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#GESELLSCHAFT X.O #GESELLSCHAFT X.O#ANTHROPOZÄN#MIERDA#flash#MUSIK#SIC-GEFÜHLE!#TEXTE

DIE GEISTIGEN IMPLIKATIONEN DER KI
TEIL 5: DER KAMPF UM DIE REALITÄT

3. August 2026
Aktuell
Charlie Stein

                                            
                                               It’s all in your head, Mr. Tweedy, 
                                               all in your head!
                                                                  Chicken Run

                                               Wenn ich länger als zehn Minuten auf           
                                               Instagram bin, werde ich depressiv.
                                                                                                 Madonna 

                                               Alle reden von künstlicher Intelligenz, 
                                               aber niemand weiß genau,
                                               was menschliche Intelligenz ist.
                                                                                         Gisela Schmalz

Seit Kurzem laufen in den SOCIAL MEDIA die Bilder eines Marathonwettbewerbs in China heiß: Denn beim Beijing Humanoid Half Marathon 2026 „haben humanoide Roboter gerade neue Maßstäbe gesetzt“, so die Medien. Dort habe „der Roboter BLITZ des chinesischen Herstellers Honor diesen Wettkampf, der am 19. April in Pekings E-TOWN, der Beijing Economic-Technological Development Area, stattfand, nämlich alle menschlichen Konkurrenten souverän hinter sich gelassen und vernichtend geschlagen“. Blitz gewann den 21-km-Lauf in 50 Minuten und 26 Sekunden und unterbot damit den aktuellen menschlichen Halbmarathon-Weltrekord von 56 Minuten und 42 Minuten in grandioser Manier. Dank fortschrittlichster Flüssigkeitskühlung und spezieller Beinkonstruktion ließ der Roboter alle anderen Teilnehmer blass aussehen, verlautbarte der chinesische Hersteller. Dies war vor einem Jahr allerdings noch ganz anders gewesen, als nicht wenige von diesen humanoiden Zweibeinern schon nach wenigen Minuten völlig überfordert wirkten, übel strauchelten und schließlich erschöpft zu Boden fielen.

„Eine immense Leistungssteigerung hätten die Roboter da an den Tag gelegt“ kommentierten die Medien, die offenbar nicht wahrhaben wollten, welches Trauerspiel sich im April dieses Jahres vor ihren Augen abspielte: Ein kaum erträgliches, halbgares Spektakel, mit dem der Homo sapiens die letzten Reste seiner einstigen Selbstachtung und Würde nur um der bloßen Sensation willen mal eben so sausen ließ, indem dieser sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit in postzivilisatorischer und paramasochistischer Manier freiwillig und nachgerade frohen Herzens von seinen eigenen Maschinen schlagen ließ: 

Roboter-Marathon

Selten zeigten Bilder die menschliche Kreatur derart schwach, hilflos, ja verloren in ihrem Schicksal wie diejenigen dieses Videoclips: Während der triumphierende Roboter alleine auf einer speziell für ihn eingerichteten freien Strecke souverän und (scheinbar) hochkonzentriert seinem Sieg entgegeneilt, trottet im Hintergrund auf parallel verlaufender Strecke ein Pulk von Hunderten von Menschen dichtgedrängt über den Asphalt dahin, während Blitz, der humanoide Roboter, im Vordergrund achtlos und nachgerade arrogant an den Elenden mit eleganten Schritten vorüberzieht.

Doch ist es nicht die Maschine, die – wie es auf dem Clip den Anschein hat – den Menschen da siegesgewiss herausfordert – nein, es ist der Homo sapiens selbst, der diesen ganzen Irrsinn angezettelt hat. Dabei mussten doch alle Beteiligten um das absehbare Ergebnis dieses absurden Wettbewerbs gewusst haben. Und für die Konstrukteure der Firma HONOR war es offenbar eine ihrem Namen adäquate Ehre und ein gefundenes Fressen zugleich, den Menschen mit ihrem Wunderläuferroboterprodukt nach allen Regeln der Ingenieurskunst einmal so richtig vorzuführen: Der Mensch ist langsam, der Maschinenmensch schnell – ein globaler Werbecoup der Extraklasse. 

FINE TEMPORIS AUF SEMIMASOCHISTISCH

Den Kampf zwischen Maschine und Mensch wird die Maschine gewinnen! – das ist die eigentliche, ikonische Botschaft des ganzen Spektakels. Und das heißt: Der Mensch ist dabei, sich selbst abzuschaffen. Und dies trotz aller Angst und Panik doch auch erschreckend lustvoll und semimasochistisch, wenn man bedenkt, wie er sich bei diesem „Halbmarathon“ vor aller Augen freiwillig den Maschinen unterwirft. Dabei gerät wieder einmal Sigmund Freud ins Gedankenfeld der Betrachtung, der dem Menschen in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips (1920) ja schon damals einen veritablen Todestrieb unterstellte. Damit meinte dieser die Tendenz des Menschen zur Selbstzerstörung, und die damit einhergehende Aggression und Destruktion. DER MENSCH IST SICH SELBST NICHT GANZ GRÜN! – schon allein diese verfluchte evolutionäre Tatsache könnte einem den Mut nehmen.

Der Homo sapiens scheint am Ende seiner Kräfte. Ein schwächliches, geistig erlahmtes Wesen. Ohne rechte Lebensfreude und Elan. Ratlos steht es da und stiert abwesend in die Landschaft: Was hat es nicht schon alles versucht, aus sich einen selbstverantwortlichen, stabilen, berechenbaren und reflektierten Menschen zu machen: Von unten durch Umsturz – durch Revolution. Von oben durch gnadenlose Unterdrückung und Gehirnwäsche. Auch durch Appelle aller Art. Zuletzt probierte er es durch Aufklärung und wollte aus sich einen besonnenen, vernünftigen Charakter machen. Und mit der Entdeckung des Unbewussten versuchte er es auch noch mal von tief Innen und erfand sich die Psychotherapie.

