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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Die beste Bäckerei der Stadt
    Puzzle 30
    23. Mai 2014

    „Sollen wir dir was Tolles zeigen?“, fragt es von beiden Seiten des viel zu niedrigen Holzsteggeländers, über das sie zu dritt lehnen; er in der Mitte, weil die Zwillinge ein schlechtes Gewissen haben. „Du wirst verrückt werden – vor Begeisterung wirst du verrückt werden!“, liegen sie ihm in den Ohren, als gäbe es in diesem Federkissenweiß hier oben irgendein verborgenes Wunder zu entdecken. „Langweilig ist es geworden, hier oben meine ich“, murmelt er, „so langweilig, das hätte ich nicht erwartet, wo alles so gut angefangen hat – stundenlang im Nichts herum zu schweben! Geht es eigentlich noch vorwärts oder stehen wir auf der Stelle? Ich glaube mein Schwein pfeift!“ „Es ist jetzt egal, was du von der Wolke denkst, du musst einfach nur pfeifen und an das Wunder denken, das dann passiert! Aber, pass auf: Denken und Pfeifen gleichzeitig, sonst kann das Wunder nicht kommen!“ Animierend spitzen die Zwillinge ihre süßen Münder. Er pfeift, denken muss er nicht. Natürlich will er in die Bäckerei, der Holzsteg hat es verhindert. „Und jetzt, wo man noch nicht einmal mehr weiß, ob man fliegt oder nicht, will man wenigstens etwas Tolles riechen, wenn man schon nichts sieht“, denkt er, aber erst, nachdem er gepfiffen hat.

    Gebannt steht er da und schaut ins weiße Nichts. Die Zwillinge beobachten ihn aus den Augenwinkeln und tun so, als wäre nichts! – „Soll ich noch mal pfeifen, da kommt ja nichts!“ Ungehalten wendet er sich den Zwillingen zu und dreht dabei seinen Kopf so rasch nach rechts und links, dass ihm schwindlig wird. – „Verdammt! soll ich noch mal pfeifen, habe ich gefragt, lauter, höher oder tiefer – oder wie?“ – Ratlos bleibt er in den wundervollen Augen des Zwillings rechts hängen, der offenbar auch keine Antwort weiß, aber augenscheinlich in ihn verliebt ist: „Pfeifen … soll ich?“, fordert er fordernd, wie um sich des Blicks zu erwehren. „Ich hoffe, du pfeifst nach mir und nicht nach ihm, ich finde dich nämlich auch ganz toll, du gefällst mir!“, drängt der andere. – „Also los, pfeife endlich!“, frotzelt sein Augenzwilling, der ihn unverwandt anblickt, „du hast doch noch gar nicht gepfiffen, also mach keinen Aufstand, los jetzt!“ – „Ich habe noch gar nicht gepfiffen? Ich dachte, ich hätte schon!“ – „Das denkst du!“, antworten ihm die Zwillinge unschuldig, während der Augenzwilling ihm noch schönere Augen macht. – „Ach so“, sagt er kleinlaut und kann endlich wieder geradeaus in die Wolke blicken: „Es ist mir nur so vorgekommen, als hätte ich!“ „Also los, nun mach doch, pfeife!“, glaubt er die Zwillinge zu hören. In seinen Gedanken aber ist er schon in der Bäckerei.

    Plötzlich, er traut seinen Augen nicht, vielleicht hat er sich getäuscht, blitzt weit unten – unter ihm im Nichts – ein winziger Lichtpunkt auf, welcher – rasch immer größer werdend – wie im Nu, also mit Lichtgeschwindigkeit auf den Steg zurast und alles verschluckt: Unversehens hat ihn der Bäckerladen wieder, wo er in der langen Schlange unzähliger, brotgeiler Kunden nicht mehr darauf warten will, endlich an die Reihe zu kommen, den Krächzpropeller des Holzstegs noch im Ohr.

    „Was darf es sein?“, fragt ihn die Bäckerin. Einen Augenblick lang zögert er. Fahrig zittern seine Blicke über all die lieblich vor ihm ausgebreiteten Köstlichkeiten: „Was soll ich mir wünschen?“, fragt er sich kopflos, „nach allem, was passiert ist, habe ich glatt vergessen, was ich will – was will ich denn?“ – „Wie immer, bitte, ich habe bestellt“, antwortet plötzlich eine penetrante Stimme hinter ihm, so dass er vor Schreck – unter Scheppern und Klirren – beinahe durch das Vitrinenglas hindurch auf all die leckeren Teigwaren gefallen wäre, wenn er sich nicht noch – in letzter Sekunde – am Metallgriff des langen Holzarms der Klingelkasse hätte abstützen können, so dass zwar alles unversehrt bleibt, die schwere Kasse aber aus ihrer Halterung springt, einen Veitstanz aufführt und in den schrillsten Tönen klingelt, als hätten gerade alle in der Bäckerei gleichzeitig bezahlt, während die Bäckersfrau begeistert in die Hände klatscht, was unmittelbar zur Folge hat, dass ihm die von seiner Mutter heiß begehrten Tüten unterschiedlichster Größe wie eine weiße Wolke um den Kopf kreisen.

