RAY
Kapitel 4

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
17. März 2021
Peter Mussbach RAY Kapitel 4

4

Ray hat richtig mies geschlafen – gefangen in einem nicht enden wollenden Albtraum. Noch ganz benommen hockt er am frühen Morgen oben auf dem Mast der Straßenlampe, deren trübes Licht ihm vergangene Nacht sein ihn niederschmetterndes Spiegelbild beschert hatte. Und als ihn Tania dann in ihrer Messie-Bude fast um den Verstand gebracht und beinahe auch noch zerschmettert hätte, musste er den Abflug machen und die Flucht ergreifen. Dass er es dabei aber nicht weit schaffen würde, war ihm von vorneherein klar gewesen – er war ja nachtlind. Deshalb hatte er es auch nur bis zu dieser bescheuerten Straßenlampe hier geschafft, auf der er gezwungenermaßen durch die Nacht kommen musste. Alles andere war ihm einfach zu unsicher gewesen. Schon in Tanias düsterer Rumpelkammer war er zweimal übel gegen die Wand geknallt, einmal volle Pulle sogar mit dem Kopf, also wollte er kein weiteres Risiko eingehen. Der Brummschädel, den er hat, reicht ihm schon.

Ray hält inne: Um ihn herum ist alles gespenstisch still. Als er verwundert aufblickt und sich umschaut, ist die Stadt menschenleer. Kein Schwanz ist zu sehen, kein Auto unterwegs – und das am helllichten Morgen mitten im Zentrum der Metropole, wo sonst um diese Zeit doch irrer Verkehr herrscht. Eine stillgelegte Stadt – und dies nun schon seit Monaten. Ray hat keinen blassen Schimmer, warum? Bei Tania war er ja nicht dazu gekommen, danach zu fragen. Die hatte lediglich ein paar Andeutungen gemacht. Jetzt aber, da er mit einem Mal mit Menschen reden und diese verstehen kann, wird er es hoffentlich herausfinden.

Aber gegen diese ohnehin schon sehr gespenstische Situation war sein Albtraum, der ihn kurz danach im Schlaf auf der Straßenlampe überfiel, der wahre Horrortrip gewesen: Darin hatte er sich urplötzlich in einem übergroßen Spinnennetz verfangen, ohne zu wissen, warum? Aber so sehr er sich auch drehte und wendete, mit Armen und Beinen um sich schlug und nach Hilfe schrie, die Sache wurde nicht besser: Denn bald schon hatte er sich in einem widerlichen Gespinst aus klebrigen Fäden völlig verheddert, sodass ihm keine Bewegung mehr möglich war – er hatte Todesangst. Just in diesem Augenblick verspürte er auf einmal einen brutalen, richtig widerlichen Stich in seinem Rücken. So als hätte irgendjemand nur auf diesen Moment gewartet, um ihn hinterhältig ins Jenseits zu befördern. Augenblicklich war ihm schwarz vor Augen geworden.

Als er im Traum dann aber wieder zu sich kommt, geht der Wahnsinn erst richtig los: Mit einem Mal hockt er da irgendwo hoch oben in wunderbarer Natur auf einer Bank. Am Rande einer ziemlich abschüssigen Wiese, von wo er die idyllische Berg- und Hügellandschaft, die sich vor seinen staunenden Augen ausbreitet, bestens überschauen kann. Er hat keine Ahnung, was ihn hierher verschlagen hat und wo er ist.

Aber irgendetwas stimmt nicht mit dieser Natur, das wird ihm bald klar. Was es aber ist, weiß er nicht zu sagen. Alles kommt ihm auf einmal völlig verändert vor. Wie unwirklich. Irgendwie fühlt er sich der Welt plötzlich gegenüber und nicht mehr in ihr – ein tiefes Fremdheitsgefühl bemächtigt sich seiner, war er früher doch stets eins mit den Dingen gewesen. Munter hatte er in den Tag hineingelebt. Jetzt aber ging ein Riss durch die Welt: Er hier und die Welt dort, diesen Eindruck hatte er jedenfalls. Verblüfft hält er inne: Hat er da gerade „Welt“ vor sich hingemurmelt? Wo er das Wort nur herhat? Früher war er in der Welt gewesen, und diese in ihm, da gab es keinen Unterschied Was brauchte es da Worte?