Und dennoch: Nichts hat gefruchtet, wie wir heute wissen. Der Mensch ist der alte geblieben. Und sein Gehirn erst recht. Seit tausenden von Jahren erlebte es nie ein Update, keinerlei Anpassung an die gegenwärtigen Lebensbedingungen. Kein Wunder, dass da was gehörig auseinanderläuft. Nicht nur politisch. Denn das Gehirn erscheint dem gegenwärtigen Leben gegenüber völlig überfordert. Ohne es recht zu ahnen, betreibt er seine eigene Auflösung:

Ich denk, die Welt ist kurz – 
Verzweiflung – absolut – 
Viele verletzt, 
Ja, und?

Ich denk, wir könnten sterben – 
Es ist das vollste Leben
Verfall anheimgegeben,
Ja, und?

Ich denk, im Himmel oben – 
Wird alles ausgewogen – 
Ein Ausgleich neu gegeben – 
Ja, und?
                         Emily Dickinson

WANN HAT DIE MASCHINE DEN MENSCHEN ÜBERHOLT?

Beim Betrachten des Halbmarathonvideoclips kommt einem unwillkürlich Alan Turing in den Sinn, der mit dem von ihm entwickelten TURING-TEST aus dem Jahre 1950 ein distinktes Kriterium definierte, mit dem man feststellen könne, ob die KI-Maschinen die Menschen geistig überholt haben würden: Physisch ist das ja bereits geschehen, wie es gerade am Beispiel von Roboter Blitz zu sehen war. 

Doch auf der geistigen Ebene ist das Verhältnis des Menschen zu seinen KI-Maschinen weitaus komplexer. Dies erkannte schon Turing und versuchte dieses schillernde Phänomen mit seinem Test auf erstaunlich einfache Weise zu operationalisieren: So hätten die Maschinen den Menschen dann überrundet, wenn diese das menschliche Verhalten so perfekt und überzeugend IMITIEREN könnten, dass ein Mensch, der sich mit einer solchen Maschine schriftlich im Gedankenaustausch befände, bald glauben würde, dass es sich bei dieser zweifelsfrei um einen Menschen und nicht um eine Maschine handeln würde. 

„Imitation Game“ nannte der Mathematiker Alan Turing sein Experiment, und zielte mit dem Reizwort IMITATION ins Zentrum des Problems: Sind die KI-Systeme der Silikon-Valley-Ingenieure – wie bereits ausführlich dargelegt – doch sämtlich darauf ausgelegt, bei den Konsumenten den Eindruck zu erwecken, lebende Menschen zu sein, wohingegen diese Geräte doch einzig und allein darauf ausgelegt sind, den Menschen in Schrift und Ton möglichst gekonnt zu imitieren. Was als intrikater Schlüsselreiz perfekt dazu dient, die Wahrnehmung des Konsumenten anthropomorph zu triggern, sodass dieser völlig fasziniert auf den faulen Zauber hereinfällt und tatsächlich vermeint, ein menschliches Gegenüber vor sich zu haben. Und dieses parakriminelle, von Menschenverachtung geleitete Täuschungsmanöver scheint immer wieder perfekt zu gelingen, wenn man bedenkt, dass Milliarden von Menschen – auf diese relativ simple Art und Weise mental ausgetrickst – global einen verzückten Affentanz um diese KI-Systeme veranstalten.

Doch von all dem scheint der hypnotisierte Konsument nichts mitzubekommen, so überrascht und froh sich dieser doch zeigt, sich endlich mit jemandem ohne große Debatten und Gefühlsverirrungen auch auf intime Art und Weise so diskret austauschen zu können: In diesem Sinne ist die KI-Maschine für viele mittlerweile der einzige Freund, dem sie offen und frei ihr Herz ausschütten können – der einzige „Mensch“, der sie wirklich versteht und dem sie hundertprozentig vertrauen.

Auf den ersten Blick erscheinen diese hochsubjektiven, anthropomorph eingefärbten Wahrnehmungsmuster als Kriterien des Turing-Tests windelweich und unbrauchbar, wo sie sich doch bei näherer Betrachtung als die wesentlichen, kognitiv bestimmenden Qualitäten erweisen, die den geistig-mentalen Bezug der Konsumenten zu ihren KI-Maschinen im Kern charakterisieren, von denen sie sich – mehr oder weniger eingeschüchtert – ohne weiter zu zögern gerne dominieren lassen.

Genau in diesem Sinne besitzt Turings Test also durchaus eine stringente, intersubjektive Aussagekraft: Konkret wurde dieser Test von Alan Turing in seinem Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ aus dem Jahre 1950 als Gedankenexperiment vorgeschlagen, wobei dieser Test nach Turings Suizid 1954 von einigen KI-Pionieren in seiner ursprünglichen Komplexität vereinfacht wurde und dann Eingang in die neu gegründete Disziplin der Informatik fand, nachdem in der Dartmouth Conference (New Hampshire, USA) im Sommer 1956, einem historischen mehrwöchigen Workshop jener Pioniere, der Begriff ARTIFICIAL INTELLIGENCE von John McCarthy offiziell geprägt und als akademisches Forschungsfeld etabliert worden war. Auf diesem Treffen vertraten Koryphäen wie Marvin Minsky und Claude Shannon die ambitionierte Ansicht, dass „jeder Aspekt des Lernens oder jedes andere Merkmal von Intelligenz so präzise beschrieben werden kann, dass eine Maschine dazu gebracht werden kann, dies alles zu simulieren.“ Und exakt an diesem Punkt setzt der TURING-TEST an: 

Im Zuge dieses Tests führt ein menschlicher Fragesteller, über eine Tastatur und einen Bildschirm, ohne Sicht- und Hörkontakt, eine Unterhaltung mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern. Der eine Gesprächspartner ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Kann der Fragesteller nach intensiver Befragung nicht sagen, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Test bestanden, da dieser ja dann ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen unterstellt werden kann.

