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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das fliegende Bett
    Puzzle 26
    19. Mai 2014

    Wenn er gar nicht mehr weiter weiß, fliegt er weg und Potzblitz steuert das Gefährt: Dann liegen er und sein Hund schon eine ganze Weile im Bett, draußen ist längst die Nacht angebrochen und Fell an Fell und Schnauze an Schnauze kann keiner der beiden ein Auge zu tun, denn die Gedanken drücken. – „Wir müssen weg“, bellt der Hund dann, der ihn länger nicht mehr so daliegen sehen möchte, „lass uns losziehen“, ruft er Schwanz wedelnd und holt seine Flugbrille aus dem Versteck, „etwas Überblick, das täte uns beiden wieder einmal gut, glaubst du nicht auch?“

    Dann setzt sich sein Hund mit einem Satz vorne an die Bettkante, stülpt sich die lederne, von innen mit warmem Fell gefütterte Pilotenmütze über, die seinen langen Ohren aber freies Spiel lässt, damit diese – wenn sie im Fahrtwind heftig flattern – die Leute unten warnen können, dass sie beide oben jetzt zu einem Sturzflug ansetzen werden, um die Welt unten aus der Nähe genauer zu betrachten.  

    Munter juchzend gleiten sie dahin. Einen Motor, geschweige denn einen Propeller hat das Bett nicht, und warum es fliegen kann, er hat keine Ahnung! Wahrscheinlich fliegt das Bett einfach nur deshalb, weil sie fliegen wollen; und sein Hund weiß schließlich, wie man ein fliegendes Bett steuert. 

    „Endlich wieder mal oben! Von hier sieht alles ganz anders aus! Irgendwie schnuckelig!“, ruft er begeistert nach vorne gegen den Fahrtwind, aber der Hund kann ihn nicht hören, denn er fliegt zu schnell. Gerade zieht er eine waghalsige Steilkurve um das Haus, in welchem Holzer und seine Frau wohnten, nur um sich zu vergewissern, dass beide nicht zurückgekommen sind, und alles in der Schule wieder von vorne losgeht: „Wer nicht schon alles entnazifiziert worden ist“, sagt der Hund, skeptisch das Haus von oben betrachtend.  

    Als sie über Tante Emmis Haus fliegen, steht diese mitten in finsterer Nacht am Fenster und winkt ihnen zu, als hätte sie geahnt, dass sie jeden Moment über ihr auftauchen und sich diebisch auf ihr liebevolles Zeichen freuen würden. 

    Die Stadt schläft. – Ihr ruhiger Atem ist selbst hier oben zu spüren. „Na, siehst du“, ruft Potzblitz, während er sich zu ihm umwendet, der in seine Bettdecke gekuschelt ist und mit tränenden Augen staunend nach unten schaut, „es ist doch alles nicht so schlimm, es kommt nur auf die Perspektive an!“ – „Perspektive“, hat der Hund gerade „Perspektive“ gesagt? Was ein Hund so alles sagt“, murmelt er, „Gott sei Dank ist er ein guter Pilot.“

    Als er müde geworden ist und nach Hause will, weil ihm kalt ist, dreht der Hund noch eine letzte Runde nach weit draußen. Unter sich kann er die Wälder, Waldteiche, Flüsse, Auen und Felder betrachten, mit den verschlungenen quadrat-blauPfaden und Wegen darin, auf welchen er seine „Weltgegend“, wie er es nennt, am liebsten alleine durchstreift.

    Ein wärmendes, ungeahntes Erinnerungsgeglitzer steigt in ihm auf und taucht die nächtliche Landschaft unter ihm in ein flirrendes Gelichter, so dass er ganz erhitzt seinen Hund darum bittet, noch eine weitere, allerletzte Kurve zu fliegen, wobei jetzt auch die weitläufigen Rapsfelder aus der Dunkelheit nach oben gelbgelb zu leuchten beginnen und der Hundepilot in der sich plötzlich verbreitenden Helligkeit sicher zur Landung ansetzen kann.

    „Halt dich fest“, ruft Potzblitz, „wir kommen tiefer, gleich kommen unsere Eichen, da waren wir schon ewig nicht mehr, da gehen wir morgen mal wieder hin und schnüffeln rum, was es so Neues gibt!“

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