RAY
Kapitel 7

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
2. April 2021

7

Als Ray allmählich wieder zu sich kommt, fühlt er sich auf einmal wie in Watte gepackt – von den Stacheln eines Kaktus keine Spur. Er liegt so weich gebettet da, als hätte man ihn am Ende seiner Höllenrutschpartie mit einem extra für ihn aufgespanntem Kuschelhandtuch als Sprungtuchersatz vor dem Absturz ins Jenseits gerettet. Ray stutzt: Wer aber hätte bitte ahnen können, dass er jeden Moment im Affentempo von der Klimaanlage ausgespuckt werden würde? Dafür bräuchte es ja den sechsten Sinn. Und nicht nur diesen schienen die Leute verloren zu haben.

Ungläubig tastet er seine unmittelbare Umgebung ab – liegt er etwa in einem Bett? Einem Krankenbett womöglich? Erschrocken reißt Ray die Augen auf und ist völlig geplättet, als er sich mit einem Mal auf dem übergroßen pinkfarbenen Kissen eines Sofas daliegen sieht. Auf diesem prangt eine überdimensionale quietschgelbe Smiley-Fresse, die unter seinem Bauch verschmitzt zu ihm hochgrinst – Ray kann sich eines Grinsens nicht erwehren. Auf diesem schrillen Kissen hier muss er wohl gelandet sein.

Als er sich erleichtert umblickt, schrickt er auch schon fürchterlich zusammen – ihm direkt gegenüber sitzt eine junge, äußerst attraktive Frau in einem Designersessel und starrt ihn an, als wäre er nicht von dieser Welt. Verschämt weicht Ray ihrem Blick aus und wird rot im Gesicht. Was soll er sagen? Die junge Frau gefällt ihm. Sehr sogar. Ihr klassisch geformtes Antlitz strahlt innere Vornehmheit aus. Und ihre großen braunen Augen erinnern ihn an Kastanien, deren Blüten schon immer eine Delikatesse für ihn waren. Bedauerlicherweise aber sagt die Schöne kein Wort, lässt ihn dabei aber nicht aus den Augen. Ray glaubt, zu verstehen; Was sollte ihm die Schöne auch sagen? Muss sie doch davon auszugehen, dass man mit Tieren nicht reden kann.

Ray wird nervös und versucht es nun seinerseits, mit der Schönen ins Gespräch zu kommen. „Hallo! Ich heiße Ray!“, ruft er animiert und zwinkert der Schönen zu. So als wolle er sagen Hallo! Hier bin ich! Wir können uns ruhig unterhalten. Aber für mein Aussehen kann ich nichts! Doch sein Hallo geht mächtig in die Hose, die Schöne will einfach nicht reagieren. Seltsam lächelnd schaut sie auf ihn hernieder, als hätte sie in ihrem Leben noch nie eine Hummel gesehen. Warum antwortet sie nicht? Jetzt, wo sie weiß, dass er sprechen kann.

Völlig hibbelig wagt Ray einen weiteren Versuch, um das Geheimnis der Schönen zu enträtseln. Wie ein echter Mann versucht er sich vor ihr aufzubauen und blickt ihr tief in die Augen – schließlich sind die Augen das Fenster zur Seele. Und ganz wider Erwarten lässt ihn die Schöne gewähren – Ray taucht tief in sie hinein. Doch bald übermannt ihn ein schummriges Gefühl: das Innere der Schönen verbirgt sich vor ihm. Grauer, undurchdringlicher Dunst scheint ihre Seele zu umschatten. Völlig verwirrt zieht sich Ray zurück und weiß mit seinem Eindruck nichts anzufangen, die Schöne bleibt ihm ein Rätsel. Was soll er nur machen?

Instinktiv setzt er sich in Bewegung und geht eine Weile auf dem Kissen ein paar Schritte auf und ab. In Bewegung kommen ihm immer die besten Ideen. Auf einmal aber hält er inne, weil er sich von der Schönen beobachtet fühlt. Hoffnungsfroh rückt Ray näher an sie heran und versucht es noch einmal: „Hallo, ich bin Ray!“, ruft er aus Leibeskräften und winkt seiner Holden verliebt zu. Doch auch diesmal macht die Schöne keine Anstalten, auf ihn einzugehen. Ist sie etwa tot?  Ray läuft ein eiskalter Schauder über den Rücken. Mein Gott, das wäre wirklich fatal – jetzt, wo er sich endlich einmal einem so faszinierenden menschlichen Wesen gegenübersieht.

