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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das Krokodilportemonnaie
    Puzzle 39
    05. Juni 2014

    Ein paar Monate später hat er alle seine Hefte vollgeschrieben. Allein seine „Alleinausflugsexpeditionserinnerungsanekdoten“ füllen nun schon dreiundsechzig Hefte, er hat nachgezählt: Er braucht dringend Geld für neue Hefte! Am liebsten würde er seiner Mutter die Scheine heimlich aus ihrem Krokodilportemonnaie ziehen; oder besser, sein Kasperletheaterkrokodil auf sie ansetzen, damit sie im Schreck ihre verdammt schicke Krokodilgeldbörse fallen lässt.
    „Rache ist süß“, sagt er sich listig, lässt aber lieber davon ab, um nicht unnötig weitere Zwistigkeiten zwischen den Eltern, die sich meistens ums Geld drehen, zu provozieren. – „Du willst doch nicht etwa sagen, dass du das schöne Geld einfach verloren hast, wo sind all die Scheine hin, die ich dir gestern erst gegeben habe?“, hört er seinen wütenden Vater unten im Wohnzimmer schreien. „Dass du kein Verhältnis zum Geld hast, ist schlimm genug! Aber dass du es jetzt auch noch einfach achtlos wegschmeißt oder noch nicht einmal bemerkst, dass du es verloren hast, das mit Verlaub, und das meine ich äußerst besorgt und nicht, wie du mir gleich unter die Nase reiben wirst, dumm oder aggressiv, das, soviel muss ich dir sagen dürfen, das wundert mich nicht. Du denkst, wir hätten einen Goldesel, der uns das Geld pausenlos nur so in die Taschen scheißt, das Gegenteil ist der Fall, hörst du, das Haus ist noch lange nicht abbezahlt, da liegt noch eine Höllenhypothek drauf, aber wahrscheinlich weißt du gar nicht, was eine „Hypothek“ ist!“

    „Nein“, sagt er ruhig, „das weiß sie sicher nicht! Ich aber auch nicht, wenn ich ehrlich bin.“ – Ungläubig beäugt er die Szene, die ihm so sattsam bekannt vorkommt, dass er an sie nicht mehr erinnert werden will, durch die Küchendurchreiche wie durch die Wand hindurch: „Nein, auf meine Eltern kann man nicht zählen!“, sagt er sich und verpisst sich auf Zehenspitzen auf sein Zimmer. Morgen Abend wird er sein Erinnerungsschloss suchen gehen, er hält es nicht mehr aus. Ohne Schloss kommt er nicht weiter, er sitzt in der Falle. Dorthin kann er sich dann wenigstens zurückziehen, wenn er es hier nicht mehr aushält. Dann finden sie ihn auch nicht in seinem Zimmer, dann ist er aus der Welt!

    Er aber hat keine Ahnung, wie er in sein Schloss kommen soll, geschweige denn davon, wo es wohl liegen mag: „Sicher im grünen Grün, abgelegen und einsam und in eine wunderbare Landschaft gebettet“, denkt er. Wo diese Landschaft sich wiederum befindet, das weiß er nicht. „Da muss ich erst in Ruhe auf meiner inneren Landkarte nachsuchen gehen“, flüstert er und versucht sich zu erinnern, wo er sie hat.

    Am nächsten Abend, er ist schon geraume Zeit unterwegs und hat es aufgegeben, sein Schloss auf seiner Seelenlandkarte zu finden, lässt er sich einfach treiben und den Weg zum Schloss sich selber finden. Wenn sein Weg es endlich gefunden hat, wird er es sofort auf der Landkarte im Herzen verzeichnen, dann weiß er immer, wo es zu finden ist. Und wenn er es wider Erwarten doch einmal vergessen hätte, wäre der Weg mit einem raschen Blick ins Herz hinein wieder in Erinnerung. Dann wären unvorhersehbare Straßenbauarbeiten, Überschwemmungen oder plötzliche Verwerfungen des Geländes kein Hindernis, selbst über Umwege dorthin zu finden. „Wie mein Schloss wohl aussehen mag“, denkt er freudig erregt mit hüpfendem Herzen.  
    So in seine Gedanken verloren, wandert er dahin. Er weiß nicht, ob er die richtige Richtung eingeschlagen hat, das ist ihm auch egal, denn er hat den festen Wunsch sein Schloss zu finden, „also wird es sich schon irgendwann vor meinen Augen auftun“, sagt er sich. Und wenn nicht, wird er Architektur studieren und sich sein Schloss selber bauen.

