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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Im freien Fall
    Puzzle 24
    15. Mai 2014

    In seinen Gedanken gefangen, fällt er weiter in die Zeit zurück: Winter, Herbst, Sommer, Frühjahr, Winter, Herbst … und wieder ... Wie lange hockt er hier eigentlich schon in seiner Schulbank, eingezwängt wie in eine Daumenkörperschraube?

    Plötzlich fährt er zusammen. Er erschrickt zu Tode: In seiner Erinnerung sieht er sich unvermittelt selbst gegenüber, gerade mal dreizehn und schon ein alter Mann auf seiner verdammten Bank im Klassenzimmer sitzen, apathisch und am Ende seiner Kraft. „Das darf doch nicht wahr sein“, sagt er sich, „warum nur kommt mir dieses Horrorbild in den Sinn, wer hat mich da nur photographiert?“ – Nein! Er hat sich verboten, sich daran jemals wieder zu erinnern. Aber die Geschichte lässt ihn nicht mehr los. Sie ergreift Besitz von ihm.

    Starr sitzt er vor seinem Klassenfensterglas. Sein Blick ist glasig und verliert sich im Ungefähren: Die trüben Gedanken kreisen mit den Schwalben durch einen fernen Himmelsausschnitt. In seiner Einbildung kann er durch das schwefelgelb angestaubte Fensterglas die Mückenschwärme erkennen, welchen die Luftakrobatenschwarzpfeile wie aberwitzige Ungetüme hinterhersetzen. 

    „Es sind ja nur die blöden Mücken“, denkt er, „denen die traurigen Schwalben hinterher jagen müssen, um nicht zu verhungern. Sonst wäre das aberwitzige Kreisen, der bizarre Taumelsturzflug und das schwungvolle nach quadrat-blauoben ausholende Taumeln, Schwirren und Blitzen ihrer verzweifelten Gestalten ja sinnlos. Ohne Mückenschwärme aber wären die Himmelsnummern einfach noch schöner, weil sinnlos schön!“

    „Die Natur spricht die Sprache der Mathematik“, hört er den Lehrer sagen, während er „Schwebezustand“ aufs Holz seiner Schulbank kritzelt und endlos die Buchstaben nachfährt, bis sie sich tief auf der Platte des Körperdaumengestells eingegraben haben. Woher er das Wort hat, weiß er nicht. „Schwebezustand“! – Was ist, wenn man sich leicht, und was, wenn man sich schwer fühlt wie Blei, wiegt er jetzt mehr?“

    Die Zeit ist in sich zusammengesunken, seine Erinnerungen haben ihn eingeholt. Alt und grau sitzt er da, und noch so jung und vorzeitig dem Leben abhanden gekommen. Es riecht nach Brackwasser und seine Haut ist dick geworden und mauert ihn ein.

    Latein, Cogito ergo sum, Geschichte als Gesichte, Mathematik als Rätsel der Zahl und ihrer Bruchstellen, Zoologie und die Pranke des Panters, und Chemie im Chemiesaal, ziehen an ihm vorüber wie im Film, wenn beliebige Versuchsreihen daneben gehen wie vieles sonst und im grölenden Chaos aggressiver Revolten enden, weil jeder Schüler jedem Lehrer misstraut. Dann qualmt es noch eine Zeitlang, die Bunsenbrenner schlagen Funken, und mancher der gespielt Ängstlichen stürzt sich hinter den Schrank, in welchem Kolben, Glasröhren, leere Petrischalen und Reagenzgläser scheppern wie fremde Musik: „Die Russen kommen“, rufen sie begeistert und der Lehrer schaut panisch aus dem Fenster. – Er aber sitzt und sitzt, ein stummer Betrachter aus der Ferne, dem die Hände gebunden sind. 

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