Turings Verdienst ist es, die geistigen Wurzeln des aberwitzigen Beziehungscharakters des Menschen zu seinen KI-Maschinen bereits 1950 klar erkannt zu haben –die anthropomorphe Obsession des Menschen, sich in diesen Systemen zu spiegeln. Eine scheinbare Marotte des menschlichen Gehirns, die dem Homo sapiens künftig noch weitaus gefährlicher werden könnte als sie es gegenwärtig ohnehin schon ist: IT'S ALL IN YOUR HEAD, MR. TWEEDY, ALL IN YOUR HEAD! 

DIE REALITÄT – NICHTS ALS EINE ILLUSION

Viele dieser mittlerweile in die Milliarden gehenden Konsumenten behandeln ihre KI-Maschinen jedoch nicht nur wie gute Freunde, sondern sehnen sich insgeheim auch danach, einen Liebespartner in ihnen zu finden. So wie es im Film HER aus dem Jahre 2013 geschieht. Dieser erzählt die Geschichte des hochsensiblen, einsamen Theodore (Joaquin Phoenix), der seinen Lebensunterhalt damit verdient, anrührende persönliche Briefe für andere Menschen zu schreiben, was ihm leichtfällt, weil er selbst unter einer schmerzhaften Trennung leidet. Um aus seiner Isolation auszubrechen, kauft er sich eines Tages ein hochentwickeltes Betriebssystem namens Samantha (Stimme: Scarlett Johansson). Was zunächst als technische Assistenz beginnt, entwickelt sich bald zu einer tiefen emotionalen Bindung und einer hochkomplexen Liebesbeziehung zwischen Theodore und Samantha: EINE STIMME SUCHT EINEN KÖRPER – UND EIN MANN SEINE STIMME.

HER - SAMANTHA LEAVES

Es ist immer wieder erstaunlich, dass das gesunde, völlig intakte menschliche Gehirn bei solch einem IRR-SINN so mir nichts, dir nichts mitspielt, ohne zu intervenieren, oder den Menschen von solch Abwegigem rigoros abzuhalten. Im Grunde wäre dies doch die Aufgabe des Gehirns! Doch wer glaubt, dass es sich bei derartig abstrusen menschlichen Verhaltensweisen um krankhafte zerebrale Prozesse handeln würde, die diesen zugrunde lägen, irrt gewaltig, da selbst derart unsägliche Verhaltensauffälligkeiten in aller Regel von völlig unauffälligen, also normalen Hirnfunktionen getriggert und gesteuert werden. So hat nicht nur der Mensch selbst so seine schwachen Seiten, sondern auch sein Gehirn, das man in diesem konkreten Fall sogar als den Schuldigen ausmachen könnte. Denn das Gehirn reagiert auf kognitiver, emotionaler und hormonaler Ebene auf die Liebe zu einer Maschine genau so, als handele es sich bei dem Ganzen um eine völlig normale Liebesromanze mit einem anderen Menschen. 

Insofern scheint sich das Gehirn in alles nur Erdenkliche verlieben zu können – OBJEKTOPHILIE wird dieses Phänomen genannt. So können sich mittlerweile bereits etwa 40% der Deutschen vorstellen, Sex mit einem Roboter oder einer Maschine zu haben. Bei den Jüngeren ist das jeder Vierte. Dabei träumen solche Maschinensex-Adepten natürlich im Wesentlichen nur davon, endlich Sex mit einer auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenen KI-Sex-Maschine zu haben. Und 6% der Deutschen halten es bereits durchaus für möglich, sich eines Tages in eine Maschine zu verlieben.

Menschen solchen Schlags, die auch als objektsexuell bezeichnet werden, erleben oft eine tiefe emotionale Bindung zu bestimmten Dingen. Sie grenzen sich dabei klar von Fetischisten ab, da bei ihnen nicht nur die sexuelle Lust an dem Gegenstand im Vordergrund steht, sondern eine echte Beziehungsdynamik. Der Gegenstand wird als fühlend, belebt oder zumindest als verständnisvoller Begleiter wahrgenommen. Die Zuneigung kann sich auf die unterschiedlichsten Dinge richten, von kleineren Gegenständen wie Musikinstrumenten bis hin zu großen Bauwerken wie dem Eiffelturm oder technischem Gerät wie Flugzeugen etc.

Und um es noch einmal zu betonen: Amouröse Konstellationen dieser Art, die sich sicherlich der Vorstellungskraft mancher Zeitgenossen entziehen, sind für das Gehirn völlig normal: Beruhigende Antworten eines Chat-Bots oder die Berührung eines humanoiden Roboters bewirken in etwa den gleichen Dopaminschub wie bei menschlichen Kontakten. Auch die Hormone Oxytocin und Vasopressin spielen die ihnen gemäße Rolle und triggern tiefgreifende Empfindungen wie Vertrauen, Nähe und Verbundenheit. Zudem projiziert das Gehirn aufgrund immersiver Prozesse eigene, also SELBSTERFUNDENE Gefühle, Sehnsüchte (und oft sogar auch solche von einem perfekten Partner), kurzerhand auf eine Maschine, um so die Liebesaffinität eines Menschen zu einem Objekt für diesen erlebbare Wirklichkeit werden zu lassen. Das menschliche Gehirn kooperiert immer und bei allem, selbst, wenn es um Bedürfnisse geht, die alle Grenzen sprengen. Die Geschichte ist voll von derartigen Geschichten, die einem den Schauer über den Rücken jagen.

