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    Buch 1: DER RAUMLOSE RAUM
    Das Erinnerungsschloss
    Puzzle 40
    06. Juni 2014

    Er weiß, jetzt hat er sein Schloss gefunden! Ganz unvermutet hat es sich vor seinen staunenden Augen aufgetan, „endlich“, sagt er sich, „nach langer Wanderschaft, die ganz schön anstrengend war.“ Beinahe hätte er sich verloren: Er rast los.

    Atemlos steht er vor den Türen zum Musikzimmer, dorthin wollte er zuerst und ist die sich im Endlosen verlierenden Gänge des Schlosses entlanggelaufen wie ein Hund, welcher Witterung aufgenommen hat und weder nach rechts noch nach links schaut, um die Spur nicht zu verlieren. Und hat – wie selbstverständlich – das Musikzimmer mit seinen imposanten Flügeltüren aufgespürt, deren mit fremdartigen Intarsien durchwirkte Hölzer so intensiv nach Honig duften, als wären sie gestern erst vom Schlossimker eingelassen worden: „Es sind sicher die eindrucksvollsten aller Türen hier im Schloss, die ins Musikzimmer führen“, denkt er sich, jetzt darf er sich restlos sicher fühlen: „Jetzt bin ich endlich in meinem Schloss angekommen.“    

    Vorsichtig und behutsam, aber nicht zögerlich, so eben, wie in einem guten Hitchcockfilm der Held es macht, um der Wahrheit, der er so nahe gekommen ist, endlich ins Auge schauen zu dürfen, drückt er einen der riesigen Türflügel auf, welcher – wenn man es so wie ein Held bei Hitchcock macht, nachdem er seine Angst überwältigt, und Mut gefasst hat – nur sehr leise, also praktisch kaum vernehmbar in den alten Angeln knarrt. Und, nachdem er den duftenden Holzflügel erst einen Spalt breit, dann immer weiter und weiter wie einen imaginären Vorhang heimlich beiseiteschiebt, stolpert er paukenschlagartig in den Raum, weil ihm jemand von hinten einen groben Schubs versetzt.
    Weit schlittert er übers frisch gebohnerte Parkett in die Halle hinein, landet in hohem Bogen ungelenk auf allen Vieren und rutscht einem schwarzschwarzen Höllenmonster entgegen, das er, erst torkelnd und stolpernd, dann fallend und sich überschlagend in seiner ungeheuren Dimension und Gefährlichkeit nur erahnen kann. Als er, ohne dagegen etwas unternehmen zu können, schließlich direkt unter dem Bauch des Monsters gelandet ist, zieht er unwillkürlich seinen Körper so eng wie möglich an sich heran, weil er klein und kleiner, schließlich unsichtbar werden möchte: Jeden Augenblick erwartet er den furchtbaren Angriff des Monsters über ihm. 

    Stattdessen aber passiert nichts! – Niemand ist da, der sich bewegen könnte. Es ist still und durch die weiten, bis zum Boden reichenden Fenster der Halle, welche zum Park hin weit offen stehen, strömt der betörende Duft falschen Jasmins herein, welcher durch die sacht im Abendwind flatternden Vorhänge gemeinsam mit der tief im Abendrot stehenden Sonne alles in ein Wundergelbduftendes verwandelt. 

    Nach einer Weile wagt er sich endlich wieder aufzurichten. Er blickt nach oben und hätte bei aller Aufregung noch den Resonanzboden eines riesigen Konzertflügels, welcher über ihm schwebt, mit einer Holzzimmerdecke verwechselt. „Ja doch“, schmunzelt er erleichtert, „ich bin in meinem Schloss gelandet und nicht in einem Holzhaus mit Holzdecke in Obernbayern. Über mir steht mein Flügel, so groß, wie ich ihn mir immer gewünscht habe – das ist kein Höllenmonster, sondern mein Konzertflügel – ein Wunderklangmaschinenwunder.“

    Schon sitzt er am Flügel, welcher wie ein großer schwarzgrün schillernder Rabe im gedämpften Abendlicht des Zimmers auf ihn gewartet hat und sanft erglänzt, während er mit seiner rechten Hand eine traurige Melodie spielt, die in seinen Fingern steckt: „Warum nur spielen meine Finger eine so traurige Melodie?“, fragt er sich, „wo es doch so schön ist hier.“

    „Wenn man es endlich gefunden hat, vergisst man schnell den Weg dorthin, der vielleicht noch glücklicher war als das Glück, das man jetzt gefunden zu haben glaubt“, ruft ihm eine Kastratenstimme zu. – Irritiert schaut er sich um, aber niemand ist da. Nur der Jasminduft steht in der Luft und schwängert die Sinne. „Steht da etwa jemand vor dem Fenster?“, denkt er sich. 

