Peter Mussbach
RAY
Eine Erzählung in 9 Kapiteln
Peter Mussbach

RAY

Eine Erzählung in 9 Kapiteln

1

Aha, jetzt heißt er also Ray. Was soll er machen? Aber geschockt ist er doch, jetzt so plötzlich auch noch einen Namen wegbekommen zu haben. Der hat ihm gerade noch gefehlt. Schließlich hatte er in den letzten Tagen schon genug mit sich selbst zu tun – irgendetwas geht da in ihm vor. Er verändert sich. Aber warum? Er hat keine Ahnung. An ihm liegt es jedenfalls nicht.

Ray! hat ihm die Göre da gerade vom Balkon aus noch nachgerufen, als er schon den Abflug machte, weil ihm deren Rumgelaber mächtig auf den Geist gegangen war. Ray. Ab jetzt heißt du Ray. Verstehst Du? Besuch mich bald wieder. Ihre schrille Stimme klingt ihm jetzt noch im Ohr.

Da hockt er nun mit seinem Namen, der ihm obendrein auch noch so eine Art Identität verpasst. So irgendein Ich. Wer einen Namen hat, weiß schließlich auch, wer gemeint ist. Ob der Göre eigentlich klar war, was sie da mit ihm anstellt? Er ist völlig aus der Spur geraten. Dabei war er bislang auch ohne Identität Bestens zurechtgekommen.

Und dennoch. Irgendetwas fasziniert ihn an der ganzen Sache: Es brennt ihm mächtig unter den Nägeln, mehr über diesen Ray zu erfahren. Wie der Typ wohl so drauf ist? Couragiert nimmt er sich ein Herz, schließt fest die Augen und versucht, sich den Kerl vorzustellen.
„Ray …“ sagt er beschwörend vor sich hin und sinnt dem Klang des Wortes lange nach. Ray klingt irgendwie sportlich, ja athletisch, geht es ihm durch den Kopf. Aber auch ziemlich attraktiv. Der Typ muss eine überwältigende Ausstrahlung haben.

Um das zu checken, müsste er jetzt einen Spiegel haben. Er hält inne und lacht ungläubig auf: Auf die absurde Idee, sich im Spiegel zu betrachten, war er bislang noch nie gekommen. Wie auch? So ohne Namen und Identität war sein Leben einst eine einzige Wonne gewesen. Leicht und unbeschwert.

Er seufzt auf. Mit einem Mal gibt es für ihn kein Zurück. Jetzt muss er wissen, wer er ist. Verdammt, irgendwo wird sich doch noch irgendein Spiegel finden lassen. Ohne weiter nachzudenken, gibt er sich einen Ruck und düst los. Er muss sich beeilen, die Sonne wird bald untergehen. Dann ist es dunkel und er kann seinen Spiegel vergessen.

 

2

Als er nach einer langgezogenen Schattenzone wieder durchs sanft-gelbe Licht der Abenddämmerung dahineilt, wird er auf einmal vom großen Ball der knapp überm Horizont untergehenden Sonne mächtig geblendet. Für einen Moment gerät er schlingernd vom Kurs ab. Verflucht, was ist nur mit ihm los? Jetzt hat er vor lauter Aufregung auch noch seine Instinkte verloren – die Sonne müsste doch eigentlich in seinem Rücken untergehen?

Unverzüglich vollführt er eine waghalsige Steilkurve und hat auf einmal schon wieder den übergroßen, rot-glühenden Sonnenball vor Augen. Diesmal aber den echten, da ist er sich absolut sicher. Also musste die Sonne hinter ihm da gerade ihr täuschend echtes Spiegelbild gewesen sein. Auf der Fassade irgendeines verspiegelten Hochhauses zum Beispiel. Ray juchzt auf und dreht augenblicklich um. Doch solange er auch sucht und sich überall umsieht, das Sonnenspiegelbild hat sich in Luft aufgelöst.

Mittlerweile ist es stockdunkel geworden und Ray hat aufgegeben. Seine Absicht, Ray auf die Schliche zu kommen, hat er auf Morgen verschoben – ohne Sonne kein Spiegel. Müde und abgespannt hat er sich irgendwo in eine windstille Ecke verzogen und versucht einzuschlafen. Aber das will ihm nicht so recht gelingen. Ray hindert ihn daran – der will ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ungeduldig fiebert er dem neuen Tag entgegen. Dann wird er Ray endlich gegenüberstehen. Vor irgendeinem Spiegel irgendwo. Der wird sich schon finden.

Er hält inne. Plötzlich kommt ihm eine ganz andere Idee: Was wäre denn, wenn er es einfach einmal umgekehrt versuchen würde, das Geheimnis „Ray“ zu lüften. Dann müsste er ihn nicht von außen betrachten, sondern quasi sein Inneres erspüren, um herauszufinden, wie es sich in Ray so anfühlt. Dem Klang seines Namens zufolge muss der ja ziemlich athletisch sein. Also holt er tief Luft und spannt mit ganzer Kraft all seine Muskeln an. Eine Zeitlang hockt er so da, hält mächtig aufgepumpt den Atem an und wartet gespannt ab, ob ihm seine Gefühle Ray verraten. Doch bald gibt er entnervt und völlig außer Atem auf. Verdammt, er macht sich total lächerlich. Ray würde sich nicht so idiotisch verhalten. Der ist bestimmt cool und behält den Überblick. Er aber ist ein echter Waschlappen. Wenn er so weitermacht, kann er Ray vergessen.

Da spielt sich auf einmal etwas sehr Merkwürdiges direkt vor seinen Augen ab. Oder täuscht er sich? Verdammt. In seinem labilen Zustand die letzten Tage über weiß er zuweilen einfach nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Vorsichtig nähert er sich dem Unbekannten da vor sich, das währenddessen in seinen Umrissen allmählich größer wird. Er bleibt konsterniert stehen, das unbekannte Wesen aber auch. Verwirrt wendet er sich ab und checkt argwöhnisch die Umgebung. Direkt ihm gegenüber sieht er auf einmal eine alte Straßenlampe dastehen, die mit ihrem gelblichen Licht zu ihm herüberflackert. Und als er irritiert vor sich zu Boden blickt, kann er da auch den schwachen Schattenriss seines Körpers erkennen, der nur vom Licht der Lampe herrühren kann.  

Er fährt erschrocken zusammen: Der Unbekannte, dem er sich da gerade eben gegenübersah, kann nur er selbst gewesen sein. Das Herz klopft ihm bis zum Hals. Er hat furchtbare Angst, sich umzudrehen und sich in die Augen zu sehen. Dann aber wagt er es doch, wendet sich zitternd um und sieht sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst – im spiegelnden Glas irgendeines Fensters, vor dem er offenbar hockt. Im spärlichen Schein der Lampe kann er sich allerdings nur schemenhaft und in vagen Umrissen erkennen. Fassungslos starrt er sich an und wagt sich nicht zu rühren.

„Das also ist Ray“, murmelt er nach einer Weile völlig deprimiert. Den Typ da hatte er sich wirklich ganz anders vorgestellt, wenn er ehrlich ist. Jedenfalls nicht so dickleibig und plump, wie auf dem düsteren Schwarz-Weis-Bild dort, das in seiner Sepiafärbung wie ein Foto aus längst vergangener Zeit daherkommt. Lange hält er diesen desillusionierenden Anblick nicht mehr aus – sein Spiegelbild passt einfach nicht zu ihm. Eine Art Identitätskrise droht sich seiner zu bemächtigen.

„Der da oder ich“, schimpft er enttäuscht und wendet sich von seinem Konterfei abrupt ab. Völlig entnervt stapft er los und klettert durch das offenstehende Fenster in den dahinter gelegenen Raum hinein. Er hat partout keine Lust, mit dem verfluchten Bild da vor seiner Nase die ganze Nacht verbringen zu müssen. Außerdem ist es hier draußen mittlerweile arschkalt geworden, und drinnen wird er hoffentlich ein wärmeres Plätzchen für sich finden.

Eine Erzählung in 9 Kapiteln
Kapitel 1 und 2

1

Aha, jetzt heißt er also Ray. Was soll er machen? Aber geschockt ist er doch, jetzt so plötzlich auch noch einen Namen wegbekommen zu haben. Der hat ihm gerade noch gefehlt. Schließlich hatte er in den letzten Tagen schon genug mit sich selbst zu tun – irgendetwas geht da in ihm vor. Er verändert sich. Aber warum? Er hat keine Ahnung. An ihm liegt es jedenfalls nicht.

Ray! hat ihm die Göre da gerade vom Balkon aus noch nachgerufen, als er schon den Abflug machte, weil ihm deren Rumgelaber mächtig auf den Geist gegangen war. Ray. Ab jetzt heißt du Ray. Verstehst Du? Besuch mich bald wieder. Ihre schrille Stimme klingt ihm jetzt noch im Ohr.

Da hockt er nun mit seinem Namen, der ihm obendrein auch noch so eine Art Identität verpasst. So irgendein Ich. Wer einen Namen hat, weiß schließlich auch, wer gemeint ist. Ob der Göre eigentlich klar war, was sie da mit ihm anstellt? Er ist völlig aus der Spur geraten. Dabei war er bislang auch ohne Identität Bestens zurechtgekommen.

Und dennoch. Irgendetwas fasziniert ihn an der ganzen Sache: Es brennt ihm mächtig unter den Nägeln, mehr über diesen Ray zu erfahren. Wie der Typ wohl so drauf ist? Couragiert nimmt er sich ein Herz, schließt fest die Augen und versucht, sich den Kerl vorzustellen.
„Ray …“ sagt er beschwörend vor sich hin und sinnt dem Klang des Wortes lange nach. Ray klingt irgendwie sportlich, ja athletisch, geht es ihm durch den Kopf. Aber auch ziemlich attraktiv. Der Typ muss eine überwältigende Ausstrahlung haben.

Um das zu checken, müsste er jetzt einen Spiegel haben. Er hält inne und lacht ungläubig auf: Auf die absurde Idee, sich im Spiegel zu betrachten, war er bislang noch nie gekommen. Wie auch? So ohne Namen und Identität war sein Leben einst eine einzige Wonne gewesen. Leicht und unbeschwert.

Er seufzt auf. Mit einem Mal gibt es für ihn kein Zurück. Jetzt muss er wissen, wer er ist. Verdammt, irgendwo wird sich doch noch irgendein Spiegel finden lassen. Ohne weiter nachzudenken, gibt er sich einen Ruck und düst los. Er muss sich beeilen, die Sonne wird bald untergehen. Dann ist es dunkel und er kann seinen Spiegel vergessen.

 

2

Als er nach einer langgezogenen Schattenzone wieder durchs sanft-gelbe Licht der Abenddämmerung dahineilt, wird er auf einmal vom großen Ball der knapp überm Horizont untergehenden Sonne mächtig geblendet. Für einen Moment gerät er schlingernd vom Kurs ab. Verflucht, was ist nur mit ihm los? Jetzt hat er vor lauter Aufregung auch noch seine Instinkte verloren – die Sonne müsste doch eigentlich in seinem Rücken untergehen?

Unverzüglich vollführt er eine waghalsige Steilkurve und hat auf einmal schon wieder den übergroßen, rot-glühenden Sonnenball vor Augen. Diesmal aber den echten, da ist er sich absolut sicher. Also musste die Sonne hinter ihm da gerade ihr täuschend echtes Spiegelbild gewesen sein. Auf der Fassade irgendeines verspiegelten Hochhauses zum Beispiel. Ray juchzt auf und dreht augenblicklich um. Doch solange er auch sucht und sich überall umsieht, das Sonnenspiegelbild hat sich in Luft aufgelöst.