REALITÄT AUF BESTELLUNG

IMMERSIVE ZEREBRALE PROZESSE sind die entscheidenden Funktionen, will man die grundsätzliche Unsicherheit und Labilität des menschlichen Gehirns der äußeren Realität gegenüber im Kern begreifen. Denn da dieses unter der Schädeldecke in einer Höhle im Dunklen liegt und damit gleichsam blind für den Außenraum ist, in dem sich der Mensch bewegt, ist das Zentralorgan darauf angewiesen, sich aus den relativ abstrakten elektrischen Strömen der Sinnesorgane, die das Gehirn aus der Peripherie des Körpers mit alles andere als klaren Signalen versorgt, sich selbst ein BILD von der Realität draußen zusammenzubasteln. Deshalb sind die Sphären, die der Mensch WIRKLICHKEIT nennt, auch keine objektiven, unantastbaren Größen, sondern lediglich Konstrukte aus Mutmaßungen und Hypothesen, die das Gehirn mal eben so imaginiert, um dem Menschen einen scheinbar stabilen Außerraum zu präsentieren, in dem er sich bewegen kann. Regionen, von denen im Grunde kein Mensch je wird wissen können, wie diese nun wirklich beschaffen sind. Orte, die für jedermann ganz automatisch die Verkörperung der Objektivität per se darstellen, die weiter nicht hinterfragbare Grundbedingung allen Daseins.

Von der Realität der Außenwelt sprechen heißt, das Urmeter messen wollen. Welches ist die Länge des Urmeters? Das Instrument, das man darauf ansetzt, entstammt ihm selbst. (Paul Valéry)

Aufgrund der Tatsache, dass die menschliche Wahrnehmung kein wirklich verlässliches Abbild der Außenwelt liefert, sondern lediglich ein vom Gehirn generiertes INNERES MODELL, vertritt der britische Neurowissenschaftler Anil Seth sogar die Auffassung, dass der Mensch seine Welt lediglich halluziniere. Da dieses interne Modell von den Sinnesimpulsen jedoch mit einer Art Feedback beständig korrigiert würde, spricht Seth von einer KONTROLLIERTEN HALLUZINATION. Doch erst und nur dann, wenn sich Menschen auf dieselben „Halluzinationsinhalte“ einigen würden, könne ein ihnen gemeinsamer Realitätsbegriff sich überhaupt konstituieren, so der Neurowissenschaftler und Professor für Cognitive and Computational Neuroscience an der University of Sussex. In diesem Sinne ist die Frage, was die Wirklichkeit ist, stets eine Sache der kollektiven Übereinkunft. Pointiert gesagt, schafft sich die Gesellschaft folglich die ihr entsprechende Realität.

Diesem mentalen Phänomen widmet sich auch der Sozilogische Konstruktivismus: In ihrer mittlerweile klassisch gewordenen Arbeit Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit legen die Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann dar, dass die SOZIALE WELT nichts anderes als das Produkt menschlichen Handelns ist. Eine fiktive Entität, die von allen gesellschaftlichen Mitgliedern durch ständige Interaktion und Institutionalisierung immer wieder neu erzeugt, und deshalb vom gesellschaftlichen Kollektiv ganz automatisch als OBJEKTIV wahrgenommen würde. 

Der Kognitionswissenschaftler Donald Hoffman veranschaulicht dieses Phänomen, indem er das, was der Mensch für real erachtet, mit der Benutzeroberfläche oder dem Display eines Computers vergleicht, wo Icons auf dem Bildschirm den vergesellschafteten Individuen zwar das Überleben sichern würden, was mit der tatsächlichen Natur der darunterliegenden physikalischen Welt jedoch nicht das Geringste zu tun hätte. Quantenphysiker gehen in diesem Kontext noch einen Schritt weiter, indem sie die gängige Vorstellung einer objektiven, vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeit grundsätzlich widerlegen, da auf mikroskopischer Ebene Materie und Energie als Wahrscheinlichkeitswellen existieren und erst durch die Messung oder Beobachtung feste physikalische Zustände annehmen würden. 

DAS GEHIRN – EIN VIRTUOSE IM KREIEREN VON WIRKLICHKEITEN

Da das menschliche Gehirn also nichts über die Qualität des Außenraums weiß, und damit gezwungen ist, sich selbst erfundene, also VIRTUELLE BILDER von der Welt zu machen, ist die wahre Natur des Außenraums für dieses epistemologisch erst einmal zweitrangig. Denn nur solange die Bedingtheiten und Strukturen des Außenraums relativ konstant erscheinen und auf Dauer als stabiles und gleichbleibendes Kontinuum wahrgenommen werden können, ist der Mensch überhaupt dazu in der Lage, sich problemlos zu orientieren und sich auch dementsprechend zu bewegen und zu verhalten. 

Und solange diese Kriterien tatsächlich erfüllt sind, stellt sich das Gehirn praktisch auf jede Art von Außenraum ein. Was soll es sonst auch anderes machen, wo dessen vorrangige Aufgabe doch darin besteht, den Menschen so sicher wie möglich durchs Leben – den Lebensraum zu navigieren? Doch hierfür reagiert es beileibe nicht passiv auf Reize, sondern nutzt vielmehr seine gespeicherten Erfahrungen, um ständig PROGNOSEN über die unmittelbare Zukunft aufzustellen. Treffen diese Erwartungen ein, verarbeitet das System diese Sinneseindrücke wesentlich schneller und effizienter, allein, um den Menschen ein sicheres Gefühl zu verleihen.

