuch aus dem Ärmel zu ziehen und vor die Nase zu halten, während sein Vater ihn fuchsteufelswild am Nacken packt und wie einen hilflosen Teddybären über die Treppen nach oben bugsiert. „Sie warten hier“, schreit er dem erstarrten Männerpaar noch zu, „ihnen nämlich habe ich gleich noch etwas zu sagen, wenn ich wieder komme, und du, du bleibst hier oben in deinem Zimmer!“ Mit einem heftigen Knall schlägt er die Zimmertüre zu und lässt ihn dort allein zurück. Von oben soll er mit anhören, wie der Vater „den Abschaum der Gesellschaft“ kurzer Hand abservieren wird.

    Drunten geraten Vater und Mutter schnell aus dem Häuschen und mit einem weiteren Knall werden der Soziologiestudent und sein Freund hinausgeschmissen. „So, das musste jetzt sein!“, tobt der Vater. „Und du musst die Konsequenzen tragen“, hört er noch die Mutter. Dann ist es still. Schläfrig schüttelt er die Kissen und will sich ins Bett verziehen, als seine Mutter überhitzt in der Türe erscheint, ohne dass er es bemerkt hätte. 

    „Na! – Was machst du so?“, fragt sie, als wäre nichts geschehen. „Nichts“ antwortet er, während sie seinem Blick auszuweichen versucht, „nichts, was soll ich schon machen, ich bin eingesperrt.“ – „Na, was soll das wieder heißen“, antwortet sie konsterniert, „eingesperrt in unserem schönen Haus, eingesperrt, was sollen denn da andere Kinder sagen! 

    Übrigens, was hast du da vorhin gesagt, mein Lieber?“ – „Ich weiß nicht mehr“, antwortet er ausweichend, „ich habe einfach keinen Bock mehr auf Schule!“ „Nicht für die Schule lernen wir, mein Lieber, wir lernen nun mal alle fürs Leben, mein Lieber, was soll man machen, gute Nacht!“ – „Gute Nacht“, antwortet er tonlos.

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