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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Federball
    Puzzle 31
    26. Mai 2014

    Die Tütennichtsweißwolke hat sich in Luft aufgelöst und alle drei, die Zwillinge und er, schauen auf dem ruhig dahinschwebenden Steg über die Erde dahin in die untergehende Sonne, von der sie sich immer weiter entfernen: Es ist still geworden, das Gegröle verklungen. Keiner der Menschen an Bord redet ein Sterbenswörtchen. „Wie schön die Sonne untergeht“, flüstert er seinem Lieblingszwilling zu. „Ja“, ulkt der andere, „ein davonfliegender Parabolspiegel, der die Dinge mit sich nimmt.“ „Parawasspiegel“, denkt er, will aber nicht nachfragen, weil sich der nur wichtigmacht, aus Eifersucht.

    Alle sind sie geblendet, kaum einer kann der Sonne ins Auge schauen, denn nur der eine oder andere hat zufälligerweise eine Sonnenbrille dabei, schließlich wollte man in die Bäckerei und nicht ins Gebirge. Manche ducken sich hinterm Vordermann weg und blinzeln fasziniert hinter dessen hängenden Schultern hervor, andere halten die Hände fest vors Gesicht und lassen sich den ungeheuerlichen Anblick wenigstens beschreiben.

    Und diejenigen, welche ganz vorne auf den besten Plätzen fliegen, dem gleißenden Sonnenlicht direkt ausgeliefert, können vom unfassbaren Anblick hingerissen, ihren Blick nicht wenden und schwärmen mit zusammengekniffenen Augen unter schirmenden Händen und Wehmut in der Stimme davon, einen solchen Sonnenuntergang in ihrem Leben noch nie gesehen zu haben.

    „Man wird ja schier geröntgt“, zischt der eifersüchtige Zwilling. Als er sich ihm zuwendet, steht der neben seinem Bruder, so dass er die beiden zum ersten Mal gemeinsam vor sich sieht. Er traut seinen Augen nicht: „Merkwürdige Zwillinge!“, denkt er, „der eine ist viel kleiner als der andere, irgendetwas stimmt hier nicht, vielleicht liegt es auch nur am Sonnenuntergang und der Perspektive.“

    Als die Dunkelheit sich über das Land legt und die Luft spürbar kalt geworden ist, geht plötzlich Flutlicht an. Verwirrt blickt er sich um, schon steht der gemein Eifersüchtige, den er nur für Sekundenbruchteile aus den Augen verloren hat, unweit von ihm auf dem grüngrünen Rasen eines sich in die Unendlichkeit ausdehnenden Spielfeldes, welches ihn mit seinem mittig gespannten Netz unwillkürlich an Federball erinnert.

    „Wie lange sollen die Leute denn noch auf dich warten, nun komm doch endlich, das Spiel sollte schon längst losgegangen sein, man wartet auf dich wie auf eine Frau!“ – „Frau!“, durchfährt es ihn, „der hat „Frau“ zu mir gesagt und das vor Publikum!“ Empört stürzt er mit geballten Fäusten auf den Zwilling zu, welcher nicht sein Liebling ist, was die Leute sofort mit gemeinen, unwirklich hohen Pfiffen kommentieren, so dass er wegen des Höllenlärms, der so teuflisch in den Ohren schmerzt, als würden sie ihm unablässig spitzspitze Nadeln ins Trommelfell stechen, in die Knie geht. – „Nun los, so komm doch, du Memme, bewege deinen kleinen Arsch“, ruft das eifersüchtige Zwillingsarschloch, „man schlägt seinen Spielkameraden nicht, nur weil man in ihn verliebt ist und der dafür nichts kann!“

    Plötzlich ist Totenstille eingetreten. Vorsichtig schaut er sich um. Jetzt erst sieht er das Publikum. Myriaden von Menschen, die ihn ins Visier genommen haben und auf schwindelerregend hohen, aus nichts als Wolken bestehenden Tribünen Eis schlecken oder Harribogummibären kauen, während sie dem alles entscheidenden Finale entgegenfiebern: „Wie in einem Stummfilm“, zischt es ihm durch den Kopf, „man kann noch nicht einmal ihr Schmatzen und Kauen hören.“

    Harribo macht Kinder froh, und Erwachsene ebenso!“, fängt er laut zu singen an. Dabei meint er mit den Kindern natürlich sich selbst, mit den Erwachsenen das Publikum, und die Zwillinge können sehen, wo sie bleiben. Traurig werden sie in der Ecke stehen, weil sie verloren haben! Zu zweit sind sie jetzt auf dem Spielfeld gegen ihn angetreten und bedeuten grimassierend in die Menge, dass er gleich beweisen muss, was er kann, er, der noch nicht einmal den ersten Schlag getan hat.