Mittlerweile ist es stockdunkel geworden und Ray hat aufgegeben. Seine Absicht, Ray auf die Schliche zu kommen, hat er auf Morgen verschoben – ohne Sonne kein Spiegel. Müde und abgespannt hat er sich irgendwo in eine windstille Ecke verzogen und versucht einzuschlafen. Aber das will ihm nicht so recht gelingen. Ray hindert ihn daran – der will ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ungeduldig fiebert er dem neuen Tag entgegen. Dann wird er Ray endlich gegenüberstehen. Vor irgendeinem Spiegel irgendwo. Der wird sich schon finden.

Er hält inne. Plötzlich kommt ihm eine ganz andere Idee: Was wäre denn, wenn er es einfach einmal umgekehrt versuchen würde, das Geheimnis „Ray“ zu lüften. Dann müsste er ihn nicht von außen betrachten, sondern quasi sein Inneres erspüren, um herauszufinden, wie es sich in Ray so anfühlt. Dem Klang seines Namens zufolge muss der ja ziemlich athletisch sein. Also holt er tief Luft und spannt mit ganzer Kraft all seine Muskeln an. Eine Zeitlang hockt er so da, hält mächtig aufgepumpt den Atem an und wartet gespannt ab, ob ihm seine Gefühle Ray verraten. Doch bald gibt er entnervt und völlig außer Atem auf. Verdammt, er macht sich total lächerlich. Ray würde sich nicht so idiotisch verhalten. Der ist bestimmt cool und behält den Überblick. Er aber ist ein echter Waschlappen. Wenn er so weitermacht, kann er Ray vergessen.

Da spielt sich auf einmal etwas sehr Merkwürdiges direkt vor seinen Augen ab. Oder täuscht er sich? Verdammt. In seinem labilen Zustand die letzten Tage über weiß er zuweilen einfach nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Vorsichtig nähert er sich dem Unbekannten da vor sich, das währenddessen in seinen Umrissen allmählich größer wird. Er bleibt konsterniert stehen, das unbekannte Wesen aber auch. Verwirrt wendet er sich ab und checkt argwöhnisch die Umgebung. Direkt ihm gegenüber sieht er auf einmal eine alte Straßenlampe dastehen, die mit ihrem gelblichen Licht zu ihm herüberflackert. Und als er irritiert vor sich zu Boden blickt, kann er da auch den schwachen Schattenriss seines Körpers erkennen, der nur vom Licht der Lampe herrühren kann.  

Er fährt erschrocken zusammen: Der Unbekannte, dem er sich da gerade eben gegenübersah, kann nur er selbst gewesen sein. Das Herz klopft ihm bis zum Hals. Er hat furchtbare Angst, sich umzudrehen und sich in die Augen zu sehen. Dann aber wagt er es doch, wendet sich zitternd um und sieht sich zum ersten Mal in seinem Leben selbst – im spiegelnden Glas irgendeines Fensters, vor dem er offenbar hockt. Im spärlichen Schein der Lampe kann er sich allerdings nur schemenhaft und in vagen Umrissen erkennen. Fassungslos starrt er sich an und wagt sich nicht zu rühren.

„Das also ist Ray“, murmelt er nach einer Weile völlig deprimiert. Den Typ da hatte er sich wirklich ganz anders vorgestellt, wenn er ehrlich ist. Jedenfalls nicht so dickleibig und plump, wie auf dem düsteren Schwarz-Weis-Bild dort, das in seiner Sepiafärbung wie ein Foto aus längst vergangener Zeit daherkommt. Lange hält er diesen desillusionierenden Anblick nicht mehr aus – sein Spiegelbild passt einfach nicht zu ihm. Eine Art Identitätskrise droht sich seiner zu bemächtigen.

„Der da oder ich“, schimpft er enttäuscht und wendet sich von seinem Konterfei abrupt ab. Völlig entnervt stapft er los und klettert durch das offenstehende Fenster in den dahinter gelegenen Raum hinein. Er hat partout keine Lust, mit dem verfluchten Bild da vor seiner Nase die ganze Nacht verbringen zu müssen. Außerdem ist es hier draußen mittlerweile arschkalt geworden, und drinnen wird er hoffentlich ein wärmeres Plätzchen für sich finden.

Kapitel 3

Ray bleibt irritiert stehen. Verdammt, der Raum ist stockdunkel. Das hat er in seinem Zustand erst gar nicht bemerkt - er kommt sich vor, als stünde er komplett neben sich  Dass er der auf dem Spiegelbild da draußen sein soll, treibt ihn ganz schön um. Er fröstelt. Hier drinnen ist es auch nicht wesentlich wärmer. Zurück? Keinesfalls. Dann muss er ja wieder an seinem Spiegelbild vorbei. Einfach wegschauen, wird ihm nicht gelingen, wie er sich so kennt.

Als sich seine von Nachtblindheit geschwächten Augen einigermaßen an die Finsternis gewöhnt haben, bemerkt er auf einmal das bläuliche Licht eines Monitors, das von hinten in der Ecke zu ihm herüberschimmert. Auf dem ist eine quietschbunte Spielzeugwelt zu sehen. Mit einem kuriosen Bauernhof mittendrin, dessen Holzbalkone herzförmig-drollige Luftlöcher zieren und obenauf jede Menge pinkfarbene Geranien thronen haben, die wie superschrille Girlanden um das Haus herumhängen. Offenbar wird drinnen mächtig gefeiert – schräge Blasmusik tönt penetrant durch die weit geöffneten Fenster im Erdgeschoss.

Ray ist total perplex. Den Irrsinn muss er sich aus der Nähe anschauen. Langsam und vorsichtig krabbelt er los, er kann in der Düsternis hier ja kaum sehen. Also konzentriert er sich auf den Monitor, um die Richtung zu halten, staunend, was es auf der Welt nicht so alles gibt: Ein violett-glitzerndes Bächlein plätschert am Bauernhof vorbei und schlängelt sich zwischen grüngrünen Wiesen und üppigen Gemüsebeeten durch eine schrill-aufgemotzte Aue, von lustigen, halbrundgeformten Hügeln mit allerlei bizarrem Buschwerk im Hintergrund umrahmt. Auf den fetten Wiesen, auf denen hier und da auch weißweiß-blühende Kirschbäume stehen, grast eine Unzahl schwarzweißgefleckter Kühe die – mächtig an Leibesfülle und mit prall-gefüllten rosa Eutern – allesamt nur eines tun, sie fressen und fressen. Ihr vulgäres Schmatzen ist trotz der knalligen Blasmusik nicht zu überhören. Ray würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, wenn er könnte. Er hat ein überaus empfindliches Gehör.

An einem kleinen, wie von Kinderhand gemalten Kuhstadel mit grotesken Schindeln als Lebkuchendach lehnt eine feuerrote, nicht zu übersehende Mistgabel, die immer wieder penetrant aufblinkt, als solle man sich unverzüglich an die Arbeit machen. Denn unmittelbar neben ihr steht eine Riesenschubkarre, die von Kuhmist beinahe überquillt. Und der muss offenbar dringend auf den ungeheuerlichen Misthaufen da droben auf einen der Comic-Hügel entsorgt werden. Ray wundert es nicht, dass da keiner freiwillig hochwill: Denn mitten aus dem Misthaufen heraus steigen widerliche gelbbraune Schwaden in einen ansonsten blaublauen Himmel empor, in welchem hier und da ein paar weißweiße Zuckerwattewölkchen herumschweben, die vor dem penetranten Geruch in der Luft zurückzuweichen scheinen. Ray glaubt den Gestank zu riechen. Irritiert bleibt er einen Moment lang stehen und rümpft angewidert die Nase. Von Computerspielen, die man auch riechen kann, hat er noch nie gehört.

Endlich ist er nun direkt vor dem Monitor angelangt, und lässt die Details, die ihm bislang entgingen, gebannt auf sich wirken. Um die Kirschbäume taumeln und brummen etliche kleine dicke Hummeln herum, wie er jetzt erkennen kann – prompt kriegt Ray einen Lachanfall. „Ich fass es nicht!“, ruft er amüsiert aus.
„Kurt, bist du’s?“ hört er mit einem Mal eine Stimme von nebenan. Ray zuckt zusammen und beißt die Lippen aufeinander. Urplötzlich durchdringt entsetzlicher Lärm den ganzen Raum. Denn die Kühe, deren rosa Euter mittlerweile zum Platzen angeschwollen sind, stehen auf einmal wie angewurzelt da, starren aus dem Monitor ins Leere hinaus und brüllen so herzerbärmlich auf, dass es Ray durch Mark und Bein fährt. Selbst die witzigen Quastenvögel, die in den kitschig-blühenden Kirschbäumchen hocken, verharren in Schockstarre und scheinen mit ihren winzigen Kulleraugen auffordernd zu Ray herüberzublinzeln, als solle sich der jetzt endlich in Bewegung setzen, und die armen Kühe von ihrer Milch befreien.

„Mein Gott, ich muss ja noch melken, das habe ich total vergessen“, hört Ray auf einmal eine rauchige Stimme rufen. Als er sich völlig überrascht umwendet, erkennt er im Dämmer den Schatten eines monströsen Nilpferds mit langen wirren Haaren, das sich entsetzlich schnaufend und röchelnd durch eine enge Türöffnung zwängt, und direkt auf ihn zuwankt. Ray hockt da wie im Schock und weiß nicht zu reagieren.
„Die armen Tiere sind ja schon völlig kirre“, keucht das sich nähernde Monster. „Verdammt, und all der Kuhmist muss ja auch noch auf den Misthaufen da oben ... Jaja, die Mistgabel, ich weiß schon, die muss gar nicht so irre blinken. Verflucht, das ist wieder ein Tag, da bräuchte man glatt vier Hände!“

Mit einem lauten Plumps lässt sich das Riesentier auf einen versifften Sessel zurückfallen, der direkt vor dem PC steht, fährt sich tief aufseufzend durch die schmierig-verklebten Haare und richtet sich schließlich völlig entnervt auf: „Verdammt, ich melke ja schon!“, brüllt das Untier und beugt sich schwer atmend über die Tastatur.

Ray, der direkt neben der Tastatur hockt, versucht panikartig zu entkommen, sieht sich aber schon von einer fleischigen Riesenklaue, die sich wie eine Wand direkt vor ihm aufbaut, jäh gestoppt. „Nanu, wen haben wir denn da?“, hört er das Monster hinter sich.

Ray versucht die äußerst brenzlige Situation zu überspielen, wendet sich nassforsch um und mandelt sich auf. „Ray“, ruft er so laut er kann, um das entsetzliche Gebrüll der Kühe zu übertönen. „Ich heiße Ray.“
„Ray, das ist ja mal ein Name!“, erwidert das Monstertier und lehnt sich prustend im Sessel zurück. „Und ich bin Tania, mein Kleiner. Wir können uns ruhig duzen!“ Das Monster lacht widerlich laut auf und fingert nach einem Whiskyglas direkt neben Ray, der sich gerade noch weg duckt, um nicht zur Seite geschleudert zu werden.

Im Schein des Monitors kann Ray das vermeintliche Ungeheuer jetzt gut erkennen. Es ist eine noch ziemlich jung wirkende Frau, die allerdings mehrere Zentner wiegen muss. Ihrem monströsen Körper fehlt jegliche Kontur, von ihrem aufgedunsenen Gesicht ganz zu schweigen. Um das Schlimmste zu vertuschen, hat sich die Frau, die einem riesigen Fleischberg gleicht, ein überdimensionales knallrotes Tuch übergeworfen und kippt einen nach dem anderen Whisky in sich hinein. Erst jetzt bemerkt Ray die Batterie leerer Flaschen, die um den PC herumstehen. Und jetzt riecht er auf einmal auch die ungeheuerliche Alkoholfahne der Monsterfrau, die trotz des Gestanks der Kuhscheiße penetrant zu ihm herüberdringt.