    „Hoffentlich ist das Schloss nicht zu groß“, schießt es ihm durch den Kopf, ,dann kann ich keines meiner tausend Hefte oder Bilder mehr finden, wenn ich einer verlorenen Erinnerung wieder auf die Spur kommen möchte: Die Hefte in der Kellerbibliothek, das ist in Ordnung, aber die Bilder, all die Zeichnungen oder rasch hingeworfenen Skizzen in zahllosen Stapeln einfach übers Haus verteilt, das wäre Wahnsinn, da kann keiner mehr was finden, beim besten Willen nicht!“ „Das Schloss muss viele Wände haben“, sagt er sich, während er neugierig in die Landschaft blinzelt: „Hier war ich noch nie“, denkt er, „das Schloss muss jeden Augenblick kommen.“

    „Hoffentlich besteht das Schloss nur aus Wänden – es sollte ein Wandschloss sein!“ – Überrascht bleibt er stehen: Ein verrückter Gedanke, der ihm da gerade im Kopf herum schwirrt: „Alle Bilder an die Wand, und keine Bilderstapel auf dem Boden, die im Haus nur für Unordnung sorgen – alles wäre übersichtlicher und gut zu finden.“ Ein Schloss nur aus Wänden!“ – Allein die Vorstellung fängt an, ihn zu faszinieren. Dieses Schloss wäre kein normales Schloss, es wäre nichts als eine Wand, die ihm das Schloss für seine Erinnerungen zur Verfügung stellen würde: Beliebig zu verlängern, zu erweitern und zu vergrößern. Am besten bestünde dieses Schloss nur aus Luftwänden, die man mit einem leichten Fingerdruck verschieben und verrücken oder, in bester Laune, auch als ungeheure Landkarte entfalten könnte: Ein faltbares Schloss!

    Man könnte auch ein Luftblasenschloss daraus machen, mit einer runden oder quadrat-blauovalen Wand, ohne Ecke, Decke und Boden, eine riesige Blase, in die man hineintauchen könnte und all die Myriaden von Bildern innen auf eine einzige Tapete bannen, hineinkleben wie in ein Wolkenkuckucksheim ohne Kuckuck. 

    Ihm wird schwindlig. Der Kopf brummt. Er muss sich setzen. „Wohin einen die Gedanken bringen können, wenn man nur denkt“, denkt er, „da wird man ja verrückt!“ Er ist auf dem falschen Weg! Sein Schloss, das er sucht, hat mit einem solchen Schloss nichts zu tun – einem Blasenschloss, eine Horrorvision! Das ist das Schloss des Wahnsinns, und dort möchte er nicht hin. Und, gesetzt den Fall, es würde sich vor ihm auftun, dieses sogenannte Schloss, dann hätte es noch nicht einmal Wände und alles wäre nur Einbildung! Man würde ewig nach der Klingel suchen und nur im Kopf würde es klingeln, denn eine Türe gäbe es nicht! – „Nein!“, sagt er sich, zieht seinen Himmelspuzzlestein aus der Tasche und betrachtet ihn lange und eindringlich, „ein solches Schloss gibt es nicht, da kann man ewig suchen, da findet man sich ja nur immer selbst: Kniefickerei! – Du rückst dir ein Schloss im kranken Kopf zurecht und weißt doch genau, dass es das Schloss niemals geben wird. Oder, noch schlimmer: Du bemerkst es nicht einmal, weil du in den Wahnsinn abgeglitten bist. Dahin führt kein Weg! Und auch keiner mehr zurück!'

    Jetzt bist du deiner Einbildung aufgesessen, die kennt keine Orte und Bilder, nur Chimären. Darüber bist du wahnsinnig geworden und sitzt in der Blase, die du von innen mit all deinem Krimskrams ausstaffiert hast, um es dir gemütlich zu machen, und das alles in deiner Phantasie, die sich als Phantasie in der Phantasie aufzulösen beginnt, da kann man nur verrückt werden und lange nach den Architekturplänen suchen.

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