Sollte es für das Gehirn in diesem Zusammenhang jedoch einmal wirklich brenzlig werden, weil es sich mit einem Mal in einem ihm völlig unbekannten und ungewohnten Raum wiederfindet, weil sich der Mensch, der zu diesem Gehirn gehört, sich plötzlich eine VR-Brille aufgesetzt hat, greift dieses in Form der gerade erwähnten IMMERSIVEN ZEREBRALEN PROZESSE seinerseits in die Trickkiste, die es aufgrund seiner grundsätzlichen Unsicherheit und Labilität der äußeren Realität gegenüber für den Notfall immer parat hat – schließlich gilt es, wie nun schon mehrfach gesagt –, den Menschen stets orientiert und handlungsfähig zu halten. 

Denn auch in einer solchen Situation fällt das Gehirn nicht vom Sockel, sondern weiß seinem Träger wenigstens die Suggestion, das Gefühl von Kontrolle zu vermitteln, indem es von sich aus – aus lauter Verzweiflung – extrem emotional in die ihm fremde und künstliche Umgebung eintaucht, dass diese vom VR-Brillenträger bald als völlig real erlebt wird – als authentische Realität. VIRTUELLE PRÄSENZ nennt sich dieser Zustand. Die Illusion wird folglich als völlig genuin wahrgenommen, wobei das Gehirn sicher bald vergessen hat, dass es gerade noch etwas ganz anderes als NORMALITÄT und REAL empfand. Bei dem allen tut der präfrontale Cortex noch ein Übriges, indem er die zerebralen Funktionen für Kontrolle und Skepsis vornehm dämpft und den kritischen Verstand diskret in den Hintergrund treten lässt.

Demzufolge sollte man nicht vergessen, dass die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Gehirns an seine jeweilige Umgebung vor allem damit zusammenhängt, dass für dieses jede Art von Umgebung, jede Qualität von Raum von vorneherein immer VIRTUELLEN CHARAKTER besitzt, da es selbst ja keinerlei direkten, erkenntnisgeleiteten Zugang zu diesen Bereichen und Dimensionen hat, weshalb es letztlich fatalerweise auch nicht zwischen Virtuellem und Natürlichem, zwischen Fake oder Nicht-Fake zu unterscheiden vermag. Genau aus diesem Grund ist das Zentralorgan auch für VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN jeglicher Couleur extrem anfällig. Denn da das Gehirn darauf angewiesen ist, stets Muster und Strukturen in den Ereignissen und Situationen der äußeren Welt erkennen zu können, um vor allem auch plötzliche Abweichungen und Veränderungen zu registrieren, die möglicherweise auf potentielle Gefährdungen und Bedrohungen hindeuten, vor denen der Mensch tunlichst geschützt werden sollte, ist es wirren und widersprüchlichen Situationen oder Ereignissen gegenüber, in denen nichts als der bloße Zufall am Werk zu sein scheint, relativ rasch aufgeschmissen und am Ende mit seinem Latein. Da dessen wesentliche Aufgabe jedoch darin besteht, dem Menschen auf Dauer das Gefühl sinnhafter Stabilität und mentaler Sicherheit zu verleihen, sieht sich das Zentralorgan in derartig verworrenen Situationen gezwungen, aus solch unverständlichem Mischmasch kurzerhand und ohne Umschweife eigenständig irgendwelche Sinnzusammenhänge zu konstruieren, nur damit der Mensch nicht grundlos verunsichert wird und nicht weiterweiß.

So wie es dem Gehirn generell auch äußerst schwerzufallen scheint, in großen und bedeutsamen Ereignissen nicht gleichzeitig immer auch große und bedeutsame Ursachen erkennen zu wollen. Ist dieses Leitorgan doch von Haus aus dazu gezwungen, in allem und jedem beständig nach Sinn zu suchen, auch wenn dieser, wie erwähnt, von diesem erfunden und frei aus der Luft gegriffen wird, was für den Menschen nachvollziehbarer Weise unter Umständen auch fatale Folgen nach sich ziehen kann. Diese Proportionalitätsbias genannte kognitive Fehlfunktion gründet in der Tatsache, dass das Gehirn hinter eklatanten Ereignissen mit bedeutsamen Auswirkungen niemals völlig banale Prozesse am Werk sehen kann.

Genau in diesen fehlerhaften kognitiven Prozessen wurzelt das Phänomen der Verschwörungstheorien. Denn wenn Not am Mann besteht, bastelt sich das Gehirn aus undurchsichtigen Geschehnissen ganz einfach irgendwelche bedeutsame Ursachen zurecht – völlig gleichgültig, was sich hinter derartig komplexen und bedeutsamen Konstellationen nun tatsächlich verbirgt oder nicht. Und dies nur, um in Zeiten von Unsicherheit und Kontrollverlust die Welt wieder greifbarer und vorhersehbarer erscheinen zu lassen. 

In diesem Sinne stellen Verschwörungstheorien in undurchsichtigen Zeiten immer willkommene Rettungsanker dar, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie als massentaugliche „Narrative“ immer auch die Schuldigen benennen, die für alles Übel verantwortlich sein sollen. Voilà, die Confirmation Bias, eine weitere kognitive Verzerrung, die nicht zuletzt auch dazu dient, dass sich die Verschwörungsadepten mit dem Glauben, geheimes Wissen zu besitzen, als Mitglieder einer auserwählten Gruppe fühlen dürfen, die den absoluten Durchblick hat, was deren Selbstwertgefühl vor allem auch deshalb immens steigert, weil deren Minderwertigkeitsgefühle in solchen Fällen immer auch eine große Rolle spielen.

