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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Am Wörther See
    Puzzle 35
    30. Mai 2014

    Manchmal muss er daran denken, wie das „Neunzehnte Jahrhundert“, wie er das nennt, „noch einmal voll zuschlägt.“

    Mit seinen Eltern ist er im Sommerurlaub am Wörther See. Die Pension heißt Hotel zum Hospiz, und da ist es ganz selbstverständlich, mit vierzehn noch im Zimmer der Eltern zu schlafen, am Fußende des Betts der Eltern quergestellt im eigenen. – Die Position der beiden Betten von oben gesehen, dem der Eltern und dem seinen als Balken gedacht, ergäbe ein „T“, wie Teer, Trance, Tag, Traurigkeit, Tempo und Witz – warum fällt ihm jetzt gerade „Witz“ ein? „Witz gehört einfach dazu, zu allem“, schmunzelt er in seinem Querbett und kann nicht einschlafen, denn die Wolke, seine „Erregungswolke“, wie er sie nennt, ist wieder im Anmarsch, da kommt „Tolles“ auf ihn zu, und das hat wieder ein „T“!

    Luft und Haut prickeln, denn er sieht sich einem Jungen gegenüber, dem er gerade zufällig auf der Straße begegnet ist, wenigstens will er das so. Eigentlich möchte er weitergehen und sehen, was passiert, aber er kann nicht: Er steht da, dem anderen gegenüber, der auch stehengeblieben ist und schaut ihm in die Augen, während andere gerade mal haarscharf an ihnen vorbeigehen, als wären sie beide unsichtbar. Während ihre Blicke ineinander verschmelzen, verschmelzen auch ihre Körper. Noch nie hat er einen Jungen so in seinen Armen gehabt. „Mit Jungen ist es auch schön“, stöhnt er, „danach habe ich mich schon lange gesehnt!“ Er weiß gar nicht, wie lange schon?

    Er nennt es die „männliche Tat“ – wieder ein „T“, grinst er und „Tat“ hat allein als Wort schon zwei: „Vor und zurück, bis es kommt“ – „Tat bleibt Tat“, wie auch die „weibliche Tat“, von der er ganz besessen ist. Heute aber kommt ihm die „männliche“ in den Sinn: Ruhig atmend spürt er den starken Schwanz seines neuen Freundes, der ihn behutsam an seinem nackten Körper reibt. 

    Als er am nächsten Morgen wie gewohnt als letzter aus dem Badezimmer kommt und sein Vater schon die Zeitung holen gegangen ist, sieht er sich unvermittelt seiner entnervten Mutter gegenüber, die weinend auf seinem Bett sitzt – und das am Wörthersee, in den sie eigentlich gleich springen wollen.

    „Ich weiß, was jetzt kommt! Das darf doch nicht wahr sein. Du mit deinen Geschichten, wenn die mal nicht erfunden ist!“ Onkel Kurt tritt sachte auf die Bremse, weil er vor lauter Lachen nicht die Kontrolle über seinen Wagen verlieren will. Heute hat er seine erste Flugstunde bei Onkel Kurt, heimlich sozusagen, denn den Segelflugschein darf man erst mit achtzehn machen; und da hat er noch ein paar Monate vor sich. „Wir können mit dem Unterricht doch schon mal anfangen!', hatte Onkel Kurt ihm vorgeschlagen. Und jetzt waren sie zum Flughafen unterwegs, der weit vor der Stadt im Grünen liegt und außer einer kleinen Halle nur aus Wiesen besteht. Die Hobbyflieger der Umgebung treffen sich dort am Wochenende, lassen sich von einer Cessna 172 nach oben in die Luft ziehen und schweben dann durch die Gegend, wenn das Wetter schön und der Wind nicht zu stark ist. „Da ist ja Franz, ganz schön tief, der will uns Hallo sagen, siehst du?“, ruft Onkel Kurt, deutet ruckartig mit dem Kopf nach oben und hält an.

    „Der war wirklich ganz schön tief“, sagt er ängstlich, „ob er es noch zum Flughafen schafft?“ „Aber sicher! Franz ist einer der wenigen hier, der richtig fliegen kann. – Komm, gehen wir ein paar Schritte; nachher sitzen wir sowieso stundenlang halb eingequetscht in der Gondel.“ „So lange?“ „Ja klar doch, ich fliege besser als Franz.“

    „Also, um darauf zurückzukommen, deine Geschichte scheint mir eine rechte „Kitschödipusszene“ zu sein, nicht wahr! Du hast dein kostbares Sperma über einen jungen Mann gespritzt, und als du dich gewaschen hast und sauber zurückkommst, sitzt deine Mutter einsam auf deinem Bett und heult dir was vor … da solltest du ihr gegenüber wenigstens Schuldgefühle bekommen haben als pubertierender Ödipus, der im Vater seinen Rivalen sieht.“ Onkel lacht und legt ihm tröstend den Arm auf die Schulter.

