RAY
Kapitel 3

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
10. März 2021
RAY Erzählung von Peter Mussbach

3

Ray bleibt irritiert stehen. Verdammt, der Raum ist stockdunkel. Das hat er in seinem Zustand erst gar nicht bemerkt - er kommt sich vor, als stünde er komplett neben sich  Dass er der auf dem Spiegelbild da draußen sein soll, treibt ihn ganz schön um. Er fröstelt. Hier drinnen ist es auch nicht wesentlich wärmer. Zurück? Keinesfalls. Dann muss er ja wieder an seinem Spiegelbild vorbei. Einfach wegschauen, wird ihm nicht gelingen, wie er sich so kennt.

Als sich seine von Nachtblindheit geschwächten Augen einigermaßen an die Finsternis gewöhnt haben, bemerkt er auf einmal das bläuliche Licht eines Monitors, das von hinten in der Ecke zu ihm herüberschimmert. Auf dem ist eine quietschbunte Spielzeugwelt zu sehen. Mit einem kuriosen Bauernhof mittendrin, dessen Holzbalkone herzförmig-drollige Luftlöcher zieren und obenauf jede Menge pinkfarbene Geranien thronen haben, die wie superschrille Girlanden um das Haus herumhängen. Offenbar wird drinnen mächtig gefeiert – schräge Blasmusik tönt penetrant durch die weit geöffneten Fenster im Erdgeschoss.

Ray ist total perplex. Den Irrsinn muss er sich aus der Nähe anschauen. Langsam und vorsichtig krabbelt er los, er kann in der Düsternis hier ja kaum sehen. Also konzentriert er sich auf den Monitor, um die Richtung zu halten, staunend, was es auf der Welt nicht so alles gibt: Ein violett-glitzerndes Bächlein plätschert am Bauernhof vorbei und schlängelt sich zwischen grüngrünen Wiesen und üppigen Gemüsebeeten durch eine schrill-aufgemotzte Aue, von lustigen, halbrundgeformten Hügeln mit allerlei bizarrem Buschwerk im Hintergrund umrahmt. Auf den fetten Wiesen, auf denen hier und da auch weißweiß-blühende Kirschbäume stehen, grast eine Unzahl schwarzweißgefleckter Kühe die – mächtig an Leibesfülle und mit prall-gefüllten rosa Eutern – allesamt nur eines tun, sie fressen und fressen. Ihr vulgäres Schmatzen ist trotz der knalligen Blasmusik nicht zu überhören. Ray würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, wenn er könnte. Er hat ein überaus empfindliches Gehör.

An einem kleinen, wie von Kinderhand gemalten Kuhstadel mit grotesken Schindeln als Lebkuchendach lehnt eine feuerrote, nicht zu übersehende Mistgabel, die immer wieder penetrant aufblinkt, als solle man sich unverzüglich an die Arbeit machen. Denn unmittelbar neben ihr steht eine Riesenschubkarre, die von Kuhmist beinahe überquillt. Und der muss offenbar dringend auf den ungeheuerlichen Misthaufen da droben auf einen der Comic-Hügel entsorgt werden. Ray wundert es nicht, dass da keiner freiwillig hochwill: Denn mitten aus dem Misthaufen heraus steigen widerliche gelbbraune Schwaden in einen ansonsten blaublauen Himmel empor, in welchem hier und da ein paar weißweiße Zuckerwattewölkchen herumschweben, die vor dem penetranten Geruch in der Luft zurückzuweichen scheinen. Ray glaubt den Gestank zu riechen. Irritiert bleibt er einen Moment lang stehen und rümpft angewidert die Nase. Von Computerspielen, die man auch riechen kann, hat er noch nie gehört.