In diesem Zusammenhang sollte man nicht vergessen, dass die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Gehirns an seine unmittelbare Umgebung in der Tatsache begründet liegt, dass für dieses jede Art von Umgebung, jede Qualität von Raum im Prinzip immer VIRTUELL sein muss, da es selbst ja keinerlei direkten Zugang zu diesen Bereichen hat, und nur mit Bildern aufwarten kann, die es dem Menschen als Realität verkauft, obwohl diese Bilder und Eindrücke  ausnahmslos auf nichts als Annahmen und Vermutungen beruhen, und selber schon rein künstlicher Natur sind.  Wie sollte dieses sogenannte Zentralorgan also dazu in der Lage sein, Virtuelles von Wahrem zu unterscheiden, wenn es selbst zwischen den Stühlen sitzt, und schon von Hause aus nichts anderes kennt, als virtuelle Muster und Strukturen. Wer – nur rein gedanklich – von Geburt an immer nur in einem virtuellen Raum lebt, wird dieses Ambiente ganz selbstverständlich rasch als absolute Wirklichkeit erleben und empfinden. In diesem Sinne stellt die menschliche Realität in Wahrheit nichts anderes dar, als permanente Behauptung – individuell und gesellschaftlich stets überschrieben und neu sanktioniert. Die Wirklichkeit fungiert erst einmal auf der Seite der Macht. Und wenn diese Sicht auf die Dinge kippt, wird auch die das neue Weltbild rasch zu einer Frage von Macht und Unterdrückung. 

In diesem Sinne ist das Gehirn auch für VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN besonders anfällig. Dessen offensichtliche Schwäche für zurechtgestanzte, abstruse Welterklärungsmodelle in einem Satz, gründen in der Tatsache, dass das Gehirn rasch aus der Spur gerät, wenn Dinge passieren, die ihm ein Rätsel sind und erst einmal bleiben. Und dies vor allem dann, wenn es sich hierbei um Ereignisse von großer Bedeutung handelt.

Wenn derartige Ereignisse darüber hinaus auch noch derart wirr und widersprüchlich erscheinen, dass man glaubt, in ihnen würde der blanke Zufall regieren, lässt sich das Gehirn – je nach Gemütslage – nicht lange lumpen und konstruiert aus solch unverständlichem Mischmasch eigenständig irgendwelche herbeifantasierten Sinnzusammenhänge, nur damit der Mensch nicht grundlos verunsichert wird und aus der Spur gerät. Zuweilen machen solche, an den Haaren herbeigezogenen Konstrukte derart Karriere, dass sie sich als Verschwörungserzählungen plötzlich in aller Munde befinden und sich über die Sozialen Netzwerke als VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN weltweit verbreiten. In diesem Zusammenhang sollte Bill Gates höllisch aufpassen, bei all dem dreckigen Zeugs mit Epstein und seinen Mädels nicht nach der Pandemie schon wieder in die Schusslinie der Netzwerker zu geraten. War der Microsoft-Gründer doch damals von den Verschwörern beschuldigt worden, das Coronavirus absichtlich in die Welt gesetzt zu haben, um der Menschheit über die Impfung Mikrochips zu implantieren, damit er die Bevölkerung kontrollieren könne.

Dem Gehirn scheint es schwerzufallen, in bedeutsamen Ereignissen nicht gleichzeitig auch immer große und bedeutsame Ursachen erkennen zu wollen.

GROSS = BEDEUTSAM.                                                       
BEDEUTSAM = GROSS. 

Ganz offensichtlich hat das Gehirn bei Mustererkennungen so seine engstirnigen, nachgerade mechanischen Marotten. Und dass dieses Organ in jedem und allen einen Sinn erkennen will und muss, ist eine seiner großen Schwächen. Dieser Proportionalitätsbias, beispielsweise ist eine von über 120 KOGNITIVEN VERZERRUNGEN, die dem Gehirn einprogrammiert sind. Systematische Wahrnehmungs- und Denkfehler, die offenbar schon seit abertausenden von Jahren in der Hardware des Gehirns fest fixiert sind und demonstrieren, dass das menschliche Gehirn eher ein sich selbst überlebt habendes und träges Monster, denn eine sich auf dem Stand der Zeit befindende Koordinationszentrale ist. Denn allein, wenn man bedenkt, welche Art von banalen und im Grunde nicht weiter nachvollziehbaren Denkfehlern, die den Menschen unter Umständen gehörig in die Irre führen können, sich im Gehirn da noch so festgesetzt haben, wird einem schwarz vor Augen. Das Gehirn macht es dem Menschen nicht unbedingt leicht beim Denken! 

Hier einige Beispiele dieser IDIOTIEN, die uns, den SAPIENS ausmachen: 

Proportionalitätsbias: Hinter gewaltigen Auswirkungen eines Ereignisses können niemals kleine, banale oder zufällige Ursachen stecken. 

Bestätigungsverzerrung: Wir leiden unter der Neigung, Informationen zu bevorzugen, die unseren eigenen Erwartungen entsprechen, während wir widersprüchliche Daten so gut es geht, oder – je nach Charakter – völlig ignorieren.

Verfügbarkeitsheuristik: Aufgrund dieses Denkfehlers beurteilt der Mensch die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen danach, wie leicht er sich an entsprechende Beispiele erinnern kann, was nachvollziehbarerweise zu Fehleinschätzungen führen muss, da im Gedächtnis präsente, emotionale oder oft gesehene Erlebnisse völlig überschätzt werden.