    „Nein, von wegen Ödipus!“, unterbricht er ernst und bleibt stehen. ,Bei uns ist der Ödipus umgekehrt, mein Vater ist auf mich eifersüchtig, und nicht ich auf ihn, deshalb glaubt er, dass ich auf meine Mutter geil bin, dabei interessiert mich meine Mutter überhaupt nicht, was er sich aber nicht vorstellen will, weil er sie insgeheim auch nicht mehr geil findet. Was er von mir halten soll, das weiß er nicht so genau, glaube ich. In seinen Augen habe ich einfach zu viel Erfolg bei den Frauen ... man müsste Klavier spielen können. Er kann es nicht. Eine hab ich ihm schon weggeschnappt, die Fahrschullehrerin nämlich, bei der habe ich schon seit Monaten Unterricht! Die bringt mir gerade bei, den richtigen Gang einzulegen. – Was wäre eigentlich, wenn mein Vater gar nicht mein Vater wäre, Onkel Kurt?“ – „Na, dasselbe in grün natürlich“, gibt ihm Onkel Kurt amüsiert zurück, „so oder so hättest du mit ihm zu tun, jetzt aber erzähle endlich zu Ende!“

    „Ich komme also aus dem Badezimmer zurück, meine Mutter sitzt auf meinem Bett und wirft mir vor, dass ich immer zu spät bin: „Man wartet auf dich, immer wartet man auf dich, man wartet auf dich wie auf eine Frau!“ „So ein Quatsch!“, widerspreche ich, während ich beginne mich anzuziehen. „Du reagierst, als hätte ich dich ertappt“, sagt sie bitter.

    Jetzt greift meine Mutter an: Sie besteht darauf, dass ich mich neben sie auf den Bettrand setze, dabei klopft sie ungeduldig mit ihrer nervösen Hand immer wieder auf die Bettdecke hinter sich. Erst herrscht eisiges Schweigen. Dann aber, nachdem sie eine Weile vor sich hingestarrt hat, weist sie mit immer rascheren Kopfwendungen hin und her nach rechts zum Bettlaken und zurück zu mir, der ich links neben ihr auf meinem verdammten Bett sitze und nur ans Schwimmen denke. Zunächst begreife ich nichts, stell dir vor Onkel Kurt: Mechanisch wiederhole ich ihre Kopfbewegungen in der Luft und sage ihr gereizt, dass man von so etwas einen steifen Nacken bekommt oder einen tic nerveux wie sie!

    Da springt sie wie eine Wahnsinnige auf und deutet lanzettenartig mit ihren rotroten Fingernägeln aufs Bettlaken, als wolle sie es erdolchen: „Du willst mir doch nicht etwa sagen, mein Lieber, dass da nichts passiert ist! Letzte Nacht, meine ich, du weißt schon! Doch, mein Lieber, da ist dein Sperma auf dem Stoff, das sieht doch jeder, spätestens das Zimmermädchen, das nicht jeden Tag dein Bett frisch beziehen will. Vom vielen Onanieren wird man krank, ja, mein Lieber, davon wird man krank, aber das weißt du doch, wie oft habe ich es dir schon sagen müssen! Davon bekommt man Rückenmarksschwund! – bei allem Onanieren wird man krank und verblödet!“ – “Neunzehntes Jahrhundert, volle Kanne, da wussten die überhaupt nicht wohin mit ihrer Sexualität, alles heimlich und bigott, bestenfalls das Kindermädchen, schlimmstenfalls die Fahrradfahrerin um die Ecke im Park. Unterm Stehkragen mit Gehrock, da blieb kein Schwanz trocken“, prustet Onkel Kurt und drängt zurück zum Auto.

    „Das Schlimme dabei aber ist“, antwortet er, „dass ich quadrat-blaumeiner Mutter glaubte: Lange Zeit lang hatte ich einen Knacks weg, und wenn es mir kam, dachte ich panisch, es könne jetzt das letzte Mal gewesen sein, und ich müsste bald die letzten meiner Tage durch die Gegend schlurfen, hinken und stolpern, um dann – ohne Rückrat – für immer ins Bett zu fallen und darin zu Tode gekrümmt, endlich sterben zu dürfen.“

    Onkel Kurt schlägt grinsend seine Wagentür zu. „So, jetzt Schluss mit dem Quatsch. Auf zu Christine, die wartet sicher schon sehnsüchtig auf uns!“, sagt Kurt und startet seinen BMW. Onkel Kurt hat den einzigen „Barockengel“ der Stadt und Christine ist sein zweiter, so heißt sein Segelflugzeug. Onkel Kurt hat zwei Engel. Kunststück, denn Kurt ist ein Weiberverführer.

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