Um die Situation zu retten, geht Ray völlig unvermittelt zur Konversation über. „Warum spielst du Bauernhof, wenn’s dich so anstrengt, Tania?“, sagt er mit hochbesorgter Miene. „Deine miese Laune kann ich durchaus nachvollzuziehen. Selbst mir geht das Gezeter der Kühe ganz schön auf die Nerven ...“
Wie abzusehen rastet Tania aus und schlägt wütend mit der Faust auf den Tisch, dass es furchtbar donnert und der Tisch wackelt wie bei einem Erdbeben. Ray kann gerade noch zur Seite hechten, um nicht zerschmettert zu werden.
„Moment, Kleiner!“, ruft Tania enerviert und drückt brutal auf „Pause“.

Plötzlich herrscht unwirkliche Stille. Ray summt es unangenehm in den Ohren. „Was mischst du dich da ein, Winzling“, röchelt Tania und nimmt Ray mit ihren glasigen Knopfaugen ins Visier. „Ich kann spielen, was ich will, hörst du? Den Bauernhof da habe ich mir über die Jahre hinweg mit Liebe zusammengestellt, das solltest du wissen. Woher kennst du eigentlich das Spiel, liebst du etwa auch Natur?“
„Aber ja doch“ erwidert Ray entgeistert. „Sollte ich etwa nicht?“
„Lass die Scherze, Winzling“, schimpft Tania sichtlich beleidigt. „Aber du musst schon verstehen, manchmal wird’s selbst mir einfach zu viel. Morgen kommen schon wieder die Tomaten dran. Und das Unkraut da wuchert wie die Pest, siehst du? Da ist mir gestern der Dünger ordentlich danebengegangen. Und überhaupt … Steh‘ du mal eine geschlagene Stunde tief gebückt vor dem Gemüsebeet da und jäte Unkraut. Verdammt, dass die kein Pflanzengift zulassen, diese Sadisten. Komm hilf mir, Junge, sonst nimmt die Sache heute ja nie ein Ende …“

Entschlossen drückt Tania auf „Weiter“. Glücklicherweise haben sich die Kühe mittlerweile ziemlich beruhigt und linsen hoffnungsfroh nach Tania. Die wird ihnen sicher gleich helfen, ihre Milchlast loszuwerden.
„Du kannst dich schon mal um den Mist dort in der Schubkarre kümmern, Kleiner. Der muss unbedingt auf den Misthaufen da oben. Siehst du?“
Ray nickt deprimiert und gibt klein bei.
„Und ich fang schon mal mit dem Melken an, sonst geht das verfluchte Gebrüll gleich wieder los!“, erklärt Tania und zwinkert den Kühen liebevoll zu.
„Okay, gemacht“ murmelt Ray hilflos und tut so, als würde er sich schon einmal die Ärmel hochkrempeln.
„Willst du mich etwa verarschen, Kleiner? Das geht doch alles elektronisch …Verdammt. Jetzt hast du mir echt die Laune verdorben!“

Jähzornig drückt Tania auf „Exit“ und der Bauernhof verschwindet.
„Komm, lass uns Revolution spielen, das bringt uns jetzt mehr Spaß“, ruft sie euphorisch aus. „Das spiele ich am liebsten zusammen mit Kurt, meinem Sohn ...“ Tania äugt besorgt zur Tür. „Wo der nur bleibt. Der wagt sich trotz der Ausgangssperre nämlich immer wieder aus dem Haus. Hoffentlich haben sie ihn diesmal nicht weggesperrt und aus dem Verkehr gezogen, weil er sich nicht ans Gesetz hält. Man weiß ja nie … Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, Kleiner. Der gilt nur für Menschen. Aber nun schau doch!“

Inzwischen sind auf dem Monitor die Straßenzüge einer Großstadt aufgetaucht. Schwarz von Menschen und so realistisch wie im Film. Die Gesichter der Aufständischen sind mit schwarzen Mützen vermummt, die lediglich Augenschlitze haben. Revolution, Revolution skandieren sie beinhart, zünden Autos an und durchbrechen hochaufragende Polizeibarrikaden.

Tania kommt auf einmal heftig ins Schwitzen. „Da braut sich was Entsetzliches zusammen, glaube ich. Ich habe nämlich vorhin die aufständischen Massen auf die Straßen gehetzt, und sie mit Steinen und Molotowcocktails ausgerüstet. Jetzt aber drehen die durch, siehst du!“
„Jaja, entsetzlich“, brummelt Ray verwirrt.
„Ich sollte jetzt vielleicht besser die Polizeikräfte rufen“, stöhnt Tania völlig überfordert. „Dabei habe ich doch noch keinerlei Strategie, verflucht! Mal sehen, ob wir die wild gewordenen Horden erstmal mit Tränengas oder besser gleich mit Wasserwerfern zur Räson bringen. Vielleicht aber schaffen wir’s ja auch nur mit Schnellfeuergewehren, wenn die noch komplett durchdrehen. … Wehe, wenn ihr mir die Stadt verwüstet und auch noch die schönen Geschäfte plündert, ihr Arschlöcher“, ruft Tania völlig hilflos den Massen auf dem Monitor zu.

Ray wird schwindelig – völlig überraschend ist das ganze Geschehen urplötzlich aus der Vogelperspektive zu beobachten.
„Schau, Kleiner“, ruft Tania triumphierend. „Ich habe jetzt zum Polizeihelikopter hochgeschaltet, um uns etwas Überblick und Hilfe zu verschaffen! Siehst du?“
„Jaja!“, erwidert Ray abwesend und denkt nur noch daran, den Abflug zu machen.
„Verdammt, sieht ja ganz schön bedrohlich aus da unten!“, ruft Tania kreidebleich dem Piloten im Helikopter zu. „Was soll ich nur machen, haben Sie eine Idee, Sir?“
„Nein Mädel“, erwidert der Pilot hämisch grinsend. „Das ist dein Spiel!“
Zornesentbrannt schlägt Tania mit voller Wucht erneut auf den Tisch. Diesmal aber ist Ray wachsamer und hat sich rechtzeitig hinter der Batterie von Whiskyflaschen in Sicherheit gebracht.

„Sofort angreifen!“, schreit Tania plötzlich wie besinnungslos auf.
„Jaja, aber wie?“, ruft der Pilot ihr zurück. „Du hast zehn Sekunden, Mädel! Sonst kriegst du jede Menge Minuspunkte! Und wenn’s hochkommt, vierundzwanzig Stunden lang Spielentzug!“
„Was meinst du, Kleiner?“ blafft Tania sichtlich überfordert Ray an. „Wollen wir Tränengas und Wasserwerfer gleichzeitig einsetzen?“
Ray schweigt und schaut ratlos zu Boden, auf dem sich Kakerlaken im Düsteren tummeln.
„Wasserwerfer. Erstmal nur Wasserwerfer!“, ruft Tania atemlos, die mittlerweile in vollen Zügen aus der Flasche trinkt.

Augenblicklich schaltet das Bild wieder zu den Straßenschluchten hinunter: Plötzlich erscheinen überall riesige Wasserwerfer, die völlig überraschend aus den Seitenstraßen hervorkommen und unerbittlich auf die Massen zuhalten. Die schreien wütend auf und greifen an. Steine und Molotowcocktails fliegen hoch durch die Luft und setzen die Wasserwerfer augenblicklich in Brand.
„Verdammt!“, brüllt Tania entsetzt. „Panzer! Wo sind die scheiß Panzer, ich verlier noch das Spiel …“
„Ist mir scheißegal“, ruft Ray völlig entnervt, nimmt die ihm verbliebenen Kräfte zusammen und düst couragiert los. Durchs Stockfinstere in Todesangst Richtung Fenster. Zweimal noch kracht er gegen die Wand. Dann aber findet er endlich doch noch den Weg durchs halboffene Fenster ins Freie.

Kapitel 4

Ray hat richtig mies geschlafen – gefangen in einem nicht enden wollenden Albtraum. Noch ganz benommen hockt er am frühen Morgen oben auf dem Mast der Straßenlampe, deren trübes Licht ihm vergangene Nacht sein ihn niederschmetterndes Spiegelbild beschert hatte. Und als ihn Tania dann in ihrer Messie-Bude fast um den Verstand gebracht und beinahe auch noch zerschmettert hätte, musste er den Abflug machen und die Flucht ergreifen. Dass er es dabei aber nicht weit schaffen würde, war ihm von vorneherein klar gewesen – er war ja nachtlind. Deshalb hatte er es auch nur bis zu dieser bescheuerten Straßenlampe hier geschafft, auf der er gezwungenermaßen durch die Nacht kommen musste. Alles andere war ihm einfach zu unsicher gewesen. Schon in Tanias düsterer Rumpelkammer war er zweimal übel gegen die Wand geknallt, einmal volle Pulle sogar mit dem Kopf, also wollte er kein weiteres Risiko eingehen. Der Brummschädel, den er hat, reicht ihm schon.

Ray hält inne: Um ihn herum ist alles gespenstisch still. Als er verwundert aufblickt und sich umschaut, ist die Stadt menschenleer. Kein Schwanz ist zu sehen, kein Auto unterwegs – und das am helllichten Morgen mitten im Zentrum der Metropole, wo sonst um diese Zeit doch irrer Verkehr herrscht. Eine stillgelegte Stadt – und dies nun schon seit Monaten. Ray hat keinen blassen Schimmer, warum? Bei Tania war er ja nicht dazu gekommen, danach zu fragen. Die hatte lediglich ein paar Andeutungen gemacht. Jetzt aber, da er mit einem Mal mit Menschen reden und diese verstehen kann, wird er es hoffentlich herausfinden.

Aber gegen diese ohnehin schon sehr gespenstische Situation war sein Albtraum, der ihn kurz danach im Schlaf auf der Straßenlampe überfiel, der wahre Horrortrip gewesen: Darin hatte er sich urplötzlich in einem übergroßen Spinnennetz verfangen, ohne zu wissen, warum? Aber so sehr er sich auch drehte und wendete, mit Armen und Beinen um sich schlug und nach Hilfe schrie, die Sache wurde nicht besser: Denn bald schon hatte er sich in einem widerlichen Gespinst aus klebrigen Fäden völlig verheddert, sodass ihm keine Bewegung mehr möglich war – er hatte Todesangst. Just in diesem Augenblick verspürte er auf einmal einen brutalen, richtig widerlichen Stich in seinem Rücken. So als hätte irgendjemand nur auf diesen Moment gewartet, um ihn hinterhältig ins Jenseits zu befördern. Augenblicklich war ihm schwarz vor Augen geworden.

Als er im Traum dann aber wieder zu sich kommt, geht der Wahnsinn erst richtig los: Mit einem Mal hockt er da irgendwo hoch oben in wunderbarer Natur auf einer Bank. Am Rande einer ziemlich abschüssigen Wiese, von wo er die idyllische Berg- und Hügellandschaft, die sich vor seinen staunenden Augen ausbreitet, bestens überschauen kann. Er hat keine Ahnung, was ihn hierher verschlagen hat und wo er ist.

Aber irgendetwas stimmt nicht mit dieser Natur, das wird ihm bald klar. Was es aber ist, weiß er nicht zu sagen. Alles kommt ihm auf einmal völlig verändert vor. Wie unwirklich. Irgendwie fühlt er sich der Welt plötzlich gegenüber und nicht mehr in ihr – ein tiefes Fremdheitsgefühl bemächtigt sich seiner, war er früher doch stets eins mit den Dingen gewesen. Munter hatte er in den Tag hineingelebt. Jetzt aber ging ein Riss durch die Welt: Er hier und die Welt dort, diesen Eindruck hatte er jedenfalls. Verblüfft hält er inne: Hat er da gerade „Welt“ vor sich hingemurmelt? Wo er das Wort nur herhat? Früher war er in der Welt gewesen, und diese in ihm, da gab es keinen Unterschied Was brauchte es da Worte?