Völlig verwirrt schließt Ray die Augen und erschrickt schon wieder. Verflucht, auch sein Inneres hat sich völlig verändert – so als gehöre es gar nicht mehr zu ihm. Urplötzlich fühlt er ganz anders als sonst: Wie jemand, der neben sich steht, sein Innenleben von außen betrachtet und seine Gedanken und Gefühle plötzlich nachvollziehen kann. Ray lacht sarkastisch auf: So etwas wie ein Gedanke war ihm bislang völlig fremd gewesen. Er war einfach da. Entsetzt reißt er die Augen auf. Ihm verschwimmen die Konturen.

Als er sich nach einer Weile an seinen neuen Zustand etwas gewöhnt hat, lässt er seinen melancholischen Blick gedankenverloren über die Landschaft dahinschweifen, Woran es nur liegt? Sein altes Lebensgefühl hat er verloren? Da ist nichts Selbstverständliches mehr. Alles besitzt auf einmal Bedeutung und Sinn. Das hohe Gewächs da unten in der Talsenke zum Beispiel war gestern noch irgendein hohes Gewächs für ihn. Interessant oder nicht – je nachdem. Jetzt aber war dieses „Gewächs“ plötzlich ein Baum, ein Ahornbaum nämlich. Mit einem Mal wusste er von den Dingen. Doch brachte ihn das diesen näher? Ray fühlt sich wie festgenagelt in der Welt. Und doch weiß er nun auf einmal auch, dass er sterben muss. Voller Unruhe und schweißgebadet war er schließlich aus seinem Albtraum aufgewacht und wäre dabei auch noch fast von der oben gebogenen Straßenlampe gerutscht.

Jetzt aber hat er die Schnauze gehörig voll von diesem absurden Ort. Dass eine derart banale Straßenlampe einmal so eine Bedeutung für ihn gewinnen würde, daran hatte er nun wirklich nicht gedacht. Als er aber versucht, das verdammte Ding endlich hinter sich zu lassen und loszufliegen, wird er urplötzlich von einer männlichen, überaus sympathisch wirkenden Stimme zurückgehalten.

„Guten Morgen, Ray.“
„Wer spricht da?“ Völlig verunsichert schaut Ray nach unten zur Straße. Aber da ist niemand zu sehen. Es läuft ihm eiskalt übern Rücken.
„Keine Bange, Ray. Ich bin Stephen. Du kannst mich leider nicht sehen, aber hoffentlich gut hören.“
Ray schweigt betroffen. Klar und deutlich hört er die Stimme.
„Wundere dich bitte nicht, mein Lieber. Wir haben dich ausgewählt.“
„Mich?“ Ray schaut sich argwöhnisch nach allen Seiten hin um: Ihm ist, als würde die Stimme direkt aus seinem Kopf kommen.
„Wir brauchen dich! Wir leben in schweren Zeiten, Ray. Da ist jeder gefordert. Auch du!“

Ray hockt fassungslos auf dem Lampenmast und glaubt verrückt geworden zu sein. Jetzt hört er auch schon Stimmen.
„Keine Sorge, Ray. Mit dir ist alles in Ordnung. Ich bin dein Navigationsassistent.“
„Brauch keinen“, erwidert Ray trotzig und versucht sich der Stimme irgendwie zu erwehren. „Noch kann ich mich ganz gut alleine zurechtfinden“, blafft er ins Ungefähre.
„Die letzten Tage aber war das wohl ganz anders, oder?“
Überrascht legt Ray den Kopf zur Seite: „Woher willst du das denn wissen?“
„Nun, wir haben versucht, dich etwas aufzupäppeln. Aber anfangs war das bei dir nicht so ganz einfach. Jetzt aber bist du einer von uns. Ist doch jetzt endlich alles okay mit dir, oder?“
„Verflucht. was habt ihr mit mir gemacht?“ Ray wird schwindlig. So gut er kann, versucht er sich auf dem Metall der Straßenlampe festzukrallen. Zu allem Überdruss aber hat es jetzt auch noch angefangen zu regnen.  
„Nun, wir haben dich so richtig auf Vordermann gebracht. Und jetzt ist aus dir ein ganz besonderes Wesen geworden, auf das wir mächtig stolz sind und hoffentlich auch bauen können. Du kannst jetzt Denken und Sprechen – ist das etwa nichts?“