Endlich ist er nun direkt vor dem Monitor angelangt, und lässt die Details, die ihm bislang entgingen, gebannt auf sich wirken. Um die Kirschbäume taumeln und brummen etliche kleine dicke Hummeln herum, wie er jetzt erkennen kann – prompt kriegt Ray einen Lachanfall. „Ich fass es nicht!“, ruft er amüsiert aus.
„Kurt, bist du’s?“ hört er mit einem Mal eine Stimme von nebenan. Ray zuckt zusammen und beißt die Lippen aufeinander. Urplötzlich durchdringt entsetzlicher Lärm den ganzen Raum. Denn die Kühe, deren rosa Euter mittlerweile zum Platzen angeschwollen sind, stehen auf einmal wie angewurzelt da, starren aus dem Monitor ins Leere hinaus und brüllen so herzerbärmlich auf, dass es Ray durch Mark und Bein fährt. Selbst die witzigen Quastenvögel, die in den kitschig-blühenden Kirschbäumchen hocken, verharren in Schockstarre und scheinen mit ihren winzigen Kulleraugen auffordernd zu Ray herüberzublinzeln, als solle sich der jetzt endlich in Bewegung setzen, und die armen Kühe von ihrer Milch befreien.

„Mein Gott, ich muss ja noch melken, das habe ich total vergessen“, hört Ray auf einmal eine rauchige Stimme rufen. Als er sich völlig überrascht umwendet, erkennt er im Dämmer den Schatten eines monströsen Nilpferds mit langen wirren Haaren, das sich entsetzlich schnaufend und röchelnd durch eine enge Türöffnung zwängt, und direkt auf ihn zuwankt. Ray hockt da wie im Schock und weiß nicht zu reagieren.
„Die armen Tiere sind ja schon völlig kirre“, keucht das sich nähernde Monster. „Verdammt, und all der Kuhmist muss ja auch noch auf den Misthaufen da oben ... Jaja, die Mistgabel, ich weiß schon, die muss gar nicht so irre blinken. Verflucht, das ist wieder ein Tag, da bräuchte man glatt vier Hände!“

Mit einem lauten Plumps lässt sich das Riesentier auf einen versifften Sessel zurückfallen, der direkt vor dem PC steht, fährt sich tief aufseufzend durch die schmierig-verklebten Haare und richtet sich schließlich völlig entnervt auf: „Verdammt, ich melke ja schon!“, brüllt das Untier und beugt sich schwer atmend über die Tastatur.

Ray, der direkt neben der Tastatur hockt, versucht panikartig zu entkommen, sieht sich aber schon von einer fleischigen Riesenklaue, die sich wie eine Wand direkt vor ihm aufbaut, jäh gestoppt. „Nanu, wen haben wir denn da?“, hört er das Monster hinter sich.

Ray versucht die äußerst brenzlige Situation zu überspielen, wendet sich nassforsch um und mandelt sich auf. „Ray“, ruft er so laut er kann, um das entsetzliche Gebrüll der Kühe zu übertönen. „Ich heiße Ray.“
„Ray, das ist ja mal ein Name!“, erwidert das Monstertier und lehnt sich prustend im Sessel zurück. „Und ich bin Tania, mein Kleiner. Wir können uns ruhig duzen!“ Das Monster lacht widerlich laut auf und fingert nach einem Whiskyglas direkt neben Ray, der sich gerade noch weg duckt, um nicht zur Seite geschleudert zu werden.

Im Schein des Monitors kann Ray das vermeintliche Ungeheuer jetzt gut erkennen. Es ist eine noch ziemlich jung wirkende Frau, die allerdings mehrere Zentner wiegen muss. Ihrem monströsen Körper fehlt jegliche Kontur, von ihrem aufgedunsenen Gesicht ganz zu schweigen. Um das Schlimmste zu vertuschen, hat sich die Frau, die einem riesigen Fleischberg gleicht, ein überdimensionales knallrotes Tuch übergeworfen und kippt einen nach dem anderen Whisky in sich hinein. Erst jetzt bemerkt Ray die Batterie leerer Flaschen, die um den PC herumstehen. Und jetzt riecht er auf einmal auch die ungeheuerliche Alkoholfahne der Monsterfrau, die trotz des Gestanks der Kuhscheiße penetrant zu ihm herüberdringt.