Völlig verwirrt schließt Ray die Augen und erschrickt schon wieder. Verflucht, auch sein Inneres hat sich völlig verändert – so als gehöre es gar nicht mehr zu ihm. Urplötzlich fühlt er ganz anders als sonst: Wie jemand, der neben sich steht, sein Innenleben von außen betrachtet und seine Gedanken und Gefühle plötzlich nachvollziehen kann. Ray lacht sarkastisch auf: So etwas wie ein Gedanke war ihm bislang völlig fremd gewesen. Er war einfach da. Entsetzt reißt er die Augen auf. Ihm verschwimmen die Konturen.

Als er sich nach einer Weile an seinen neuen Zustand etwas gewöhnt hat, lässt er seinen melancholischen Blick gedankenverloren über die Landschaft dahinschweifen, Woran es nur liegt? Sein altes Lebensgefühl hat er verloren? Da ist nichts Selbstverständliches mehr. Alles besitzt auf einmal Bedeutung und Sinn. Das hohe Gewächs da unten in der Talsenke zum Beispiel war gestern noch irgendein hohes Gewächs für ihn. Interessant oder nicht – je nachdem. Jetzt aber war dieses „Gewächs“ plötzlich ein Baum, ein Ahornbaum nämlich. Mit einem Mal wusste er von den Dingen. Doch brachte ihn das diesen näher? Ray fühlt sich wie festgenagelt in der Welt. Und doch weiß er nun auf einmal auch, dass er sterben muss. Voller Unruhe und schweißgebadet war er schließlich aus seinem Albtraum aufgewacht und wäre dabei auch noch fast von der oben gebogenen Straßenlampe gerutscht.

Jetzt aber hat er die Schnauze gehörig voll von diesem absurden Ort. Dass eine derart banale Straßenlampe einmal so eine Bedeutung für ihn gewinnen würde, daran hatte er nun wirklich nicht gedacht. Als er aber versucht, das verdammte Ding endlich hinter sich zu lassen und loszufliegen, wird er urplötzlich von einer männlichen, überaus sympathisch wirkenden Stimme zurückgehalten.

„Guten Morgen, Ray.“
„Wer spricht da?“ Völlig verunsichert schaut Ray nach unten zur Straße. Aber da ist niemand zu sehen. Es läuft ihm eiskalt übern Rücken.
„Keine Bange, Ray. Ich bin Stephen. Du kannst mich leider nicht sehen, aber hoffentlich gut hören.“
Ray schweigt betroffen. Klar und deutlich hört er die Stimme.
„Wundere dich bitte nicht, mein Lieber. Wir haben dich ausgewählt.“
„Mich?“ Ray schaut sich argwöhnisch nach allen Seiten hin um: Ihm ist, als würde die Stimme direkt aus seinem Kopf kommen.
„Wir brauchen dich! Wir leben in schweren Zeiten, Ray. Da ist jeder gefordert. Auch du!“

Ray hockt fassungslos auf dem Lampenmast und glaubt verrückt geworden zu sein. Jetzt hört er auch schon Stimmen.
„Keine Sorge, Ray. Mit dir ist alles in Ordnung. Ich bin dein Navigationsassistent.“
„Brauch keinen“, erwidert Ray trotzig und versucht sich der Stimme irgendwie zu erwehren. „Noch kann ich mich ganz gut alleine zurechtfinden“, blafft er ins Ungefähre.
„Die letzten Tage aber war das wohl ganz anders, oder?“
Überrascht legt Ray den Kopf zur Seite: „Woher willst du das denn wissen?“
„Nun, wir haben versucht, dich etwas aufzupäppeln. Aber anfangs war das bei dir nicht so ganz einfach. Jetzt aber bist du einer von uns. Ist doch jetzt endlich alles okay mit dir, oder?“
„Verflucht. was habt ihr mit mir gemacht?“ Ray wird schwindlig. So gut er kann, versucht er sich auf dem Metall der Straßenlampe festzukrallen. Zu allem Überdruss aber hat es jetzt auch noch angefangen zu regnen.  
„Nun, wir haben dich so richtig auf Vordermann gebracht. Und jetzt ist aus dir ein ganz besonderes Wesen geworden, auf das wir mächtig stolz sind und hoffentlich auch bauen können. Du kannst jetzt Denken und Sprechen – ist das etwa nichts?“

Ray denkt nach: „Heute Nacht habe ich von einem Stich in den Rücken geträumt“, sagt er nach einer Weile. "Vielleicht war das ja gar kein Traum?“
„Ohne den Eingriff wäre es nicht gegangen, Ray. Aber der ist nun schon ein paar Tage her. Offensichtlich verarbeitest du jetzt alles im Traum. Aber wie auch immer, du musst uns helfen, Ray. Wir Menschen sind wirklich schlimm dran. Eine Naturkatastrophe hat unsere Zivilisationen lahmgelegt – ein hochgefährliches Virus. Die Menschen haben sich in ihren Wohnungen eingesperrt. Aus Angst, sich draußen zu infizieren. Viele sterben. Du weißt doch, was ein Virus ist.“
Ray nickt ironisch lächelnd. „Mittlerweile ja. Das habe ich offensichtlich euch zu verdanken.“
„Die Menschen sind seelisch am Ende, Ray. Sie drehen langsam alle durch. Manche zerfleischen sich sogar. Sie brauchen dringend Hilfe!“
„Von wem?“
„Von uns zum Beispiel. Wir bieten den Menschen übers Internet jetzt eine garantiert persönliche Seelsorge an. BACK TO LIFE heißt unser neues Unternehmen. Und die Resonanz ist riesig, Ray. Kein Wunder. Denn wir schicken den Bedürftigen unsere Seelsorger direkt ins Haus. Und das ist in den gegenwärtigen Zeiten wegen der strikten Quarantäneauflagen eigentlich strikt verboten. Für alte Menschen, die keinen PC haben, bieten wir sogar eine Telefonnummer an. 123456. Also auch für Halbdemente noch einigermaßen gut zu merken. Und mit dir und deinesgleichen haben wir nun ein perfektes Geschäftsmodell realisiert. So jemand wie du kann uns in Sachen Seelsorge jetzt bestens zur Seite stehen.
„Wie das?“
„Du wirst die Einsamen und Verzweifelten zuhause besuchen, sie aufmuntern und wieder auf richten, Ray. Durch dich werden sie lernen, die Natur wieder zu lieben, statt sie zu verdammen. Wegen des Virus haben sie nämlich alles Vertrauen in die Natur verloren.“
„Und das soll ausgerechnet ich bewerkstelligen …?“
„Ein Tier wie du kann in diesen schrecklichen Zeiten wahre Wunder bewirken, Ray. Was glaubst du, was passiert, wenn du mit den Leuten sprichst. Allein das wird für viele schon ein Heilungseffekt sein. Außerdem gibt es ja praktisch kaum mehr Wesen deiner Art auf der Erde. Und das macht dich für die Notleidenden und Hilfsbedürftigen da draußen nur umso wertvoller, du wirst sehen. So jemand wie du ist unter den gegenwärtigen Bedingungen der ideale Seelentröster, davon sind wir fest überzeugt.“
„Das kann ich nicht“, versucht Ray, der sich plötzlich ziemlich herausgefordert fühlt, zu widersprechen. „Ich habe meine eigenen Probleme, bei allem, was ihr mit mir angerichtet habt!“
„Und das ist vielleicht auch gut so, Ray, wenn ich das so sagen darf. Dann kommst du bei den Leuten nämlich auf ganz natürliche Art und Weise rüber und nicht so selbstsicher und neunmalklug wie irgendein dahergelaufener Therapeut. Rede einfach, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Aus dir spricht die Stimme der Natur, Ray, das musst du wissen. Das wird die Leute schwer beeindrucken, davon sind wir alle hier fest überzeugt. Ich gebe dir jetzt schon mal die Koordinaten für deinen ersten Einsatz durch. Es handelt sich um ein altes Ehepaar. Der Mann hat gerade bei uns angerufen. Er ist bettlägerig und hat furchtbare Angst, dass ihn seine Frau umbringt. Die beiden sind nun schon seit 65 Jahren zusammen. Mehr Informationen haben wir nicht. Der Mann hat plötzlich völlig hektisch aufgelegt. … Also los, mach dich auf die Socken. Der Mann braucht deine Hilfe. Jetzt hat dein Leben endlich Sinn.“
„Und wohin, wenn ich fragen darf?“
„Das Ehepaar wohnt da drüben in dem alten Wolkenkratzer, indem du gestern Abend ja schon warst. Allerdings ohne Auftrag und allein von dir aus. Appartement 1077 in der 36. Etage. Viel Glück. Und mach uns keine Schande ...“

Kapitel 5

Schon beim Anflug runzelt Ray skeptisch die Stirn: Verdammt, wie soll er jetzt in dieses Riesenhaus kommen? Beim alten Ehepaar da oben in der 36. Etage wird aus Sicherheitsgründen bestimmt kein Fenster zu öffnen sein. Da kann er solch einen Fensterspalt wie denjenigen, durch den er sich gestern Abend Zugang zu Tanias Wohnung verschafft hatte, vergessen. Und außerdem: Wie sollte er allein und ganz ohne Hilfe soweit nach oben kommen? So hoch hinaus, das hatte er bislang noch nie geschafft.
„Wie ich da reinkommen soll, habt ihr Stümper offenbar nicht überlegt“, ruft Ray aufgebracht. „Eine tolle Seelsorge nenn ich das, die noch nicht mal zu ihren Schäfchen vorzudringen weiß.“
„Courage, Ray!“, hört er Stephen völlig unbeeindruckt. „Schau doch, da unten will jemand gerade ins Haus. Los. Nimm die Spur auf!“

In trudelnder Abwärtsbewegung stürzt Ray dem Boden entgegen und kann gerade noch rechtzeitig auf der Schulter eines jungen Mannes mit Gesichtsmaske landen, bevor dieser durch eine hohe Glastür das Entree des Wohnblocks betritt. Das muss ein Typ von irgendeinem Lieferservice sein: Hinten auf dem Rücken seines knallgelben Overalls steht in Ketchup-Farbe HUNGER? WE COME! – das hat er beim Anflug gerade noch lesen können. In einer Hand balanciert der Typ einen Riesenstapel Pizzen in Flachkartons, während er mit dem Ellenbogen des anderen Arms gekonnt die Tür aufdrückt.

Und eh sich’s Ray versieht, findet er sich auch schon in einer Liftkabine wieder und ist total erleichtert, dass ihn der Typ nicht bemerkt. Gerade schließt sich etwas ruckelnd die automatische Türe, Ray ist mächtig gespannt, auf welches Stockwerk der Typ gleich drücken wird. Immerhin hat der alte Kasten hier 77 Stockwerke, wie er an den Nummern erkennen kann. Also sollte ihm das Glück wenigstens jetzt einmal hold sein: Wenn der Typ die 13 drückt, kann er seine Seelsorge vergessen. 31. Etage! Ray freut sich wie ein Schneekönig – den Rest hoch zur 36. wird er schon irgendwie schaffen.

Während Ray auf der Schulter des Mannes im Lift nach oben pest, schielt er heimlich hoch zur Decke der Kabine. Und als er direkt über sich ein Frischluftgebläse mit großen Lamellen entdeckt, atmet er erleichtert auf und wartet hochkonzentriert ab, bis der Lift am 29. Stockwerk vorbeifährt. Just in diesem Augenblick stößt er sich mit Aplomb von der Schulter des Mannes ab und fliegt nach oben zum Ventilator, wo er sich augenblicklich so dünn wie möglich zu machen versucht, um zwischen den Lamellen hindurch aufs Dach der Kabine zu gelangen. Doch durch sein plötzliches Brummen aufgeschreckt, lässt der Mann panikartig alle Kartons fallen und wirft sich – wild um sich schlagend – zur Seite, weil er Angst hat, von dem urplötzlich aufgetauchten Insekt attackiert und gestochen zu werden. Doch Ray hat Glück. Unversehrt gelangt er im letzten Moment zwischen zwei Lamellen des Gebläses hindurch aufs Kabinendach, atmet tief durch und äugt gespannt den düsteren Liftschacht hinauf. Und als der Lift schließlich im 31. Stockwerk stoppt, stößt er sich wiederum ab und fliegt die Reststrecke hoch bis zum 36. aus eigener Kraft weiter nach oben, wo er sich schließlich durch einen Schlitz zwischen der geschlossenen Schiebetür, der sich durch das vom Etagenflur in den Liftschacht dringende Licht verrät, mit letzter Kraft hindurchzuzwängen weiß und endlich an seinem Einsatzort angekommen ist.