Ray denkt nach: „Heute Nacht habe ich von einem Stich in den Rücken geträumt“, sagt er nach einer Weile. "Vielleicht war das ja gar kein Traum?“
„Ohne den Eingriff wäre es nicht gegangen, Ray. Aber der ist nun schon ein paar Tage her. Offensichtlich verarbeitest du jetzt alles im Traum. Aber wie auch immer, du musst uns helfen, Ray. Wir Menschen sind wirklich schlimm dran. Eine Naturkatastrophe hat unsere Zivilisationen lahmgelegt – ein hochgefährliches Virus. Die Menschen haben sich in ihren Wohnungen eingesperrt. Aus Angst, sich draußen zu infizieren. Viele sterben. Du weißt doch, was ein Virus ist.“
Ray nickt ironisch lächelnd. „Mittlerweile ja. Das habe ich offensichtlich euch zu verdanken.“
„Die Menschen sind seelisch am Ende, Ray. Sie drehen langsam alle durch. Manche zerfleischen sich sogar. Sie brauchen dringend Hilfe!“
„Von wem?“
„Von uns zum Beispiel. Wir bieten den Menschen übers Internet jetzt eine garantiert persönliche Seelsorge an. BACK TO LIFE heißt unser neues Unternehmen. Und die Resonanz ist riesig, Ray. Kein Wunder. Denn wir schicken den Bedürftigen unsere Seelsorger direkt ins Haus. Und das ist in den gegenwärtigen Zeiten wegen der strikten Quarantäneauflagen eigentlich strikt verboten. Für alte Menschen, die keinen PC haben, bieten wir sogar eine Telefonnummer an. 123456. Also auch für Halbdemente noch einigermaßen gut zu merken. Und mit dir und deinesgleichen haben wir nun ein perfektes Geschäftsmodell realisiert. So jemand wie du kann uns in Sachen Seelsorge jetzt bestens zur Seite stehen.
„Wie das?“
„Du wirst die Einsamen und Verzweifelten zuhause besuchen, sie aufmuntern und wieder auf richten, Ray. Durch dich werden sie lernen, die Natur wieder zu lieben, statt sie zu verdammen. Wegen des Virus haben sie nämlich alles Vertrauen in die Natur verloren.“
„Und das soll ausgerechnet ich bewerkstelligen …?“
„Ein Tier wie du kann in diesen schrecklichen Zeiten wahre Wunder bewirken, Ray. Was glaubst du, was passiert, wenn du mit den Leuten sprichst. Allein das wird für viele schon ein Heilungseffekt sein. Außerdem gibt es ja praktisch kaum mehr Wesen deiner Art auf der Erde. Und das macht dich für die Notleidenden und Hilfsbedürftigen da draußen nur umso wertvoller, du wirst sehen. So jemand wie du ist unter den gegenwärtigen Bedingungen der ideale Seelentröster, davon sind wir fest überzeugt.“
„Das kann ich nicht“, versucht Ray, der sich plötzlich ziemlich herausgefordert fühlt, zu widersprechen. „Ich habe meine eigenen Probleme, bei allem, was ihr mit mir angerichtet habt!“
„Und das ist vielleicht auch gut so, Ray, wenn ich das so sagen darf. Dann kommst du bei den Leuten nämlich auf ganz natürliche Art und Weise rüber und nicht so selbstsicher und neunmalklug wie irgendein dahergelaufener Therapeut. Rede einfach, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Aus dir spricht die Stimme der Natur, Ray, das musst du wissen. Das wird die Leute schwer beeindrucken, davon sind wir alle hier fest überzeugt. Ich gebe dir jetzt schon mal die Koordinaten für deinen ersten Einsatz durch. Es handelt sich um ein altes Ehepaar. Der Mann hat gerade bei uns angerufen. Er ist bettlägerig und hat furchtbare Angst, dass ihn seine Frau umbringt. Die beiden sind nun schon seit 65 Jahren zusammen. Mehr Informationen haben wir nicht. Der Mann hat plötzlich völlig hektisch aufgelegt. … Also los, mach dich auf die Socken. Der Mann braucht deine Hilfe. Jetzt hat dein Leben endlich Sinn.“
„Und wohin, wenn ich fragen darf?“
„Das Ehepaar wohnt da drüben in dem alten Wolkenkratzer, indem du gestern Abend ja schon warst. Allerdings ohne Auftrag und allein von dir aus. Appartement 1077 in der 36. Etage. Viel Glück. Und mach uns keine Schande ...“

Fortsetzung folgt