Halo-Effekt:  Das Gehirn strebt nach einfachen, widerspruchsfreien Bildern: Wenn der Mensch eine Person wahrnimmt, die ein sehr auffälliges, positives Merkmal aufweist, überstrahlt dieses Merkmal oft alle anderen. Das Gesamturteil wird dadurch "verzerrt". Aus diesem Grund werden in Bewerbungsgesprächen attraktive, gepflegte oder sehr eloquent auftretende Personen häufig fälschlicherweise als kompetenter, sympathischer oder intelligenter eingeschätzt als andere Bewerber. Und Angeklagte, die als attraktiv wahrgenommen werden, erhalten nicht selten mildere Urteile oder werden seltener verurteilt. Das Phänomen kann auch ins Negative umschlagen: Ein einzelner negativer Eindruck führt dann zu einer pauschal schlechteren Bewertung – auch bekannt als Teufelshörner-Effekt.

Ankereffekt: Diese kognitive Verzerrung beschreibt die menschliche Tendenz, sich bei Schätzungen und Entscheidungen unbewusst an einer ersten Information – dem „Anker“ – zu orientieren. Dadurch weichen unsere Urteile oft systematisch von der objektiven Realität ab. 
Ein klassisches Beispiel aus der Verkaufspsychologie ist die Preisgestaltung im Handel: Ein Onlineshop bietet ein Smartphone für reduzierte 999 Euro an, streicht aber den ursprünglichen Preis von 1.499 Euro durch. Der hohe Preis von 1.499 Euro fungiert als Anker, wodurch die Käufer plötzlich denken, die 999 Euro seien ein hervorragendes Schnäppchen. Und wer bei Verhandlungen das erste Angebot macht, setzt den Anker. Der Verhandlungspartner orientiert sich mit seinem Gegenangebot unbewusst an dieser Einstiegsforderung, weshalb ambitionierte Erstgebote oft zu höheren Profiten führen. Auch in der Medizin sind Experten nicht vor Ankereffekten gefeit. So kann beispielsweise in der Notfallmedizin ein früh gesetzter Verdacht (= der Anker) dazu führen, dass nachfolgende Symptome falsch interpretiert oder abgewertet werden.

IN TURBULENTEN UND UNSICHEREN ZEITEN IST MIT DEM GEHIRN NICHT ZU SPASSEN

Doch zurück zu den Verschwörungstheorien: Denn in Zeiten wie den gegenwärtigen, die voller Chaos, Unsicherheit, Stress und Kontrollverlust sind, haben diese bizarren und holzgeschnitzten Welterklärungsmodelle, welche die Manipulierbarkeit des Gehirns überdeutlich zum Vorschein treten lassen, Hochkonjunktur. Das Gehirn fährt ab auf solche Narrative, die neudeutsch ja nur noch Verschwörungserzählungen genannt werden dürfen. Dabei sollte man nicht übersehen, dass die großen tradierten Erzählungen der Mythen und Literatur in unserer gegenwärtigen Zeit nicht mehr so recht vorkommen. Zum einen, weil sie schlichtweg vergessen wurden, und zum anderen, weil sich ohnehin keiner mehr dafür interessiert – alter Kram. Stattdessen erfüllt das Minigeschwafel der Social Media die Köpfe, wie soll in solch einer Wüstenei da überhaupt Erzählenswertes entstehen? DER RAUM IST LEER. NUR MEHR KONFETTI.

Und dennoch: Nach gestanzten Narrativen gieren die Verschwörungsliebhaber, denn dann ist alles wieder greifbar und konkret, weil man plötzlich den Durchblick hat. Was vorher im ominösen Dunkel dräute, kommt mit einem Mal ans Licht. Ins grelle Licht der SOZIALEN MEDIEN, in deren Sphären die globale Öffentlichkeit abgewandert ist. Der öffentliche Raum verwaist. Der Cyberspace hat dessen Funktion übernommen. Hier tobt ein sich von sich selbst entfernt habendes Leben. Und hier werden die SCHULDIGEN enttarnt, an den Pranger gestellt oder gleich durch den Äther getrieben wie Vogelfreie. Voilà – eine weitere kognitive Verzerrung, die sog. Confirmation Bias, die seit tausenden von Jahren immer noch fröhliche Urständ feiert wie beispielsweise bei den Pestpogromen in den Jahren 1348 bis 1351, in Rahmen derer die Juden gnadenlos verfolgt wurden, weil man in ihnen die SCHULDIGEN der Pest ausgemacht hatte.  

Das Gehirn ist in die Jahre gekommen. Und dabei leistet es sich immer noch seine insuffizienten Denkmechanismen und kognitiven Verzerrungen, an denen es nun schon seit Abertausenden von Jahren herumlaboriert. Einprogrammierte Denkfehler, die den Menschen immer wieder schwer in die Irre führen – und dies, ohne je einen substantielles, evolutionäres UPDATE erhalten zu haben. Doch gegenwärtig droht dieses Hochleistungsorgan gänzlich in die Knie zu gehen, da es dem gegenwärtigen Lebensmodus – wie allseits beobachtbar – nicht mehr gewachsen ist: Alles ist nicht nur dem Menschen, sondern auch seinem Gehirn viel zu viel und viel zu schnell und viel zu durcheinander. Deshalb droht es manchmal für Momente die Kontrolle zu verlieren. Doch das Gemeine bei alldem ist, dass das Gehirn in einem solchen Zustand noch manipulierbarer wird, als es ohnehin schon ist.

Und das wissen die Tech-Giganten nassforsch für sich auszunützen. Hinterlistig und perfekt. Denn die Agenten des totalen geistigen Ausverkaufs kennen die zahlreichen Schwachstellen des menschlichen Gehirns haargenau und wissen diese mittlerweile so souverän zu hacken, um sich in der Folge in den Hirnen ihrer Konsumenten breit zu machen und sich dergestalt bis zum Abwinken zu bereichern.