Um die Situation zu retten, geht Ray völlig unvermittelt zur Konversation über. „Warum spielst du Bauernhof, wenn’s dich so anstrengt, Tania?“, sagt er mit hochbesorgter Miene. „Deine miese Laune kann ich durchaus nachvollzuziehen. Selbst mir geht das Gezeter der Kühe ganz schön auf die Nerven ...“
Wie abzusehen rastet Tania aus und schlägt wütend mit der Faust auf den Tisch, dass es furchtbar donnert und der Tisch wackelt wie bei einem Erdbeben. Ray kann gerade noch zur Seite hechten, um nicht zerschmettert zu werden.
„Moment, Kleiner!“, ruft Tania enerviert und drückt brutal auf „Pause“.

Plötzlich herrscht unwirkliche Stille. Ray summt es unangenehm in den Ohren. „Was mischst du dich da ein, Winzling“, röchelt Tania und nimmt Ray mit ihren glasigen Knopfaugen ins Visier. „Ich kann spielen, was ich will, hörst du? Den Bauernhof da habe ich mir über die Jahre hinweg mit Liebe zusammengestellt, das solltest du wissen. Woher kennst du eigentlich das Spiel, liebst du etwa auch Natur?“
„Aber ja doch“ erwidert Ray entgeistert. „Sollte ich etwa nicht?“
„Lass die Scherze, Winzling“, schimpft Tania sichtlich beleidigt. „Aber du musst schon verstehen, manchmal wird’s selbst mir einfach zu viel. Morgen kommen schon wieder die Tomaten dran. Und das Unkraut da wuchert wie die Pest, siehst du? Da ist mir gestern der Dünger ordentlich danebengegangen. Und überhaupt … Steh‘ du mal eine geschlagene Stunde tief gebückt vor dem Gemüsebeet da und jäte Unkraut. Verdammt, dass die kein Pflanzengift zulassen, diese Sadisten. Komm hilf mir, Junge, sonst nimmt die Sache heute ja nie ein Ende …“

Entschlossen drückt Tania auf „Weiter“. Glücklicherweise haben sich die Kühe mittlerweile ziemlich beruhigt und linsen hoffnungsfroh nach Tania. Die wird ihnen sicher gleich helfen, ihre Milchlast loszuwerden.
„Du kannst dich schon mal um den Mist dort in der Schubkarre kümmern, Kleiner. Der muss unbedingt auf den Misthaufen da oben. Siehst du?“
Ray nickt deprimiert und gibt klein bei.
„Und ich fang schon mal mit dem Melken an, sonst geht das verfluchte Gebrüll gleich wieder los!“, erklärt Tania und zwinkert den Kühen liebevoll zu.
„Okay, gemacht“ murmelt Ray hilflos und tut so, als würde er sich schon einmal die Ärmel hochkrempeln.
„Willst du mich etwa verarschen, Kleiner? Das geht doch alles elektronisch …Verdammt. Jetzt hast du mir echt die Laune verdorben!“

Jähzornig drückt Tania auf „Exit“ und der Bauernhof verschwindet.
„Komm, lass uns Revolution spielen, das bringt uns jetzt mehr Spaß“, ruft sie euphorisch aus. „Das spiele ich am liebsten zusammen mit Kurt, meinem Sohn ...“ Tania äugt besorgt zur Tür. „Wo der nur bleibt. Der wagt sich trotz der Ausgangssperre nämlich immer wieder aus dem Haus. Hoffentlich haben sie ihn diesmal nicht weggesperrt und aus dem Verkehr gezogen, weil er sich nicht ans Gesetz hält. Man weiß ja nie … Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, Kleiner. Der gilt nur für Menschen. Aber nun schau doch!“

Inzwischen sind auf dem Monitor die Straßenzüge einer Großstadt aufgetaucht. Schwarz von Menschen und so realistisch wie im Film. Die Gesichter der Aufständischen sind mit schwarzen Mützen vermummt, die lediglich Augenschlitze haben. Revolution, Revolution skandieren sie beinhart, zünden Autos an und durchbrechen hochaufragende Polizeibarrikaden.

