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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Der Holzsteg
    Puzzle 28
    21. Mai 2014

    Wieder einmal, er ist jetzt gerade elf Jahre geworden, unternimmt er eine seiner aufregenden „Alleinausflugsexpeditionen“, welche ihn in letzter Zeit nur noch in die Stadt führen: Die Eichen, seine Lieblingsbäume draußen in den Wäldern, hat er beinahe vergessen. „Aber, was heißt vergessen“, sagt er sich schmunzelnd, „die Bäume wachsen einem ja schon in den Kopf hinein!“ – Wie ein schnüffelnder Hund, der Witterung aufgenommen hat, trappelt er seinem Lieblingssteg entgegen, auf dessen anderer Seite die Bäckerei mit ihren verführerischen Düften lockt. Als er den schmalen Holzsteg über die letzten steilen Abwärtstreppen schon beinahe erreicht hat, hält er jäh inne, denn unter ihm drängeln sich die Menschen, vom frischen Brotverführungsduft berauscht, in einer prall bunten Schlange über den ächzenden Steg hinweg zur gegenüberliegenden Seite, welcher – hin und her gerissen – jeden Moment aus seinen alten Angeln gehoben wird und in den Fluss fällt. „Der Duft allein genügt schon“, denkt er lachend, „man müsste nur den Zaubergeruch über den langen Nadelöhrsteg hinweg den Menschen entgegen blasen, sie kämen alle über den Bach herüber gedrängelt und kauften alles, was man so anzubieten hat – alte Erinnerungsbilder zum Beispiel, die in einem herumhängen und von niemandem mehr angeschaut werden wollen.“ Das Beste dabei aber wäre, dass es nicht unbedingt eine Bäckerei sein müsste, in welcher man seine alten Gemälde verkauft; es könnte ein x-beliebiger Laden sein: Man könnte ausschlafen und müsste nicht schon zu nachtschlafender Stunde in der Backstube stehen, denn man hätte ja den betörenden Duft, den man in die Stadt bläst und alle würden kommen und alles kaufen. Wenn es gut liefe, in einem Warenhaus: Kaufhof oder Hertie – mit Duft.quadrat-blau 

    Schon steckt er mitten im Gewühle: Es holpert, stolpert, ringsum tobt die Schlacht, in der jeder sich die Konkurrenz des Nächsten vom Leib zu halten sucht. Man taumelt, droht zu fallen und richtet sich am anderen sofort wieder auf, doch keiner der schnaubenden, im Schlangenkörper gefangenen Menschen verliert die Richtung, die von Nasen vorgegeben wird.

    Erhitzt und erregt wird er von einer zur anderen Seite geschleudert, greift animiert nach Mädchen- oder Jungenkörpern, zu denen er sich – jetzt ist alles egal – hingezogen fühlt, kann aber dann, wenn es nicht klappt und er angepöbelt wird: „Lass das, igitt igitt, du Sau“, sich gerade noch aus der Affäre stehlen und behaupten, er sei gerempelt worden und könne nichts dafür, um im nächsten Augenblick schon wieder in eine andere Richtung in andere Arme geschubst zu werden, die nichts dagegen haben.

    Als ihm sein warmes Sperma die Hose nass macht und er für Augenblicke nicht mehr weiß, wo er ist, wird er plötzlich, leicht wie ein Federball, nach oben in den Himmel katapultiert und schwebt in sanften Wellen – auf einem besonders dicken seiner Lusttropfen wie Münchhausen auf der Kanonenkugel sitzend – wieder hinab zur Erde. Im warmen Sommerwind aber verdampft die Lustkugel so rasch wie ein Wassertropfen, der auf die heiße Herdplatte fällt. Viele nette und hilfsbereite Leute auf dem Steg unten aber lassen ihn weich landen, so dass es nicht weh tut.

    Aus dem Holzsteg, welcher ihm während seines Luststurzgetaumel auf halber Höhe nach oben entgegen gekommen ist, damit er nicht zu tief fällt, ist wie durch ein Wunder ein veritables Luftschiff geworden, auf dem, einem Luxusdampfer ähnlich, heiter aufgeräumte Stimmung unter den zahlreichen Gästen herrscht. – Hoch und immer höher schraubt sich der Holzpropellerhubschraubersteg, der nichts mehr von einem Holzsteg an sich hat und seinen Passagieren kaum vorstellbare Ausblicke gewährt, welche ihnen die buntesten, verrücktesten Kommentare entlocken.

    „Der reine Wahnsinn“, ruft einer, der ein stadtbekannter Atheist ist, „so also sieht unsere Stadtkirche von oben aus, wie eine hochgestellte Haubitze, mit der auf Kleingläubige geschossen wird, wenn sie ihren Kopf in die Mündung stecken und glauben, in einen Brunnen zu schauen.“ – „Wir müssen zurück, zurück“, sage ich – „Stopp! Wir machen einen kleinen Umweg, nur kurz zurück in meine geliebte Bäckerei, bitte, und dann meinethalben weiter, bitte, meine schönen Tüten mit meinen frisch gebackenen Broten, Brötchen und Brotkrumen für meinen Wellensittich möchte ich noch mitnehmen, dann, bitte, wegen mir kann es dann weitergehen, aber niemand hier an Bord soll glauben, das wäre der Proviant für alle!“, sagt die dickste Frau der Stadt, die jeder kennt, weil sie nicht zu übersehen ist. – „Die Bäume sind von hier oben ja auch nur grün“, ruft außer sich der Botaniker der Stadtgärtnerei, „ich dachte, das alles dort drunten wäre irgendwie heller von hier oben, silberner, glitzernder irgendwie, wie soll ich sagen, bei all der vielen Sonne um einen herum!“

    Drunten stehen die Zurückgebliebenen, die unter Schmerzen und Tränen ihre Lieben davon segeln sehen, das frische Brot im Arm, welches sie am liebsten ihren Freunden da oben noch für alle Fälle zugeworfen hätten, doch so hoch und weit wirft keiner in der Stadt ein Brot.

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