RAY
Kapitel 6

Eine Erzählung in 9 Kapitel
27. März 2021

6  

Seit einer geschlagenen Stunde ist Ray nun schon ohne einen einzigen Stopp durch die engen und extrem verwinkelten Schächte der Klimaanlage des mächtig in die Jahre gekommenen Wolkenkratzers unterwegs. Und diese sind zu Rays großer Überraschung offenbar jüngst mächtig auf Schwung gebracht und zur Gänze renoviert worden. Hightech in altem Körper. Vielleicht brauchten die Leute ja jetzt, wo sie wegen des Virus rund um die Uhr in ihren Wohnungen feststeckten, einfach mehr Luft – eine Art kollektive Beatmungsmaschine, die sie wenigstens einigermaßen über die Runden kommen ließ. Doch wie auch immer – jetzt, wo es ihm schließlich gelungen war, seinem aberwitzigen Plan, dem Horror in diesem finsteren Gebäude zu entkommen, doch noch in die Tat umzusetzen, war er total erleichtert und kam relativ gut voran.

Da kann er sich ja jetzt endlich einmal eine Verschnaufpause gönnen – eine Stunde lang Marathon durch die verdammten Schächte hier, das reicht ihm erst einmal. Er kann wirklich stolz auf sich sein, den verfluchten Höllenparcours bislang so souverän gemeistert zu haben. Was für eine Plackerei! Völlig erschöpft hockt Ray sich nieder, lehnt sich ziemlich ausgepumpt an die eiskalte Schachtwand zurück und sinnt im Stockfinsteren dem jüngst Erlebten nach.

Wenn er nicht gewusst hätte, dass er sich hoch oben über dem Erdboden befindet, hätte er anfangs glatt vermeinen können, sich durch die unterirdischen Gänge einer ihm völlig unbekannten Zivilisation vorzuarbeiten – immer auf der Hut, sich hinter der nächsten Ecke urplötzlich mit einem Alien konfrontiert zu sehen, das ihm auflauert, um kurzerhand Hackfleisch aus ihm zu machen. Ray zögert: Aber er, als Hummel, würde ja auch nicht jedermann in seinen Erdbau reineinlassen, vorausgesetzt, dass er denn einen hätte. Bedauerlicherweise aber hat er keine solche, ihm eigentlich zustehende Behausung und muss als Obdachloser auf den Straßen übernachten. Freies Erdreich, in dem er sich häuslich hätte einrichten können, hatte er hier in dieser Riesenstadt mit all ihrem Beton bislang vergeblich gesucht.

Bereits nach seinem ersten Einsatz als Seelsorger bei dem uralten Katastrophenehepaar hatte Ray die Schnauze gestrichen voll von diesem elenden Job. So etwas wie bei den Alten oder auch bei Tania wollte er einfach nicht noch einmal erleben – Seelsorge hin oder her: Und so wie es aussah, hatten die alle ihre Seele längst verloren und vegetierten dahin wie Tiere. Ray stockt und wundert sich über sich selbst. Schließlich ist er ja auch ein Tier. Ray rastet aus: Und darauf wird er beharren, egal was Stephen dazu sagen würde. Das interessiert ihn nicht mehr, Ray hat jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen. Wie ein wimmernder, völlig hilfloser Idiot hatte Stephen zwar immer wieder versucht, ihn zu erreichen. Doch Ray hatte beharrlich geschwiegen und einfach eine Art Funkstörung vorgetäuscht. Das aber nicht aus technischen, sondern rein aus seelischen Gründen. Mit Menschen wollte er erst einmal nichts mehr zu tun haben. Deshalb war es auch sein Plan gewesen, sich durch das Labyrinth der Klimaanlage nach oben zum Dach des Gebäudes hochzuarbeiten – einzig und allein, um erst einmal Niemandem mehr über den Weg zu laufen.

Dabei hatte Ray anfangs beinahe schon aufgegeben. Denn der stockdunkle Weg durch die wildverzweigten Gänge entpuppte sich bald als praktisch unbegehbares Gelände. Immer wieder rutschte er auf dem spiegelglatten Aluminium des jüngst völlig erneuerten Klimasystems furchtbar aus und war dabei mehrfach auch noch saudumm auf die Schnauze gefallen, sodass sein Fortkommen für ihn bald zur wahren Tortur geworden war. Er kam sich vor, als schlittere er auf dem arschglatten Eis eines zugefrorenen Tümpels hilflos dahin. Und das alles in völliger Dunkelheit – Ray hatte das ganze Unterfangen gründlich unterschätzt.

Wiewohl er wider Erwarten dann doch einigermaßen gut vorankam. Denn solange er sich wie zu Beginn seiner Flucht – der Alten gerade entkommen – in Höhe des 36. Stockwerks auf ebenem Boden dahinbewegte, hatte er den Dreh doch relativ schnell herausgefunden, um auf dem glatten Metall nicht immer wieder auszugleiten und schnöde auf den Bauch zu knallen. Denn jetzt achtete er bei jedem seiner Schritte überaus sorgsam darauf, seine Füße auch mit Bedacht und betontem Druck auf den glitschigen Untergrund aufzusetzen, was ihn schließlich zwar etwas besser, dennoch aber nur extrem langsam vorankommen ließ. Aber das machte Ray nichts: Schließlich war ja niemand mehr hinter ihm her, also hatte er alle Zeit der Welt.