Appartement 1077. Verdammt. Und wie soll er jetzt in die Wohnung der beiden Alten gelangen? Auf den Klingelknopf kann er nicht drücken. Und einfach zu klopfen macht keinen Sinn, das würden die alten Leute ja ohnehin nicht hören. Auf einmal vernimmt Ray schlurfende Schritte hinter der Wohnungstüre. Augenblicklich wirft er sich zur Seite und geht an der Wand des Flurs in Deckung. Da geht auch schon die Türe auf, in der eine alte gebrechliche Frau mit einem schwarzen Müllsack in der Hand erscheint, den sie mit Mühe an der ihm gegenüberliegenden Seite der Türe abstellt. Ray grinst über beide Ohren und schwänzelt unentdeckt im Rücken der Frau so schnell er kann in den engen, völlig versifften Wohnungsflur hinein, wo er sich unter einem Garderobentischchen hinter einem Stapel alter Zeitungen erst einmal in Sicherheit bringt. Angewidert hält er inne: In der Wohnung stinkt es gewaltig. Eine Höllenmischung aus schimmelnden Essensresten und Exkrementen liegt in der Luft.

Und schon schlurft auch schon die Alte, die schwerfällig die Wohnungstüre ins Schloss hat fallen lassen, an ihm vorbei und geht mit tief gebücktem Rücken und einem Arm im Kreuz auf die verwinkelte und völlig verdreckte Küche zu, in die Ray durch eine halboffene Türe am Ende des schmalen Flurs etwas blicken kann. Heftig aufstöhnend erreicht die Alte endlich die Küche, in der sie bald hinter der Türe verschwindet und sich Rays Blicken entzieht. Nur lautes Geschirrklappern weist dort noch auf sie hin.

Ratlos hockt Ray in seinem Versteck. Wie soll er nun vorgehen? In die Küche fliegen, sich da auf den schmuddeligen Tisch zwischen all den Unrat hocken, der darauf herumsteht, und sich der Alten mal so eben als Seelentröster der Firma BACK TO LIFE vorstellen, der ihren Ehemann vor ihr beschützen soll? Das kann er vergessen. Die Alte würde sicher ausrasten, wenn sie eine Hummel so mir nichts dir nichts in ihrer Küche anquatschen würde. Oder sie fiele augenblicklich tot um, was die ganze Angelegenheit allerdings mächtig erleichtern würde, denn dann hätte er zumindest ihren Ehemann vor ihr gerettet. Wo der wohl steckt? Um sich in der verwinkelten Wohnung etwas Überblick zu verschaffen, klettert Ray die Wand zur Decke hinan und schaut sich aufmerksam um.

„Ich halte es nicht mehr aus hier. Ich will raus“, hört er plötzlich Jemanden hinten aus einem Nebenraum röcheln. Ray wird hellwach, das kann nur der Ehemann sein.
„Dann geh doch“, schallt es kalt aus der Küche zurück.
„Mein Gott, wie abscheulich du bist“, stöhnt der Mann, der wohl dahinten im Schlafzimmer liegt. Ray wechselt etwas die Position, um einen Blick ins Schlafzimmer zu erheischen, aber leider kann er von hier aus auch nur die untere Bettkante und die Füße des Bettlägerigen erkennen. Sich aus der Deckung zu begeben, wagt Ray noch nicht. Lieber wartet er noch etwas ab. Vielleicht wird sich die Lage ja doch noch zu seinen Gunsten entwickeln.

„Wenn ich nicht so erbärmlich ans Bett gefesselt wäre, hätte ich schon längst das Weite gesucht, glaub mir.“
„Ach so. Dann hättest du dir ja sicherlich auch schon das Virus eingefangen und wärst jämmerlich erstickt.“
„Du wünschst mir doch ohnehin die Pest an den Hals, so gib es doch endlich zu.“
„Und wenn es so wäre, was dann?“
„Mein Gott, dass ich damals auf so was wie dich überhaupt reingefallen bin. Weiß gar nicht, wo mir da der Kopf stand?“
„Der war wohl das Einzige, was an dir stand“, lässt die Küche ihn wissen.
„Ich hasse dich!“, tönt es aus dem Schlafzimmer zurück.
„Und du wirst mich noch unter die Erde bringen, hörst du! Dir rund um die Uhr die Scheiße vom Arsch abzuwischen, hält mein Rücken bald nicht mehr aus. Und mein Herz noch weniger. Außerdem haben wir praktisch keine Bettlaken mehr. Die sind vom ständigen Waschen ja schon völlig zerfleddert. Aber mit dem Zeitungspapier als Unterlage geht‘s doch auch, oder?“
„Ich krieg noch die Krätze. Deine Fürsorglichkeit kennt keine Grenzen. … Ich habe Durst!“
„Erst mal müssen wir deinen Dekubitus wieder in den Griff kriegen. Alles andere muss warten!“
„Verflucht, außerdem habe ich heute noch nichts gegessen. Warum bringst du mir nichts? Willst du mich etwa verhungern lassen?“
„Reg dich nicht so künstlich auf, verdammt. Ich habe dir eine Pizza bestellt. Aber der Junge war noch nicht da. Keine Ahnung, wo der bleibt. Der ist sonst doch absolut zuverlässig.“
Ray kriegt Schuldgefühle. Wäre er in der Liftkabine nicht so erschreckend laut zur Decke hochgeflogen, wären dem Typen vom Lieferservice bestimmt nicht alle Pizzen zu Boden gefallen. Dann hätte der Mann schon längst sein Essen auf seiner Liegestatt.

„Was ist eigentlich mit der Waschmaschine? Geht die wieder?“, kommt ein vager Versöhnungsruf aus dem Schlafzimmer.
„Die Waschmaschine ist kaputt. Das habe ich dir doch nun schon tausendmal gesagt.“
„Ach ja. Jaja. Und jetzt?“
„Glaubst du denn etwa, es käme bei all dem Irrsinn da draußen jemand mal so eben vorbei, um das scheiß Ding zu reparieren? Aber was soll’s, dafür hätten wir ohnehin kein Geld. Da musst du schon mit den Zeitungen Vorlieb nehmen.“
„Du machst mir Angst!“
„Und du gehst mir auf die Nerven. Und das nun schon seit Jahren. Ich habe die Schnauze gestrichen voll“
„Aha, du drohst mir. Aber warte ab, jetzt bekomme ich Hilfe, hörst du. Jemand von der Seelsorge wird gleich da sein. Der wird mich aus deinen Fängen befreien, bevor es zu spät ist.“
„Die Seelsorge. Dass ich nicht lache.“
„Die schicken jemanden vorbei, du wirst schon sehen. Dann kannst du ein für alle Mal einpacken.“
„Ach so, du hast telefoniert? Wann das denn? Du hast doch gar kein Telefon!“
„Du hast dein Handy vorhin an meinem Bett vergessen. Siehst du, jetzt hast du einen großen Fehler gemacht. Das Blatt hat sich gewendet. Mir einfach mein Handy wegzunehmen, hat dir letztendlich nichts gebracht. Jetzt bist du dran, du Menschenverächterin.“

Mit einem Mal kommt die Alte überraschend agil aus der Küche in den Flur gehetzt und eilt wutentbrannt zum Schlafzimmer hinüber, in dem sie ein paar Sekunden später auch schon wieder verschwunden ist. Ray traut seinen Augen nicht.
„Du hast nicht telefoniert. Ich glaub dir kein Wort“, hört er die Alte im Schlafzimmer schreien.
„Aber natürlich habe ich das, was glaubst du denn? Du wirst sehen, gleich klingelt es an der Türe. Und dann …“
Urplötzlich verstummt der Mann, als hielte ihm die Alte auf einmal den Mund zu. Dumpfe Erstickungslaute dringen an Rays Ohr. Wie wild sieht er den Mann mit seinen dürren Beinen strampeln. In Ray steigen böse Ahnungen auf.

Ohne weiter zu zögern, fliegt Ray überstürzt los. Er muss dem Mann zu Hilfe eilen. Als er nach einer scharfen Linkskurve mit Karacho ins Schlafzimmer einbiegt, bemerkt er sofort, dass ihn seine Ahnung keineswegs trog: Tief gebeugt kniet die Alte wie eine Furie über ihrem ausgezehrten Mann auf dem Ehebett und presst mit beiden Händen und aller Gewalt ein Kissen auf dessen Gesicht. Der aber scheint unfähig, sich ihrer zu erwehren, kniet seine Frau doch unerbittlich auf dessen Oberarmen. Ein Bild wie von Füssli. Woher Ray das nun wieder weiß? Offenbar hat ihm Stephen zu allem Überfluss auch noch Kunstgeschichte einprogrammiert.  

Aber, was soll’s? Unverzüglich geht Ray zum Angriff über und umschwirrt die Alte – so laut brummend wie er nur kann. Diese aber lässt sich nicht lange lumpen und geht prompt zum Gegenangriff über: Wild aufschreiend richtet sie sich auf, packt das Kissen mit einer Hand und schlägt mit diesem wie wildgeworden nach Ray, um ihn unverzüglich zur Strecke zu bringen. Und schon mit dem dritten Schlag trifft sie diesen voll am Hinterteil, sodass dieser wie ein winziger Federball durch die Luft katapultiert wird, an der Wand abprallt und völlig benebelt in der hinteren Ecke des Zimmers zu Boden geht.

Noch eh er sich‘s versieht, ist die Alte auch schon überraschend behände vom Bett gerutscht und kommt mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn zu. Schon sieht sich Ray von ihrem übergroßen Filzpantoffel am Boden zerquetscht, kann sich jedoch in letzter Sekunde noch in Sicherheit bringen, indem er mit all den ihm noch verbliebenen Kräften einen wirklich überraschenden Superstart hinlegt, der ihn rasch in die Höhe direkt unter die Decke bringt, wo ihn die Alte nicht mehr erreichen kann. Wachen Sinnes düst er zurück in den Flur und biegt gewagt durch eine halboffene Tür in einen dunklen Raum ein, den er trotz der Düsternis sofort als Badezimmer auszumachen weiß. Schon bedrohlich taumelnd versucht er sich in dem ihm völlig unbekannten Raum zu orientieren, findet jedoch im allerletzten Moment gerade noch rechtzeitig an einem Duschvorhang Halt, bevor er erneut zu Boden gegangen wäre. Mühsam arbeitet er sich bis zur Vorhangstange hoch, auf der er endlich einigermaßen sicher zu Sitzen kommt. Völlig atemlos hockt er da und nimmt die Türe zum Flur hochaufmerksam ins Visier.

„Verdammtes Ungeziefer, warte nur, dir werde ich’s zeigen“, hört er auf einmal die Alte vom Flur aus, die von draußen hektisch das Badezimmerlicht anknipst und kurz danach mit einem ohrenbetäubenden Schlag die Türe auftritt. „Wo bist du, du widerliche Kreatur?“, keucht die Alte. „Auch dich befördere ich jetzt ins Jenseits!“

Ray sieht sich panisch um und sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit zu entkommen, als er mit einem Mal direkt hinter sich einen rechteckigen, in die Wand eingelassenen Kasten der Klimaanlage entdeckt. Mutig hechtet er von der Stange des Duschvorhangs zum Duschkopf hinüber, der unter dem Kasten angebracht ist, wobei er wohlweislich jeglichen Flügelschlag zu vermeiden weiß, um nicht unnötig auf sich aufmerksam zu machen. Unverzüglich balanciert er über das alte, ziemlich poröse Plastik des Duschkopfs, dass ihm einigermaßen Halt verleiht, geschickt auf die völlig verschimmelte Wand zu, an der er nach extrem kurzer Distanz schließlich den Kasten der Klimaanlage erreicht, durch dessen Schutzgitter er der Alten in allerletzter Sekunde zu entschlüpfen vermag. Gerettet!