Eine Ewigkeit lang hockt Ray auf dem bescheuerten Smiley-Kissen, skeptisch in den Anblick der Schönen versunken. Huldvoll blickt diese zu ihm herab, als wolle sie ihn herausfordern, ihr das Rätsel endlich zu entreißen. Ray platzt der Kragen. Augenblicklich geht er in die Offensive, wobei er kräftig Anlauf nimmt und mit einem tollkühnen Sprung vom Sofa zur Lehne des Sessels hinüberhechtet, auf dem die Schöne sitzt. Ohne sie eines Blickes zu würdigen stolziert er wie ein Verschmähter auf der Sessellehne an ihr vorbei, erklimmt ihr zur Seite die steile Rückenlehne mit athletischen Zügen und macht erst auf deren Gipfelkamm halt, als er es endlich geschafft hat, mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Ray seufzt auf: Im Profil wirkt die Schöne noch faszinierender. Der sanfte Duft ihres Körpers betört ihn. Völlig benommen pirscht er sich auf der Rückenlehne so nah wie möglich an seine Angebetete heran, beugt sich schließlich weit nach vorne und äugt von der Seite hochaufmerksam nach deren zartgeformten Nasenflügeln, die sich, wie er jetzt aus der Nähe erst bemerken kann, beinahe unmerklich senken und heben. Ray fällt ein Stein vom Herzen. Die Schöne lebt. Und nun?

Ratlos sieht sich Ray im weitläufigen Wohnraum um, der nur mit wenigen, aber wirklich vornehmen Möbeln eingerichtet ist. Die breite Fensterfront, die bis zur überraschend hohen Decke reicht, erinnern ihn an eine Art Atelier. Bald aber nimmt ein gläserner, geheimnisvoll glitzernder Schreibtisch, der im hellen Sonnenlicht nahe der Fensterfront steht, seinen Blick gefangen. Und auf diesem steht ein ultramoderner PC, auf dessen übergroßem Monitor gerade irgendein Video auf YouTube läuft. Das Programm aber ist angehalten – mehr kann Ray aus der Entfernung nicht erkennen. Was die Schöne da wohl gesehen hat? Neugierig brummt er zum Schreibtisch hinüber, um nachschauen. Vielleicht kommt er ja so der mysteriösen Sache hier auf die Spur?

Als Ray äußerst geschickt vor dem PC landet, ohne auf der spiegelglatten Glasplatte des Schreibtischs auszurutschen – schließlich hat er ja noch immer seine ultrahaftfähigen Wunderschuhe an, schielt er wissbegierig zum Monitor des APPLE hoch. Zu seinem großen Erstaunen erblickt er das Standbild eines großen Symphonieorchesters, auf dem die Musiker wie von Zauberhand mitten im Spiel wie eingefroren dasitzen. Da kann der magere Dirigent, der sich vor seinen Mannen mit lächerlicher Drohgebärde wie eine in die Jahre gekommene Ikone aufbäumt, machen was er will. Aha, Ray schmunzelt: offenkundig hat sich die Schöne irgendein klassisches Musikvideo angesehen.

Klammen Herzens blickt er zu ihr hinüber. Während sie der Musik zuhörte, muss ihr offenkundig etwas Schreckliches zugestoßen sein. Bizarrer Weise wirkt sie wie all die Musiker da auf dem angehaltenen Video. So als wäre sie eine mirakulöse Skulptur aus längst vergangener Zeit. Was aber war der Grund des Ganzen, verdammt noch mal? An der Musik kann es nicht gelegen haben, das wäre ja verrückt. Denn diese animiert die Seele, statt sie erstarren zu lassen. Deshalb sollte er es vielleicht mit Musik versuchen, die Schöne wieder zu sich zu bringen. Warum aber fällt ihm das jetzt erst ein? Ray beißt sich auf die Lippen – wenn er auch sprechen kann, seinen Gesang will er wirklich niemandem zumuten.

„Also Musik!“, entfährt es ihm, während er auf der Tastatur die Playtaste sucht. Doch er kommt nicht weit und schrickt urplötzlich zusammen, als mit einem Mal Musik erklingt – das Video läuft von allein weiter. „Ach ja!“ Ray lacht auf und greift sich entgeistert an den Kopf. SIRI, die angeblich so intelligente Sprachassistentin von APPLE, die auf jedes beliebige Kommando so überaus willfährig reagiert wie eine Hure, die hätte er beinahe glatt vergessen.
„Gut gemacht, SIRI“, ruft er dem Computer überlaut zu, um sich zu vergewissern. „Danke!“, antwortet SIRI mit blecherner Stimme, und Ray ist froh, die Dame nicht sehen zu müssen. SAMUEL BARBER. ADAGIO FÜR STREICHER, steht unter dem Video. Barber aber sagt ihm nichts.

