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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Die Tankstelle in der Wüste
    Puzzle 27
    20. Mai 2014

    Er liebt die Buchhandlung der nahe gelegenen Großstadt, in welcher seine Mutter immer die neuesten Magazine kauft: Film und Frau, Stars hinter Kulissen oder Mein Garten und Ich zum Beispiel. Dann kann er für Momente in den Hintergrund des Ladens abtauchen, wo sich die neuen Romane, die gerade erst geschrieben worden sind, auf kleinen Tischen in der Mitte des schmalen, aber hohen Raums stapeln.  

    Die älteren Brüder und Schwestern – von Homer und Cicero bis Heinrich Mann und Virginia Wolfe – stehen artig und zurückhaltend in den bis an die Decke reichenden Regalen und zwinkern den Lesebegierigen unten heimlich zu, den jungen hübschen Schwestern drunten zwischen den bunt aufgemachten Buchdeckeln ein wenig unter den Rock zu greifen oder ihren mutigen Romanbrüdern einfach das Hemd vom Oberkörper zu reißen, um – wie beiläufig – ein bisschen in ihren Seiten zu blättern und nachzusehen, was an Neuem in der Literatur von heute versteckt ist. 

    Gedankenverloren blättert er in einem dicken Photobuch, das gerade erschienen ist. Die Luft hier im Hinterzimmer ist stickig: Es riecht nach nichts als Büchern, die Zunge klebt ihm am Gaumen und die alten Buchdeckel wellen sich in ihren Regalen schon die Wände entlang. Ein Bild nimmt ihn gefangen und zieht ihn in sich hinein: Er steht vor einer Gott verlassenen Tankstelle irgendwo in der Wüste, die vielleicht in Amerika liegt. Ein altes, ziemlich zerknautschtes Cabriolet steht an der Zapfsäule unweit vor ihm und kein Mensch ist weit und breit zu sehen. „Noch nicht einmal das Pärchen“, denkt er, „welchem das Auto ganz sicher gehört, lässt sich blicken.“ „Die sind sicher gerade drinnen an der Kasse“, sagt er sich, „und zahlen“. Der schicke Wagen mit Faltdach kann nur einem frisch verliebten Pärchen gehören, das sich in der Wüste amüsieren wollte, was aber offenbar schief gegangen ist, denn dem Cabriolet fehlt vorne ein Rad, so schief steht es da. 

    Die Empfindung einer unbestimmbaren Leblosigkeit erfasst ihn, als würde das Photo ihn warnen wollen, aber wovor nur, er war noch niemals in Amerika! – „Eine Tankstelle in der Wüste“, murmelt er vor sich hin, „ein Auto an der Zapfsäule, das nicht mehr fahren kann, weil ein Rad fehlt, und kein Mensch, der sich zeigt: Ein gottverlassener Ort, kein Lüftchen regt sich: Windstill!“ Oder aber … steht da hinten nicht doch jemand, ganz rechts außen, weit hinter der Tankstelle und hängt Wäsche auf wie in La Strada von Fellini am Ende die Frau, welche – zwischen der Wäsche unsichtbar – das verzaubernde Lied singt, das ihm, seit er den Film im Fernsehen gesehen hat, nicht mehr aus dem Sinn geht: Nie hat er Einsamkeit so gesehen und gehört – gleichzeitig – Wie im eigenen Wind flattert die Wäsche in der trostlosen Wüste, während in der unwirklichen Schwarzweißdämmerung alles ins Dunkle abtaucht und die Wäschetücher zu winzig kleinen Fenstern werden, aus denen es herausleuchtet, ohne dass man hineinschauen könnte. Er kriegt  es mit der Angst zu tun und weiß nicht, ob er drinnen oder draußen ist. 

    Als er sich im Ungefähren verirrt und schwankt, weil ihm schwindlig wird, worauf er sofort das Gleichgewicht verliert und vornüber kippt, gelingt es ihm gerade noch, den Photoband zuzuschlagen und sich in letzter Sekunde auf dem Stapel neuer Kochbücher abzufangen, bevor er mitten in die Bücherberge hinein gefallen wäre und Chaos angerichtet hätte. Wie ein kleiner Clown – zum Lachen komisch zwischen den Bücherbergen hängend – liest er verschwommen, dicht vor seinen Augen den Namen Diane Arbus auf dem Buchdeckel, zwischen denen die Tankstelle wieder abgetaucht ist: „Diane“, sagt er sich, während er sich vorsichtig wieder aufrichtet, „was für ein schöner Name – Diane!“
     
    Während die weißweißen Wäschefenster als geheime Zeichen noch lange in seinen Augen nachflimmern, sind beide, er und seine Mutter, in ihrem Cabriolet auf der Schnellstraße wieder zurück auf dem Weg nach Hause. „Wer da wohl die Wäschefenster aufgehängt hat, von denen man nicht weiß, ob man nach drinnen oder draußen schaut“, grübelt er vor sich hin, als seine Mutter beinahe die Kontrolle über ihren Sportwagen verliert und nachher nicht sagen kann, warum.

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