Kapitel 6

Seit einer geschlagenen Stunde ist Ray nun schon ohne einen einzigen Stopp durch die engen und extrem verwinkelten Schächte der Klimaanlage des mächtig in die Jahre gekommenen Wolkenkratzers unterwegs. Und diese sind zu Rays großer Überraschung offenbar jüngst mächtig auf Schwung gebracht und zur Gänze renoviert worden. Hightech in altem Körper. Vielleicht brauchten die Leute ja jetzt, wo sie wegen des Virus rund um die Uhr in ihren Wohnungen feststeckten, einfach mehr Luft – eine Art kollektive Beatmungsmaschine, die sie wenigstens einigermaßen über die Runden kommen ließ. Doch wie auch immer – jetzt, wo es ihm schließlich gelungen war, seinem aberwitzigen Plan, dem Horror in diesem finsteren Gebäude zu entkommen, doch noch in die Tat umzusetzen, war er total erleichtert und kam relativ gut voran.

Da kann er sich ja jetzt endlich einmal eine Verschnaufpause gönnen – eine Stunde lang Marathon durch die verdammten Schächte hier, das reicht ihm erst einmal. Er kann wirklich stolz auf sich sein, den verfluchten Höllenparcours bislang so souverän gemeistert zu haben. Was für eine Plackerei! Völlig erschöpft hockt Ray sich nieder, lehnt sich ziemlich ausgepumpt an die eiskalte Schachtwand zurück und sinnt im Stockfinsteren dem jüngst Erlebten nach.

Wenn er nicht gewusst hätte, dass er sich hoch oben über dem Erdboden befindet, hätte er anfangs glatt vermeinen können, sich durch die unterirdischen Gänge einer ihm völlig unbekannten Zivilisation vorzuarbeiten – immer auf der Hut, sich hinter der nächsten Ecke urplötzlich mit einem Alien konfrontiert zu sehen, das ihm auflauert, um kurzerhand Hackfleisch aus ihm zu machen. Ray zögert: Aber er, als Hummel, würde ja auch nicht jedermann in seinen Erdbau reineinlassen, vorausgesetzt, dass er denn einen hätte. Bedauerlicherweise aber hat er keine solche, ihm eigentlich zustehende Behausung und muss als Obdachloser auf den Straßen übernachten. Freies Erdreich, in dem er sich häuslich hätte einrichten können, hatte er hier in dieser Riesenstadt mit all ihrem Beton bislang vergeblich gesucht.

Bereits nach seinem ersten Einsatz als Seelsorger bei dem uralten Katastrophenehepaar hatte Ray die Schnauze gestrichen voll von diesem elenden Job. So etwas wie bei den Alten oder auch bei Tania wollte er einfach nicht noch einmal erleben – Seelsorge hin oder her: Und so wie es aussah, hatten die alle ihre Seele längst verloren und vegetierten dahin wie Tiere. Ray stockt und wundert sich über sich selbst. Schließlich ist er ja auch ein Tier. Ray rastet aus: Und darauf wird er beharren, egal was Stephen dazu sagen würde. Das interessiert ihn nicht mehr, Ray hat jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen. Wie ein wimmernder, völlig hilfloser Idiot hatte Stephen zwar immer wieder versucht, ihn zu erreichen. Doch Ray hatte beharrlich geschwiegen und einfach eine Art Funkstörung vorgetäuscht. Das aber nicht aus technischen, sondern rein aus seelischen Gründen. Mit Menschen wollte er erst einmal nichts mehr zu tun haben. Deshalb war es auch sein Plan gewesen, sich durch das Labyrinth der Klimaanlage nach oben zum Dach des Gebäudes hochzuarbeiten – einzig und allein, um erst einmal Niemandem mehr über den Weg zu laufen.

Dabei hatte Ray anfangs beinahe schon aufgegeben. Denn der stockdunkle Weg durch die wildverzweigten Gänge entpuppte sich bald als praktisch unbegehbares Gelände. Immer wieder rutschte er auf dem spiegelglatten Aluminium des jüngst völlig erneuerten Klimasystems furchtbar aus und war dabei mehrfach auch noch saudumm auf die Schnauze gefallen, sodass sein Fortkommen für ihn bald zur wahren Tortur geworden war. Er kam sich vor, als schlittere er auf dem arschglatten Eis eines zugefrorenen Tümpels hilflos dahin. Und das alles in völliger Dunkelheit – Ray hatte das ganze Unterfangen gründlich unterschätzt.

Wiewohl er wider Erwarten dann doch einigermaßen gut vorankam. Denn solange er sich wie zu Beginn seiner Flucht – der Alten gerade entkommen – in Höhe des 36. Stockwerks auf ebenem Boden dahinbewegte, hatte er den Dreh doch relativ schnell herausgefunden, um auf dem glatten Metall nicht immer wieder auszugleiten und schnöde auf den Bauch zu knallen. Denn jetzt achtete er bei jedem seiner Schritte überaus sorgsam darauf, seine Füße auch mit Bedacht und betontem Druck auf den glitschigen Untergrund aufzusetzen, was ihn schließlich zwar etwas besser, dennoch aber nur extrem langsam vorankommen ließ. Aber das machte Ray nichts: Schließlich war ja niemand mehr hinter ihm her, also hatte er alle Zeit der Welt.

Zudem gab es für ihn ja auch keine andere Möglichkeit, diesem verdammten Bunker hier zu entkommen. Wie gesagt, erst einmal wollte er wirklich keinem Menschen mehr sehen – das hatte er sich ja fest geschworen. Folglich wäre es auch völlig hirnrissig gewesen, in irgendeine Wohnung vorzudringen, um dort heimlich und hektisch nach irgendeinem Fensterspalt zu suchen. Denn dabei würde er womöglich noch von irgendeinem Vollidioten gekillt werden. Er war doch nicht lebensmüde. Schließlich hockten sie jetzt alle wegen des Virus in ihren Wohnungen herum.

Doch bald änderte sich die Situation auf dramatische Art und Weise: Denn jetzt hieß es auf einmal, durch den rampenartigen Schacht hoch ins nächste Stockwerk zu gelangen. Und das schien praktisch unmöglich – die spiegelglatte und meterlange Steigung nach oben zu überwinden, schien ihm aussichtslos. Und sooft er auch Anlauf nahm, um die aberwitzige Strecke zu überwinden – immer wieder rutschte er schon nach Kurzem gemein ab und purzelte den engen Schacht wieder nach unten. Völlig deprimiert war er schließlich auf dem verdammten Aluminiumboden dagehockt, den er schlichtweg als Tatsache akzeptieren musste. Er war einfach kein Gecko, der so etwas spielerisch geschafft hätte.

Dann aber war Ray überraschenderweise der pure Zufall zu Hilfe gekommen: Denn bei seinem letzten Versuch, der ihn besonders weit nach oben gebracht hatte, verhedderte er sich beim Zurückfallen urplötzlich in irgendwelchen Spinnfäden, die da herumhingen und widerlich an ihm kleben blieben, was ihm allerdings zunächst nicht aufgefallen war. Dann aber, just in dem Moment, in dem er die Fäden endlich bemerkte, war ihm die rettende Idee urplötzlich gekommen. Er musste sich seine Füße mit diesem widerlichen Zeugs nur fest umwickeln und damit noch klebriger machen, dann hatte er vermutlich die perfekten Schuhe, die er brauchte, um über all die Stockwerke hinweg, wohl ausgerüstet endlich unter freien Himmel zu gelangen.

Was für eine verrückte Tour die letzte Stunde über? Ray kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf. So, jetzt muss er aber endlich weiter. Zwar hat er es schon bis zum 61. Stockwerk hochgeschafft, doch bei den 77 Stockwerken des Gebäudes hat er noch 16 weitere vor sich. Und dennoch, ohne seine neuen Bergschuhen hätte er das alles vergessen können. Er ist mächtig stolz auf seine neue, wahrhaft nachhaltige Erfindung, die funktionierte einfach grandios. Offenbar hatte ihm die ahnungslose Spinne im Schacht da unbewusst zugearbeitet – die Haftung ihrer Fäden war nachgerade perfekt. Sie gaben ihm festen Halt, ohne dass sie ihn beim Vorwärtskommen unnötig behindert hätten. Ray ist guten Muts, die noch vor ihm liegenden 16 Etagen wird er wohl ebenso gewitzt zu bewältigen wissen, wie den verdammt komplizierten Weg bis hierher.

Frisch ausgeruht kriecht er los – den finsteren Schacht des 61. Stockwerks entlang. Hinter der nächsten Ecke muss es ja wieder weiter nach oben ins 62. Stockwerk gehen, kommt es Ray traumwandlerisch in den Sinn. Hat er das Konstruktionsprinzip der Klimaanlage doch mittlerweile längst durchschaut und den Schachtverlauf wie eine präzise Karte im Kopf. Und das war ihm ursprünglich auch nicht wirklich schwergefallen: Denn in jedem Stockwerk waren die Schächte der Klimaanlage absolut gleich verlegt. Jede Ecke und jede Biegung entsprachen exakt denen der anderen Etagen. Folglich musste er in jeder Etage nur immer wieder die absolut identische Strecke nehmen, um dann an der entsprechenden Stelle über die rampenartige Schräge wieder weiter nach oben ins nächste Stockwerk zu gelangen.

Doch als Ray gedankenverloren um die besagte Ecke biegt, wird er urplötzlich böse überrascht: Denn statt nach oben geht es mit einem Mal ziemlich steil nach unten. Verflucht, Ray hat sich um eine Ecke vertan. Schon aber verliert er das Gleichgewicht und rutscht im Affentempo völlig hilflos dem stockfinsteren Abgrund zu, ohne dagegen auch nur das Geringste unternehmen zu können.

Kurz daraufhin sieht Ray am Ende des Tunnels auf einmal helles Licht, dem er sich rasend schnell nähert. Und dieses entpuppt sich rasch als das irgendeines Wohnraums, zu dem die Klimaanlage hinführt. Verdammt, und jetzt erkennt er auf einmal auch das Gitterwerk des Klimakastens, das ihn gleich vierteilen oder gar zerschreddern wird. Doch Ray hat verdammten Massel. Denn wie durch ein Wunder und ganz wider Erwarten gelangt er völlig unbeschadet durch eine der Öffnungen des weitmaschigen Gitters hindurch, wird dabei aber auch wie ein Geschoss in den dahinter gelegenen Raum hineinkatapultiert, in welchem er übel gegen die Wand knallt, abprallt und auch schon dem Boden entgegen taumelt. Ray wird’s schwarz vor Augen: In Todesangst sieht er sich schon auf irgendeinem Zimmerkaktus, der da irgendwo herumstehen mag, übel aufgespießt wie ein Shrimp.

Kapitel 7

Als Ray allmählich wieder zu sich kommt, fühlt er sich auf einmal wie in Watte gepackt – von den Stacheln eines Kaktus keine Spur. Er liegt so weich gebettet da, als hätte man ihn am Ende seiner Höllenrutschpartie mit einem extra für ihn aufgespanntem Kuschelhandtuch als Sprungtuchersatz vor dem Absturz ins Jenseits gerettet. Ray stutzt: Wer aber hätte bitte ahnen können, dass er jeden Moment im Affentempo von der Klimaanlage ausgespuckt werden würde? Dafür bräuchte es ja den sechsten Sinn. Und nicht nur diesen schienen die Leute verloren zu haben.