    „Wenn ich diesen Ball verschenke“, denkt er mitten im Spiel, welcher von weit oben auf ihn zufliegt und für Momente im gleißenden Flutlicht verschwindet, „dann kann ich einpacken!“ Völlig überraschend – das Publikum schreit enttäuscht auf – kann er den unsichtbaren Luftball im letzten Augenblick mit einem eleganten Gegenschlag kontern, welcher als Federballblitz auf die hinterhältigen Zwillinge zurückpfeift und ihnen gleich um die Ohren fliegen wird. Stattdessen aber  kommt der Ball in Lichtgeschwindigkeit wieder auf ihn zu, so dass er hilflos zur Seite stürzend, seinen Kopf gerade noch retten kann und seiner allseits erhofften Niederlage wieder einen Punkt näher kommt.   

    Gegen diese Saubande von unterschiedlich großen Zwillingen wird er trotz aller Geschicklichkeit nicht gewinnen können, soviel scheint klar. „Und die haben sich zu allem Überfluss auch noch in aller Öffentlichkeit über mich lustig gemacht und behauptet, dass ich ein Mädchen bin – das Mädchen wird es ihnen zeigen, den Memmen“, schwört er sich wild entschlossen, „die werden sich bei meinem nächsten Angriff vor Angst in die Hose scheißen, dann nämlich, wenn ihnen klar wird, dass sie nicht gewinnen können! – Warum aber muss ich dieses verdammte Spiel alleine spielen, das ist doch ungerecht!“, fährt es ihm durch den Kopf.

    Er ist weit zurückgefallen! Und wenn es so weiter geht, wird er haushoch verlieren! Einer gegen zwei, da kann keiner gewinnen“ selbst ein Bungert nicht, wenn er alleine gegen Zwillinge antreten muss, die jenseits aller Spielregeln so gemein und nassforsch taktieren, dass das kein Schiedsrichter durchgehen lassen würde. Einen Schiedsrichter aber gibt es nicht. „Typisch“, denkt er sich, „ein abgekartetes Spiel!“

    „Die halten sich an keine Regel und sind auch noch bösartig dabei!“, ruft er beim letzten Seitenwechsel verzweifelt dem Publikum zu: „Das soll ein normales Federspiel sein! – Ich verlange einen Schiedsrichter, einer allein gegen zwei, da hat man einfach keine Chance, das ist ein Scheißspiel hier, jawohl, ein Scheißspiel ist das hier!“

    „Jetzt bräuchte man jemanden neben sich, einen Partner, einen richtigen Partner, dann hätte man vielleicht noch eine reelle Chance“, denkt und wünscht er sich gleichzeitig, als er den strategisch entscheidenden Punkt zum allgemeinen Erstaunen für sich gewinnt, obwohl nun einige Schiedsrichter – keine Ahnung, woher die plötzlich gekommen sind – hoch in den Wolken um das Spielfeld herum kreisen, Widerspruch einlegen und die Zwillinge gewinnen lassen wollen. quadrat-blauWomit sie beim Publikum überraschenderweise nicht durchkommen, weil es seine Meinung geändert hat. So holt er – unter dem frenetischen Jubel der völlig aus dem Häuschen geratenen Eisschlecker und Gummibärenkauer – jetzt Punkt für Punkt und sinkt schließlich kraftlos auf dem Spielfeld nieder, weil er gewonnen hat.

    Kurz bevor eine glückliche Ohnmacht ihn übermannt, kann er gerade noch sich selber nachschauen, wie er unerkannt und für das Publikum unsichtbar den Rückweg in die Umkleidekabinen einschlägt und sich dabei, sichtbar glücklich, noch einige Male zu ihm umwendet und albern seine Augenbrauen tanzen lässt, als hätte er gar nicht mitgespielt und sei stolz auf ihn.

    „Gott sei Dank hat mich keiner gesehen, sonst müsste ich womöglich noch einmal antreten!“, lächelt er selig und taucht erleichtert in seine Ohnmacht ab.

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