    „In den kleinen Tüten sind sicher die Kostbarkeiten!“, juchzt er auf und will schon eine von ihnen aus der Luft greifen, als die Stimme seiner Mutter, welche – wie immer auf Einkaufstour von ihrem Ersten Dienstmädchen eskortiert – vor der Ladentür steht und ungeduldig aggressiv ein „Na also, bitte, wird‘s bald, ich bitte schon sehr!“, ins überfüllte Geschäft schleudert, weil sie auf die Brötchen, das speziell gewürzte Gewürzbrot, die wunderbar langen Salzstangen mit Kümmel und etwas Koriander – eine Spezialität des Hauses – und das stadtbekannte Tafelkonfekt nicht länger zu warten gedenkt.

    Heute ist sie auf die Tüten mit Zwischengröße, in welchen die Zuckerschnecken, Meringuevanillepasteten und Mohrenköpfe durcheinander wirbeln, vor allem aber die köstlichen Amerikaner mit ihren von dickem Zitronenguss überzogenen Hinterseiteärschen, besonders scharf: Heute Nachmittag nämlich gibt sie als eine der Ersten Damen der Stadt ihren ersten Kaffeeklatsch für die Ersten Damen der Stadt und auf die außen krossen, innen weichen Amerikaner will sie keinesfalls verzichten, denn sie muss richtig Eindruck schinden. Und da helfen besonders die Amerikaner!

    Die Tütenwunderwolke jedoch macht keinerlei Anstalten, auf seine Mutter zu hören. Im Gegenteil. Vollkommen unbeeindruckt lässt sie ihre weißweißen Tüten weiter um seinen schon weit aufgerissenen Mund kreisen, der – wie ein Hund – die eine oder andere der Wundertüten in der Luft zu schnappen versucht. – „Wirtschaft!“ – Der markerschütternde Schrei seiner Mutter, der alles durchdringt, bewirkt ein für die in der Bäckerei erstarrt Verharrenden ein wahres, aber gemeines Wunder: Wirtschaft als Wunder! Auf ihr unverschämtes Kommando hin verliert die magische Tütengebäckwolke ihre sanft schwingende Kontur und verwandelt sich – kleinlaut beigebend – vor seinen ungläubigen Augen unversehens in ein Fließband, welches die jetzt eifrigen Hände der nun böse verzauberten Kunden formen, nach draußen auf die Straße, wo seine Mutter triumphierend lächelt und die Fließbandarbeiter ob ihrer Geschicklichkeit bewundert. Scheinbar von Geisterhand befördert schaukeln nun die Tüten wie in einer Backfabrik durch die schwitzende, sich abrackernde Kundschaft, die panisch darauf bedacht ist, keine der weißen Tüten, die alle nur für seine Mutter bestimmt sind – „Ich habe schließlich bestellt!“ – an unpassender Stelle zu drücken oder zu quetschen, so dass Dellen in das fragile Gebäck kommen oder die Glasur zerbricht.

    Zuerst sind natürlich die Amerikaner dran, welche mit ihren unter dem weißen Papier versteckten Zitronenärschen auf eine der Ersten Frauen der Stadt zuwackeln, um schließlich, rechts und links an ihr vorbei, mit allen nachfolgenden Tüten unterschiedlichster Größe und Füllung in den weit geöffneten Wagenschlag des brandneuen Karmann Ghia hinein zu schweben und auf den Rücksitzen vom Ersten Dienstmädchen gestapelt zu werden, damit Madame mit der Wolke im Auto davonschweben kann. Was peinlicherweise misslingt, weil alles Brot, Gebrezel, Gebäck und Konfekt nassnass geworden ist und ungenießbar, denn die Amerikaner sind bei all dem Geschaukel so geil geworden, dass sie zu früh gekommen sind, so dass seine Mutter sich dem allgemeinen Gelächter der wieder entzauberten Kundschaft nur zu entziehen weiß, indem sie das Erste Dienstmädchen mit stechendem Blick dazu zwingt, ihren Karmann wenigstens aus dem Blickfeld der grölenden Bäckerei zu schieben. Wobei sie nur halb ihr Gesicht verliert, weil sie am Steuer sitzt.

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