Ungläubig tastet er seine unmittelbare Umgebung ab – liegt er etwa in einem Bett? Einem Krankenbett womöglich? Erschrocken reißt Ray die Augen auf und ist völlig geplättet, als er sich mit einem Mal auf dem übergroßen pinkfarbenen Kissen eines Sofas daliegen sieht. Auf diesem prangt eine überdimensionale quietschgelbe Smiley-Fresse, die unter seinem Bauch verschmitzt zu ihm hochgrinst – Ray kann sich eines Grinsens nicht erwehren. Auf diesem schrillen Kissen hier muss er wohl gelandet sein.

Als er sich erleichtert umblickt, schrickt er auch schon fürchterlich zusammen – ihm direkt gegenüber sitzt eine junge, äußerst attraktive Frau in einem Designersessel und starrt ihn an, als wäre er nicht von dieser Welt. Verschämt weicht Ray ihrem Blick aus und wird rot im Gesicht. Was soll er sagen? Die junge Frau gefällt ihm. Sehr sogar. Ihr klassisch geformtes Antlitz strahlt innere Vornehmheit aus. Und ihre großen braunen Augen erinnern ihn an Kastanien, deren Blüten schon immer eine Delikatesse für ihn waren. Bedauerlicherweise aber sagt die Schöne kein Wort, lässt ihn dabei aber nicht aus den Augen. Ray glaubt, zu verstehen; Was sollte ihm die Schöne auch sagen? Muss sie doch davon auszugehen, dass man mit Tieren nicht reden kann.

Ray wird nervös und versucht es nun seinerseits, mit der Schönen ins Gespräch zu kommen. „Hallo! Ich heiße Ray!“, ruft er animiert und zwinkert der Schönen zu. So als wolle er sagen Hallo! Hier bin ich! Wir können uns ruhig unterhalten. Aber für mein Aussehen kann ich nichts! Doch sein Hallo geht mächtig in die Hose, die Schöne will einfach nicht reagieren. Seltsam lächelnd schaut sie auf ihn hernieder, als hätte sie in ihrem Leben noch nie eine Hummel gesehen. Warum antwortet sie nicht? Jetzt, wo sie weiß, dass er sprechen kann.

Völlig hibbelig wagt Ray einen weiteren Versuch, um das Geheimnis der Schönen zu enträtseln. Wie ein echter Mann versucht er sich vor ihr aufzubauen und blickt ihr tief in die Augen – schließlich sind die Augen das Fenster zur Seele. Und ganz wider Erwarten lässt ihn die Schöne gewähren – Ray taucht tief in sie hinein. Doch bald übermannt ihn ein schummriges Gefühl: das Innere der Schönen verbirgt sich vor ihm. Grauer, undurchdringlicher Dunst scheint ihre Seele zu umschatten. Völlig verwirrt zieht sich Ray zurück und weiß mit seinem Eindruck nichts anzufangen, die Schöne bleibt ihm ein Rätsel. Was soll er nur machen?

Instinktiv setzt er sich in Bewegung und geht eine Weile auf dem Kissen ein paar Schritte auf und ab. In Bewegung kommen ihm immer die besten Ideen. Auf einmal aber hält er inne, weil er sich von der Schönen beobachtet fühlt. Hoffnungsfroh rückt Ray näher an sie heran und versucht es noch einmal: „Hallo, ich bin Ray!“, ruft er aus Leibeskräften und winkt seiner Holden verliebt zu. Doch auch diesmal macht die Schöne keine Anstalten, auf ihn einzugehen. Ist sie etwa tot?  Ray läuft ein eiskalter Schauder über den Rücken. Mein Gott, das wäre wirklich fatal – jetzt, wo er sich endlich einmal einem so faszinierenden menschlichen Wesen gegenübersieht.

Eine Ewigkeit lang hockt Ray auf dem bescheuerten Smiley-Kissen, skeptisch in den Anblick der Schönen versunken. Huldvoll blickt diese zu ihm herab, als wolle sie ihn herausfordern, ihr das Rätsel endlich zu entreißen. Ray platzt der Kragen. Augenblicklich geht er in die Offensive, wobei er kräftig Anlauf nimmt und mit einem tollkühnen Sprung vom Sofa zur Lehne des Sessels hinüberhechtet, auf dem die Schöne sitzt. Ohne sie eines Blickes zu würdigen stolziert er wie ein Verschmähter auf der Sessellehne an ihr vorbei, erklimmt ihr zur Seite die steile Rückenlehne mit athletischen Zügen und macht erst auf deren Gipfelkamm halt, als er es endlich geschafft hat, mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Ray seufzt auf: Im Profil wirkt die Schöne noch faszinierender. Der sanfte Duft ihres Körpers betört ihn. Völlig benommen pirscht er sich auf der Rückenlehne so nah wie möglich an seine Angebetete heran, beugt sich schließlich weit nach vorne und äugt von der Seite hochaufmerksam nach deren zartgeformten Nasenflügeln, die sich, wie er jetzt aus der Nähe erst bemerken kann, beinahe unmerklich senken und heben. Ray fällt ein Stein vom Herzen. Die Schöne lebt. Und nun?

Ratlos sieht sich Ray im weitläufigen Wohnraum um, der nur mit wenigen, aber wirklich vornehmen Möbeln eingerichtet ist. Die breite Fensterfront, die bis zur überraschend hohen Decke reicht, erinnern ihn an eine Art Atelier. Bald aber nimmt ein gläserner, geheimnisvoll glitzernder Schreibtisch, der im hellen Sonnenlicht nahe der Fensterfront steht, seinen Blick gefangen. Und auf diesem steht ein ultramoderner PC, auf dessen übergroßem Monitor gerade irgendein Video auf YouTube läuft. Das Programm aber ist angehalten – mehr kann Ray aus der Entfernung nicht erkennen. Was die Schöne da wohl gesehen hat? Neugierig brummt er zum Schreibtisch hinüber, um nachschauen. Vielleicht kommt er ja so der mysteriösen Sache hier auf die Spur?

Als Ray äußerst geschickt vor dem PC landet, ohne auf der spiegelglatten Glasplatte des Schreibtischs auszurutschen – schließlich hat er ja noch immer seine ultrahaftfähigen Wunderschuhe an, schielt er wissbegierig zum Monitor des APPLE hoch. Zu seinem großen Erstaunen erblickt er das Standbild eines großen Symphonieorchesters, auf dem die Musiker wie von Zauberhand mitten im Spiel wie eingefroren dasitzen. Da kann der magere Dirigent, der sich vor seinen Mannen mit lächerlicher Drohgebärde wie eine in die Jahre gekommene Ikone aufbäumt, machen was er will. Aha, Ray schmunzelt: offenkundig hat sich die Schöne irgendein klassisches Musikvideo angesehen.

Klammen Herzens blickt er zu ihr hinüber. Während sie der Musik zuhörte, muss ihr offenkundig etwas Schreckliches zugestoßen sein. Bizarrer Weise wirkt sie wie all die Musiker da auf dem angehaltenen Video. So als wäre sie eine mirakulöse Skulptur aus längst vergangener Zeit. Was aber war der Grund des Ganzen, verdammt noch mal? An der Musik kann es nicht gelegen haben, das wäre ja verrückt. Denn diese animiert die Seele, statt sie erstarren zu lassen. Deshalb sollte er es vielleicht mit Musik versuchen, die Schöne wieder zu sich zu bringen. Warum aber fällt ihm das jetzt erst ein? Ray beißt sich auf die Lippen – wenn er auch sprechen kann, seinen Gesang will er wirklich niemandem zumuten.

„Also Musik!“, entfährt es ihm, während er auf der Tastatur die Playtaste sucht. Doch er kommt nicht weit und schrickt urplötzlich zusammen, als mit einem Mal Musik erklingt – das Video läuft von allein weiter. „Ach ja!“ Ray lacht auf und greift sich entgeistert an den Kopf. SIRI, die angeblich so intelligente Sprachassistentin von APPLE, die auf jedes beliebige Kommando so überaus willfährig reagiert wie eine Hure, die hätte er beinahe glatt vergessen.
„Gut gemacht, SIRI“, ruft er dem Computer überlaut zu, um sich zu vergewissern. „Danke!“, antwortet SIRI mit blecherner Stimme, und Ray ist froh, die Dame nicht sehen zu müssen. SAMUEL BARBER. ADAGIO FÜR STREICHER, steht unter dem Video. Barber aber sagt ihm nichts.

Wie gebannt hört Ray der überaus eindringlichen Musik eine Zeit lang zu, die aus übergroßen Lautsprechern erklingt und den Raum in sanft-düstere Schwingung versetzt. Ray fühlt sie eigenartig in sich vibrieren. Und bald schon wird ihm ganz flau ums Herz, eine tiefe Melancholie bemächtigt sich seiner. Skeptisch schielt er zur Schönen hinüber und meint zu verstehen. Denn auf Dauer würden ihn solch traurigen Klänge vermutlich ebenso erstarren lassen.

„Stopp!“, ruft Ray ungehalten und schüttelt sich.
„Aber bitte!“, erwidert SIRI, und endlich herrscht wieder Stille.
„Willst du was Anderes hören?“, fragt SIRI prompt.
„Aber ja doch!“, erwidert Ray begeistert. „Etwas Weiträumiges bitte … Also etwas, das einem das Herz wieder freimacht. Irgendein schöner Gesang der Sphären eröffnet!“
„Bitte sehr“, sagt SIRI. „Einen Moment!“
 
Eine Weile ist es unheimlich still im Raum. Dann aber hört Ray wie aus dem Nichts heraus auf einmal hohe sphärische Frauenstimmen, zu denen mit der Zeit immer weitere hinzukommen und den Raum schließlich ins Unermessliche zu weiten scheinen. Ray äugt hingerissen zum Monitor hoch: JOHANNES OCKGHEM. DEO GRATIAS. KANON ZU 36 STIMMEN.

Ohne es recht mitzubekommen versinkt Ray in der Musik. Bald fühlt er sich so frei wie lange nicht mehr. Die Grenze zwischen ihm und der Welt scheint in sich zusammenzufallen. Mein Gott, genauso hatte er sich als Hummel gefühlt, bevor Stephen damit begonnen hatte, an ihm schnöde herum zu laborieren. Wie in Trance äugt er durch die Fensterfront in den wolkenlosen Himmel hinauf – es flimmert vor seinen Augen. Traumverloren vermeint er, durch ewige Weiten dahinzufliegen und sich in diesen aufzulösen.

„Eine Hummel. Wie schön. Ich glaubte schon es gäbe gar keine mehr“ hört er urplötzlich eine Stimme hinter sich, als die Musik längst verklungen ist. Ray reißt es herum und fällt prompt auf die Schnauze. Wie benommen schaut er hoch und traut seinen Augen nicht. Vor ihm steht die Schöne und blickt lächelnd zu ihm herab. „Verzeih, mein Kleiner. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Verdammt, jetzt bin ich aber erleichtert!“, entfährt es Ray.
Unwillkürlich schrickt die Schöne zurück. „Das darf doch nicht wahr sein“ ruft sie amüsiert. „Eine sprechende Hummel. Das ist ja fantastisch!“
Ray fasst es nicht. Er glaubt zu träumen. „Was war bloß los mit Ihnen. Ich habe mir schon große Sorgen gemacht“, sagt er sichtlich erhitzt und mandelt sich vor seiner Angebeteten männlich auf.
„Woher kam nur diese wunderbare Musik gerade“, erwidert die Schöne, ohne auf ihn einzugehen.
„SIRI!“, murmelt Ray lakonisch und deutet mit dem Kopf beiläufig zum Computer.
Die Schöne ist irritiert. „Aber SIRI spielt die Musik doch nicht von allein. Hast du dir diese etwa ausgesucht?“
Ray nickt stolz: „Naja, irgendwie schon, könnte man sagen.“
„Und hast du auch einen Namen?“
„Ray“, antwortet er artig. „Ich heiße Ray.“
„Was für ein schöner Name!“, ruft die Schöne begeistert. „Der Strahl des Lichts. Vielleicht hat dich mir ja der Himmel geschickt, was meinst du?“
„Auch das könnte man irgendwie so sagen“, antwortet Ray, während er skeptisch hoch zur Klimaanlage in der Wand schielt. Und dann zum Sofakissen, so als wolle er die Höllendimension seines geschosshaften Absturzes noch einmal nachvollziehen.