Zudem gab es für ihn ja auch keine andere Möglichkeit, diesem verdammten Bunker hier zu entkommen. Wie gesagt, erst einmal wollte er wirklich keinem Menschen mehr sehen – das hatte er sich ja fest geschworen. Folglich wäre es auch völlig hirnrissig gewesen, in irgendeine Wohnung vorzudringen, um dort heimlich und hektisch nach irgendeinem Fensterspalt zu suchen. Denn dabei würde er womöglich noch von irgendeinem Vollidioten gekillt werden. Er war doch nicht lebensmüde. Schließlich hockten sie jetzt alle wegen des Virus in ihren Wohnungen herum.

Doch bald änderte sich die Situation auf dramatische Art und Weise: Denn jetzt hieß es auf einmal, durch den rampenartigen Schacht hoch ins nächste Stockwerk zu gelangen. Und das schien praktisch unmöglich – die spiegelglatte und meterlange Steigung nach oben zu überwinden, schien ihm aussichtslos. Und sooft er auch Anlauf nahm, um die aberwitzige Strecke zu überwinden – immer wieder rutschte er schon nach Kurzem gemein ab und purzelte den engen Schacht wieder nach unten. Völlig deprimiert war er schließlich auf dem verdammten Aluminiumboden dagehockt, den er schlichtweg als Tatsache akzeptieren musste. Er war einfach kein Gecko, der so etwas spielerisch geschafft hätte.

Dann aber war Ray überraschenderweise der pure Zufall zu Hilfe gekommen: Denn bei seinem letzten Versuch, der ihn besonders weit nach oben gebracht hatte, verhedderte er sich beim Zurückfallen urplötzlich in irgendwelchen Spinnfäden, die da herumhingen und widerlich an ihm kleben blieben, was ihm allerdings zunächst nicht aufgefallen war. Dann aber, just in dem Moment, in dem er die Fäden endlich bemerkte, war ihm die rettende Idee urplötzlich gekommen. Er musste sich seine Füße mit diesem widerlichen Zeugs nur fest umwickeln und damit noch klebriger machen, dann hatte er vermutlich die perfekten Schuhe, die er brauchte, um über all die Stockwerke hinweg, wohl ausgerüstet endlich unter freien Himmel zu gelangen.

Was für eine verrückte Tour die letzte Stunde über? Ray kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf. So, jetzt muss er aber endlich weiter. Zwar hat er es schon bis zum 61. Stockwerk hochgeschafft, doch bei den 77 Stockwerken des Gebäudes hat er noch 16 weitere vor sich. Und dennoch, ohne seine neuen Bergschuhen hätte er das alles vergessen können. Er ist mächtig stolz auf seine neue, wahrhaft nachhaltige Erfindung, die funktionierte einfach grandios. Offenbar hatte ihm die ahnungslose Spinne im Schacht da unbewusst zugearbeitet – die Haftung ihrer Fäden war nachgerade perfekt. Sie gaben ihm festen Halt, ohne dass sie ihn beim Vorwärtskommen unnötig behindert hätten. Ray ist guten Muts, die noch vor ihm liegenden 16 Etagen wird er wohl ebenso gewitzt zu bewältigen wissen, wie den verdammt komplizierten Weg bis hierher.

Frisch ausgeruht kriecht er los – den finsteren Schacht des 61. Stockwerks entlang. Hinter der nächsten Ecke muss es ja wieder weiter nach oben ins 62. Stockwerk gehen, kommt es Ray traumwandlerisch in den Sinn. Hat er das Konstruktionsprinzip der Klimaanlage doch mittlerweile längst durchschaut und den Schachtverlauf wie eine präzise Karte im Kopf. Und das war ihm ursprünglich auch nicht wirklich schwergefallen: Denn in jedem Stockwerk waren die Schächte der Klimaanlage absolut gleich verlegt. Jede Ecke und jede Biegung entsprachen exakt denen der anderen Etagen. Folglich musste er in jeder Etage nur immer wieder die absolut identische Strecke nehmen, um dann an der entsprechenden Stelle über die rampenartige Schräge wieder weiter nach oben ins nächste Stockwerk zu gelangen.

Doch als Ray gedankenverloren um die besagte Ecke biegt, wird er urplötzlich böse überrascht: Denn statt nach oben geht es mit einem Mal ziemlich steil nach unten. Verflucht, Ray hat sich um eine Ecke vertan. Schon aber verliert er das Gleichgewicht und rutscht im Affentempo völlig hilflos dem stockfinsteren Abgrund zu, ohne dagegen auch nur das Geringste unternehmen zu können.

Kurz daraufhin sieht Ray am Ende des Tunnels auf einmal helles Licht, dem er sich rasend schnell nähert. Und dieses entpuppt sich rasch als das irgendeines Wohnraums, zu dem die Klimaanlage hinführt. Verdammt, und jetzt erkennt er auf einmal auch das Gitterwerk des Klimakastens, das ihn gleich vierteilen oder gar zerschreddern wird. Doch Ray hat verdammten Massel. Denn wie durch ein Wunder und ganz wider Erwarten gelangt er völlig unbeschadet durch eine der Öffnungen des weitmaschigen Gitters hindurch, wird dabei aber auch wie ein Geschoss in den dahinter gelegenen Raum hineinkatapultiert, in welchem er übel gegen die Wand knallt, abprallt und auch schon dem Boden entgegen taumelt. Ray wird’s schwarz vor Augen: In Todesangst sieht er sich schon auf irgendeinem Zimmerkaktus, der da irgendwo herumstehen mag, übel aufgespießt wie ein Shrimp.

Fortsetzung folgt