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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Der große Kinderstaat
    Puzzle 36
    02. Juni 2014

    Es ist abends, Ende April und schon angenehm warm draußen, als alle der dreizehn Räuberbandenkinder ihre Stadt verlassen und hinausziehen ins Weite. Gemeinsam singen sie: Die Bäume schlagen aus, eines ihrer neuen Lieder, die sie singen, wenn sie sich Mut machen wollen.

    Einige der Jungens haben dreisterweise Papphelme auf dem Kopf, „denn die Bäume schlagen ja aus“: So töricht der Scherz auch sein mag, so sind sie doch gewappnet, denn sie haben sich viel vorgenommen, für die Zukunft nämlich. Die Stadt soll sie nie wieder sehen: „Die Eltern haben sicher Angst, wo wir sind“, meint einer der Zwerge sorgenvoll. „Uns wird sicher die Polizei holen, da kannst du Gift drauf nehmen“, erklärt ein anderer. „Die sollen sich nur ihre Sorgen machen, wir haben jetzt unsere!“, ruft Christian und alle sind still.

    Keiner von ihnen ist älter als elf oder zwölf, und alle haben sie ein Ziel: Sie wollen einen eigenen Staat gründen, den Großen Kinderstaat! – Ihren unwirklich anrührenden Silhouetten, die vor dem purpurnen Frühlingsabendhimmel – als Schattenrisse ihrer Wahrheit – über die Hügel ins Weite ziehen, würde jeder zufällig Entgegenkommende ein aufmunterndes „Glückauf“ wünschen.

    Spätnachts sitzen sie zwischen kleinen Zelten und Proviantgepäck-so-viel-sie-tragen-können am Lagerfeuer und genießen die Ruhe der Natur. „Endlich frei!“, diese Empfindung durchströmt jeden ihrer kleinen Körper, während in seinen müden Augen die Lichtfeuerpfeile des Lagerfeuers die Erinnerungen entfachen wie eine heimliche Wärmequelle.

    „Wisst ihr noch“, sagt einer vergnüglich in der Runde sitzend, „könnt ihr euch noch daran erinnern, an unser Unternehmen Tarzan, mit dem wir berühmt geworden sind?“ „Das ist mir auch gerade durch den Kopf geschossen“, sagt er, noch ganz in Gedanken und schaut sich um, als hätte er vergessen, wo er ist: Wir denken doch immer an das Gleiche!“ „Die Wirtschaftswunderbarkeeperkiste“, ruft es durcheinander, die war doch Klasse, da blieb kein Auge trocken.“ – „Wie oft haben wir die eigentlich gespielt?“, fragt einer.

    Die Räuberbande, die sie vor sechs Jahren gegründet haben (und alle sind treu dabei geblieben und andere im Lauf der Jahre noch dazu gestoßen) ist eine besondere Bande. Sie haben sich nicht kriegerisch gegen andere Kinderbanden formiert, sondern sich im Club der Verschworenen, wie sie ihre Bande nennen, wie zufällig zusammengefunden: Sie kämpfen nicht gegen ihresgleichen oder gar den Andersgleichen – im Grunde kämpfen sie überhaupt nicht, und wenn, dann mit anderen, überraschenden Mitteln.

    In Wahrheit nämlich ist die Bande eine Theaterbande: Sie präsentiert den Erwachsenen ihre Erwachsenenwelt, indem sie ihnen ihre Welt vorspielt – den sorgenvoll quälenden Alltag zum Beispiel, den die Berufsmänner als ihren Berufsqualalltag durchleiden müssen, nur damit viel, sehr viel Knete aufs Konto schwappt, was nicht zuletzt an der Innenausstattung der wie die Pilze aus dem Boden schießenden Eigenheime glänzend vor Augen geführt wird.

    „Alles immer nur vom Feinsten“, grinst er in sich hinein, wenn er in einem brandneuen Eigenheim neuer, sogenannter Freunde zum ersten Mal mit Vater und Mutter zu Besuch sein darf und so überwältigt ist, weil er glaubt, zuhause zu sein. Wie aus Versehen und Austauschbarkeit verwechselt er die Gastgeberin im fremden Eigenheim vor seinem inneren Auge mit seiner Mutter. Die, während sein Vater schuftet und schwitzt, schon mittags am Swimmingpool in einem luxuriösen Liegestuhl liegt – natürlich neuestes Modell – und Lisa, dem Zweiten Hausmädchen, törichte Anweisungen erteilt: „Sie können jetzt den Gin Tonic servieren“, sagt die Ehefrau als Mieze, die im gerade erfundenen Bikini frisch eingecremt in der Sonne dörrt. „Nein doch, Lisa … oder, verzeihen Sie, am besten sie bringen mir den Gin Tonic, wenn ich unter der Dusche war … ja, frisch geduscht, dann bin ich frisch und er auch, köstlich!“ Sie lacht laut auf! „Aber, wie auch immer, halten sie ihn mir in jedem Fall kühl, nein, oder warten sie einen Augenblick, besser ist, wir warten noch einen Augenblick; wie bitte … ja … doch! – nein, nicht zwei Eiswürfel wie gestern; wenn er einen Augenblick steht, in der Hitze, meine ich … Sie wissen schon Lisa … dann ist er doch nur noch Wasser, der Gin Tonic …“. Und mit einem kühnen Hechtsprung schleudert sich das Frauenmiezenzimmer als Ehefrau und Gattin perfekt in ihrer Rolle ins Kühle des überheizten Swimmingpools.

