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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Erstarrung
    Puzzle 25
    16. Mai 2014

    „Er ist der Welt abhanden gekommen, er hat es eben nicht geschafft“, hört er die Stimme des Lehrers wie aus fernster Ferne im Musikunterricht, obwohl der ihm unmittelbar gegenüber steht und sich über Schubert verbreitet. Seine engherzigen, spätbürgerlichen, ja gefährlichen Schuldgefühle einer freien Existenz gegenüber muss er dabei nicht verbergen, er hält ja Unterricht.  

    Die böse Erinnerung ist Wirklichkeit geworden und er in seine Vergangenheit zurück geworfen. Als kleiner Greis sitzt er da – es gibt kein Vor noch Zurück mehr: „Warum nur bin ich in diese verdammte Geschichte zurück katapultiert worden?“, kann er gerade noch denken, bevor auch das Denken erstarrt und versteinert: Cogito ergo sum. – „Nicht noch einmal!“ Dann ist alles dunkel und er eine lebende Leiche geworden. Erinnerungen können tödlich sein. Warum kann man nicht vergessen.

    Mit der jetzt nach bösem Geheimnis endlich stillstehenden Zeit hat sich ihm ein anderes Fenster aufgetan, ein mysteriöses „Fensterglas“, das viel mit Meister Floh und seinem „Augenseeleglas“ zu tun hat, denn draußen, durch das schwefelgelbe Glas des Klassenzimmers hindurch, beobachtet er sich selbst, wie er drinnen in die Schulbank eingefroren auf ein Wunder hofft.

    „Du hast aufgegeben“, flüstert ihm jemand zu, der zu ihm hereinblickt, „da geht wohl nichts mehr!“ Sein Körper ist hart, zu keiner Bewegung mehr fähig: Wenn draußen noch draußen wäre, könnte er vielleicht noch die braunschwarze, im grauen Dunst sich auflösende Fassade des mächtigen Sandsteingebäudes gegenüber erkennen, das kahle Tentakelastgezweige und den grauweißgrüngrauen Himmelsausschnitt rechts oben, wo jetzt ein widerliches Loch klafft.

    „So schau doch her, siehst du mich nicht?“ sagt der, welcher draußen vor dem Fenster steht, „ich beobachte dich schon eine ganze Weile und will nicht mit ansehen müssen, wie du ein Ritter wirst.“ – „Ritter“, durchfährt es ihn, „ich dachte, das hätte ich längst hinter mir!“ „Der Ritter kommt nicht immer von draußen, der schlimmste kommt von innen und panzert dich auf alle Zeit!“ – Unwillkürlich wendet er sich zum Fenster hin. Selbst die geringste Bewegung tut höllisch weh: Richtig, ja richtig, da draußen vor dem Fenster steht jemand, den er aber nicht erkennen kann, entweder ist das Glas zu schmutzig, das Licht zu fahl oder seine Augen zu schwach.

    „Da sitzt du also und siehst beschissen aus“, flüstert der Junge, dessen Stimme er schon einmal gehört hat, „irgendwie bist du erwachsen geworden, wenn man so sagen darf; jetzt siehst du aus wie einer, der aufgegeben hat und sich in die Dinge schickt – die Gesellschaft hat einen Untertan mehr! Hast du wirklich vergessen, was du schon hinter dich gebracht hast? Wofür du gekämpft hast! Willst du wieder ein Teddybär werden, weil du Schiss in der Buchs hast und klein beigeben willst. Jetzt werden sie auch mit dir als Steiffstoffball Wirtschaftswunder spielen: Ab und an wirst du in die Karibik geworfen, oder in den Lago Maggiore, um ins Privatleben zu hüpfen, wo du dich ganz vergessen darfst. Dafür springst du Jahrzehnte wie ein Geldhengst im Büro herum und beginnst dich und die anderen zu hassen. Dann kommt die Pest, davor die Kopfschmerzen und zwischendrin der Infarkt. Man kann aber auch anders verzweifeln. Dann fährt man mit seinem brandneuen Porsche an die Autobahnbrücke, um alles für immer zu vergessen. Erinnere dich, sonst war alles umsonst! – Komm, los doch, heb deinen kleinen müden Arsch hoch, ich mache ein Photo von dir ... Blitz hat es gemacht!“

    Er wacht auf, als wäre er unsanft geweckt worden und reibt sich die Augen. Richtig! Ja doch, er ist siebzehn quadrat-blauund nicht dreizehn und schon ein halbtotes Kasperle. Welch ein Albtraum!

    „Damals“, denkt er sich, während er aufsteht und das Klassenzimmer endlich verlassen darf, „da war ich gerade mal dreizehn, mutterseelenallein und hätte beinahe aufgeben, wenn da draußen nicht einer vor dem Fenster mir die Leviten gelesen hätte.“ Vielleicht aber hatte er sich im Fensterglas auch nur gespiegelt und mit sich selber unterhalten. „Wie auch immer, beinahe wäre aus der Klassenzimmergruft ein Mausoleum für gekillte Kinder geworden“, denkt er sich erleichtert. Womöglich hätte er noch Rechtsanwalt werden müssen, wie sein Vater.
     
    Für einen Augenblick hält er inne. Noch einmal wendet er sich zum Klassenzimmer hin um als wäre es das letzte Mal. Gedankenverloren betrachtet er seine Schulbank: Wer dort wohl gesessen hat? Und wer da vor dem Fenster stand? 

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