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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Der letzte film
    Puzzle 32
    27. Mai 2014

    Den Letzten Film, so hat Tante Emmi ihm erzählt, sieht man rückwärts. Ihn hat man – wenn man ihn denn hat – als Allerletztes, also am Ende seines Lebens, bevor man stirbt. Woher man das weiß, ist ihm rätselhaft. Denn wenn man den Film sieht, von Anfang bis Ende und das Ende dann der Anfang ist, ist man tot und kann niemandem mehr davon erzählen.

    Er sieht seinen Letzten Film mitten im Leben, und zwar jetzt, da ist er sich sicher, weil – wie in einem letzten Film – alles noch einmal wie im Sturzflug an ihm vorüber rauscht, und das auch noch von hinten nach vorne, so dass er sich dabei zusehen kann, wie er jünger und immer jünger wird und am Ende sterben wird, dann nämlich, wenn er gerade auf die Welt kommt und alles beginnt, weil der Film zu Ende ist.

    Während er als Sieger gefeiert wird und sich vor lauter Wolken der Begeisterung kaum mehr zu retten weiß, lassen ihn einige achtlose Gratulanten-Hände, die seinen Weg durch die Wolkentribünengänge nach oben säumen, auf einmal – unbedacht oder aus Zufall – fallen. Er fällt in schieres Nichts, welches sich schwarzfunkelnd unter ihm auftut. Wie ein kleiner Komet taumelt er nach unten, der noch ohne Schweif auskommen muss: „Wenn man beim Ballspiel der Azteken gewinnt“, erklärt ihm Onkel Kurt später, als er ihm davon erzählt, „hat man als Opfer gewonnen, denn der göttergläubige Spieler will gewinnen, damit er zum Dank den Göttern geopfert wird, weil er Sieger ist.“

    Onkel Kurt hat Unrecht! Nicht er ist es, der gewonnen hat, sein Doppelgänger hat gewonnen, mit ihm! „Warum soll er sich jetzt den Letzten Film seines Doppelgängers ansehen“, denkt er sich, „der sieht zwar haargenau so aus wie ich“ – aber irgendetwas passt nicht zusammen: „Ist das wirklich mein Film, das sieht nicht nach meinem Film aus“, ruft er verzweifelt ins Ungewisse und will nicht sterben.

    Der Film ist ein alter stummer Schwarzweißfilm. Zunächst kann er nicht viel erkennen, nur ungefähre Konturen und verwischte Gesichter und manchmal auch sich selber, den Eindruck hat er wenigstens. Es könnte aber auch sein Doppelgänger sein: „Ja, natürlich“, sagt er sich erleichtert, während er ins Bodenlose stürzt, „das bin nicht ich, das ist er!“

    Einige Passagen des Films sind bunt koloriert und – wie in einem Operettenfilm – mit lustiger Musik unterlegt, die offenbar aus einem anderen Film stammt. Ihm ist dabei, als höre er die Stimme seiner Mutter verzweifelt singen, versteckt in all den aufgeregten Melodien und kaum wahrnehmbar: „Ich bin die Christl von der Post, in mir da gärt‘s wie frischer Most!“ Sicher aber ist er sich nicht: Der Zwitterfilm schnurrt und faucht so wild und laut in seiner Projektormaschine wie ein böser Kater, der am Ende herausspringen und zubeißen wird.  

    „Das kann nicht mein Film sein, da ist etwas oberfaul wie mit dem ganzen Holzsteg!“, ruft er verzweifelt: „Wann kommen denn endlich meine Bilder?“, schreit er außer sich. „Erst die Zwillinge mit ihrem Parabolspiegel“, jetzt hat er das Wort wieder, „dann das unwirkliche Federballwolkenspiel, und nun dieser verdammte Film!“ Der mittlerweile ein einziger Farbfilm geworden ist und nur mehr Bilder von seiner Mutter zeigt. Sein Doppelgänger hat sich sang- und klanglos aus den Bildern verabschiedet.

    Unvermittelt wird er von eiskalter Zugluft erfasst und sieht sich in rasendem Tempo über halsbrecherische, steil abfallende und jäh wieder ansteigende Kurven auf einer Achterbahn dahin gejagt: Ganz vorne sitzt seine Mutter mit wehenden Haaren und weit aufgerissenen Augen, ganz hinten, im letzten Waggon, klemmt er und klammert sich panisch fest. Jetzt ist er sich sicher: Er sitzt mit im Wagen.

    Aber seine Mutter ist es, die immer jünger wird, und bald sitzt sie ganz allein in der Achterbahn, welche im Sturzflug steil nach unten dem Ende des Films entgegen rast. Er sieht sie, mit Leibeskräften sich wehrend, in ohnmächtiges Geschrei und Gewimmer ausbrechen, kann sie aber nicht mehr hören, weil der Film urplötzlich wieder zum Stummfilm geworden ist. „Aufhören! Stopp!“, schreit er aus Leibeskräften, um dem Spuk endlich ein Ende zu bereiten: „Gleich muss meine Mutter in die Kiste springen! Das ist der Letzte Film meiner Mutter, ich bin verwechselt worden!“

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