RAY
Kapitel 8 und 9

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
9. April 2021
RAY von Peter Mussbach

8

Kaum dass die Schöne, die – oh Wunder – durch die Musik ins Leben zurückgefunden und Ray durch einen Fensterspalt in die Freiheit entlassen hat, geht ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Er wird sich am Vater seiner Angebeteten rächen – für das, was er seiner Tochter angetan hat.

„Der kann sich auf was gefasst machen da oben in seinem Penthouse“ ruft Ray in Rage, gibt zornesentbrannt Gas und schraubt sich in weiten Kurven in immer höhere Sphären empor, bis er endlich die 77. Etage des Horrorhauses weit oben erreicht hat und schließlich auf einer der Terrassen der Luxusimmobilie eine perfekte Landung hinlegt. So, jetzt muss er sich erst einmal orientieren.

„Nein. Das mache ich keinesfalls. Ich bin doch nicht verrückt, in diese Scheißpapiere noch weiter zu investieren,“ hört Ray auf einmal eine penetrante Männerstimme, die durch eine der weit offenstehenden Verandatüren zu ihm herüberdringt. Und als er neugierig ein paar Meter zur Seite krabbelt, um den Mann drinnen sehen zu können, nimmt er schließlich einen älteren, aber äußerst elegant wirkenden Herren magerer Gestalt wahr, der in einem super ausgestatteten Wohnraum auf einem Designerstuhl sitzt und an seinem Handy hängt.

„Und das mit meiner Privatmaschine geht doch hoffentlich klar. In spätestens zwei Stunden muss ich los. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein …!“ Mit einem Mal ist alle Vornehmheit vom Hageren abgefallen. Wutentbrannt springt er auf und kommt telefonierend auf die Terrasse herausgestürmt. Direkt auf Ray zu. „Mann, machen Sie das mit meiner Maschine sofort klar, sonst werden sie die Konsequenzen zu spüren bekommen …!“

Wie vom Donner gerührt hockt Ray da und sucht – sich panisch auf der weitläufigen Terrasse nach allen Seiten hin umblickend – nach irgendeiner Deckung. Doch da ist keine in seiner unmittelbaren Umgebung – Ray läuft kopflos los. Doch bald schon hört er direkt hinter sich die Schuhe des Hageren, deren Ledersohlen auf dem Marmorboden widerlich knirschen und ihn jeden Moment zu zerquetschen drohen. In letzter Sekunde hechtet Ray zur Seite – um ein Haar hätte der Hagere Hackfleisch aus ihm gemacht.

„Ich bitte Sie. Was heißt hier Shutdown? Ich will die Starterlaubnis für meine Maschine, und zwar sofort, hören Sie? Was ...? Das darf doch nicht wahr sein …?“
Mittlerweile steht der Hagere mit dem Rücken zu Ray in der Nähe der Brüstung seiner großflächigen Terrasse, schaut auf die Skyline der Stadt hinüber und macht dabei sein Gegenüber am Telefon zu Kleinholz.

Augenblicklich greift Ray an, startet behände durch und fliegt mit vehementem Brummen direkt auf den Hageren zu. Und als dieser das Brummen bemerkt und sich ungläubig umwendet, schreit er auch schon fürchterlich auf. Schließlich leidet dieser ja an einer Apiphobie, wie es ihm die Schöne gesteckt hatte. Panikartig weicht der Hagere, dem das Handy entgleitet, vor Ray zurück, wobei er aber nach wenigen Schritten schon mit einem jähen Aufschrei rücklings über die Brüstung geht und unweigerlich in die Tiefe fällt, während Ray durchstartet, um das Weite zu suchen.

Aber Ray kommt nicht weit. Mit einem Mal verdüstert sich der Himmel um ihn herum und eine Armada von Hummeln steuert von allen Seiten auf ihn zu. Ray taumelt und kollabiert in der Luft.

9

Ray fasst es nicht: Er sitzt auf einmal wieder hoch oben in wunderbarer Natur auf einer Bank. Am Rande einer abschüssigen Bergwiese, von wo er die idyllische Landschaft, die sich unter ihm ausbreitet, bestens überschauen kann – verdammt, so hatte sein Albtraum auf der bescheuerten Straßenlampe doch auch begonnen. Ray ist völlig durch den Wind.

Aber da ist noch etwas, was ihn den Atem stocken lässt. Denn überall schwirren auf einmal jede Menge Hummeln durch die Landschaft und ergötzen sich an bunt blühenden Wiesen. In seinem Albtraum aber war er hier doch mutterseelenallein gewesen – Ray fasst es nicht.
Wo kommen auf einmal all die Hummeln her? Lange war er keinem seiner Kollegen mehr begegnet, denn seine Art war ja am Aussterben, wie die Schöne so richtig bemerkt hatte.

„Hey!“, hört Ray urplötzlich eine Stimme neben sich auf der Bank. „Wie geht’s?“
„Weiß nicht!“, stottert Ray verwirrt, der sich völlig unerwartet einem seiner Kollegen gegenübersitzen sieht. „Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt er so beiläufig wie möglich.
„Wo wir hier sind? Der Kollege glotzt ihn fassungslos an. „Gute Frage. Aber leider nicht zu beantworten.“
„Wie das?“ Ray wird immer konfuser.
„Das weiß leider keiner hier. Wenn du mich fragst, muss es irgendein Zwischenreich sein, in dem wir uns hier befinden. So, als sei die Zeit abgestellt. Hier zerfließt nämlich alles irgendwie und immer herrscht Frühling.“
„Ach so,“ erwidert Ray, der nicht mehr weiß, was er denken soll.
„Aber wie auch immer“, fährt der Kollege gedankenverloren fort und blick sich skeptisch um. Eines weiß ich genau.“
„Und das wäre?“, murmelt Ray zögerlich und befürchtet das Schlimmste.
„Wir hier wurden alle ausgesondert. Irreparable Fehler im System, würde Stephen sagen. Oder einfach grottenschlecht programmiert, würde ich gegenhalten. Und du hast doch sicher auch irgendeinen Defekt. Wie lange bist du eigentlich schon hier?“
„Ich bin neu hier!“, sagt Ray tonlos. „Ich heiße Ray. Und wer bist du?“
„Sag mal, bist du noch ganz bei Trost?“ Der Kollege lacht widerlich laut auf.
„Warum?“ Ray versucht sich zu verteidigen.
„Weil hier alle Ray heißen!“
„Alle!“ Ray verstummt.
„Verdammt, was hast du denn? Hier heißt doch jeder Ray. Das ist doch der Name unseres Modells. „Heißt du etwa anders?“
„Nein“, sagt Ray leise und starrt ratlos ins Weite.

Unwillkürlich erinnert er sich an den engelsgleichen Kanon, der die Schöne wieder ins Leben zurückgeführt hatte. Der wird ihm vielleicht helfen, hier wieder herauszufinden – audio .