Die Schöne wirkt auf einmal völlig entspannt. Und schöner, denn je. „Na, dann erzähl mir doch eine lustige Hummelhimmelsgeschichte“, sagt sie sichtlich animiert und lässt sich lachend in den Schreibtischstuhl zurückfallen. „Hast du Lust?“
„Im Augenblick fällt mit keine lustige ein“, antwortet Ray einsilbig. „Heute ist einfach nicht mein Tag.“
„Ach, wie schade.“
„Aber vielleicht können Sie mir ja eine Geschichte erzählen“, erwidert Ray schüchtern. Das Herz klopft ihm bis zum Hals.
„Nun, wenn du unbedingt willst …“ Die Schöne denkt nach und wird plötzlich überraschend ernst. „Gut!“, sagt sie nach einer Weile entschlossen. „Dann werde ich dir jetzt eine Geschichte erzählen, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Lustig aber ist sie wahrlich nicht. Es ist nämlich meine Geschichte. Und einem so wunderschönen Tier wie dir, erzähle ich sie von Herzen gerne.“

Eigentümlich ruhig und überaus gefasst beginnt die Schöne zu erzählen: „Da war einmal ein blutjunges Mädchen, das munter und fröhlich in den Tag hineinlebte. Aber es lag auch ein Schatten über ihr, denn ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Doch damit nicht genug, gab es doch noch einen anderen Schatten in ihrem Leben, von dem sie allerdings zunächst noch keinerlei Ahnung hatte. Das aber sollte sich bald ändern. Denn eines Nachts schlüpfte ihr Vater, mit dem sie alleine lebte, in ihr Bettchen und verging sich an ihr. Und das Jahre lang, bis sie eines Tages von ihm schwanger wurde. Und da sie sich nicht zu helfen wusste, nahm ihr der Vater das Kind, das sie gebar, kurzerhand ab. Das Mädchen verzweifelte und wurde krank. Schwer krank an ihrer Seele. Seitdem ist sie nur mehr der Schatten ihrer selbst und vegetiert in furchtbarer Eintönigkeit dahin – sie kann weder leben noch sterben. Gefangen in einem gespenstischen Zwischenreich und fürchterlich geplagt von mysteriösen Anfällen, in denen sie der Welt vollends abhandenkam. Dann konnte sie nämlich nicht mehr sprechen und nichts mehr hören und war wie abgekapselt von den Dingen um sie herum. Dann aber kam ein kleiner Mann mit lustigem Fell und spielte ihr eine Musik vor, die sie mit einem Mal aus ihrer ewigen Düsternis befreite. Und dafür wird ihm das Mädchen für immer dankbar sein und ihn für immer in ihrem Herzen bewahren.“

Ray reagiert nicht. In seinen Gedanken ist er längst beim Vater der Schönen hängengeblieben.
„Und wo ist der Vater des Mädchens jetzt?“, fragt er nach einer Weile schmallippig. Mächtige Hassgefühle steigen in ihm auf.
„Der sitzt oben in seinem Penthaus. Und das Mädchen hier vor Dir. In ihrer ehemaligen Gruft. Mein Gott, ein Wunder ...!“ Die Schöne sieht sich entgeistert um, als erstrahle für sie alles mit einem Mal in neuem Licht. „Und weißt du, was das Verrückteste an der ganzen Geschichte ist, mein kleiner Mann?“ Die Schöne sieht Ray mit großen Augen an.
„Nein“, erwidert Ray. „Wie sollte ich?“
„Der Vater des Mädchens hat eine Apiphobie!
„Eine was …?“ Ray glotzt die Schöne verwirrt an.
„Er hat furchtbare Angst vor Bienen und Hummeln. Ist das nicht wirklich zum Lachen?“
„Ich glaube, ich muss jetzt mal los“, unterbricht Ray völlig überraschend, aber nicht ganz ohne Hintergedanken. „Tut mir wirklich leid!“
„Wie schade. mein Lieber“ haucht die Schöne. „Doch eines noch: Du hast mir sehr geholfen. Du bist ein wirklich fantastischer Seelsorger!“
Ray zuckt unwillkürlich zusammen. „Und wie komm ich hier wieder raus? Die Fenster sind ja sicher alle verschlossen. Ich habe mich nämlich schrecklich verirrt und bin über die Klimaanlage dort oben hier zufällig hereingeraten.“
„Kein Problem, Ray. Kopf hoch. Drüben gibt es ein kleines Kippfenster. Da lass ich dich raus. Komm!“

Anmutig reicht ihm die Schöne die Hand. Ohne zu Zögern greift Ray zu, krabbelt begierig auf ihre Hand und schmiegt sich fest an diese an. Am liebsten würde er für immer bei der Schönen bleiben. Aber es drängt ihn nach draußen. Er will Rache nehmen. Nichts hält ihn mehr zurück.

Kapitel 8 und 9

8

Kaum dass die Schöne, die – oh Wunder – durch die Musik ins Leben zurückgefunden und Ray durch einen Fensterspalt in die Freiheit entlassen hat, geht ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Er wird sich am Vater seiner Angebeteten rächen – für das, was er seiner Tochter angetan hat.

„Der kann sich auf was gefasst machen da oben in seinem Penthouse“ ruft Ray in Rage, gibt zornesentbrannt Gas und schraubt sich in weiten Kurven in immer höhere Sphären empor, bis er endlich die 77. Etage des Horrorhauses weit oben erreicht hat und schließlich auf einer der Terrassen der Luxusimmobilie eine perfekte Landung hinlegt. So, jetzt muss er sich erst einmal orientieren.

„Nein. Das mache ich keinesfalls. Ich bin doch nicht verrückt, in diese Scheißpapiere noch weiter zu investieren,“ hört Ray auf einmal eine penetrante Männerstimme, die durch eine der weit offenstehenden Verandatüren zu ihm herüberdringt. Und als er neugierig ein paar Meter zur Seite krabbelt, um den Mann drinnen sehen zu können, nimmt er schließlich einen älteren, aber äußerst elegant wirkenden Herren magerer Gestalt wahr, der in einem super ausgestatteten Wohnraum auf einem Designerstuhl sitzt und an seinem Handy hängt.

„Und das mit meiner Privatmaschine geht doch hoffentlich klar. In spätestens zwei Stunden muss ich los. Wie bitte? Das darf doch nicht wahr sein …!“ Mit einem Mal ist alle Vornehmheit vom Hageren abgefallen. Wutentbrannt springt er auf und kommt telefonierend auf die Terrasse herausgestürmt. Direkt auf Ray zu. „Mann, machen Sie das mit meiner Maschine sofort klar, sonst werden sie die Konsequenzen zu spüren bekommen …!“

Wie vom Donner gerührt hockt Ray da und sucht – sich panisch auf der weitläufigen Terrasse nach allen Seiten hin umblickend – nach irgendeiner Deckung. Doch da ist keine in seiner unmittelbaren Umgebung – Ray läuft kopflos los. Doch bald schon hört er direkt hinter sich die Schuhe des Hageren, deren Ledersohlen auf dem Marmorboden widerlich knirschen und ihn jeden Moment zu zerquetschen drohen. In letzter Sekunde hechtet Ray zur Seite – um ein Haar hätte der Hagere Hackfleisch aus ihm gemacht.

„Ich bitte Sie. Was heißt hier Shutdown? Ich will die Starterlaubnis für meine Maschine, und zwar sofort, hören Sie? Was ...? Das darf doch nicht wahr sein …?“
Mittlerweile steht der Hagere mit dem Rücken zu Ray in der Nähe der Brüstung seiner großflächigen Terrasse, schaut auf die Skyline der Stadt hinüber und macht dabei sein Gegenüber am Telefon zu Kleinholz.

Augenblicklich greift Ray an, startet behände durch und fliegt mit vehementem Brummen direkt auf den Hageren zu. Und als dieser das Brummen bemerkt und sich ungläubig umwendet, schreit er auch schon fürchterlich auf. Schließlich leidet dieser ja an einer Apiphobie, wie es ihm die Schöne gesteckt hatte. Panikartig weicht der Hagere, dem das Handy entgleitet, vor Ray zurück, wobei er aber nach wenigen Schritten schon mit einem jähen Aufschrei rücklings über die Brüstung geht und unweigerlich in die Tiefe fällt, während Ray durchstartet, um das Weite zu suchen.

Aber Ray kommt nicht weit. Mit einem Mal verdüstert sich der Himmel um ihn herum und eine Armada von Hummeln steuert von allen Seiten auf ihn zu. Ray taumelt und kollabiert in der Luft.

9

Ray fasst es nicht: Er sitzt auf einmal wieder hoch oben in wunderbarer Natur auf einer Bank. Am Rande einer abschüssigen Bergwiese, von wo er die idyllische Landschaft, die sich unter ihm ausbreitet, bestens überschauen kann – verdammt, so hatte sein Albtraum auf der bescheuerten Straßenlampe doch auch begonnen. Ray ist völlig durch den Wind.

Aber da ist noch etwas, was ihn den Atem stocken lässt. Denn überall schwirren auf einmal jede Menge Hummeln durch die Landschaft und ergötzen sich an bunt blühenden Wiesen. In seinem Albtraum aber war er hier doch mutterseelenallein gewesen – Ray fasst es nicht.
Wo kommen auf einmal all die Hummeln her? Lange war er keinem seiner Kollegen mehr begegnet, denn seine Art war ja am Aussterben, wie die Schöne so richtig bemerkt hatte.

„Hey!“, hört Ray urplötzlich eine Stimme neben sich auf der Bank. „Wie geht’s?“
„Weiß nicht!“, stottert Ray verwirrt, der sich völlig unerwartet einem seiner Kollegen gegenübersitzen sieht. „Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt er so beiläufig wie möglich.
„Wo wir hier sind? Der Kollege glotzt ihn fassungslos an. „Gute Frage. Aber leider nicht zu beantworten.“
„Wie das?“ Ray wird immer konfuser.
„Das weiß leider keiner hier. Wenn du mich fragst, muss es irgendein Zwischenreich sein, in dem wir uns hier befinden. So, als sei die Zeit abgestellt. Hier zerfließt nämlich alles irgendwie und immer herrscht Frühling.“
„Ach so,“ erwidert Ray, der nicht mehr weiß, was er denken soll.
„Aber wie auch immer“, fährt der Kollege gedankenverloren fort und blick sich skeptisch um. Eines weiß ich genau.“
„Und das wäre?“, murmelt Ray zögerlich und befürchtet das Schlimmste.
„Wir hier wurden alle ausgesondert. Irreparable Fehler im System, würde Stephen sagen. Oder einfach grottenschlecht programmiert, würde ich gegenhalten. Und du hast doch sicher auch irgendeinen Defekt. Wie lange bist du eigentlich schon hier?“
„Ich bin neu hier!“, sagt Ray tonlos. „Ich heiße Ray. Und wer bist du?“
„Sag mal, bist du noch ganz bei Trost?“ Der Kollege lacht widerlich laut auf.
„Warum?“ Ray versucht sich zu verteidigen.
„Weil hier alle Ray heißen!“
„Alle!“ Ray verstummt.
„Verdammt, was hast du denn? Hier heißt doch jeder Ray. Das ist doch der Name unseres Modells. „Heißt du etwa anders?“
„Nein“, sagt Ray leise und starrt ratlos ins Weite.

Unwillkürlich erinnert er sich an den engelsgleichen Kanon, der die Schöne wieder ins Leben zurückgeführt hatte. Der wird ihm vielleicht helfen, hier wieder herauszufinden – audio.

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