Wie gebannt hört Ray der überaus eindringlichen Musik eine Zeit lang zu, die aus übergroßen Lautsprechern erklingt und den Raum in sanft-düstere Schwingung versetzt. Ray fühlt sie eigenartig in sich vibrieren. Und bald schon wird ihm ganz flau ums Herz, eine tiefe Melancholie bemächtigt sich seiner. Skeptisch schielt er zur Schönen hinüber und meint zu verstehen. Denn auf Dauer würden ihn solch traurigen Klänge vermutlich ebenso erstarren lassen.

„Stopp!“, ruft Ray ungehalten und schüttelt sich.
„Aber bitte!“, erwidert SIRI, und endlich herrscht wieder Stille.
„Willst du was Anderes hören?“, fragt SIRI prompt.
„Aber ja doch!“, erwidert Ray begeistert. „Etwas Weiträumiges bitte … Also etwas, das einem das Herz wieder freimacht. Irgendein schöner Gesang der Sphären eröffnet!“
„Bitte sehr“, sagt SIRI. „Einen Moment!“
 
Eine Weile ist es unheimlich still im Raum. Dann aber hört Ray wie aus dem Nichts heraus auf einmal hohe sphärische Frauenstimmen, zu denen mit der Zeit immer weitere hinzukommen und den Raum schließlich ins Unermessliche zu weiten scheinen. Ray äugt hingerissen zum Monitor hoch: JOHANNES OCKGHEM. DEO GRATIAS. KANON ZU 36 STIMMEN.

Ohne es recht mitzubekommen versinkt Ray in der Musik. Bald fühlt er sich so frei wie lange nicht mehr. Die Grenze zwischen ihm und der Welt scheint in sich zusammenzufallen. Mein Gott, genauso hatte er sich als Hummel gefühlt, bevor Stephen damit begonnen hatte, an ihm schnöde herum zu laborieren. Wie in Trance äugt er durch die Fensterfront in den wolkenlosen Himmel hinauf – es flimmert vor seinen Augen. Traumverloren vermeint er, durch ewige Weiten dahinzufliegen und sich in diesen aufzulösen.

„Eine Hummel. Wie schön. Ich glaubte schon es gäbe gar keine mehr“ hört er urplötzlich eine Stimme hinter sich, als die Musik längst verklungen ist. Ray reißt es herum und fällt prompt auf die Schnauze. Wie benommen schaut er hoch und traut seinen Augen nicht. Vor ihm steht die Schöne und blickt lächelnd zu ihm herab. „Verzeih, mein Kleiner. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Verdammt, jetzt bin ich aber erleichtert!“, entfährt es Ray.
Unwillkürlich schrickt die Schöne zurück. „Das darf doch nicht wahr sein“ ruft sie amüsiert. „Eine sprechende Hummel. Das ist ja fantastisch!“
Ray fasst es nicht. Er glaubt zu träumen. „Was war bloß los mit Ihnen. Ich habe mir schon große Sorgen gemacht“, sagt er sichtlich erhitzt und mandelt sich vor seiner Angebeteten männlich auf.
„Woher kam nur diese wunderbare Musik gerade“, erwidert die Schöne, ohne auf ihn einzugehen.
„SIRI!“, murmelt Ray lakonisch und deutet mit dem Kopf beiläufig zum Computer.
Die Schöne ist irritiert. „Aber SIRI spielt die Musik doch nicht von allein. Hast du dir diese etwa ausgesucht?“
Ray nickt stolz: „Naja, irgendwie schon, könnte man sagen.“
„Und hast du auch einen Namen?“
„Ray“, antwortet er artig. „Ich heiße Ray.“
„Was für ein schöner Name!“, ruft die Schöne begeistert. „Der Strahl des Lichts. Vielleicht hat dich mir ja der Himmel geschickt, was meinst du?“
„Auch das könnte man irgendwie so sagen“, antwortet Ray, während er skeptisch hoch zur Klimaanlage in der Wand schielt. Und dann zum Sofakissen, so als wolle er die Höllendimension seines geschosshaften Absturzes noch einmal nachvollziehen.