    Während aus seiner rechten Hand die traurigen Töne auf die Klaviatur rollen wie falsche Perlen, kommt allmählich – er kann nicht sagen, warum – ungeahnte Bewegung in ihm auf: Erstaunt blickt er auf seine Hand und kann ihr dabei zusehen, wie sie aus einer traurigen eine heitere Melodie macht, wobei er in seiner aufgeregten Linken die prickelnden Skizzen, Zeichnungen und Bilder seiner Abenteuer der männlichen oder weiblichen Tat genüsslich betrachtet – die Sinne kommen ihm wieder.

    „Hier, auf dem Flügel werde ich alle meine milchigen Erinnerungsabenteuer ablegen“, sagt er laut und etwas ängstlich in den weiten Raum hinein, nur um zu prüfen, ob sich nicht doch irgendjemand irgendwo versteckt hält, aber nichts rührt sich: „Ich werde sie auf meinem großen Flügel stapeln, hohe und immer höhere Stapel, die schließlich nur noch durch meinen steifen Schwanz gehalten werden wie aufgespießte Schmetterlinge, damit der Wind sie nicht fort trägt, wenn ich wieder vergessen habe, die Fenster zu schließen, und das Gewitter im Anzug ist, und ich nachher nichts mehr finden kann, weil der Wind alles im Raum verstreut hat.“

    Es ist unangenehm kalt geworden und längst nach Mitternacht: Mit den Händen in den Hosentaschen und wehenden Atemfahnen, welche im Mondlicht, das von draußen glasklar hereinscheint und die Dinge drinnen überdeutlich werden lässt, sich wie im Nu verflüchtigen, wandert er gedankenverloren durch sein Schloss, das ihm mehr und mehr unheimlich vorkommt, wie ein fremdes, gemeines Schloss – von Edgar Allan Poe zum Beispiel.

    Er bekommt es mit der Angst zu tun: Nach Mitternacht kommen sicher die Schlossgeister und wollen ihn zurückholen, nach Hause: Da ist es manchmal viel gruseliger. Dorthin will er nicht. Erst morgen früh muss er zurück – Schule! – Er fängt zu pfeifen an, in den Keller wird er das nächste Mal gehen, dafür ist jetzt zu dunkel. Er hält inne.

    Zunächst nur erahnbar, wie aus fernster Ferne, als würde man sich verhören, dann aber, immer deutlicher vernehmbar, erfasst eine unbestimmbare Schwingung das ganze Schloss, welche zunächst den Klang eines sehr tiefen Gongs imitiert, der erst nur sachte und vorsichtig, dann aber – wie bei einem ewigen crescendo – immer deutlicher jetzt auch die Obertöne der oberen Etagen in Schwingung versetzt, so dass er sich des Eindrucks nicht erwehren kann, im Schloss wären tausende unsichtbarer Gäste unterwegs: Eine heimliche Schlossführung? Sein Schloss kennt doch keiner! Zahllose Stimmen vereinigen sich zu einem vielstimmigen Chorgesang himmlischer Köche und Köchinnen, die ihm verführerisch bedeuten wollen, „es sei angerichtet!“

    Jetzt erst bemerkt er, dass er einen Höllenhunger hat. Wie aber soll er in diesem verdammten Schloss, jetzt lange nach Mitternacht, wo sich keiner mehr auskennen kann, so schnell herausbekommen, wo der Speisesaal ist. Da stößt ihn schon wieder jemand von hinten nach vorne, wieder stolpert er, aber diesmal ohne sein Gleichgewicht zu verlieren, und landet – durch die Wände hindurch – in einem von flirrendem Kerzenlicht warm erfüllten Saal, der nur der Speisesaal sein kann: Denn eine bunt gedeckte Tafel mit den köstlichsten Speisen darauf wartet nur auf ihn, der Herr im Hause ist und das bekommt, was er braucht. Es verschlägt ihm den Atem.

    Wir bitten, Platz zu nehmen“ singen die unsichtbaren Köche und Köchinnen, deren Worte er nun klar und deutlich vernimmt. Dann tritt Ruhe ein. Einerseits ist er froh, dass sein Erinnerungsfilm zuhause im Fensterkino gerissen ist, sonst wäre er wahrscheinlich immer noch dabei, Hefte vollzuschreiben statt so freundlich eingeladen zu werden. Andererseits traut er dem ganzen Spuk nicht, schaut skeptisch über den überladenen Tisch hinweg und kann sich des Gedankens nicht erwehren, die Speisen wären vergiftet. „Nur zu!“, sagt eine geheimnisvolle Doppelstimme quadrat-blauwie sirrendes Schwalbenpfeifen, „wir bitten, Platz zu nehmen!“

    Als er unsicher um sich blickend Platz nimmt und immer noch unschlüssig die Serviette aus ihrem Ring zieht, auf welchem seine Initialen eingraviert sind, lacht er befreit auf: „Wir bitten, Platz zu nehmen“! „Was heißt denn Wir?“ Es sind eben zwei, die ihn eingeladen haben, mit Schwalbenstimmen. Das aber ist ihm jetzt egal, und mit Riesenappetit wendet er sich der Hühnersuppe mit feinen Nudeln zu, die dampfend vor ihm steht.

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