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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das Klassenzimmer
    Puzzle 23
    14. Mai 2014

    Er schaut durch das Fenster des Klassenzimmers nach draußen. Sein „Klassenfensterglas“, wie er es nennt. Im Gegensatz zum „Augenseeleglas“, das nichts, aber auch überhaupt nichts mit Herrn Rodenstock zu tun hat, sondern vielmehr mit Meister Floh, welcher den Menschen, so hat er gerade gelesen, seine Wunderlinse beinahe unmerklich – nur mit einer sachten Irritation vielleicht – ins Auge wirft, und diejenigen, welchen das passiert, der Wahrheit sprichwörtlich ins Auge sehen lässt, ob sie nun wollen, oder nicht.

    Manche von ihnen denken dann, sich mit einem Mal in einer anderen, fürchterlich neuen und unbekannt lebensfeindlichen Welt wieder zu finden, soviel Lüge spricht jetzt aus den Menschen, die sich vor der Linse im Auge des Gegenüber nicht mehr verstellen können, ob sie nun wollen oder nicht!

    „Das muss eine phantastische Welt sein“, denkt er sich, „wenn in allem nur mehr Lüge ist; denn auf die wenigen Wahrsager wäre ja Verlass und die Lügner enttarnt, ein für alle Mal! Müssten dann die wenigen, die einfach nicht lügen können, zu lügen beginnen, nur um unentdeckt zu bleiben? Oder würden die Lügner, von den Wahrsagern schlicht entwaffnet, erleichtert aufatmen, weil sie ja nicht mehr lügen müssen. Lügen ist furchtbar anstrengend und auf Dauer, wenn man sich daran gewöhnt hat, verzerrt es sogar den Körper und man muss sich operieren lassen, weil sonst jeder in einem den Lügner erkennt.“ – Unwillkürlich lacht er auf und erhält vom Lehrer eine Rüge.

    Morgens gegen acht, er ist siebzehn und ein Jahr vor dem Abitur, sitzt er im „Unterricht“, wie sie die vergeudete Zeit nennen: Sein Blick geht nach draußen, durch das Klassenfensterglas in den Oktobermorgen hinaus auf ein Bild, das sich unsichtbar verändert, also nur unendlich langsam. Denn die Jahreszeiten sind es, welche in ihm ihre in sich kreisenden Spuren hinterlassen – im Frühjahr das erste Grün der jungen Blätter, dann, im Sommer die saftigen Erwachsenenblätter, die im Herbst bunt werden und altern und im Winter verschwunden sind, eines nach dem anderen, ganz unmerklich. Dann, im Frühjahr wieder das junge Grün und im Sommer die saftigen ... er hält inne – die Zeit steht still, nein, er hat das Gefühl, zurückzufallen. Er versucht sich abzulenken.

    Über dem hohen und düsteren, schon arg verwitterten Sandsteinhaus gegenüber sieht er wie gewohnt die Pappeln, Eiben, Birken- und Ahornbäume, deren Baumkronen hinter dem Gebäude hervorragen, daneben einen nur winzigen Himmelsausschnitt rechts oben in der Ecke des Fensters – unregelmäßig abgerundet und scharfkantig vom Fensterrahmen begrenzt, erscheint das Bild wie ein herausgeschnittener Puzzlestein mit etwas Himmel. 

    Irgendwann einmal will er endlich seinen ganzen Puzzlehimmel finden, in welchem nur ein Stein fehlt, sein Stein nämlich; dann wird es ihm gelingen, nach langem Suchen, wenn er das Himmelspuzzlespiel endlich gefunden hat, in einem versteckten Laden in Paris zum Beispiel, wo es auch Bücher, wunderbare Notizhefte und alte Postkarten gibt, sich seinen ganzen Himmel zusammenzusetzen und das Bild mit seinem Puzzlestein oben rechts in der Ecke zu vervollständigen. – Dann, ja dann täte sich der Himmel auf, und er könnte sich entscheiden, ob er das Angebot annehmen will oder nicht. „Aber, man muss nicht alles haben“, sagt er sich, „ein Puzzlehimmelsstein allein, der genügt schon, den kann einem keiner nehmen, den hat man immer in der Tasche, für alle Fälle!“ – Er schaut den Schwalben nach, welche im Fenster rechts hoch oben durch seinen Himmel taumeln, nur für Augenblicke allerdings, weil die Mauern des Klassenzimmers ihn blind machen.

    Einen Moment lang jedoch kann er durch die Wand sehen und in seinen sich unendlich ausdehnenden Himmel schauen, in welchem die Lichtpfeilakrobaten in weit ausschwingenden Kreisen ihre von jähen, unerwarteten Kurswechseln durchsetzten Luftnummern vollführen. – „Schauen ist schön“, denkt er halb laut vor sich hin, „schon allein das bloße Wort „schauen“ ist schön, dagegen ist „sehen“ langweilig. Beim Schauen steht man vor der Türe, dann kann man in alle Richtungen sehen. Beim Sehen ist sie schon halb geschlossen: Man steht im Zimmer und sieht nur noch eine Handbreit. Und wenn die Türe ins Schloss gefallen ist, starrt man aufs Holz und ist blind geworden, weil man sich jetzt alles vorstellen muss und den Schritt ins Freie versäumt hat – warum will er eigentlich nach Paris!“

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