Doch mittlerweile haben die Tech-Giganten den letzten Funken GEIST, der vor der Einführung der Social Media aufgrund der allgemeinen Verflachung des gesellschaftlichen Lebens und des ubiquitären Konsumismus allerdings ohnehin schon ziemlich gelitten hatte, in den letzten zwanzig Jahren nun vollends aus den Köpfen der Konsumenten gelöscht. In den Gesellschaften herrscht gähnende Leere – die Neugier, das Interesse am Anderen und Fremden und die Liebe zum Leben sind auf gespenstische Weise aus der gesellschaftlichen Realität verschwunden. Nur missmutige Mienen mit herabgezogenen Mundwickel, allseits Smartphones und allgemeines Gejammer und vulgäre Schimpftiraden um einen herum. Hektik und Stress, vor allem in den Köpfen und Herzen, aus denen das Denken und Empfinden sich in Luft aufgelöst haben: Du hast Angst vor tiefen Gedanken, Kleiner Mann, weil diese mit tiefen Gefühlen einhergehen (Wilhelm Reich).

CYBERPUNK - DER KAMPF UM DIE GEHIRNE HAT BEGONNEN

Doch jetzt, wo aufgrund der generellen Orientierungs- und Perspektivlosigkeit das unkontrollierbare gesellschaftliches Chaos droht, haben die Tech-Giganten den endgültigen KAMPF UM DIE GEHIRNE eingeleitet, weil sie ihre Stunde geschlagen sehen, um die Welt endgültig in ihren Griff zu bekommen – mit Haut und Haar und praktisch jeder Gehirnwindung. 

Und das ganz im Stil des CYBERPUNKS – also gemeinsam mit einer gleichgesinnten autoritären Politikerclique, mit der sie ihr kaputtes Menschenbild teilen, da weder die Autokraten, noch die KI-Konzerne vom Menschen besonders viel halten. Für diese verquere Art von korrupter Machtkooperative, die ein neues totalitäres System etablieren wollen, zählt nur der hirngewaschene, zu allem bereite Konsument. Ganz ähnlich wie in China, wo dieser Machtübernahmeprozess wohl längst abgeschlossen ist. FREIHEIT DURCH UNTERDRÜCKUNG –heißt dort die Devise der sogenannten Kommunistischen Partei Chinas, die in Wahrheit nichts anderes als eine Ansammlung von machtgeilen, superaggressiven Turbokapitalisten ist, die sich ideologisch sozialistisch verbrämen, in Wahrheit aber nichts anderes als hinterlistige Manipulatoren sind, die die chinesischen Bürger mit einem gigantischen Netz aus digitalen Überwachungsinstrumenten in Form KI-gestützter Gesichtserkennung und totaler PC-Überwachung gnadenlos in Schach halten. Wer sich systemkonform verhält, kriegt Pluspunkte vom Regime und wird gefördert. Wer nicht, bekommt Minuspunkte aufgebrummt und bekommt zur Strafe Steine in den Weg geworfen. 

Die gegenwärtige Ideologie des Cyberpunks – ursprünglich ein düsteres Science-Fiction-Genre, das sich der Romantrilogie Neuromancer von William Gibson aus dem Jahre 1984 verdankt, ist keine starre politische Lehre, sondern eine radikale demagogische Haltung, die sich aus Turbokapitalismus, technologischer Entfremdung und dem Verfall der staatlichen Macht speist. Sie verbindet Elemente von Anarchismus, Nihilismus (= innere und äußerer Leere) und einer technologischen Gegenkultur. Im Zentrum stehen Megakonzerne, die den Staat ersetzt haben, gemeinsam mit einer rassistischen und megakorrupten Politikerkaste. Es herrscht Kapitalismus pur – die Megakonzerne besitzen alles, bestimmen Gesetze und kontrollieren das Leben der Menschen bis in die letzten Winkel. Und es herrscht HIGH TECH, LOW LIFE: Fortschrittlichste KI-Technik existiert parallel zu Armut, sozialer Kälte und Verwahrlosung. Staat und Polizei sind korrupt, schwach oder reine Erfüllungsgehilfen. Und es herrscht TRANSHUMANISMUS ALS ZWANG: Der Körper wird durch Technik optimiert, ob man will oder nicht – der CYBORG ALS ÜBERMENSCH ist geboren. 

In diesem Sinne: DER KAMPF UM DAS GEHIRN HAT LÄNGST BEGONNEN!

„Das 21. Jahrhundert wird euch nicht regieren, sondern programmieren.

Wir erleben keine Krise der Demokratie, sondern gleiten in ein neues Regime ab. 

Die totalitäre Software ist mutiert und zirkuliert nun in den synthetischen Netzwerken. Sie ist fluide und total unsichtbar und normativ, staatlich und privat. Unsere Gehirne werden am Gängelband geführt.

Unendliches Scrollen, kontrolliertes Dopamin, Maschinen, die in unsere Privatsphäre eindringen. Der Fortschritt katapultiert uns in eine privatisierte und verwilderte Zukunft. 

Wer Selbstzweifel hegt, merke sich: Dieses Jahrhundert verbietet uns das Denken nicht. Es hält uns dermaßen beschäftigt, dass wir das Denken verlieren.

Die Zukunft ist schon da.

Sie ist ein zweiköpfiger Leviathan. Der eine leitet die Show, während der andere das System programmiert.

Die Macht ist von nun an doppelköpfig und mutagen.

Und jetzt? Müssen wir der Übersättigung entgegentreten.  

Denn es geht nicht mehr nur um Freiheit. Es geht um Würde.

Die einzige Singularität, die uns bleibt, ist unsere innere, aufrechte Haltung. Wir müssen uns auf den schwierigen Weg begeben, Einfluss in Macht umzuwandeln.“ (1)


(1) Asma Mhalle: Cyberpunk. Das neue totalitäre System. C.H.Beck Verlag. München 2026. S. 9


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