Tania kommt auf einmal heftig ins Schwitzen. „Da braut sich was Entsetzliches zusammen, glaube ich. Ich habe nämlich vorhin die aufständischen Massen auf die Straßen gehetzt, und sie mit Steinen und Molotowcocktails ausgerüstet. Jetzt aber drehen die durch, siehst du!“
„Jaja, entsetzlich“, brummelt Ray verwirrt.
„Ich sollte jetzt vielleicht besser die Polizeikräfte rufen“, stöhnt Tania völlig überfordert. „Dabei habe ich doch noch keinerlei Strategie, verflucht! Mal sehen, ob wir die wild gewordenen Horden erstmal mit Tränengas oder besser gleich mit Wasserwerfern zur Räson bringen. Vielleicht aber schaffen wir’s ja auch nur mit Schnellfeuergewehren, wenn die noch komplett durchdrehen. … Wehe, wenn ihr mir die Stadt verwüstet und auch noch die schönen Geschäfte plündert, ihr Arschlöcher“, ruft Tania völlig hilflos den Massen auf dem Monitor zu.

Ray wird schwindelig – völlig überraschend ist das ganze Geschehen urplötzlich aus der Vogelperspektive zu beobachten.
„Schau, Kleiner“, ruft Tania triumphierend. „Ich habe jetzt zum Polizeihelikopter hochgeschaltet, um uns etwas Überblick und Hilfe zu verschaffen! Siehst du?“
„Jaja!“, erwidert Ray abwesend und denkt nur noch daran, den Abflug zu machen.
„Verdammt, sieht ja ganz schön bedrohlich aus da unten!“, ruft Tania kreidebleich dem Piloten im Helikopter zu. „Was soll ich nur machen, haben Sie eine Idee, Sir?“
„Nein Mädel“, erwidert der Pilot hämisch grinsend. „Das ist dein Spiel!“
Zornesentbrannt schlägt Tania mit voller Wucht erneut auf den Tisch. Diesmal aber ist Ray wachsamer und hat sich rechtzeitig hinter der Batterie von Whiskyflaschen in Sicherheit gebracht.

„Sofort angreifen!“, schreit Tania plötzlich wie besinnungslos auf.
„Jaja, aber wie?“, ruft der Pilot ihr zurück. „Du hast zehn Sekunden, Mädel! Sonst kriegst du jede Menge Minuspunkte! Und wenn’s hochkommt, vierundzwanzig Stunden lang Spielentzug!“
„Was meinst du, Kleiner?“ blafft Tania sichtlich überfordert Ray an. „Wollen wir Tränengas und Wasserwerfer gleichzeitig einsetzen?“
Ray schweigt und schaut ratlos zu Boden, auf dem sich Kakerlaken im Düsteren tummeln.
„Wasserwerfer. Erstmal nur Wasserwerfer!“, ruft Tania atemlos, die mittlerweile in vollen Zügen aus der Flasche trinkt.

Augenblicklich schaltet das Bild wieder zu den Straßenschluchten hinunter: Plötzlich erscheinen überall riesige Wasserwerfer, die völlig überraschend aus den Seitenstraßen hervorkommen und unerbittlich auf die Massen zuhalten. Die schreien wütend auf und greifen an. Steine und Molotowcocktails fliegen hoch durch die Luft und setzen die Wasserwerfer augenblicklich in Brand.
„Verdammt!“, brüllt Tania entsetzt. „Panzer! Wo sind die scheiß Panzer, ich verlier noch das Spiel …“
„Ist mir scheißegal“, ruft Ray völlig entnervt, nimmt die ihm verbliebenen Kräfte zusammen und düst couragiert los. Durchs Stockfinstere in Todesangst Richtung Fenster. Zweimal noch kracht er gegen die Wand. Dann aber findet er endlich doch noch den Weg durchs halboffene Fenster ins Freie.

Fortsetzung folgt