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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Auf dem Friedhof
    Puzzle 33
    28. Mai 2014

    Entsetzt springt er auf. Der Film ist zu Ende und das Glitzerrauschen des dunkel funkelnden Nichtsgeratters verflogen.

    Ungläubig reibt er sich die Augen, wischt sich fahrig Ruß und Rauch des entsetzlichen Achterbahnwindes, den er dick und klebrig auf der Haut spürt, aus dem Gesicht und schaut sich mit dicken Tränen, die ihm über die Wangen kullern, um, wo er wohl gelandet ist. – „Ist das nicht der Friedhof hier?“ – Bei all der Dunkelheit ringsum, kann er sich auch täuschen: „Na, egal, Friedhof hin oder her, ich habe überlebt!“

    Durch die Bäume hindurch, nach oben hin, kann er hier und da einen einsamen Stern erkennen und in der Ferne unten die roten Ewigkeitslichter der Aussegnungshalle. – „Meine Güte“, stammelt er erleichtert, „das war aber was, verdammt, dass ich diesen Höllensturz überhaupt unversehrt überstanden habe!“ Vorsichtig tastet er mit kleinen Händen seinen Körper ab: „Ich habe mir kein bisschen weh getan“, wundert er sich, „wenn ich tot wäre, könnte ich meinen geliebten Körperfreund ja nicht mehr spüren und nie mehr wieder wie im wirklichen Leben auf dem Friedhof stehen, in finsterer Nacht am Grab meiner toten Brüder und mich auch noch darüber wundern, dass ich überhaupt noch am Leben bin – Gott sei Dank ist das nicht mein Letzter Film gewesen!“ 

    „Heiiihhhh“ pfeift es schwirrend durch die Luft. Unsicher schaut er nach oben, als wäre gerade eine Schwalbe ihm am Ohr vorbeigezischt. – „Nein doch, du Arschloch, wir sind hier, hier unten“, ruft es vom Grab aus. – „Ich kann euch nicht sehen! Wo seid ihr denn, ihr verdammten Zwillinge, ich weiß ganz genau, dass ihr es seid, könnt ihr mich nicht endlich in Ruhe lassen … noch mal Federball vielleicht, dann macht das Flutlicht an, dann kann ich euch endlich sehen, hier in der Nacht so hinterhältig im Dunkeln, hinterhältig, ja, wie beim Spiel!“

    Plötzlich zieht ihn eine Hand nach unten zu Boden, auf den flachen kalten Grabstein quadrat-blauhinab, wo beide, der eine und der andere Zwilling hocken und – wie sie unter unschuldigen Engelsblicken vorgeben, die ihm die Finsternis vorenthält – schon lange auf ihn gewartet haben. „Ratsch“ macht es, und die Flamme einer Kerze wird entzündet. „Wir wollen endlich deine Geschichte zu Ende hören“, drängt der Zwilling, der neben ihm im Schneidersitz auf der Marmorplatte sitzt, „du hast sie uns noch nicht zu Ende erzählt, weil die Leute dich auf dem Steg oben unterbrochen haben.“ „Es waren die Eisgrausilberleuchtpfeile, ihr Dummköpfe, die mich unterbrochen haben, die habe ich nämlich auch gesehen, ihr Arschlöcher. Was wollt ihr eigentlich von mir, lasst mich in Ruhe!“ 

    „Also, jetzt sitzen wir endlich gemütlich zusammen und du zierst dich, deine tolle Geschichte zu Ende zu erzählen, heute bist du wieder einmal bockig, du hast Glück, dass deine Mutter nicht da ist!“ – „Was heißt hier denn wieder einmal“, protestiert er, „wir kennen uns doch gar nicht, mit eurer Aussicht da oben habt ihr mich doch nur reingelegt. Und außerdem sitzen wir auf dem Grabstein meiner Brüder und mir, mir zumindest wird es kalt unterm Arsch. Lasst mich jetzt in Ruhe, mein Hintern ist kalt und eurer geht mir am Arsch vorbei … ich will nach Hause!“

    „Nun hab dich nicht so“, versuchen ihn beide zu beruhigen, wobei der Eifersüchtige noch so tut, als würde er ihm versöhnend den Arm über die Schulter legen wollen, was er zu verhindern weiß: „Nein“, ruft er empört und wehrt den eifersüchtigen Zwillingsrivalen ab, „nein, ich will in mein Bett nach Hause, in dem mein Hund auf mich wartet, der hat sicher Angst, dass mir etwas zugestoßen ist, mir, der einen wirklich anstrengenden Tag hinter sich hat, erst Schule, dann Expedition und Bäckerei, dann der Holzsteg als Hubschrauber und weiße Wolken im Kopf und dann, zu allem Überfluss, noch ein Federballspiel als Höllenmarathon, das ich Gott sei Dank gewonnen habe gegen euch, obwohl ihr keine Spielregeln kennt. Und dann wird man auch noch von einem überflüssigen Publikum gefeiert und fallen gelassen, um sich einen Letzten Film ansehen zu müssen, der gar nicht mein Film ist, nur damit ich mir hier den Arsch abfriere und mich mit blöden Zwillingen unterhalten soll, die niemand kennt … also Schluss jetzt, lasst mich endlich in Ruhe, Gute Nacht! – Ich gehe jetzt nach Hause und werde meinem Hund vom Letzten Film erzählen, der wird Bauklötze staunen und passt auf, der beißt auch, wenn es zu viel wird!“

    Zornig steht er auf, er kann kaum etwas sehen. „Auch ich könnte sauer sein wie du jetzt“, empört sich sein Augenzwilling, „du hast uns niemals bei deinen Alleinausflugsexpeditionen besucht, nie bist du bei uns vorbeigekommen, alleine, meine ich, und nicht wie immer mit deiner Mutter!“ „Wie bitte, was soll das denn heißen?“, erwidert er angewidert, „du bist mir ohnehin unheimlich, oft genug war ich schließlich hier, auch mit meiner Mutter ...“

    Die Kerzenflamme erlischt, ob sie nun vom Wind oder von einem oder beiden Zwillingen ausgeblasen worden ist. „Aber schlussendlich haben wir dich dann doch noch gewinnen lassen und so getan, als würden wir deinen Doppelgänger nicht sehen, der für dich gewonnen hat und ständig am Netz war und aufgetrumpft hat!“ „Wo seid ihr? Ich kann euch nicht mehr sehen!“ – „Die Kerze ist aus, Gute Nacht!“

    Am nächsten Morgen putzt er sich die Zähne und schüttelt sich dabei wie ein Magenkranker, während sein Hund noch im Bett vor sich hin döst, weil er nicht in die Schule muss. Außerdem ist seinem Hund die ganze Geschichte, welche er ihm bis zum Morgengrauen erzählt hat, auch ziemlich an die Nieren gegangen. „Der soll ruhig noch weiter schlafen, damit  er sich wieder erholt“, denkt er. Dann muss er los in die Schule. Ein Glück, dass Lehrer Holzer klein beigegeben hat und sich nicht mehr auf seine Schüler freuen kann. „Entnazifizieren“ allein nützt nichts, sein Hund hatte recht gehabt, als sie in seinem Bett über die Stadt geflogen waren, die Leute bleiben einfach da und versauen einem das Leben, nur weil man nicht abhauen kann, wie man das früher – Gott sei Dank – noch manchmal vermochte.

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