Die Schöne wirkt auf einmal völlig entspannt. Und schöner, denn je. „Na, dann erzähl mir doch eine lustige Hummelhimmelsgeschichte“, sagt sie sichtlich animiert und lässt sich lachend in den Schreibtischstuhl zurückfallen. „Hast du Lust?“
„Im Augenblick fällt mit keine lustige ein“, antwortet Ray einsilbig. „Heute ist einfach nicht mein Tag.“
„Ach, wie schade.“
„Aber vielleicht können Sie mir ja eine Geschichte erzählen“, erwidert Ray schüchtern. Das Herz klopft ihm bis zum Hals.
„Nun, wenn du unbedingt willst …“ Die Schöne denkt nach und wird plötzlich überraschend ernst. „Gut!“, sagt sie nach einer Weile entschlossen. „Dann werde ich dir jetzt eine Geschichte erzählen, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Lustig aber ist sie wahrlich nicht. Es ist nämlich meine Geschichte. Und einem so wunderschönen Tier wie dir, erzähle ich sie von Herzen gerne.“

Eigentümlich ruhig und überaus gefasst beginnt die Schöne zu erzählen: „Da war einmal ein blutjunges Mädchen, das munter und fröhlich in den Tag hineinlebte. Aber es lag auch ein Schatten über ihr, denn ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Doch damit nicht genug, gab es doch noch einen anderen Schatten in ihrem Leben, von dem sie allerdings zunächst noch keinerlei Ahnung hatte. Das aber sollte sich bald ändern. Denn eines Nachts schlüpfte ihr Vater, mit dem sie alleine lebte, in ihr Bettchen und verging sich an ihr. Und das Jahre lang, bis sie eines Tages von ihm schwanger wurde. Und da sie sich nicht zu helfen wusste, nahm ihr der Vater das Kind, das sie gebar, kurzerhand ab. Das Mädchen verzweifelte und wurde krank. Schwer krank an ihrer Seele. Seitdem ist sie nur mehr der Schatten ihrer selbst und vegetiert in furchtbarer Eintönigkeit dahin – sie kann weder leben noch sterben. Gefangen in einem gespenstischen Zwischenreich und fürchterlich geplagt von mysteriösen Anfällen, in denen sie der Welt vollends abhandenkam. Dann konnte sie nämlich nicht mehr sprechen und nichts mehr hören und war wie abgekapselt von den Dingen um sie herum. Dann aber kam ein kleiner Mann mit lustigem Fell und spielte ihr eine Musik vor, die sie mit einem Mal aus ihrer ewigen Düsternis befreite. Und dafür wird ihm das Mädchen für immer dankbar sein und ihn für immer in ihrem Herzen bewahren.“

Ray reagiert nicht. In seinen Gedanken ist er längst beim Vater der Schönen hängengeblieben.
„Und wo ist der Vater des Mädchens jetzt?“, fragt er nach einer Weile schmallippig. Mächtige Hassgefühle steigen in ihm auf.
„Der sitzt oben in seinem Penthaus. Und das Mädchen hier vor Dir. In ihrer ehemaligen Gruft. Mein Gott, ein Wunder ...!“ Die Schöne sieht sich entgeistert um, als erstrahle für sie alles mit einem Mal in neuem Licht. „Und weißt du, was das Verrückteste an der ganzen Geschichte ist, mein kleiner Mann?“ Die Schöne sieht Ray mit großen Augen an.
„Nein“, erwidert Ray. „Wie sollte ich?“
„Der Vater des Mädchens hat eine Apiphobie!
„Eine was …?“ Ray glotzt die Schöne verwirrt an.
„Er hat furchtbare Angst vor Bienen und Hummeln. Ist das nicht wirklich zum Lachen?“
„Ich glaube, ich muss jetzt mal los“, unterbricht Ray völlig überraschend, aber nicht ganz ohne Hintergedanken. „Tut mir wirklich leid!“
„Wie schade. mein Lieber“ haucht die Schöne. „Doch eines noch: Du hast mir sehr geholfen. Du bist ein wirklich fantastischer Seelsorger!“
Ray zuckt unwillkürlich zusammen. „Und wie komm ich hier wieder raus? Die Fenster sind ja sicher alle verschlossen. Ich habe mich nämlich schrecklich verirrt und bin über die Klimaanlage dort oben hier zufällig hereingeraten.“
„Kein Problem, Ray. Kopf hoch. Drüben gibt es ein kleines Kippfenster. Da lass ich dich raus. Komm!“

Anmutig reicht ihm die Schöne die Hand. Ohne zu Zögern greift Ray zu, krabbelt begierig auf ihre Hand und schmiegt sich fest an diese an. Am liebsten würde er für immer bei der Schönen bleiben. Aber es drängt ihn nach draußen. Er will Rache nehmen. Nichts hält ihn mehr zurück.

Fortsetzung folgt