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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das Fensterkino
    Puzzle 38
    04. Juni 2014

    Alleinausflugsexpeditionen“! – Es schwirrt ihm der Kopf. „Wie soll ich mich denn an all das, was ich erlebe, später noch erinnern können, man vergisst so schnell.“

    Ratlos starrt er vor sich hin, sitzt vor dem Fenster seines Zimmers, das sich vor seinem inneren Auge zur Leinwand verwandelt und will sich erst einmal in Ruhe seinen „Lebenserinnerungsfilm“, der ein Kurzfilm ist, anschauen. Vielleicht kommt ihm währenddessen die Idee, wie er die zahllosen Geschichten seines noch jungen Lebens festhalten kann, um nicht im ewigen Alltagsstrom für immer zu versinken.

    „Schnöderrrrrrrr“ macht es, als er den Projektor anwirft. – Gebannt sitzt er da und wartet ungeduldig auf die ersten Bilder, die er nicht verpassen will, denn sein Film hat keinen Vorspann und keinen Ton – „den kann man sich doch denken“, denkt er, „es ist eben mein Bilderfilm.“ 

    Während der Film angelaufen ist und ihm Bilder zeigt, die er nicht kennt oder doch zu kennen glaubt, aber nicht erinnert, stockt er: „Was sollen die Bilder in meinem Film? Und gleich am Anfang! Das sind nicht meine Bilder. Ist das tatsächlich mein Film?“ Fasziniert betrachtet er Szenen, die nicht zu erkennen sind. „Schlecht belichtet“, sagt er laut, „nur Flimmern und Glitzern wie funkelndes Nichts, nein, das hat keine Kamera aufgenommen, das muss vor der Zeit gewesen sein.“

    Entsetzt springt er auf! Der Film ist gerissen! – Wo nur hat er den Klebestreifen hingelegt, er hat es vergessen! „Nur nicht vergessen, den Projektor abzuschalten, damit der kostbare Film nicht verbrennt, von dem es keine Kopie gibt“, denkt er, während er in kalter Panik vor der leeren Leinwand steht und sich nicht zu helfen weiß. – „Auf Bilder ist einfach kein Verlass“, flucht er: „Bevor sie nach einem ewigen Vorspann endlich erscheinen, reißt der Film. Als Photographie können sie von jedem Beliebigen, der sie findet, unachtsam zerrissen werden“, schimpft er, „dann ist alles dahin, und wenn Soße über die Hefte läuft, in die man die Bilder eingeklebt hat, zerstört ihre Säure alles. Dann reißen auch die Seiten.“

    Wie durch ein Wunder leuchtet die gerade noch im Zwielicht des Raums mattglänzendleere Leinwand urplötzlich auf: „Verdammt“, ruft er verzweifelt, „da hat jemand das Licht angemacht, hinter meiner herzteuren Leinwand, verdammt, ein Film ist doch lichtempfindlich, das weiß doch jedes Kind. Hat sich denn heute alles gegen mich verschworen?“

    Geblendet von weißweißen Weißlichtfunkenpfeilen, welche in seinen Körper schmerzlos eindringen und jede seiner Zellen erleuchten, hat er plötzlich die Erleuchtung: Denn jetzt sitzt er an seinem kleinen Schreibtisch und schreibt in Hieroglyphen, welche vor Erregung hin und her hüpfen, jede seiner wertvollen Erinnerungsgeschichten in das ihr entsprechende Schreibheft. Rückwärts wie Leonardo, sonst wäre es zu leicht zu entziffern.

    „Warum, um Gottes willen“, ärgert sich seine Mutter, „brauchst du denn hundert Schreibhefte, das ist doch unverschämt, du willst dich doch nur wieder über mich lustig machen, glaubst du denn wirklich, ich gehe für dich ins Geschäft und kaufe dir hundert verdammte Schreibhefte, du spinnst doch, das machst du besser selber, geh du nur selbst in den Laden, du weißt offenbar nicht, was das kostet, hundert Schreibhefte, du hast doch nicht alle Tassen im Schrank, die zahlst du bitte selbst, von deinem Taschengeld, du musst schon wissen, wofür du dein Geld ausgibst und komme mir nur nicht morgen und sage, du hast kein Geld mehr, wenn du den Irrsinn hinter meinem Rücken gekauft hast, dann hast du eben für Monate kein Geld mehr, das ist mir doch egal, hundert Schreibhefte, die reichen ja noch für deine Kinder, hundert Hefte sind mindestens drei Jahre Taschengeld, du hast doch den Verstand verloren, was willst du denn mit all dem nutzlosen Papier machen!“ – Er jedoch weiß genau, wofür er sein Geld ausgibt. 

    Am nächsten Morgen radelt er zum besten Schreibwarenladen der Stadt, kauft sich seine hundert Hefte und zahlt sie mit seinem eigenem Taschengeld – und bei aller Aufmerksamkeit, mit der er sich und die übrige Kundschaft beobachtet – die alte Chefin des Ladens, die ihn bedient, kann an dem ganzen Vorgang nichts Außergewöhnliches finden, diesen Eindruck hat er wenigstens.

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