    Heute ist Premiere: Das Stück, das sie spielen, heißt Der Barkeeper! Warum? – Weil er der Mann aller Frauenträume ist, den keiner kennt, weil er in jedem Frauenkopf anders aussieht. Er spielt seine Mutter als Mieze und will die Hauptrolle künftig immer spielen. Es ist seine Rolle, er lässt sie sich nicht nehmen. Seine Eltern haben zur großen Grillparty eingeladen, und das tun sie, adaptiert wie sie sind, immer am gleichen Kalendertag des Jahres, egal, ob dieser nun am Wochentag oder am Wochenende liegt, und mindestens fünfzig Gäste können ihn nun als seine Muttermieze am Swimmingpool liegen sehen, denn die Aufführung ist überraschend losgegangen, was zunächst niemand bemerkt.

    Seinen Vater spielt jeweils ein anderer der Gruppe. Der sitzt auf der Gartenbank an seinem „Schreibtisch“ und täuscht Arbeit vor, nur damit die Knete fließt: Die Rolle seines Vaters ist austauschbar, vielleicht auch deshalb, weil sein Vater für seine Mutter austauschbar ist.

    Und dann kommt Lisa, die vom Kleinen gespielt wird, um zu fragen, ob auch alles in Ordnung ist. Das macht ihn als Muttermieze kirre. „Alles in Ordnung?“, ruft sie, „Lisa, sie sind heute wieder besonders unaufmerksam, Lisa, ich bitte sie!“

    Die Partygäste im Garten wissen nicht mehr, wo sie hinschauen sollen, auf seine Mutter oder ihn als Mutter. Die Geschichte wird heikel, das ahnen alle, besonders peinlich ist aber, dass alle Rollen von Jungen gespielt werden. Das allerdings müsste wenigstens den Grillgästen klar sein: Sie sind eine Bande, und in einer Bande haben Mädchen nichts zu suchen. 

    Lisa also ist heute schon wieder unaufmerksam; man könnte ihr sofort kündigen, wenn man wollte, will aber lieber den ersehnten Gin Tonic haben; außerdem hat man schlechte Laune, einfach so, und kann das doofe Gesicht des Zweiten Kindermädchens ohnehin nicht mehr ertragen: „Lisa! seit zehn Minuten fehlt der Gin Tonic!“ Und jetzt wird er als Muttermieze zur Furie, was zur Folge hat, dass Kleinlisa panisch, mit gelüpftem Rock in die fern gelegene Küche eilt, um den Auftrag: „Der Gin Tonic für Madame ist heute wieder zu spät“, an irgendjemanden vom zahlreichen Personal weiterzuleiten, und sei es an den frisch, auf Stundenhonorarbasis engagierten Barkeeper, welcher sich aber seinerseits in Gestalt Christians, über die andere Seite des Hauses in einem supergeilen Tarzankostüm mit einem superkühlen Gin Tonic in der Hand, schon heimlich durch die Zierpflanzen des weitläufigen Gartenparks hindurch an die Mieze heranpirscht, die im frisch erfundenen Bikini – wie ein Opfer ihrer unstillbaren Sehnsüchte – sich lasziv auf dem Liegestuhl räkelt, während das Zweite Hausmädchen Lisa aus der Küche nicht mehr zurückkommt.

    Von hinten, über der Mieze stehend, lässt der frisch engagierte Barkeeper etwas superkühlen Gin Tonic auf die werte Gattin herabträufeln, was die Dame in den Glauben versetzt, die ersten Tropfen eines erfrischenden Regenschauers würden schon auf sie herabtropfen, auf sie, die noch gar nicht so weit ist, was die Dame – wie außer sich – unmittelbar dazu veranlasst, demonstrativ aufzuspringen, um ihren Regenschirm im Garten zu suchen, was wie selbstverständlich dazu führt, dass sie endlich, nach langem Hin und Her, wie zufällig in den Büschen ihrem quadrat-blauBarkeeper gegenübersteht, atemlos und erregt, dessen ungeheures Gemächt nur das von Tarzan sein kann.

    Als Lisa dann doch noch mit ihrem superkühlen Gin Tonic, den sie stolz wie eine Monstranz vor sich hinträgt, aus der fernen Küche um die Ecke biegt und irritiert nach ihrer Herrin ruft, sind der Barkeepertarzan und sein Frauenzimmer schon längst unter die bunt blühenden Büsche abgetaucht, in deren Blättern, Ästen und Zweigen oben ein Höllenlärm losbricht, so vehement erregend werden die Pflanzen vom Liebesfickgetaumel unten durchgeschüttelt, dass Lisa glaubt, der Herr offenbare sich, und ihren ganzen Gin Tonic in einem Zug leersäuft und sofort – wie in Zeitlupe – total besoffen in die Knie geht und unversehens, wie tot auf dem grüngrünen Zierrasen zu liegen kommt, wo Lisa eigentlich nicht hingehört.

    Wenn dann der donnernde Applaus der entsetzt begeisterten Grillpartygäste losbricht, weil alle verstanden haben, aber keiner sich etwas anmerken lassen will, steht plötzlich – wie von Geisterhand herbeigeweht – seine zauberhaft zurechtgemachte Mutter unter den Gästen und ruft amüsiert um die eigene Achse sich drehend in die Weite des Parkgartens hinein nach einem superkühlen Gin Tonic, womit sie glaubt, eher hysterisch als ekstatisch, die für alle peinliche Situation überspielen zu können, währenddessen das Grillpersonal dezent zum Fleisch bittet.

    Spät in der Nacht, wenn der ganze Gesellschaftsspuk vorbei ist, und er lange zuvor schon ins Bett abkommandiert wurde, weil er wieder einmal zu weit gegangen ist und der Unfug, den er anrichtet, außer Kontrolle gerät, steht – wie gewöhnlich nach solchen Anlässen – seine Mutter ziemlich angeschickert an seinem Bett und hält ihm wieder einmal einen ihrer „hysterischen Vorträge“, wie er das später nennt.
    Er will weg! Aber wohin?

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